Sie schläft nicht. Nicht im Arm, nicht im Kinderwagen, nicht in der Wiege. „Sie kann hier keine Wurzeln schlagen“, sagt der Arzt. „Finden Sie Ihre.“ Also trägt die junge Mutter Luisa Nacht für Nacht ihr waches Kind durchs schlafstille Haus und erzä von ihrer serbischen Mutter, ihrem türkischen Vater und ihren deutschen Adoptiveltern. Von Liebe, die gefunden wurde und wieder verlorenging. Von der Zeit, als sie erfuhr, dass ihre Eltern nicht ihre leiblichen Eltern sind. Und davon, weshalb sie Suna genannt wird und ihre türkische Familie es für ein Wunder hält, dass es sie gibt. All das erzählt Luisa ihrem Kind und findet im Erzählen eine Heimat für sie beide. Suna ist die Geschichte einer jungen Frau, die lernt, dass zu ihrem Leben Menschen gehören, denen sie nie begegnet ist.
Geboren 1974 in Süddeutschland, die Schule 1993 mit dem Abitur verlassen und anschließend ein ordentliches Handwerk, nämlich Siebdruck, erlernt. Nebenher wenige Semester Studium der Neueren Deutschen Literaturwissenschaften und der Philosophie, in Berlin schließlich freie Autorin (für interaktive Medien) geworden. Lebt heute mit ihrer Familie in der Nähe von Tübingen und schreibt Romane. Ihre Themen sind Identität und Herkunft, und der Einfluss der Familiengeschichte auf vermeintlich individuelle Lebensentscheidungen.
Der erste - Suna - ist 2012 bei Ullstein erschienen. Der zweite - Länger als sonst ist nicht für immer - 2014 im Arche Literatur Verlag.
Damit ihre Kinder in einer gesunden Umgebung aufwachsen können, zieht eine junge Familie von Berlin zurück in ihre Heimat, die süddeutsche Provinz. Die kleine Tochter schläft nie und die Mutter ist ratlos. Der Landarzt des Dorfes gibt ihr einen Rat: Wer keine Wurzeln habe, könne auch nicht wachsen und sie solle ihrer Tochter von ihrer eigenen, wahren Herkunft erzählen. Also fängt die Mutter an, ihrer Tochter in sieben schlaflosen Nächten von ihren Wurzeln zu erzählen. Es gibt den leiblichen Vater, Bauernsohn aus einem Dorf in Anatolien und es gibt die Mutter, eine Schuhmacherin aus Jugoslawien. Beide wurden in den 1960er Jahren angeworben, in Deutschland zu arbeiten und es gibt die Adoptiveltern mit ihren jeweiligen Geschichten. Anhand eines Einzelschicksals erzählt Pia Ziefle ein spannendes Stück deutscher Zeitgeschichte. „Suna“ ist ein Buch voller Emotionen, ohne dass diese jemals trivial oder aufgesetzt wirken. An subtil beschriebenen Nebensächlichkeiten wird gezeigt: hier wird sich gerade verliebt, hier wird getrauert, hier wird gelitten. Ein großartiges Buch und mein Lesehighlight im Dezember.
Als ich das Buch damals, kurz nach seinem Erscheinen, freundlicherweise geschenkt bekam, war ich anfangs doch eher skeptisch. Würde mich das Buch packen? Ich interessierte mich zuvor eigentlich kaum für Stories über den Balkan,über Einwandererschicksale. Auch große Familienromane reizen mich eher selten.
Doch Pia Ziefle hat es geschafft, mich mit "Suna" zu begeistern. Sie hat seltene und beneidenswerte Gabe, bedeutungsvolle und mitunter tiefsinnige Gedanken und Sätze in einer federleichten, simplen Sprache auszudrücken. So flext man die Seiten des Romans in hohem Tempo weg (bei mir waren es etwa vier Tage, was für einen chronischen Langsamleser wie mich wirkliches ICE-Tempo ist), merkt gar nicht, wie man die Seiten hinter sich lässt und ist am Ende schon traurig, dass es vorrüber ist. Ihre zahlreichen, miteinander verwobenen Charaktere, die sie am Anfang dem Leser anvertraut, wirken stets authentisch, nah und lebensecht. Ihre Sprache ist poetisch, klar und niemals überzogen. Es ist - wie schon eine Besprechung vorher hier schrieb - einfach "ein schönes Buch", ein stilles und kluges Buch, keines das aufregt, keines das polarisiert. Aber das muss es gar nicht. Das soll es auch gar nicht. Jeder, der solche Bücher schätzt, der wäre mit "Suna" optimal beraten.
Es kommt selten vor, dass ich ein Buch ein zweites Mal lese. Suna von Pia Ziefle gehört dazu. Es kommt auch selten vor, dass ich mich in den 17 Minuten, die ich morgens im Stadtbus sitze, so sehr in ein Buch vertiefe, dass ich völlig überrascht und auch leicht enttäuscht (kann nicht weiterlesen!) an der Endhaltestelle ankomme. Suna von Pia Ziefle gehört dazu.
Es ist die Familiengeschichte einer Frau, die von Deutschen adoptiert wurde. Der echte Vater türkisch, die echte Mutter „restjugoslawisch“. Die Geschichte einer Frau, die sich auf die Suche macht nach ihren Wurzeln.
Schon die Sprache des Buches hat mich in ihren Bann gezogen. Ich vermag nicht zu sagen, was genau es ist. Aber ich habe das Gefühl: Hier sitzt jedes Wort, die Satzlänge, der Rhythmus. Poesie, die durch die Prosa hindurchscheint. Und diese Poesie in der Prosa, sie vermittelt ein Grundgefühl, für das ich lange kein Wort fand, bis ich es beim zweiten Lesen im Buch selbst entdeckt habe: Lebensdurchtrauert. Was für eine Beschreibung des eigenen Lebensgefühls der Adoptiveltern der Protagonistin:
Weil man sein Herz mit einer Burgtür versehen hat, damit nichts heraustropft von der Einsamkeit darin, und vergessen hat, dass auf diese Weise auch keiner hineinkann, auch ein Kind nicht, und schon gar nicht eins, das die feinen Pastellfarben der Traumzimmerchen mit Wachsmalstiften übermalt und zarte Vorhangstoffe zerschneidet mit Scheren und Messern, aus unerklärlichem Zorn.
Es ist die Geschichte der Adoptivtochter der hier beschriebenen Menschen – und doch die Geschichte aller Menschen, die in diesem Leben eine Rolle spielten und spielen.
Viel Trauer, viel Leid, mancher Tod, mancher Krieg durchziehen das Buch wie ein roter Faden. Mütter, die ihre Kinder weggeben, weil sie wissen: Dort wird mein Kind es besser haben. Väter, die jahrzehntelang um ein Kind trauern, bevor sie erfahren, dass es lebt. Menschen, die am Tod ihres geliebten Partners zerbrechen.
Die Menschen, die in „Suna“ beschrieben werden, sind für mich lebendig geworden wie selten in einem Buch. Ihre Gedanken, ihre Gefühlswelt, all das, was sie bewegt, das Leben, in dem sie manchmal auch gefangen sind, der Trotz, mit dem sie manchmal dem Leben doch noch eine schöne Seite abgewinnen: Es ist in sich stimmig, nachvollziehbar, kann gar nicht anders sein.
Ein wenig verworren ist die Erzählung, das wohl. Wie sollte es sonst sein, wenn eine Mutter ihrem kleinen Kind diese große Familiengeschichte eröffnet. Wenn sie von einer Person zur nächsten assoziiert. Wenn sie in den Jahrzehnten hin- und herspringt bis hin zur Gegenwart und in die nahe Zukunft, wenn sich manchmal sogar Erlebnisse von Mutter und Tochter vermischen wie die Erinnerungen an einen Krieg, welchen auch immer.
Oft habe ich schon gelesen, es sei fast unmöglich, alle Familienzusammenhänge in diesem Buch nachzuvollziehen. Ja, das stimmt. Darum gibt es auch in den neueren Ausgaben des Buches einen Stammbaum. Ich habe ihn nicht einmal angesehen. Selbst bin ich ja einer, der schon bei Verwandtschaftsverhältnissen zweiten Grades kapituliert: Was ist ein Cousin nochmal? Sogar bei „Tante“ muss ich einen Moment überlegen. Darum habe ich das Buch in dieser Hinsicht einfach gelesen, wie ich ein englischsprachiges Buch lese: Ich muss nicht jedes einzelne Wort oder jede einzelne Verwandtschaftsbeziehung verstehen. Der große Zusammenhang wird auch so klar. Ja, er ist mir beim zweiten Lesen vielleicht noch klarer geworden, als ich konsequent darauf verzichtet habe, es verstandesmäßig erfassen zu wollen. Vielleicht wurde mir dadurch sogar noch deutlicher, wie sich das Leben der „restjugoslawischen“ Mutter, des türkischen Vaters, der (sehr) deutschen Adoptiveltern und aller Menschen darum herum verbinden. Wie sie alle gemeinsam die Wurzeln des Lebens bilden, das die Protagonistin führt. Wie sich am Ende, lang verleugnet und weggeschoben, Neues ergibt. Hoffnung. Geborgenheit. Familie.
Ich glaube: Ich werde Suna irgendwann noch mindestens ein drittes Mal lesen.
Die Lebens- und Familiengeschichte eines adoptierten Mädchens, für die sich am Ende der Kreis schließt.
Das Buch ist in einer ganz besonderen Erzählweise geschrieben: eine junge Mutter erklärt ihrem schreienden Baby in den wachen Nächten ihre Herkunft. Eine sehr schöne Idee. Führt aber dazu, dass gerade am Anfang viele Namen in unterschiedlichen Erzählsträngen ins Spiel kommen. Ein wenig anstrengend, lässt sich aber einfach beheben, in dem man irgendwo im Buch einen kleinen Stammbaum einzeichnet.
Leider habe ich recht lange gebraucht, in die Geschichte einzutauchen. Aber es lohnt sich. Man versinkt dann tatsächlich ganz in dem Buch. Und kann spüren, wie sich vieles angefühlt haben muss - für das adoptierte Mädchen, für seine Mütter und für viele andere. Es zeigt, wie wichtig es ist, seine Wurzeln zu kennen.
Hat mir sehr gut gefallen. Ein Buch, das mich mit seiner ruhigen Erzählweise gefesselt hat. Anfangs dachte ich, die Masse an Schicksalsschlägen wäre ein bisschen überzogen, aber wenn ich mir meine Familie anschaue... Dieser Krieg wirkt in uns allen so lange nach.
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Eine Familiengeschichte, die so vielschichtig und breit ist wie ein Fächer. Gleichzeitig unglaublich packend. Ein langer Weg auf der Suche nach sich selbst, der nie endet, uns aber doch Stück für Stück näher bringen wird zu dem, was wirklich zählt.
Dreierlei Luisa und Tom wohnen in einem kleinen bergischen Dorf. Ein eher schon in die Jahre gekommenes Haus haben sie gemietet und mit ihrem kleinen Sohn haben sie sich wohl eingerichtet. Als ihr zweites Kind geboren wird - eine kleine Tochter - ändert sich ihr Leben. Neugierig und wach blickt das Kind um sich und es schläft nicht, was Luisa an den Rand der Erschöpfung bringt. Nachts ist das Mädchen wach und tagsüber muss der Junge versorgt werden. Der alte Familienarzt fragt, ob etwas ähnliches in der Verwandtschaft schon einmal vorgekommen sein und bringt Luisa damit zu dem Schluss, nach ihren Wurzeln zu suchen. In sieben Nächten erzählt sie ihrer Tochter von dem, was sie herausgefunden hat. Wie schwer muss es für eine Mutter sein, ihr Kind nicht in den Schlaf wiegen zu können. Doch vielleicht sind es gerade die ruhigen Nachtstunden, die die Muße bringen, sich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen. Von der Generation der Großeltern bis zu Luisas Geschichte kann der Leser einem Kaleidoskop von Erlebnissen folgen, das ausgesprochen ungewöhnlich und faszinierend ist. Wer denkt schon heute noch daran, welche Gründe Menschen dazu bewogen haben als Gastarbeiter nach Deutschland zu kommen. Zu welch Kontakten unterschiedlichster Menschen das führte. Wie das Schicksal sie zusammenbrachte und auch wieder auseinander. Und wie sich die ganze Herkunftsgeschichte dieser Menschen in einer Tochter ausdrückt, die ihrem Kind davon erzählt. Eine wunderbare Geschichte in klare und bewegende Worte gefasst, über eine Familie, deren Schicksal den Leser bannt und für ein paar entrückte Stunden der Wirklichkeit entzieht.
Mitten in der Lektüre der dringende Wunsch nach einem übersichtlichem Stammbaum. Wenn ich nicht im quasi Internet-freiem Wendland gewesen wäre, hätte ich Pia Ziefle tatsächlich angetwittert :) Natürlich löste sich der dann doch etwas unübersichtliche Knoten im folgenden Kapitel auf und alles wurde gut. Lesenswerte biografische Geschichte einer Frau mit sehr vielen Wurzeln.
"Suna" tells the story of the daughter of "guest workers" in the late 1960s in Germany. A young mother on the search for her identity... sounds like a hackneyed story but "Suna" in fact offers an interesting portrait of the German society in the 60s/70s. Also and especially from a present-day perspective highly relevant.
Wirklich ein wunderschönes Buch über Familie, die eigenen Wurzeln und Heimat. Hat sich toll gelesen (auch wenn ich die teilweise sehr langen Sätze von Luisa manchmal nervig fand), kann es jedem nur empfehlen!
Schwere Themen werden mit großer Leichtigkeit beschrieben, und ich denke, das hat mich am meisten beeindruckt. Für mich ein Buch über die Zufälle, Missverständnisse und Anmaßungen, die Lebenswege bestimmen und über unseren eigenen Umgang damit.