Als die achtjährige Alexandra 1989 mit ihrer Familie im polnischen Fiat nach Deutschland flieht, kennt sie das verheißungsvolle Land im Westen nur aus dem Quelle-Katalog ihrer Oma. Hinter der Grenze warten paradiesische Verhältnisse, aber auch viele ungelöste Rätsel: Wie kommt es, dass alle Städte „Ausfahrt“ heißen? Was bringt deutsche Frauen dazu, freiwillig Hosen zu tragen? Und warum haben Wurstscheiben ein Bärengesicht? Humorvoll und einfühlsam erzählt Alexandra Tobor die abenteuerliche Geschichte ihrer Familie, die versucht, in Deutschland Fuß zu fassen.
Hier sind drei Dinge, die mich eigentlich überhaupt nicht interessieren:
- die Bergwelt. - Lateinamerika. - Immigrations-Storys.
Überaus vielseitige Auswahl, will ich meinen. Und dennoch zählen "Die Wand" von Marlen Haushofer (Bergwelt, bis sie einem oben wieder rauskommt), oder "2666" von Roberto Bolano (Lateinamerika, bis man die Grillen im verdörrten Gras burschikos zirpen hört) zu meinen wirklich herzigsten Lieblingsromanen. Strange, isn't it. Aber so ist gute Literatur halt: sie bringt einem Themen, die einen eigentlich so sehr interessieren wie die Kulturpolitik Lapplands, plötzlich sehr nahe, lässt es zu, dass sie einem ans Herz wachsen. Schon sieht man sich in Gedanken als neuer Kultursenator von Hammerfest, um dem etwas affigen Beispiel zu folgen.
Kommen wir nun zu dem dritten Thema, der Sache mit der Immigrationsliteratur, die mich eigentlich überhaupt nicht interessiert.
Alexandra Tobor aka @silenttiffy aka Roser Eule aka Alexandra Tobor verdammtnochmal kenne und schätze ich schon lange als ausgezeichnete (!!!) Twitter-Nutzerin. Vor ihrer Twitterzeit arbeitete sie bei Viva und der Spex. So weit, so "hahaha typisch Twitt0r!". Aber Alexandra Tobor ist gottseidank keine typische Twitter-Diva, die in irgendwelchen abgepunkten Szenevierteln bubbleteaschlürfend ihr Limoneneis fotografiert, um vor ihren Followern (und es sind derer viele!) damit zu prahlen. Stattdessen ist sie eine wunderbar freundliche, hilfsbereite, und übermäßig kluge junge Frau, die es versteht, neben feinsinnigen Humor auch sehr viel Weisheit in ihre 140 Zeichen einzubetten.
Nun hat Tobor also ihren ersten Roman veröffentlicht, den sie ganz gerne mit "Eine Integrationsgroteske" untertitelt hätte. Herausgekommen sind "Teutonische Abenteuer" - schuld des Entertainment-Marketing-Wahns vom Ullstein-Verlag, aber dazu später.
Sehr viel wichtiger als der ganz okaye Titel und das affige Cover ist nämlich der großartige Inhalt dieses Romans.
Worum geht es? Es geht um "Alexandra", ein jugendliches Alter ego der Autorin. Sie wächst im noch-sozialistischen Polen auf, doch kurz vorm Darniedersinken des Eisernen Vorhangs macht sie mitsamt ihrer Familie (Mama, Papa, kleiner Bruder) rüber in die BRD. Dort muss sie erstmal einen immensen Kulturschock verdauen, sich allmählich an den anderen Lebensstil gewöhnen und sich langsam in der BRD einleben. Kein leichtes Unterfangen, denn ihre Eltern sind zwar beherzt und freundlich, aber auch hoffnungslos verloren im Konsumparadies BRD. Ihre Oma mit der Turmfrisur, die später auch rübermacht, nicht minder.
Das ist -gaaanz grob- die Story des Romans. Das Tollste daran ist jedoch, wie er geschrieben ist: voller Leichtigkeit, voller Humor und gleichzeitig immer mal wieder ins Nachdenkliche, Kindlich-Rührende abdriftend. Tobor schafft es dabei, nie bierernst, altbacken oder nervig-moralistisch zu klingen, sondern schafft stattdessen simple "schöne" Literatur.
Und der Humor! Härrlisch! Große Lacher gibt es eher selten. Vielmehr lächelt man konstant, grinst wie ein Honigkuchenpferd. Ob es das Verhalten der Familien beim Sperrmüll-Datum ist oder die ersten tapsigen Erforschungen des nahen Supermarktes! Oder die gruseligen Toleranz-Eltern, die ihr nerviges Bratzenkind und Alexandra zum Spielen zwingen, damit Bratzenkind Pluralismus lernt. Oder das mit dem Lambada! Oder das mit dem Konfettimachen! Oder das mit dem Gottedienst! Oder die HARIBO KLOBRILLEN! Lux! Ich könnte noch weitere Beispiele aufzählen. Aber man soll es ja nicht übertreiben.
Beim Lesen dachte ich mir stets: "Wenn du das schon als ewig deutscher, preußischer Münsterland-Schlaffi so spaßig findest, wie geil muss das erst sein, wenn man sowas Ähnliches wie Alexandra hinter sich hat?" Also das Emigrieren vom Ostblock in die BRD?
Das Buch ist wirklich toll. Man kann es nicht oft genug sagen. Wenn das Buch dann mit dem wunderwunderwunderschönen letzten Satz endet, blättert man weiter, liest das kurze Nachwort - und sieht dann Werbeempfehlungen für andere Bücher: "Mordsgouda - Ne Deutsche in Holland", "Elchtest - N Deutscher in Schweden". Ohne etwas gegen die Bücher sagen zu wollen, schreckt mich das Cover und die Beschreibung des Verlags extrem ab. Leider ist "Sitzen vier Polen im Auto" vom Verlag auch bloß als so eine schnöde Multikulti-Comedy ("Ne Deutsche aus Polen") aufgebauscht. Ich hätte das Buch mit diesem Cover, diesem Titel und diesem Buchrücken-Promotext - wäre mir die Autorin nicht schon länger bekannt - niemals in einem Geschäft gekauft, oder bei Amazon in den Warenkorb gelegt. Das ist wirklich schade, denn der Roman ist niveauvolle Unterhaltung, humorvolle Weisheit, liebevolle Schilderung, anspruchsvolle Literatur. Keine "Hahahaha, Multikulti!!!"-Comedy.
Also bitte kaufen, liebhaben, der Autorin auf Twitter danken. Ihr danken für das Schreiben, für den Humor, für das Dasein.
(PS: Sehen Sie bald hier: Sitzen vier Rentiere im Auto. Kulturpolitische Abenteuer in Lappland.)
Zunächst natürlich der Titel. Und die Reihe. Eines dieser "gelben Bücher", die man als Geistesmensch und Betreiber einer gutgehenden Dünkeldeponie nie in die Hand nehmen würde. Schaut man allerdings genauer in die "Länderhumor"-Reihe von Ullstein, entdeckt man Titel wie "Die spinnen, die Finnen" und freut sich, dass uns "In Polen nichts zu holen" oder "Mit Klaus & Klaus & Klaus & Klaus on tour" erspart geblieben sind - Zumindest bisher! [An dieser Stelle bitte auf Youtube gehen, "Dramatic Chipmunk" suchen, abspielen - Dädädä. Keine Sorge, ich warte so lange]. Man hat also das Buch seinem nikotingelben Einband entsprechend zünftig abgeurteilt - und könnte falscher nicht liegen! [Dädädä] "Sitzen vier Polen im Auto" ist nämlich ein Kuckuckskind der "Taschenbuchsorte Multikulti-Klamauk" [...], ein Undercoveragent des Wahren, Schönen, Guten. Tobor ist sich den Konventionen des Genres sehr bewusst, umkurvt gekonnt den "Rassismus, der Spaß macht" [ebd.], verweigert sich also dem Holzschnitt, sondern malt stattdessen ein farbenfrohes Gemälde. Das Spaß macht. Die Geschichte der polnischen Immigration in Deutschland in eine Geschichte voller Missverständnisse. Ist sie in Wahrheit nicht, denn dafür ist sie in der öffentlichen Wahrnehmung zu unbedeutend, wenn es nicht gerade um das Mitsingen der Nationalhymne bei Spielen der Fußballnationalmannschaft geht. Dabei haben die sog. Ruhrpolen Ende des 19. Jahrhundert die industrielle Revolution in Deutschland mitgetragen. Und noch in der tiefsten Provinz saßen Ende der 80er auf einmal Schüler namens Lukas und Peter in der Klasse. Peter konnte auf Kommando rülpsen und wurde dafür gefeiert wie Rockstar. Lukas war mein Sitznachbar und machte mir Angst (ich habe oft Angst). In der Provinz ist Deutschland wohl eher bei sich selbst als auf den Metropolinseln Berlin, München, Hamburg, Köln. Folgerichtig legt Tobor einen forschungsfreudigen Finger in die Wunde Unna-Massen und fördert feinstes Blut, Eiter und Maden zutage. Denn in diesem Beitrag zum "Länderhumor" wird der teutsche Teutone unter die Lupe genommen mit erwartbar wenig schmeichelhaften Ergebnissen. Tobor schildert Bürokratiewahn, soziale Kälte, das hilflose Schulsystem und die mannigfaltigen Spielarten der Diskriminierung. Allerdings barmherzig. Der Kinderperspektive zuliebe hält Tobor nämlich Twitters spitzeste Feder im Zaum und zeigt Deutschland als verheißungsvolles Wunderland, das erst nach und nach an Glanz verliert. Wie in den ersten Potter-Bänden, wo die Quidditch-Meisterschaften noch genauso wichtig sind wie die Rettung der Welt, während dann später Werwölfe Gesichter abkauen, könnte auch die ältere Ola in einer Fortsetzung Oneliner schießen wie die Potterpimpfe "Avada Kedavras". Das wäre schön. Moritz Baßler bezeichnet in "Der deutsche Pop-Roman" eine Generation jüngerer Autoren als "neue Archivisten". Tobor fügt dem Archiv der deutschen Geschichte ein Kapitel hinzu, das die wohlstandsverwöhnte Perspektive von "Playmobil, Hohes C und Wetten dass..."-Archivisten wie Kracht und Illies aufs artigste ergänzt. Das ist nach der Migrantenromanschwemme von 2010 keine kleine Leistung. Sehr gefreut habe ich mich über einen kleinen Pinguin-Effekt. So nennt Baßler in "Die Entdeckung der Textur" ein "einzelnes Textelement, das sich der einfachen hermeneutischen Lesart widersetzt" (S. 108) nach einer Stelle in Thomas Manns "Joseph und seine Brüder", in der sich ein altes Ehepaar im biblischen Ägypten den Kosenamen "Pinguin" gibt - eine anachronistische Unmöglichkeit, die auf die Erzählung als Erzähltes und mithin Erfundenes aufmerksam macht. In "Sitzen vier Polen im Auto" bekommt man in den 80ern vor einem Supermarkt "für einen Euro" (S. 100) einen Einkaufswagen, die Erzählung leuchtet für einen Moment als selbst mit Zeitstempel behaftete Erinnerung auf, so unauffällig, dass es nur die gnadenlosen Laseraugen meines Buchhändlerfreundes erkennen konnten. Ich hoffe, das bleibt auch in zukünftigen Auflagen drin.
Da auch ich Ende der 80er mit meiner Familie von Polen nach Deutschland gezogen bin, hat diese kurzweilige und liebevoll erzählte Geschichte jede Menge Kindheitserinnerungen in mir hervorgerufen. Ich habe mit der Hauptfigur, der achtjährigen Alexandra, mitgelacht, mitgefiebert und an manchen Stellen auch mitgelitten. Bei der humorvollen Erzählweise der Autorin aus der manchmal sehr scharfsinnigen, manchmal auch (verständlicherweise) kindlich-naiven Perspektive der kleinen Alexandra kann einem das Herz nur erweichen und an manchen Stellen konnte ich nicht anders als laut aufzulachen, weil es mir vorkam, als würde ich eine Geschichte über meine Familie und meine eigenen Erinnerungen lesen.
Einen Extrapunkt erhält die Autorin von mir für die wunderbare, etwas "andere" Freundschaft zwischen
Das Ende war rund und lässt einen - in meinem Fall zumindest - zufriedenen Leser zurück.... wobei ich ehrlich gesagt schon Lust gehabt hätte, noch ein bisschen mehr zu lesen ;-)
PS: Zum Schluss muss ich noch anmerken, dass ich dieses Buch ohne Goodreads vielleicht nie - oder erst eine Ewigkeit später - entdeckt hätte! Ich habe es auf der "to read"-Liste einer Goodreads-Freundin entdeckt und musste es sofort kaufen! Also, Goodreads und liebe Goodreads-Freundin, vielen Dank, dass ihr mir diese tolle Entdeckung ermöglicht habt!
In “Sitzen vier Polen im Auto” erzählt Alexandra Tobor, wie sie, wohnhaft auf dem polnischen Land, zum ersten Mal einen Quelle-Katalog sieht, sich sofort in diese BRD verliebt und davon träumt, auch einmal in dieses Traumland zu reisen.
Ola hat mit ihren jungen 8 Jahen noch nie zuvor von der BRD oder “Dojczland” gehört, bis ihr Onkel eines Tages mit neuen Kleidern und einem neuen Riesenauto – einem Mercedes – aus Deutschland angereist kommt. Auch eine Schulkameradin sticht dadurch hervor, dass sie ganz andere Kleider trägt und ein viel hübscheres Federmäppchen besitzt, da ihr Vater bereits in Deutschland arbeitet – bald zieht auch die Familie nach. Ola sammelt leere Haribo-Verpackungen und Coca-Cola-Dosen als wären es kostbare Schätze aus einer anderen Welt. Mit dem Glauben, dass Gummibärchen in diesem Land auf Bäumen wachsen und Geld auf der Straße liegt, träumt sie davon, auch einmal in dieses Land zu ziehen. Und eines Tages ist es schließlich fast soweit: mit ihren Eltern und ihrem Bruder Tomek fährt sie in einem Maluch los, um Onkel Marek zu besuchen. Erst geht es in die DDR, dann in die BDR. Der erste Schock ist ein deutscher Gottesdienst, der mit einer polnischen Messe unvergleichbar ist (auch ich finde das unvergleichbar!), doch nach anfänglichen Schwierigkeiten beschließt die Familie, in Deutschland zu bleiben. Ein Emigrantenlager mit drei Mahlzeiten aus einer Aluschale ist für die polnische Familie bereits dem Paradies nahe. Und so beginnt die Geschichte, wie sich eine polnische Familie, die kein Deutsch kann, so langsam in Deutschland niederlässt und sich ein neues Zuhause schafft.
Für mich persönlich ist diese Geschichte mehr als nur eine Geschichte. Sie behandelt wohl die Gefühle und das Leben vieler Polen, die Anfang der 90er Jahre nach Deutschland ausgewandert sind – so wie meine Eltern. Auch mein Vater hat leere Cola-Dosen gesammelt, eine ganze Sammlung hatte er damals, erzählt er mir. Und für meine Mutter waren die Kleider aus der DDR, die ihr jemand mitgebracht hatte, so kostbar wie zehn Diamanten. Und auch sie sind direkt nach der Hochzeit mit ihrem Maluch ins Ungewisse gefahren. Erst nach Berlin, dann auch in ein Lager, dann kam auch eine Sozialwohnung mit vielen anderen Ausländern, der Deutschkurs, usw. Für mich waren es nur Erzählungen meiner Eltern, doch jetzt kann ich mir deren Geschichte noch mehr vorstellen – vor allem wie schwer es doch sein musste, ohne die Familie und ohne das gute polnische Essen – was einfach sehr viel besser ist, als deutsches!
Eine sehr rührende und realitätsnahe Geschichte, die den Lesern hohe Familienwerte vermittelt und einen beeindruckenden Zusammenhalt der Familie und der Menschen. Wären viel mehr Menschen weltweit so, gäbe es eventuell eine bessere und friedlichere Welt.
Was ich an diesem Buch mochte: Den genauen und unpathetischen Blick auf die Kindheit. Die abstrusen Fantasien über andere Länder (im Buch "BRD", bei mir Amerika), das "Prinzessinnen"- Gefühl, aber dann ist man doch nur die Magd (falsche Kleidung - ein Albtraum), die eigenartigen Essensvorlieben und der Abscheu vor vielen Gerichten (Radiergummi , Leber), rettende Freundschaften und das Warten... dass die Zeit vergeht. 2 Zitate: "Nach den Hausaufgaben trafen wir uns .... und hingen von der Teppichstange, bis die Sonne unterging". "Eine meiner häufigsten Todesursachen war scheußliches Essen: Leber, die sich wie eine alte Sohle in der Pfanne bog, Spinat. der kuhfladengleich in den Kindergartenteller klatschte...Dabei war ich ein heimlicher Gourmet. Tante Selma hatte aus dem Bulgarienurlaub zehn Tuben Kinderzahnpasta mit Erdbeergeschmack mitgebracht. Ich presste kleine Würste aus der Tube direkt auf meine Zunge...".
Packend erzählte Geschichte des Schritts durch den eisernen Vorhang, mit Kinderaugen gesehen. Die Verlockung und die Brutalität von "BRD", dem gelobten Land der Verheißung.
Das Buch hat mir das Land, in dem ich selber aufgewachsen bin -- und das ich gerade auf unbestimmte Zeit verlassen habe -- in einem neuen, unerwarteten, auch schonungslosen Licht gezeigt.
Allerdings wagt das Buch wenig. Die Protagonistin ist, trotz all ihrer Naivität und Verwundbarkeit, souverän in Szene gesetzt und gibt sich keine wirkliche Blöße. Im Nachwort wird auch ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es sich um eine synthetische Heldin handelt, nicht zu verwechseln mit der Biographie der Autorin. Schade eigentlich.
Eine kurzweilige, interessante Geschichte über eine polnische Auswandererfamilie in Deutschland, erzählt aus dem Blickwinkel eines Kindes. Regt zum Nachdenken an und bringt einen stellenweise zum Schmunzeln. Leider ist die Erzählung für meinen Geschmack teilweise etwas zu oberflächlich geraten.