Dieser Roman hat mich mit zwiespältigen Gefühlen zurückgelassen, so wie kaum ein anderer Roman dieses Jahr. Ich habe den Hype im Frühjahr mitbekommen und mich daher sehr auf dieses Buch gefreut. Und obwohl es einiges gab, was ich an diesem Buch mochte, hat es mich beim Lesen auch einfach frustriert. So bleibt bei mir auch das Gefühl zurück, dass hier einiges an Potenzial liegengelassen wurde.
Saya, Hani und Kasih verbindet eine enge Freundschaft, seit sie zusammen in der Siedlung aufgewachsen sind. Jetzt bringt ein dramatisches Ereignis sie wieder zusammen und Kasih erzählt uns, wie es dazu kommen konnte.
Das Titelbild macht bereits deutlich, um was es geht: In Deutschland brennt es. Schwarz, Rot, Gold glänzt es einem entgegen. Auf der ersten Seite wird daran angeknüpft, ein Haus ist abgebrannt und Saya hat was damit zu tun. Doch nicht nur das Haus brennt, auch in Kasih lodert es, gärt und dampft und drückt es, Wut, Frust und Schmerz müssen raus. Und ein Hass auf „uns“, die Weißen, die „immer so viel und alles besser“ wissen (S.145). (Woher weiß sie eigentlich, dass alle Leser:innen weiß sind?)
Kasih erzählt den Leser:innen in Rückblenden von verschiedenen Episoden aus ihrem Leben und dem ihrer beiden Bestis Hani und Saya. Dabei durchbricht sie immer wieder die vierte Wand und spricht uns direkt an. Mich hat das an sich nicht gestört, doch der Tonfall war irritierend. Angeblich verstünden „wir“ alle nichts von Rassismus und wollten auch gar nichts darüber wissen. Mir war das deutlich zu pauschalisierend und auch einfach an die falsche Zielgruppe gerichtet: Offensichtlich ist ja Interesse am Thema da, wenn man dieses Buch liest. Grundsätzlich das Gegenteil zu unterstellen, wirkt da einfach nicht zielführend.
Das ist ein weiteres Problem, das ich mit dem Buch hatte. Was möchte es? Was will Kasih? Soll ich Rassismus besser verstehen? Dafür war vieles einfach nicht besonders neu oder differenziert. Bei den meisten Episoden kann man sich auch leider nicht sicher sein, ob sie überhaupt passiert sind. Kasih ist eine extrem unzuverlässige Erzählerin.
„Das da oben habe ich zugegebenermaßen gerade erfunden.“ (S.228)
Während das in manchen Roman ein gutes Stilmittel sein kann, untergräbt es für mich hier die Message und schadet so Kasih selbst. Sie macht es Kritikern und Zweiflern einfach viel zu leicht, ihre Empörung und ihre Wut über Rassismus abzulehnen, wenn die entscheidenden Szenen einfach erfunden wurden, oder dem Gegenüber einfach alle möglichen Gedanken und Einstellungen unterstellt werden, über die man sich dann aufregt. Das passiert hier leider häufig, Kasih thematisiert das mit Hanis Stimme sogar selbst:
„Hört auf, euch Situationen vorzustellen, wegen denen ihr euch die Ohren vollheulen würdet, obwohl sie nicht schlimm sind.“ (S.170)
Gerade wenn man sich zusammen mit den Figuren empören will, wird einem klar, dass die „rassistische“ Figur das so nie gesagt hat, oder so nie gehandelt hat, sondern Kasih sich das komplett ausgedacht und ihr unterstellt hat, weil die Figur weiß ist. Das war einfach underwhelming.
Der zu Beginn suggerierte Plot, wie es zu Sayas Beteiligung am Hochausbrand kommen konnte, verliert sich zudem völlig im Nebel der Story. Es werden viele interessante Einzelepisoden erzählt, aber auch viel Belangloses, was weder den Plot noch die Aussage vorangebracht hat. Warum brennt Saya das Haus ab? Der Faden wird völlig aus dem Auge verloren. Ich konnte auch keinerlei Entwicklung bei Saya entdecken, sie war die gesamte Zeit gleich, genau wie Kasih und Hani.
Ich hab nach so 50 Seiten die ganze Zeit darauf gewartet, dass noch etwas Dramatisches passiert, dass die Story auf etwas hinausläuft, doch sie plätschert eher so vor sich hin und dann ist es plötzlich vorbei. Lose geht es auch um den NSU-Prozess, der ungefähr zur Zeit der Geschichte startet. Doch auch hier wurde nach meinem Gefühl Potenzial liegen gelassen. Das Ende fand ich völlig unbefriedigend, geklärt wurde eigentlich nix und letztlich könnte auch alles komplett von Kasih erfunden sein.
Man könnte jetzt sagen, genau darum geht es, den Wut und den Schmerz rauszuhauen, ohne kohärent zu sein, weil Wut und Schmerz das auch nicht immer sind und auch Rassismus nicht kohärent ist. Das sollen die Leser:innen einfach mal spüren und aushalten müssen. Und von Rassismus betroffene Personen müssen auch nicht immer alles erklären, müssen dem Gegenüber nicht alles haarklein darlegen. Aber warum dann einen Roman schreiben?
Bazyars Sprache ist immer wieder auch großartig, Saya, Hani und Kasih sind spannende Charaktere, über die ich gerne mehr erfahren hätte. Oft ist der Roman auch wirklich witzig, Kasihs Erzählstimme komplett auf den Punkt. Aber die Story ist für mich nie richtig zusammengekommen, ich könnte jetzt am Ende nicht sagen, worum es eigentlich geht. Das ganze Buch wirkte seltsam unfokussiert und mir fehlte die Anbindung an einen erkennbaren Diskurs.
So bleibe ich mit zwiespältigen Gefühlen zurück. Rassismus ist so ein wichtiges Thema, über das ich gerne mehr lernen möchte. Doch leider wurde mir hier weder eine interessante Story erzählt, noch haben sich für mich neue Erkenntnisse ergeben.