Vorangestellt ist Carson McCullers Autobiographie eine Einleitung vom Herausgeber, Carlos L. Dews. Diese vermittelt, wenn auch nicht unbedingt inspirierend geschrieben, einen ersten zusammenhängenden Überblick über McCullers Leben, was hilfreich ist, da McCullers bei ihrer Autobiographie weder um Vollständigkeit noch um chronologische Abläufe bemüht ist.
Warum in der deutschen Ausgabe der Apparat der von der Autorin überarbeiteten Stellen nicht abgedruckt wurde, der in der Originalausgabe vorhanden ist, ist unverständlich. Denn eine kritische deutsche Ausgabe der Autobiographie ist nicht zu erwarten, so dass der deutschsprachige Leser diese Informationen nicht erlangen wird.
"Mein Leben folgte einem Muster, an das ich mich immer gehalten habe. Arbeit und Liebe."
Wenn man sich die Höhen, vor allem aber die Tiefen im Leben der Autorin vergegenwärtigt, ist das eine bedeutsame Reduktion.
Auch zum Thema Sex gibt McCullers Auskünfte:
"Zwischenzeitlich hatte ich mich 1937, in meinem neunzehnten Lebensjahr, in Reeves McCullers verliebt und ihn geheiratet. Zu meinen Eltern sagte ich, ich würde ihn erst heiraten, wenn ich vorher Sex mit ihm gehabt hätte, denn wie sollte ich sonst wissen, ob mir das Verheiratetsein gefallen würde oder nicht. Ich hatte das Gefühl, das meinen Eltern gestehen zu müssen. Ich sagte, die Ehe sei ein Versprechen & wie bei anderen Versprechen wolle ich Reeves nichts versprechen, bis ich mir absolut sicher sei, ob ich den Sex mit ihm mochte. Isadora Duncan & Lady Chatterley zu lesen war eine Sache, aber die persönliche Erfahrung war etwas völlig anderes. Außerdem waren in allen Büchern nur kleine Sternchen zu finden, wenn es zu den Dingen kam, die man wirklich wissen wollte. Als ich meine Mutter fragte, was es mit dem Sex auf sich hätte, zog sie mich hinter die Stechpalme & sagte mit ihrer umwerfenden Schlichtheit: "Sex, mein Schatz, findet da statt, wo man sich draufsetzt." Folglich war ich gezwungen, Handbücher über Sex zu lesen, was die ganze Sache nicht nur extrem langweilig, sondern auch unglaubhaft erscheinen ließ."
So offen und launig liest sich der Anfang der Autobiographie, die McCullers schwerstkrank kurz vor ihrem Tode zu diktieren begonnen hat.
Aber vieles von dem, was dann folgt, ist selbst für einen begeisterten Leser ihrer Romane und Erzählungen nur von sehr bedingtem Interesse.
Natürlich zögere ich zu sagen, dass die Autobiographie oberflächlich und unzusammenhängend geschrieben ist, aber zu vieles erschließt sich dem Leser so überhaupt nicht.
Ihre Beziehung zu ihrem zweimaligen Ehemann Reeves bleibt genauso wenig fasslich wie überhaupt Freundschaften und Beziehungen dieser außergewöhnlichen Autorin. Einerseits erfreulich unlarmoyant und unpathetisch, andererseits nur wenige tiefergreifende Einsichten gewährend, ging es mir bei der erneuten Lektüre wie schon vor 11 Jahren: ein Buch, das ich mit hohen Erwartungen zur Hand nehme, um es dann enttäuscht beiseite zu legen.
Verstehe ich McCullers Absichten nicht oder ist ihre Biographie ein allerletztes, gescheitertes Projekt?
Für mich ist dieses Buch leider eine Enttäuschung.