Alice Schwarzer und der Niedergang der deutschen Frauenbewegung
Die deutsche Frauenbewegung war einmal vielstimmig, aufregend und international führend. Doch inzwischen ist der deutsche Feminismus programmatisch unbedeutend, organisatorisch unsichtbar und zusammengeschrumpft auf eine Medienfigur – Alice Schwarzer. Jede gesellschaftspolitische Frage, sei es die Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder die Frauenquote, findet seit Jahrzehnten nur eine einzige feministische Antwort, nämlich »die Antwort« von Schwarzer. Mit ihrer ideologischen Unbeweglichkeit hat sie viele Frauen der Bewegung, die eigentlich für ihre Rechte streiten sollte, entfremdet. Kaum eine junge Frau will sich heute noch Feministin nennen, obwohl Deutschland bei der Verwirklichung der Gleichberechtigung in vielen Bereichen Schlusslicht ist. Zum 70. Geburtstag Alice Schwarzers wagt Miriam Gebhardt eine kritische Auseinandersetzung mit der Übermutter des deutschen Feminismus und zeigt, warum es für die Frauenbewegung höchste Zeit ist, sich neuen Themen und neuen Persönlichkeiten zuzuwenden.
Auf den ersten paar Seiten gibt es einige interessante Gedanken, danach verliert die Autorin sich in Historie allgemein, der Biografie von Schwarzer im Besonderen und dann dem Thema Sex. Unter anderem mit der Theorie, dass der Geschlechterkampf jetzt vor allem durch Sexualität und im Bett stattfinden würde. (Ja, danke auch, dass ich also als Asexuelle dann keine Feministin sein kann und darf?)
Interessant wird es dann erst wieder im letzten Siebtel des Buches (und da sind schon Quellenangaben und Co. mit eingerechnet). Hier geht sie endlich auf Ausblicke für die Zukunft ein. Man solle mehr Theorie wagen und doch bitte beide (oder vielleicht ja sogar alle, es könnte ja auch noch mehr Geschlechter geben) einbeziehen. Ja, mehr Geschlechter finden, abseits vom biologischen Spielraum, tatsächlich nur in Klammern statt. Aber obwohl man ja mehr Theorie wagen sollte, solle man auf keinen Fall furchtbare Begriffe wie Intersektionalität verwenden, das sei ja abschreckend. (Jetzt sind wir schon im letzten Zwölftel des Buches, Quellen und Co mit einberechnet.) Und in Intersektionalität spielt auch dann, wenn man ihr keinen so bööösen Namen gibt, Behinderung nicht mit rein. Die erwähnt sie nur als Sonderinteresse bei Toiletten, zusätzlich zu Schminkmöglichkeiten und Wickeltisch. Ach, sie erwähnt noch, Behindertentoiletten wären diskriminierend, weil man Behinderten dabei ja kein Geschlecht zugesteht? Will aber gleichzeitig geschlechtsneutral Wickeltisch und Co? Ja, was denn nun?
Jedenfalls werden Behinderte nicht wirklich mitgedacht, Asexuelle sind auch offenbar in ihrer Welt nicht existent und andere Geschlechter? Joa, puh, könnte es geben, die könnte man vielleicht auch mal mit einbeziehen, aber ach, nicht so wichtig.
Gut, man muss dem Buch an der Stelle zu Gute halten, dass es neun Jahre alt ist. Der intersektionale Feminismus war damals noch nicht so weit verbreitet wie heute, weniger bekannt.
Aber wenn man nicht kritisiert hätte, dass Feminismus jetzt nur noch im pösen Internet stattfindet und damit ja völlig unwichtig geworden ist, und nicht Autor*innen, die in den 60ern geboren wurden, als JUNGE STIMMEN bezeichnen würde, wenn man also mal in Richtung neuer Medien, Teenager und Co geschaut hätte, hätte man vielleicht ein Buch schreiben können, dass nicht nur erklären möchte, warum junge Menschen mit Alice Schwarzer nicht mehr viel anfangen können, sondern auch, womit genau sich diese jungen Menschen befassen und wie ihr Feminismus aussieht. Dann hätte man auch ein Buch schreiben können, dass nicht ableistisch, queerfeindlich und Co ist, und, dass vielleicht länger als ein oder zwei Jahre relevant hätte bleiben können. Eines, das weniger als ein Jahrzehnt später nicht wirkt wie aus dem feministischen Mittelalter.
Ich selbst und vor allem mein Mann, würde mich als Feministin bezeichnen. Dumme Sprüche von Männern quittiere ich mit teils boshaften Kommentaren, je nachdem wie frauenfeindlich diese waren. Kampfsport betreibe ich um es vor allem auch anderen Frauen beizubringen. Ich habe in allen Arbeitsstellen Frauengruppen gegründet, die diese in ihrer Rolle stärken sollen und ich habe eine extreme Abneigung gegenüber Influencer Barbies und Unicorn Moms die auf Instagram die perfekte Püppchen Welt abbilden. Meine Meinung, zu der ich stehe und über welche ich auch ein ganzes Buch schreiben könnte. KÖNNTE, nicht tue, denn wie Frau Gebhardt, würde ich damit nur eine Seite des Feminismus beschreiben und damit andere diskreditieren. Eine Sache die meiner Meinung nach nicht in die moderne Welt passt.
Das Leben ist, wie der Feminismus, nicht schwarz und weiß sondern eine Abstufung verschiedenster Farbtöne. Jede Generation hat ihre eigene Ansicht dazu und vertritt damit automatisch eine Abstufung dieser Nuancen. War es Generation Schwarzer noch, dass Frauen nicht nur Mütter sind und ihre Sexualität offen Leben können. So sind es Frauen, zu denen ich mich auch zähle, heute vor allem die dafür kämpfen, Mutter, Mensch und Frau zu sein. Mit gleichen Rechten und Ansprüchen wie Männer ohne sich sexualisiert darstellen und als Dummchen verkaufen lassen zu müssen. Nur weil wir beides haben wollen, sind wir nicht weniger feministisch.
Genau, dass hat mich an dem Buch Alice im Niemandsland gestört. Es suggeriert, dass es keinen Feminismus mehr gibt bzw. dieser am Aussterben ist. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass es ihn noch gibt. Versteckt und leise. Viele persönliche Kämpfe, direkt an der Front, anstatt über Medien. Wir sind direkter geworden, aber nicht weniger aktiv nur nicht so populär. Der Feminismus ist niederschwellig geworden und teil des Alltags, er muss nicht mehr herausgestellt werden, er wird gelebt. Endlich!
Das Buch zieht über Alice Schwarzer her und hangelt sich an ihren Aussagen entlang ohne dabei wirklich zu erläutern, woran die Autorin fest macht, dass keine Frauenbewegung mehr in Deutschland stattfindet.
Kurz um, es mag einmal aktueller gewesen sein, gegen andere herzuziehen und es bietet einen Einblick über die Entwicklung des Feminismus in Deutschland, aber ich bereue nicht, nach über der Hälfte abgebrochen zu haben.