Ein Chemielaborant, der in einem überalterten Dorf im Harz nach der Liebe sucht - und eine Eule findet. Ein Manager, der als ein guter Erwachsener in Hotelzimmern liegt und von den Sünden seiner Jugend heimgesucht wird. Ein Housesitter, der ein Sofa versaut, einen Baum tötet und eine Minderjährige verführt.Sie alle heißen Benjamin. Sie alle irren umher. Durch Wälder und Tierparks, über Familienfeiern und Vorortstraßen.Nach seinem vielgelobten Prosadebüt "Die Welt ist ein Parkplatz und endet vor Disneyland" zeigt Benjamin Maack nun in "Monster" erneut, mit welcher Konsequenz und Überzeugungskraft er erzählen kann. Spannend, provokant - und manchmal ungeheuer witzig.
Als ich das Buch zur Hand nahm, wusste ich ehrlich nicht, was mich erwartete. Die Inhaltsangabe ist einerseits sehr klar: Man begegnet diesen unterschiedlichen Protagonisten, die sich denselben Vornamen teilen. Andererseits war dennoch einiges unklar und undurchsichtig: Sind sie auch ein und derselbe Mensch? Was genau hat das zu bedeuten? Welche Bewandtnis hat es damit? Man muss sich auf dieses Buch einlassen, denn es empfängt einen nicht mit offenen Armen, sondern es verkrümelt sich in eine dunkle Ecke und lauert dort. Bis es einen anspringt, einen immer wieder hinterrücks überfällt und seine ganze Wucht und seinen Wert entfaltet. Die unterschiedlichen Geschichten und Bruchstücke haben unterschiedliche, auch kontrastierende Empfindungen in mir hervorgerufen. Beim Erzählen geht der Autor sprachlich sehr versiert und anspruchsvoll ans Werk: Mal schreibt er zärtlich-sanft, mal provokant oder düster, auch poetisch und voller Verzweiflung, dann wiederum mit einer Leichtigkeit, die einem angesichts der Ereignisse das Herz eng und schwer macht. Erzählerisch ist er einfach unglaublich stark. Die Aussage im Klappentext “Spannend, provokant” kann ich durchaus unterschreiben. “manchmal ungeheuer witzig” nur bedingt. “Ungeheuerlich” ja, aber “witzig”? So richtig zum Lachen war mir bei keiner der Geschichten. Aber ich kann sagen, dass sie auf jeden Fall mit sehr viel geistigem Witz verfasst worden sind. Bei mir riefen sie eher ein erstauntes oder ein überrumpeltes “Ha” und kurzes Zucken der Mundwinkel als ein “Haha” hervor.
Das Buch bietet sehr viel Inhalt auf wenigen Seiten und entfaltet dabei eine unglaubliche, unterschwellige Wucht. Bei jeder Geschichte war ich anfangs verwirrt, wunderte mich über den skurrilen Benjamin und die abstrusen Situationen, in denen er sich befand und es fiel mir schwer einzuschätzen, was mich genau erwarten würde. Und gegen Ende fühlte ich mich dann plötzlich überrollt und alles ergab einen Sinn oder kam dem nahe.
Die Situationen, welche die Benjamine durchleben, sind sich ebenfalls sehr ähnlich. Sie sind alles andere als alltäglich: Es sind einfach Dinge, die geschehen; Geschehnisse, über die der jeweilige Benjamin keine Kontrolle hat; denen er gegenüber ausgeliefert ist. In denen er Fehler macht, er impulsiv handelt, ohne nachzudenken. Die Protagonisten tragen eine gewisse Dunkelheit mit sich herum, die ihre Menschlichkeit verzerrt und sie auf dem ersten Blick als Monster erscheinen lässt. Die Geschichten zeigen einfach, wie grausam das Leben einem mitspielen kann und auch wie wir uns dagegen zur Wehr setzen oder eben daran verzweifeln, weil wir es eben nicht schaffen die Kontrolle zu behalten. Und ich finde, das macht die Benjamine sehr menschlich und weniger monströs.
Mein Fazit “Monster” ist kein „Wohlfühl-Buch“. Es enthält anspruchsvolle, komplexe und vielschichtige Geschichten, Fragmente, Bilder und Satzstücke, die sich mit einer sehr düsteren und ebenso umfassenden wie vertrackten Facette des menschlichen Daseins befassen. Lesenswert, aber nichts für Zwischendurch. Man muss sich für diese Abgründe Zeit nehmen, um sich nicht in ihnen zu verlieren. Die Geschichten und Fragmente erzählen alle von einem anderen Benjamin. Oder vielleicht auch nicht? Und steckt in unserem Gefühlsinneren nicht vielleicht auch ein bisschen was von diesen Benjaminen? Darüber lohnt es sich nachzudenken.
Monster sind allgegenwärtig. Weder das Monster unter dem Bett noch das Krümelmonster sind aus unserer Erzählwelt wegzudenken. Bereits im Deutschen Wörterbuch, an dem Jacob und Wilhelm Grimm 1838 zu arbeiten begannen, ist es eng mit der Bedeutung des ‚Ungeheuers‘ verwoben: das, was dem Menschen nicht geheuer ist.
Über 170 Jahre später wird das Monster namensgebend für Benjamin Maacks mehrfach ausgezeichnetes Werk. In diesem kombiniert er Erzählungen über die Abwege des Menschseins mit kürzeren, eingeschobenen Passagen.
»Es ist plötzlich da.« So beginnt der erste der 19 kapitelartigen Abschnitte des Buchs, die zwischen einer Länge von wenigen Sätzen bis hin zu über 70 Seiten schwanken. Monster spielt mit dem Auflösen von Formen, sodass eine Genrezuschreibung erschwert wird. Bei ‚Es‘ handelt es sich um eine Eule, die den Weg von der Straße in Benjamins Kofferraum findet und ihn fortan begleitet. Die Abschnitte wirken auf den ersten Blick voneinander unabhängig. Lediglich der Name ‚Benjamin‘ zieht sich durch alle Geschichten, in denen der Protagonist benannt wird. Zwei der Abschnitte bestehen gänzlich aus einer seitenlangen Aneinanderreihung des Buchstabens X oder der Zahl 0.
»Ich glaube nicht an andere Menschen. Ich meine, ich glaube nicht, dass es andere Menschen gibt«, lautet eine jener zehn Passagen, die Maack zwischen die einzelnen Abschnitte streut. Doch das, was zusammenhangslos wirkt, ergibt am Ende des Buches ein facettenreiches Bild: Maack webt sieben längere Geschichten mithilfe dieser Passagen aneinander. In ihnen wendet sich der Icherzähler unmittelbar an den Leser. Die Passagen rahmen die Erzählungen nicht, sondern halten sie wie Klebstoff aus dem Inneren zusammen.
Im Kontrast zu den wirr-anmutenden Seiten voller Nullen und Xen ergeben die in sich geschlossenen Kurzgeschichten überraschend viel Sinn. So erzählt Maack in »Viel schlimmer als die dunklen Räume sind die spiegelnden Fenster« die Geschichte von Benjamin und seiner Jugendliebe Kathrin. Benjamin fährt sie und ihren Mann in ihrem abgelegenen Haus besuchen. Spürbar liegt die Schwere der Erinnerung auf Kathrin und Benjamin, doch die Lebenswirklichkeit knüpfte sie an ihren Mann und das, lange bevor dieser an den Rollstuhl gebunden war. Lediglich die Eule, der symbolische Unglücksbote, begleitet Benjamin zurück in seine eigene Wohnung.
In der Erzählung »Wie sehr hat Las Casas geweint?« verwebt Maack die vom Körperlichen dominierte Liebesgeschichte von Benjamin und Nina mit der Geschichte ihres Großvaters. Dieser erzählt Benjamin »wie ein kaputtes Spielzeug« Geschichten von Kolumbus und den Spaniern. Bis der Großvater stirbt.
Maacks Geschichten begleiten die Protagonisten in ihrem Umherirren und sind durch alltägliche Beobachtungen und Erzählsituationen in der Wirklichkeit verankert. Dennoch spielt der Icherzähler in den zwischengeschalteten Passagen mit seiner eigenen Glaubwürdigkeit. So gesteht er gegen Ende, dass eine der Figuren des Anfangs zum Zeitpunkt der Erzählung längst verstorben ist. Und negiert damit eine der Grundannahmen der anfänglichen Erzählung des Buches.
Der Leser wird der bedrückenden Härte der Geschichten bis zuletzt ausgesetzt. Kein Happy End eilt zur Erlösung herbei, sodass die Stimmung nach Abschluss des Buches anhält. Viele Fragen bleiben unbeantwortet: wie, ob sich die ‚Benjamins‘ der Geschichten auf ein und dieselbe Person beziehen, oder wo genau sich das Monster in Maacks Erzählungen versteckt hält. Dieses nimmt keine konkrete Gestalt an, während das Figurenpersonal durchaus in Situationen gerät, in denen monströse Züge ihres Wesens zum Vorschein kommen. Sowohl in sexuell expliziter als auch in psychologisch abgründiger oder gewalttätiger Hinsicht.
Doch das Düstere und Unheilvolle erschöpft seine Wirkung mit dem Fortgang des Buches. Die verschiedenen Gesichter des Monsters sind gezeigt, ihre Geschichten in Druckerschwärze gebannt. Zurück bleibt das Scheitern des Protagonisten, das sich als Bodensatz durch die Geschichten zieht.
Bei der Preisverleihung des Hermann Hesse Förderpreises, den Maack für Monster erhielt, berichtet er von der Entstehungszeit des Buches:
»Früher hab ich jedes Mal mit schrecklichen Ängsten gekämpft, wenn ich mich zum Schreiben hinsetzte.«
Eine schonungslose Authentizität, die sich im gesamten Werk widerspiegelt.
Wirklich gut. Die Reihenfolge der einzelnen Stories folgt einem roten Faden, so dass die Geschichten wie Puzzleteile einer Meta-Geschichte wirken. Schrecklich lakonischer Schreibstil, der sofort fesselt. Stories, die entweder fürchterlich verstören oder ganz ernsthaft unheimlich sind (erste Story, die im Harz spielt - das Ende davon ist göttlich). Auch schön: Stories, bei denen man denkt, sie enden abrupt und unvollendet, aber das wird auch Methode gehabt haben (Atavismen). In diesem Buch wird nichts dem Zufall überlassen. Hinterlässt nen bleibenden Eindruck. Gestaltung, Cover und Design des Buches sind auch sehr schön. Am Besten gefiel mir das Ende des Buchs, die letzte, zwei Seiten kurze, Geschichte: Xxxxxxxxxx xxx xxxxx Xxxxxxxxx-Xxxx, xxx xxx Xxxxx xxxx.