Molières letztes Auflachen. Er ist buchstäblich in der Rolle des eingebildeten Kranken, den er spielte, gestorben. Während der vierten Aufführung erlitt er einen Blutsturz, dem er Stunden später erlag, noch immer im Kostüm des Argan.
Trotz dieser düsteren Einleitung hab ich mich noch nie so köstlich amüsiert und selten so gelacht, bei einer Komödie, wie hier beim eingebildeten Kranken, oder eingebildet Kranken.
Es fängt schon witzig an. Argan, jener eingebildete Kranke, deutlich ein Hypochonder, prüft seine Arztrechnungen. Man erfährt, wie viele Einläufe er bekommt und welche Heilmittel er alle einnehmen "muss" – und welch Goldesel er für die Ärzte sein muss.
"So habe ich also in diesem Monat eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht Arzneien erhalten und eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, elf, zwölf Einläufe; im vorigen Monat waren es zwölf Arzneien und zwanzig Einläufe. Da wundere ich mich nicht, daß es mir in diesem Monat nicht so gut geht wie im vorhergehenden."
Dieser erste Aufzug bietet gleich Raum für mindestens zwei Lesarten. Entweder man amüsiert sich über Argan, oder hat Mitleid mit ihm – vielleicht auch eine Mischung aus beidem.
Ich hab aber mehr gelacht, als gelitten. Das liegt am großartigen weiteren Cast. Toinette, das spitzzüngige Dienstmädchen, das erstaunlich frech ist zu ihrem Herrn – und somit für absurd komische Momente sorgt, hat mich am meisten begeistert; das fängt schon im ersten Dialog der Beiden an, als sie endlich erscheint, nachdem er eine ewige Weile geklingelt hat:
" TOINETTE: (betritt das Zimmer). Da bin ich ja schon!
ARGAN: O du Biest, du, du Rabenaas! ...
TOINETTE: (tut so, als hätte sie sich den Kopf gestoßen). Zum Teufel mit Eurer Ungeduld! Ihr hetzt Eure Leute so, daß ich mir furchtbar den Kopf am Fensterladen gestoßen habe.
ARGAN: (wütend). O du falsches Weibsstück! ...
TOINETTE: (klagt weiter und stöhnt, um ihn zu unterbrechen und am Schimpfen zu hindern). Oh!
ARGAN: Seit...
TOINETTE: Oh!
ARGAN: Seit einer Stunde...
TOINETTE: Oh!
ARGAN: Läßt du mich hier...
TOINETTE: Oh!
ARGAN: Halt endlich den Mund, du Luder, damit ich dich ausschimpfen kann.
TOINETTE: O ja! Wahrhaftig, da tut Ihr recht, nach allem, was mir zugestoßen ist! "
Man sieht, der Ton ist rau, aber er sprüht vor Witz. Es erinnert mich an alte bayerische Volksstücke, nur eben mit Herren und Dienstmädchen, statt Bauern mit ihren Knechten.
In Molières Stück ist es nur deutlich kraftvoller, denn immerhin sprechen wir vom 17. Jahrhundert; es gibt feste Rollen. Herren sind die da oben, Bedienstete jene dort unten.
Wie nun Toinette damit bricht und ihren Herrn oft veräppelt, fast schon hänselt, ohne ernste Konsequenzen zu erwarten; das hat mich sehr überrascht, aber auch wahnsinnig für das Stück eingenommen.
Es wird klar, niemand wirklich nimmt ihn für voll. Die Ärzte, oder Quacksalber, betrachten ihn als laufende Einnahmequelle, für deren Pflege es wenig Mühe braucht, denn naiv wie Argan ist, glaubt er alles, was sie ihm sagen; Béline, seine Frau, die ihm immer so lieb tut mit "Herzchen", "Schätzchen" usw., für alle Außenstehenden wird schnell klar, dass sie nach seinem Erbe trachtet, nur er steht fest zu ihr.
Und dann noch seine Töchter, Angélique und Louison, die ihn zwar lieben, aber geschickt zu manipulieren wissen.
Es so zu beschreiben und das Geschriebene selbst zu lesen, lässt die Vermutung zu, dass es ebenso ein Trauerspiel sein könnte. Bei der Lektüre aber hat sich mir dieses Bild nicht aufgetan. Ich habe schmunzelnd und lachend den ganzen Text verschlungen und wurde stiller Komplize bei den Scherzen gegen Argan.
Was mich tief an dem Stück beeindruckt ist die Fülle und Tiefe die in etwa 70 kurzen Seiten ausgedrückt werden konnten.
Es lacht über den Tod, der laufend Thema ist; Argans eindeutige Todesangst natürlich; die jüngste Tochter Louison, die ihren Tod vortäuscht um einer Prügelstrafe zu entgehen und später Argan selbst, der dieses Mittel nutzt, um wahre Verhältnisse zu offenbaren.
Ferner macht es sich über diese Quacksalber lustig, die sich Ärzte schimpften, mit ihren Klistieren, Aderlässen, angeblichen Wundermitteln und spekulativen Diätvorschlägen. Molière lässt ein Vater-Sohn-Ärzte-Duo erscheinen. Er möchte Angélique mit dem Sohn, Thomas Diafoirus, verheiraten, aus reinem Eigennutz, da er dann immer über einen Arzt verfügt (vielleicht Kosten spart?). Dieser Thomas ist eine reine Witzfigur; gerade vom Studium zurückgekehrt, wild mit Latein und Griechisch um sich werfend, aber moderne Medizin verneinend (er hat sogar eine Streitschrift gegen das Prinzip eines Blutkreislaufs geschrieben), verhaspelt er gleich mal seine Begrüßungen und lässt erkennen, alles nur vorher einstudiert. Den ersten Patzer macht er schon gleich mit der Begrüßung seiner künftigen Braut, die er jedoch für die Schwiegermutter hielt und auch so begrüßte; peinlich peinlich, aber witzig.
Abschließend kann ich nun sagen, Molière auf meine Liste zu setzen; ich möcht mehr von ihm lesen. Es war eine herrliche Komödie, die ich wirklich gerne mal im Theater sehen möchte!