Eine gewöhnliche Straße. Prachtvolle Jugendstilfassaden stehen selbstbewusst neben seelenlosen, in aller Eile aus den Kriegsruinen gestampften Wohnblöcken. Eine Straße, wie es in Deutschland Hunderte gibt. Hier wohnt die Französin Pascale Hugues. Sie ist der verschütteten Geschichte ihrer Straße nachgegangen. Was ist aus den Anwälten und Professoren des jüdischen Bildungsbürgertums geworden? Und aus den Frauen, deren Häuser und Leben unter den Bomben der Alliierten zusammengebrochen sind? Wie hat diese Straße in den 50er Jahren wieder zur Normalität zurückgefunden? Pascale Hugues hat sich auf die Spuren ihrer Nachbarn begeben, ihrer einstigen und heutigen. Sie hat all die tragischen und schönen Geschichten wieder ausgegraben, aber auch die vermeintlichen Belanglosigkeiten im Leben der Menschen, die das Schicksal in der gleichen Straße wohnen ließ. Lilli Ernsthaft zum Beispiel, die erste Bewohnerin der Straße. Sie hat 79 Jahre in der Nummer 3 gelebt. In ihrem Salon defilierte in den 20er Jahren die Berliner Hautevolee. Hans-Hugo Rothkugel, Sohn eines assimilierten jüdischen Notars, der seine Frau zurechtwies, als sie ihm an Jom Kippur einen Schweinebraten «Aber wirklich, Irma, jetzt übertreibst du!» Pascale Hugues reiste zu dem alten Französischlehrer nach Berkeley. In Berlin hat die Autorin Liselotte Bickenbach ausfindig gemacht, einst Sekretärin beim Oberkommando der Wehrmacht. Und Bärbel Soller, eine echte Berliner Pflanze, weiß von dem Bordell «mit Asiatinnen» der 80er Jahre zu berichten. Die Lebensgeschichten einer Straße verdichten sich zum Panorama einer ganzen Epoche – brillant erzählt und voller Empathie geschrieben.
Pascal Hugues erzählt die Geschichte ihrer Wohnstrasse, vom Bau im Jahre 1904 bis zum Erscheinen des Buches. Den Namen dieser Strasse verrät die Autorin nicht, nur dass der Name der Strasse immer gleich geblieben ist und die Strasse nie aufgrund irgendwelcher Mächte umbenannt wurde. Wer sich in Berlin auskennt, wird sicher wissen, welche Strasse beschrieben wird. Im Buch gibt es Bilder der Strasse, wie sie nach dem zweiten Weltkrieg in Trümmern lag. Interessante Bilder gibt es auch von der wieder aufgebauten Strasse und von vielen Einwohnern. Die Autorin schreibt hervorragend. Sie hat viel und mit Leidenschaft recherchiert, um die verschiedenen Schicksale der Bewohner ihrer Berliner Strasse zusammenzutragen. Sie hat für ihre Recherchen Personen befragt, die vor den Nazis nach Amerika oder Israel geflüchtet sind, Menschen die in Deutschland geblieben sind und auch mit Nachfahren der Einwohner ihrer Strasse gesprochen. 106 Juden wurden aus der Strasse deportiert, was nach dem Krieg viele Einwohner schnell wieder vergessen wollten.
Obschon ich nichts negatives feststellen konnte, konnte ich keinen positiven Bezug zum Buch aufbauen. Irgendwie war ich der Buchidee gegenüber negativ eingestellt, nur über eine Strasse zu schreiben und vielleicht deshalb konnte das Buch mich nie richtig packen und begeistern. Wahrscheinlich war es nur das falsche Buch zur falschen Zeit.
Ein Gang durch eine (fast) beliebige Straße in einer (nicht ganz so beliebigen Stadt) ist ein Gang durch die deutsche Historie und Sozialgeschichte. Denn im Kleinen spiegelt sich das Große, in Abwandlung der biogenetischen Grundregel, ist die soziale Ontogenese des Kleinhabitats eine Rekapitulation der soziokulturellen Entwicklung einer Nation.
Wobei es im Kleinen, das hier zur Veranschaulichung dient, deutlich unterhaltsamer zu lesen ist als in jedem historischen Wälzer. Die Sprache von Pascale Hugues (offenbar sehr prägnant und treffend von Lis Künzli übersetzt) tut ein übriges, um dieses Buch zu dem werden zu lassen, was der Amerikaner einen 'page turner' nennt.
Und am Ende schlägt man das Buch zu; und es ist fast wie ein Abschied von den Nachbarn, die man im Guten wie im Schlechten ein wenig kennenlernen durfte und quasi über 110 Jahre ein Stück Wegs begleitet hat.