Ein Buch von radikaler Wahrheit und unvergesslicher Intensität
»Ich möchte dir für immer die Möglichkeit nehmen, nicht zu wissen, wer ich war. Du sollst erfahren, wie es deiner Familie in Deutschland ging, wie der letzte Sommer meiner Jugend war, bevor fast alle meine Freunde verschwunden sind. Du sollst wissen, wie es war, als deine alten Freunde mir auf die Schulter klopften und sagten, ich würde irgendwann werden wie du: Held einer gescheiterten Revolution. Ich werde diese Geschichten aufschreiben.«
Arda weiß nicht, wie viel Zeit ihm noch bleibt. Er liegt mit Organversagen im Krankenhaus seiner Heimatstadt im Ruhrgebiet; an seinem Bett sitzen abwechselnd seine Mutter Ümran und seine Schwester Aylin. Seit zehn Jahren haben die beiden kein Wort miteinander gesprochen.
Zum Abschied wendet er sich an seinen Vater, den er nie kennengelernt hat. Arda erzählt dem Unbekannten von Geburtstagen im Ausländeramt und vom letzten Sommer auf dem Bahnhofsplatz, bevor alle seine Freunde verschwinden: Bojan wird abgeschoben. Danny wird zu früh Vater. Savaș geht zurück in die Türkei, nachdem er seine Mutter verliert.
Aber Arda erzählt auch von Schwester und Mutter: von Aylin, die von zuhause wegrennt. Und von Ümran, die sich ihr Leben ganz sicher anders vorgestellt hat.
Necati Öziri schreibt eine Familiengeschichte über einen Sohn, eine Mutter und eine Schwester, deren Leben und Körper gezeichnet sind von sozialen und politischen Umständen. Und er schreibt über einen abwesenden Vater. Ein Roman von radikaler Wahrheit, Wut, Kraft, Liebe und Sehnsucht.
Now Shortlisted for the German Book Prize 2023 (see my first sentence) Finalist for the Aspekte Debut Prize 2023 Hey, German Book Prize, this is calling your name! Based on the prize-winning text he presented at the Bachmann Competition 2021 (you can check it out here), Öziri now delivers a whole novel about a young man named Arda, the son of Turkish immigrants, who tells the story we read to his absent father while he is spending time in a hospital, suffering from a severe kidney condition. Arda ponders how he grew up after his father left - the father went back to Turkey, although he knew that he was facing jail time there. Arda's devastated mother became an alcoholic, his sister tried to fill the gap, while Arda was searching for community with his friends. Öziri paints a complex picture of rattled human relationships, showing how the young generation suffers from the trauma of their immigrant parents and also poor immigration laws that hinder their societal participation, but also evoking lively images of Arda's friends and family, especially of the women who try to keep families and communities together.
While his alter ego Arda has to pause his literary studies at a university because of his illness, Öziri did graduate, became a successful theater author and now tells this story - but how much is, ya know, "true"? Having done his scientific homework, Arda tells us in the book that everything he says is both true and a lie, while the author bio tells us that everything Öziri writes is of course the truth - obviously the biggest lie of all. I love this self-awareness, the playfulness behind the storytelling, and the fact that Öziri plays with the readers' expectations.
This is a very good debut, worlds apart from Dschinns (which dealt with a similar topic), almost as good as Where You Come From. Give Öziri some more prizes, ASAP.
Arda liegt mit multiplem Organversagen auf der Intensivstation, als er beschließt, es seinem Vater, den er nie kennengelernt hat, nicht so leicht zu machen. Er soll nicht in den Genuss kommen, nicht zu wissen, wer Arda war, auf das Schweigen eines Toten zu treffen, sich nicht mit der Vergangenheit auseinander setzen zu müssen. Deshalb beginnt er, alles aufzuschreiben: Die Flucht seiner Mutter Ümran aus einem kleinen Dorf in der Türkei, ihre überstürzte Heirat mit seinem Vater, seine Kindheit mit einer überforderten, alleinerziehenden Mutter, seine Jugend, in der ihn auch seine Schwester Aylin und nach und nach seine Freunde verlassen. Er schafft sich eine Identität, etwas, das bleibt.
Der Theaterautor Necati Öziri legt mit "Vatermal" für mich eines der besten Debüts des Jahres vor. Gefühlvoll, zuweilen traurig, zuweilen aber auch sehr humorvoll, wütend und vor allem sehr, sehr intensiv ist dieser Roman, der von einem jungen Mann erzählt, der eine Leerstelle in seinem Leben mit Worten füllt: Die Abwesenheit des Vaters. Arda hat seinen Vater nie kennengelernt, noch vor seiner Geburt ist er zurück in die Türkei gegangen. "Vatermal" ist ein Briefroman, der nicht auf eine Antwort wartet, immer an den Vater gerichtet erzählt der Protagonist von seinem Leben und dem seiner Mutter und Schwester, die ihr Schweigen am Krankenbett endlich brechen. Die Familie verbringt unzählige Stunden auf deutschen Ämtern, die Kälte, die ihnen dort entgegenschlägt, lässt das Vertrauen in eine bessere Zukunft langsam schwinden. Bis Arda volljährig ist, bekommt er keinen deutschen Pass, immer wieder wird er polizeilich kontrolliert, muss sich erklären, ist rassistischen (Mikro)Aggressionen ausgesetzt. Halt findet er bei seiner Schwester und seinen Freunden, bis diese aus verschiedenen Gründen auch verloren gehen. Der Roman stimmt nachdenklich, löst beim Lesen die verschiedensten Emotionen aus und legt den Finger genau richtig in gesellschaftliche Wunden. Genau so funktioniert sehr gute Literatur für mich, ein preiswürdiges Debüt!
Das Gerüst der Geschichte ist schon recht wackelig und unbeholfen aufgebaut. Ikea ohne Anleitung. Hält, wackelt, hat Spiel; unter dem Gewicht einer Textanalyse bricht es aber zusammen.
Arda formuliert einen gedanklichen Brief an unbekannten Papa, während Mutti und Schwester an seinem Krankenbett sitzen und ihre Lebensgeschichten erzählen. Was dabei leider flöten geht, ist die Idee eines Dialogs, der Beziehungen fühlbar machen könnte. Das alles wirkt maximal statisch, das Ende ist überraschend schwach. Warum bekommen Schwester Aylin und Mutter Ümran kein Gespräch nach langer Zeit?
Thematisch ist das im Einzelnen manchmal doch unterhaltsam, berührend oder lehrreich, aber die Verbindung zur Harmonie gelingt nicht. Gesundheitsdrama als Ausgang und Begegnungsort einer Familie, Erdbeben-Katastrophe und verschiedene Erzählperspektiven türkischstämmiger und mal traditionell, mal homosexuell lebender Personen mit diversen angerissenen Marginalisierungserfahrungen: Klingt ein wenig nach Aydemirs Dschinns, oder?
Nicht immer findet Öziri eine Sprache für Zeiten und Figuren, besonders die Jugendlichen Arda und Aylin möchte man mit der Fliegenklatsche vertreiben, sobald sie ihren Mund aufmachen. Manche Storyline mochte ich aber ganz gerne, besonders den brutalen Strang der Desillusionierung der Mutter Ümran, die in der Türkei wie in Deutschland Härten erlebt und in der Gosse der Abartigkeiten landet.
Ein Immigrationsroman, der die Benachteiligung seiner Protagonisten mal erschreckend und nachvollziehbar, manchmal aber auch zu simpel darstellt. Wenn Öziri seinen Protagonisten im vorletzten Kapitel auf Schnösel als germanistische Mitstudenten treffen lässt, um Ardas Fremdartigkeit an der Uni zu betonen, dann ist das ungewollt lustig.
Prädikat: politisch wertvoll, literarisch lesbar, aber nicht gut. 5 Punkte
"Ich möchte dir für immer die Möglichkeit nehmen, nicht zu wissen, wer ich war. (...)"
Arda liegt mit Organversagen im Krankenhaus und weiß nicht, wie viel Zeit ihm noch bleibt. Er erzählt seine Geschichte: Von den Geburtstagen im Ausländeramt und den Geschichten von seinen Freunden vom Bahnhofsplatz. Er erzählt von seiner Schwester Aylin und dem Lebensweg der Mutter Ümran. Er erzählt von seinen Hoffnungen, Träumen und Kämpfen. Dabei geht es um Wut, der Liebe und den Sehnsüchten. Arda's Worte sind an seinen Vater gerichtet: dem abwesenden Vater.
Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr mich dieser Roman während des Lesens berührt hat. Auch beim Verfassen der Rezension merke ich, wie schwer es mir fällt, die richtigen Worte zu finden. Necati Öziri hat meiner Meinung nach einen großartigen Roman geschrieben, der es schafft an den richtigen Stellen die Leserschaft zu berühren. Durch den tollen Schreibstil und den modernen klugen Worten kombiniert mit einem passenden Humor ist der Roman definitiv für mich zu einem LeseHighLight geworden, das ich so schnell nicht mehr vergessen werde.
Ich wollte diesen Roman gut finden. Das ist auch der Grund, weshalb ich ihn nicht abgebrochen habe. Leider war er für mich aber langweilig und klischeehaft.
Das "Vatermal" ist ein schwarzer Fleck unter dem linken Auge des Ich-Erzählers Arda, der mit Organversagen im Krankenhaus ist. Er schreibt dort an seinen Vater Metin. Der hat die Familie verlassen, ist zurück in die Türkei gegangen, und hat dort nach seiner Zeit im Gefängnis eine neue Familie gegründet. Die Schwester Aylin und die Mutter Ümran sprechen nicht mehr miteinander. Auch Aylin hat die Familie verlassen. Das prekäre Leben in Deutschland, Termine bei der Ausländerbehörde, der Zusammenhalt in der migrantischen Community. Das und mehr sind die erwartbaren Themen.
Die Briefform passt leider nicht zu dem Text. Ich habe mir dann vorgestellt, dass der Text nur eine Reflexion über das Schreiben des Briefes ist. Viel besser hat es den Roman nicht gemacht. Dafür arbeitet er mit zu vielen und zu langweiligen Klischees. Der türkische Jugendliche lebt in einer heruntergekommenen Gegend, hört Deutschrap und verkauft Drogen. Man begrüßt sich mit "Jo, was geht?" Viel einfallsloser geht's kaum. Bilder wie "Sie war in ihrem Brandstifter-Modus: witzig, gefährlich und instabil." sind mir leider zu schief und stören dadurch den Lesefluss.
An einer Stelle ist von schwarzen Schatten die Rede, "die für sie tanzten wie Dschinns auf der Gardinenstange". Der Vergleich mit Fatma Aydemir und ihrem Roman "Dschinns" ist also im Text angelegt. Dessen hohes Niveau erreicht Necati Öziri leider zu keinem Zeitpunkt. Schade.
Ab Seite 1 war ich gefesselt und konnte mich dem Sog der Geschichte nicht mehr entziehen. Ich bin in einem massiven Tempo nur so durch die Seiten gerauscht.
Anfangs hatte ich tatsächlich überlegt, ob ich zu dem Buch greifen möchte, da man aufgrund der Handlung eine Ähnlichkeit zu Fatma Aydemirs Dschinns nicht leugnen kann.
Aber die vielen begeisterten Stimmen ließen mich nicht los.
Ich mochte, dass der Protagonist, der zu Beginn der Geschichte in einem Krankenhaus liegt und ahnend, dass er vermutlich nicht mehr lange zu leben hat, einen Brief an seinen Vater schreibt, der die Familie in Deutschland verließ und zurück in sein Heimatland Türkei kehrte.
Diese Idde der Form gefiel mir sehr.
Arda (die Hauptfigur) erzählt seinem Vater von dem Leben in Deutschland…. Ohne Mann an der Seite seiner Mutter und ohne Vater für ihn und seine Schwester. Er konnte seinen Vater nie kennenlernen, da Arda noch viel zu klein war.
Abwechselnd berichten seine Schwester und seine Mutter getrennt voneinander an seinem Krankenhausbett von ihren eigenen Leben. Mutter und Tochter hatten seit 10 Jahren keinen Kontakt mehr. Arda scheint die einzige Verbindung zu sein.
Mich hat der Schreibstil gefesselt. Öziri schafft es meiner Meinung nach soviel Wut und gleichzeitig soviel Sehnsucht in seinem Protagonisten zu vereinen.
Arda umgibt sich während seiner Pubertät mit einem kleinen Kreis ebenso verlorener Jungs. Die Freunde versuchen sich gegenseitig Halt zu geben und ihren Verlust an männlichen Vorbildern irgendwie zu kompensieren. Öziri schreibt hier sehr authentischen Jugendslang und schafft ein Setting, das sich lebensecht anfühlt.
Die Jungs sehen sich Klischees ausgesetzt und müssen damit umgehen, dass sie tagtäglich stigmatisiert werden.
Aber auch das Leben Ümrans , der Mutter von Arda und Aylin , welches wir in einzelnen Bruchstücken erzählt bekommen, hat mich tief bewegt. Die Hoffnung, die man Anfangs spürt und wie brutal das Schicksal zuschlagen kann und mit voller Wucht das eigene Leben fast vollständig vor die Wand fährt und deine Familie psychisch mit in den Abgrund reißt….. Ich hatte so häufig einen echten Klos im Hals. Trotzdem konnte und wollte ich nicht aufhören zu lesen.
Ich war total überwältigt von den Bildern und der Wahrheit, die der Autor erschaffen hat. Ich habe mitgefühlt und ein Stück „mitgelebt“.
Großartiger Roman, dem ich auch extrem die Daumen für den Gewinn des Buchpreises drücke.
Schreiben dient oft zur Selbstfindung. Tagebuch schreiben, Briefe schreiben, Notizen, kleine Aphorismen und Zusammenfassungen zusammentragen, um dem alltäglichen Chaos, das Auf und Ab, die Gefühlswallungen, Assoziationen einzudämmen, die möglicherweise durchs Bewusstsein branden. Durch Necati Öziris Ich-Erzähler Arda geht jedenfalls eine ganze Menge durchs Bewusstsein. Es brennt. Es flammt. Es rumort, kracht und donnert:
»Was soll ich schreiben?« »Spielt keine Rolle, Hauptsache halbwegs fehlerfrei, dürfte ja kein Problem sein.« […] »Na, dann wollen wir mal sehen: ›Ich werde eure Töchter vögeln bis sie arabisch sprechen. Ich klaue euren Söhnen den Praktikumsplatz, mach sie drogenabhängig und verkaufe ihre Organe auf dem Basar. Ich breche nachts den Stern von euerm Benz und trage ihn an meiner Halbmondkette. Ich will kein Arzt oder Anwalt werden, ich werde Superstar oder arbeitslos.‹ «
Der Clou der Szene: Arda sitzt im Ausländeramt und schreibt die obigen Zeile, um seine Deutschkenntnisse zu demonstrieren. Der Beamte schaut ihm zu, nickt und reicht ihm die Einbürgerungsurkunde. Vieles fällt in dieser Szene zusammen. Ardas Schreiben stiftet seine Identität. Er eignet sich sein eigenes Deutsch an. Er spricht. Er will Deutsch studieren. Er will Literat werden, zieht nach Berlin und schafft es irgendwie auch, bis er plötzlich zusammenbricht. Hepatitis lautet die Diagnose:
Ich liege hier und warte und aus meinem Hals ragen lauter Schläuche, weshalb ich den Kopf kaum drehen kann, ohne einen stechenden Schmerz bis in die Wirbelsäule zu spüren. Mein rechter Arm ist übersät mit blauen Punkten, Einstichen, so vielen, wie Mama Narben an ihren Beinen hat. Es sind die Zeichen der täglichen Blutabnahme: Jeder Punkt bedeutet neue Blutwerte und damit die Prognose, wie viele Tage mir noch bleiben.
Wiederum der Clou: Arda liegt im Sterben im Krankenhaus, Schläuche ragen ihm aus dem Kopf, und dennoch, trotz all der Schmerzen, der Lebensangst, der vollständigen Schwächung durch die Autoimmunerkrankung beginnt er einen langen Text an seinen Vater Metin zu schreiben, der abwesende Vater, der Vater, der einfach in einer Nacht- und Nebelaktion, seine Schwester Aylin und seine Mutter Ümram in Deutschland zurückgelassen hat. Plausibel wirkt das nicht. Soll es auch nicht, „Vatermal“ von Necati Öziri lässt sich als Schelmenroman lesen, als Performance, Übertreibung, Parodie, im Grunde als eine Art Anti-Literatur als Literatur verpackt:
»Ich will was mit Literatur machen«, sage ich. Als ich es ausgesprochen habe, setzt ein Moment Stille ein und dann prusten Danny und Savaş gleichzeitig los. »Keine Ahnung, irgendwie müssen wir mit diesen ganzen Storys doch Cash machen, oder?«, versuche ich mich zu retten, aber keine Chance. Savaş schlägt die Beine übertrieben eng übereinander und fährt sich mit dem Zeigefinger über die Nase, als würde er eine Brille hochschieben. »Öhm ja, also mein Name ist Professor Arda und ich bin sehr inte-llelli-gent.«
Alles nicht so ernst nehmen. Fünfe gerade sein. Einfach mal schreiben. Es missversteht die Haltung des Romans, ihn auseinanderzunehmen, ihm fehlerhafte Beschreibungen, ins Leere gehende Anschlüsse, Bildbrüche vorzuwerfen, die Komposition, die Zeitebenen zu untersuchen, die Plausibilität der Figuren zu hinterfragen, die Szenerien ob ihrer Konsistenz zu beleuchten, den Rhythmus, die Wortwahl, überhaupt nach der Erzählposition, Erzählzeit zu ahnden. Necati Öziris Arda haut auf die Kacke.
Wo Fatma Aydemir in Dschinns die Multiperspektive einübt, wo Emine Sevgi Özdamar in Ein von Schatten begrenzter Raum das innere Erdbeben der Emigration und Heimatlosigkeit auslotet, wo Dinçer Güçyeter in Unser Deutschlandmärchen eine Ode an das Durchhaltevermögen seiner Mutter hält und sich dennoch von ihr und ihrer Härte liebevoll distanziert, da lässt es Arda einfach mal krachen, schlägt über die Strenge und geht voll ab, wahrscheinlich im Ruhrpott, aber wo genau spielt auch keine Rolle. Wer also Lust auf Poetry-Slam mit Gangsterallüren hat, plötzlich tote Mütter in Mayonnaise-Fässer sehen will und von Schwangerschaftsabbrüchen mit Faustschlägen lesen möchte, wird von „Vatermal“ nicht enttäuscht werden. Irgendwie ist alles und nichts drin, und so ist es leider irgendwie auch ziemlich beliebig, ohne Fokus, Perspektive und Empathie für seine Figuren geschrieben.
"Aileyi tam olarak ne yıkar, bunu hiçbir zaman anlamadım. İki yabancının nasıl olup da birbirini seven iki insana ve birbirini seven iki insanın da nasıl olup bir süre sonra iki yabancıya dönüştüğünü; ortak çocukları olmasına rağmen bir zaman sonra tek amaçlarının neden birbirlerini yaralamak olduğunu da anlayamadım hiç."
Bence Türkiye'de henüz yeterince üzerine konuşmadığımız bir mesele var: gurbetçilerin, özellikle Almanya'ya giden Türklerin ürettiği edebiyat. 1960'larda göç eden Türklerin orada doğan, her iki kültürü de tanıyarak büyüyen çocukları o özgün ve zor deneyimlerinden süzdükleriyle epey eşsiz bir edebiyat üretmeye başladı; Almanya meselenin farkında, özellikle son yıllarda epeyce konuşuluyor bu mesele. İlk kuşağın yazdığı ve daha çok "göçmen edebiyatı" olarak nitelenen metinlerden farklı olarak, yeni kuşağın metinleri artık sadece göç hikayelerini anlatmıyor; Almanya edebiyatını dönüştüren, yeni bir dil, yeni ritimler ve yeni bakışlar getiren bir alan olarak kabul ediliyor. "Post-migrantische Literatur" diye anılan bu yeni janra dair filoloji bölümlerinde çalışmalar da yapılmakta.
Neyse evet, 1988 doğumlu Necati Öziri'nin Almanya'da epey konuşulan Vatermal'inin de Türkçeye (Baba İzi adıyla) çevrilmesi de bu nedenle büyük heyecan ve mutluluk uyandırdı bende. Bu kuşağın özgün deneyiminin tüm unsurlarını taşıyan, müthiş duru bir dille yazılmış bir roman bu. Öziri'nin kimlik parçalanması ve aradalık (Almanya’da “yabancı”, Türkiye’de “Almancı” olma hâli ve hem kültürel, hem sınıfsal, hem duygusal aradalık aslında), dil meselesinin yarattığı bariyerler, ırkçılık ve dışlanma deneyimi, bu kuşağın aidiyetlerini tanımlamada çektiği güçlükler, erkekliğin kırılganlığı, şiddet, öfke gibi izleklerin etrafında ördüğü romana bayıldım.
Siyasi nedenlerle Almanya'ya kaçan, orada iki çocuk sahibi olan ama sonra onları da terk edip ülkeye geri dönen hiç hatırlamadığı babası Metin'le konuşan, hasta yatağındaki anlatıcımızdan koca bir kuşağın darmadağın oluşunun öyküsünü dinliyoruz. Çok hüzünlü, çok sahici, çok incelikli bir roman bu.
Wer diesem Roman aufgrund seiner angeblich 'fehlenden Authentizität' eine schlechte Bewertung gibt, der weiß schlicht und ergreifend nicht wie es ist, in sozial schwachen Verhältnissen aufzuwachsen. Ich gehe stark davon aus, dass Necati Öziri aus eigenen Erfahrungen berichtet. Das leite ich daraus ab, dass er im Ruhrgebiet aufgewachsen ist. So, wie er das Leben als jugendlicher Migrant ohne (männliche) Vorbilder beschreibt, so habe ich es selbst auch erlebt. Diese peinlichen Bewertungen kommen von Bio-Deutschen, die denken, es handle sich um überspitzte Darstellungen. Interessanterweise spielt Öziri vor allem gegen Ende seines Romans auf genau solche Einstellungen an. Denn der Mustermigrant mit Literaturstudium kann in der Vergangenheit ja gar nicht unterprivilegiert gewesen sein. Diese Einstellung impliziert immer auch, dass Aufstieg nicht möglich sei. Entweder bleibst du ein Asi, oder du bist nie einer gewesen. Entweder du kriegst den Stempel „Mustermigrant“ oder du hast ihn dir nicht verdient.
Als Migrantenkind konnte ich mich mit seinem Werk 'Vatermal' sehr stark identifizieren. Als jemand, der früher auch Ott in den Socken trug und dessen Freunde Fremde mit dem Spruch 'Was glotzt du so, du Opfer?' begrüßt haben. Auch die Szenen an der Universität konnte ich stark nachempfinden. Ich selbst habe ebenfalls Literaturwissenschaften studiert. Als erstes Kind einer Familie, in der niemand studiert hat, entsteht in einem zeitgleich immer ein Kampf, zwischen „wie die anderen Studenten will ich auch gerne sein“ und „die haben alle einen Stock im Arsch“, zwischen „ich bin stolz auf meine Vergangenheit“ und „mir ist peinlich, wo ich herkomme“.
Vielfach wurde auch kritisiert, dass die Beziehungen der Familienmitglieder nicht im Vordergrund standen. Meiner Meinung nach ging es aber eben genau darum, um die Frage, wieso eine gute Bindung zwischen den Personen nicht möglich war. Die Antwort liegt in der Geschichte jedes Einzelnen, in dem Generationstrauma, das viele Migranten erleben.
'Vatermal' hat seinen Platz in Longlist des deutschen Buchpreises verdient. Von mir nur einen Stern Abzug, weil der Roman hätte länger sein können.
Lange nicht mehr so begeistert von einem Debüt gewesen. Berührend, keine Sekunde langweilig und absolut überzeugend. Ich drücke alle Daumen für den Sieg.✊🏽✊🏽
Baba İzi, bir ilk roman ancak bir ilk romana göre hayli ustalıklı yazılmış. Özellikle bakış açısının Almanya’daki Türklerin alışıldık mağduriyet anlatılarından biraz daha farklı bir yerden olması hoşuma gitti. Babanın yokluğu ve bu yokluğun yarattığı travmanın kuşaklar boyunca nasıl aktarıldığı meselesi romanın omurgasını oluşturuyor. Yazarın karakterlere mesafesi, aslında ajite etmeye çok müsait olan durumları da bu mesafeden anlatması da sevdiğim bir diğer unsur. Metnin ritmi de ayrıca takdire değer ne aceleci ne de ağırdan alan bir akış var. Dediğim gibi tüm bunları düşününce Baba İzi’nin bir ilk roman olduğuna inanmak gerçekten zor. Uzun lafın kısası derli toplu, iyi yazılmış ve üzerine düşünülmüş bir metin.
ich hab gerade dieses tolle Buch von Necati Öziri gelesen, es heißt „Vatermal“ und darin geht es um Arda, der vielleicht bald stirbt und uns Geschichten von seiner Familie erzählt. Seine Eltern sind aus der Türkei nach Deutschland gekommen und hier sind dann seine große Schwester Aylin und er geboren. Es ist ganz spannend, wie er von den Besuchen im Ausländeramt erzählt, oder wie er und seine Jungs auf den immer gleichen Treppen gechillt haben und was Herkunft und Familie dabei bedeutet. Oder wie Aylin auf Parties was mit deutschen Typen hat und überhaupt liebt er seine Schwester so sehr, obwohl sie ihn verlassen hat. Verlassen musste. Ich weiß gar nicht, was ich zu diesem Buch noch sagen soll, außer dass es mich wirklich zutiefst bewegt hat.
Sprachlich überzeugt dieser Roman durch seine herzzerreißenden, poetischen Stellen, die dicht gefolgt sind von Slang, der einfach passend ist und nicht zu dick aufgetragen. Ich reihe dieses Buch neben Dschinns, Eure Heimat, und Rheingold ein, weil das eben keine Einzelschicksale sind, die Dinge, die diese Bücher und Filme darstellen, sondern auch irgendwo ein Porträt von Deutschland, dem Einwanderungsdeutschland, das Chancen bietet und trotzdem Möglichkeiten nimmt. Besonders eindrücklich ist da auch die kurze Stelle gegen Ende des Buchs, wo Arda sich neben seinen Kommilitonen ein bisschen wie ein Außerirdischer fühlt.
Baba, es geht in diesem Buch um Väter und Mütter und Migration, ganz klar, und deshalb wünschte ich, du könntest es auch lesen und mich dann auch ein bisschen kennen lernen und verstehen. Doch nicht nur, wer sich mit solchen Geschichten identifizieren kann, sollte dieses Buch lesen, sondern eben auch solche, die dieses Land besser verstehen und sehen und fühlen wollen. Bewegend, mutig, ehrlich, wütend, verständnisvoll.
„Und weil sie es verstand, wusste sie auch, dass Tansus Wut der beste Beweis dafür war, dass sie ihr nicht egal war. Vielleicht, dachte Aylin, war Tansu die Einzige, bei der sie wirklich zu Hause war.“
„Mutter und Vater zu sein bedeutet das Beste zu geben und trotzdem unverzeihliche Fehler zu machen. Und Kind zu sein bedeutet, permanent zu versuchen zu verzeihen.“
Normalerweise bin ich etwas zurückhaltend, was Bücher von Theaterautor*innen angeht, weil es da meistens so ist, dass ich mit der Sprache oder dem Aufbau zu kämpfen habe, aber bei diesem Roman stimmte für mich einfach alles. Und das als Roman-Debüt abzuliefern, ist eine unglaubliche Ansage und ich hoffe so sehr auf weitere Bücher von Öziri in der Zukunft. Ich habe zutiefst mit jedem Charakter mitgefühlt und sie werden noch eine ganze Weile in meinen Gedanken bleiben.
Arda liegt im Krankenhaus, Organversagen. Wie viel Zeit ihm noch bleibt, weiß er nicht. Und so schreibt er einen Brief an seinen Vater, den er nie kennengelernt hat. Er hielt es auf Dauer nicht aus in Deutschland, ging zurück in die Türkei, im Wissen, dass ihn dort das Gefängnis erwartet. Zurück ließ er zwei kleine Kinder, Arda und seine ältere Schwester Aylin. Arda erzählt von seinem Aufwachsen und der tragischen Geschichte seiner Familie, von seiner Mutter Ümran und seiner Schwester Aylin, die schon seit Jahren kein Wort mehr miteinander gesprochen haben.
Das Buch wurde ja direkt richtig gehyped, ich habe sooo viele positive Besprechungen gesehen, mehrfach wurde über eine Platzierung auf der Longlist vom deutschen Buchpreis spekuliert - und sie kam ja auch. Die Erwartungen waren also dementsprechend hoch - und ich muss sagen, für mich wurden sie leider nicht erfüllt. #unpopularopinionincoming
Ich fange mal mit dem positiven an: Ich hatte zuerst die Leseprobe gelesen und fand diese wahnsinnig gut. Den Schreibstil mochte ich sofort richtig gern. Irgendwie konnte der Autor aber für mich die Intensität, die die Leseprobe beziehungsweise der Anfang des Buches hatte, nicht über das ganze Buch aufrechterhalten. Das lag teils auch daran, dass ich die Dialoge aus Ardas Jugend ziemlich platt und stereotyp fand. Ich glaube, die Rückblicke ins Aufwachsen seiner Mutter haben für mich in Kombination mit dem Briefroman auch nicht so ganz funktioniert und mich teils auch verwirrt, die Stellen, an denen sich Arda direkt an seinen Vater wendet, habe ich jedenfalls deutlich lieber gelesen.
Versteht mich bitte nicht falsch, “Vatermal” ist definitiv kein schlechtes Buch und ich habe es auch nicht ungern gelesen. Es hat mich aber emotional über große Teile nicht so wirklich gepackt und ich glaube nicht, dass es mir besonders im Gedächtnis bleiben wird. Der Autor hat mit dem starken Anfang aber gezeigt, dass er richtig gut schreiben kann. Deshalb hoffe ich auf einen Nachfolger, der mir dann hoffentlich besser gefällt!
Vatermal ist die Geschichte von Arda, der mit multiplem Organversagen auf der Intensivstation liegt und einen Brief an seinen abwesenden Vater Metin schreibt. Es ist aber auch die Geschichte seiner Mutter Ümran, die in der Türkei geboren und später nach Deutschland gekommen ist, wo sie bei McDonald's arbeitet und ihrer ersten und einzigen Liebe nachtrauert. Es ist auch die Geschichte seiner Schwester Aylin, die sich mit der Mutter zerstreitet und in einer Pflegefamilie lebt.
Ich mochte manches an diesem Buchs so so sehr und anderes... nunja, nicht so sehr. Vielleicht liegt es an mir, aber die Kapitel über Ümran und Aylin fand ich berührend und fesselnd, ich hätte gern viel mehr davon gehabt. Die Abschnitte, in denen der jugendliche Arda mit seinen männlichen Freunden auf dem Bahnhofsvorplatz abhängt, haben mich gar nicht gekriegt. Mir kam das ganze ein bisschen zu klischeehaft vor, auch wenn ich mir durchaus vorstellen kann, dass es für Jungs in dem Alter genau so läuft.
Es war ein Auf und Ab mit dem Buch und ich habe für meine Verhältnisse relativ lang gebraucht, es zu lesen. Ich gebe 4 Sterne, weil 3 wäre einfach zu wenig für Ümran und Aylin.
Der Text, den Necati Öziri beim Bachmannpreis 2021 vortrug, war sehr vielversprechend und hat mich neugierig auf den Roman gemacht. Allerdings konnten meine hohen Erwartungen nicht ganz erfüllt werden. Die Prämisse bleibt gleich: Arda, Sohn türkischer Migranten, liegt im Krankenhaus mit einer seltenen und lebensbeendenden Immunerkrankung. Er schreibt an seinen Vater Metin, der die Familie verlassen hat und in die Türkei zurückgekehrt ist. Während Arda sich zunächst direkt an den Vater in zweiter Person wendet, berichtet er im weiteren Verlauf davon, wie seine Kindheit und Jugend verlief und was er am Krankenbett von seiner Mutter und seiner Schwester erfährt, nun da er endlich nach der Vergangenheit fragt.
Es sind keine großen Geheimnisse, die enthüllt werden, und doch skizziert Öziri prägende Szenen im Leben von Arda, seiner Schwester Aylin und seiner Mutter Ümran, die sie zu denen werden ließen, die sie nun sind. Wir erfahren von Ardas Nachmittagen, erst im Imbiss seines Onkels, wenn zu Hause der Kühlschrank mal wieder leer ist, später am Bahnhof mit seinen Freunden, um nicht nach Hause zu müssen. Wir erfahren, unter welchen Umständen Ümran nach Deutschland kam und von den Tagen im Korridor des Ausländeramts. Wir erfahren auch davon, wie Aylin sich von der Familie und von ihrer Herkunft löst.
Necati Öziri erzählt von diesen Erlebnissen sehr eindrücklich und macht die Erfahrungswelt für die Leserin mit vielen Details plastisch und nahbar. Auch mit den Zeilen an seinen Vater konnte mich Arda erreichen. Die Verbitterung und die Schwierigkeiten, die die Abwesenheit des Vaters mit sich bringt, traten deutlich und fühlbar hervor. Allerdings will die Rahmenhandlung, der Brief an Metin, das Ganze nicht so recht zusammenhalten und immer wieder droht das Konstrukt in seine Einzelteile zu zerfallen. Auch die einzelnen Fragmente hätten noch weiter ausgebaut werden können - Motive und Auswirkungen sind für mein Empfinden zu kurz gekommen. Auf einige Ereignisse wurde zu wenig hingeführt und danach wurden sie einfach im Raum stehen gelassen, ohne dass diese ihre Wirkung richtig entfalten konnten oder überhaupt für die weitere Handlung noch von Belang wären.
Der hohe Standard, den die Kurzgeschichte hatte, konnte auf die Länge des Romans leider nicht tragen und so bin ich etwas enttäuscht zurückgeblieben. Dennoch erreichte mich der Autor mit vielen Textstellen und Szenen, was das Buch für mich gut, aber nicht überragend macht.
Kurzmeinung: Langweilig. Herumlungern auf dem Bahnhofsvorplatz Vier Freunde wachsen gemeinsam auf, Arda, der Erzähler, Savaş, Danny und Bojan. Jeder hat auf seine Weise mit einem verkümmerten Vaterbild zu tun. Ardas Vater, Metin, ist nicht vorhanden. Arda hat bis zum 18. Lebensjahr zwar eine Aufenthaltserlaubnis, aber keine Staatsangehörigkeit; sein Vater hat seine Mutter kurz nach seiner Geburt verlassen und ist in die Türkei zurückgekehrt, wo er eine Zweitfamilie gründete. Savaş Vater ist von Haus aus Ingenieur, seine Zeugnisse, in Deutschland nicht anerkannt, hängen in der Dönerbude, die er betreibt. Dass er keine Chance hatte, ein seiner Ausblidung angemessenes Leben zu führen, hat ihn hart werden lassen. Savaş Vater ist für Arda zwar wie ein Onkel, er hat ein Herz für die heranwachsenden Jungs, schlägt aber seinen Sohn wegen schlechter Schulnoten grün und blau und misshandelt seine Frau. Danny nennt sich Danielo und ist auch vaterlos, genau so wie Bojan, der sieben Pässe hat, aber keine Identität und ausserdem immer wieder epileptische Anfälle hat.
Der Kommentar: Nachdem ich nun mehrere Romane über Migrantenschicksale gelesen habe, zähle ich den Roman “Vatermal” zu den schwächeren unter ihnen. Beinahe möchte ich sagen, er hat sein selbst gesetztes Thema verfehlt. Vater, wo bist du, könnte man den Roman von Necati Öziri ebenso gut betiteln, weil Arda, an einer schweren Immunkrankheit leidend dem abwesenden Vater aus dem Krankenhaus heraus, einen Brief schreibt, nämlich den vorliegenden Roman. In diesem Brief geht es freilich kaum um den Vater, vielmehr nimmt das Leben von Mutter Ümran den meisten Raum ein. Der Roman schwenkt seinen Scheinwerfer zuckelnd abwechselnd auf die Mutter Ümram, auf die Schwester Aylin – dann wieder zurück auf die auf einem öffentlichen Platz herumlungernden Jungs. Nur einer von ihnen schafft es, sich von diesem Mileu zu lösen und das ist unser Arda. Er studiert Literatur und schreibt unser Buch. Sicher, der Roman erzählt von Fremdheit und von fehlenden Vorbildern und von einer verfehlten Jugend, aber eigentlich ist es nur ein coming-of-age Roman mit Migrationshintergrund. Eine Sinnsuche, eine Vatersuche kommt nicht vor. Gefühle sucht man vergeblich. Ja, der erzählende Arda schreibt, eigentlich sei er doch viel besser dran, ohne Metin. Das mag sein, aber warum haben wir dann einen Roman vor uns namens "Vatermal"? Was ich von dem Roman erwartet habe, entweder eine intensive, gerne auch innere, Vatersuche oder eine Auseinandersetzung mit dem Patriarchat oder eine Schilderung von Zerrissenheit zwischen den Kulturen, all das, erwartete ich vergebens. Nun ist die Schilderung der herumlungendern Jungs auf der Bahnhofsvorbank gar nicht schlecht geschrieben, aber etwas Neues ist das ganz und gar nicht, im Gegenteil, es ist so alltäglich, dass mir vor Langeweile der Kopf auf die Tischplatte knallt, denn das ist die stärkste Emotion, die der Roman bei mir auslöst: bohrende Langeweile. Und das darf Literatur nicht, sie darf aufregen und zornig machen, sie darf fremd sein und unverständlich, provokativ und offen anklagend, aber eines darf sie nicht, mich langweilen. Mit viel good will gibt es noch drei Sterne – aber der dritte Stern ist ein geschenkter, dem Umstand geschuldet, dass der Roman, aus welchem Grund auch immer, auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2023 steht. Vielleicht ist es tatsächlich ein Roman für junge Leute, die sich mit herumlungernden Jungs und nagellackigen Mädels identifizieren können.
Kategorie: Migrationsliteratur. Coming of Age Verlag: Claassen, 2023
Arda liegt im Krankenhaus, sein Zustand ist äußerst schlecht, und so schreibt er einen Brief an seinen Vater Metin. Dieser hat die Familie vor vielen Jahren verlassen, Arda hat keine Erinnerung an ihn. Wir erfahren in Ausschnitten von seinem Aufwachsen, den Dynamiken in seiner Familie, Freundschaften, Rassismus, die Suche nach Identität. Außerdem erhalten wir Einblicke in die Geschichten seiner Schwester Aylin und seiner Mutter Ümran.
So viele positive Stimmen hatte ich zu „Vatermal“ gehört und glücklicherweise kann ich ihnen nur zustimmen. Auch für mich war es eine berührende und einnehmende Geschichte und ein gelungenes Leseerlebnis. Ich konnte den Figuren nahekommen und habe ihre Erlebnisse gerne ein Stück weit begleitet. Necati Öziri schreibt keine Zeile zu viel, aus den Ausschnitten aus Ardas, Aylins und Ümrans Leben erschließt sich vieles.
Das Buch hat seinen Platz auf der Longlist des Deutschen Buchpreises definitiv verdient. (Update 19. September 2023: Jetzt auch auf der Shortlist!)
Und wieder bin ich im Deutscher-Buchpreis-Lesemarathon. Und wieder, wie auch 2022, beginne ich mit dem Buch eines deutsch-türkischen Autors (2022 wars eine Autorin). 3 Sterne, wie auch bei Fatma Aydemirs Dschinn damals. Es geht auch hier um eine Familiensaga, diesmal ist das geheimnisvoll Auslösende ein Blutrachemord, den der Vater des Hauptprotagonisten an den Mördern seines Bruders begeht. Der Vater, der in diesem Roman die über allem schwebende, aber doch im nebelhaft unklaren bleibende, Figur ist, an die sich all das Erzählen richtet, wird seine Familie bald verlassen und wieder zurückgehen in die Türkei (natürlich, die Familie wohnt und lebt in Deutschland, Gastarbeiter, man arbeitet sich ab am Thema der Ausgrenzung, der Diskriminierung, der Beschämung und des Aufstieges aus der Gosse). Das, was das Abarbeiten betrifft, es scheint die traumatische Erfahrung dieser zweiten Generation zu sein, eine Erfahrung des Nicht-Richtig-Ankommens, des eigentlich Nicht-Integriert-Werdens, auch wenn es dann die Staatsbürgerschaft gibt, aber die kann auch wieder entzogen werden, die der Beamte bei der Überreichung derselben drohend ausspricht. Das scheinen die Länder Deutschland und Österreich gemein zu haben, dass man als Fremder in dieses völkische nicht einfach eindringen kann. Wie auch im Dschinn des Vorjahres gibt es hier ein großes Erdbeben, das für den Fortgang der Handlung wesentlich ist. sie lesen sich leicht und gut, die knapp 300 Seiten (habs heute in einem durchgelesen), ich nehme mal an, dass der Autor hier viel aus eigener Erfahrung schöpfen konnte, die Milieubeschreibung der Jugendlichen aus dem Sozialbau, die cliquenmäßig abhängen, Bandenkriege, Drogen (diesmal nur leicht, die sowieso bald legalisiert sein werden). Als Rahmen dient die schwere Autoimmunerkrankung des Hauptprotagonisten, der in der Intensivstation eines Krankenhauses liegt und hier die Geschichte seiner schwierigen Familie, seines Aufwachsen revuepassierend erzählt. Nettes Buch, interessante Einblicke in das Leben der 2. Generation, das da romanhaft und nicht als Soziologiebuch daherkommt. Ob es für die Shortlist reichen wird, würde ich mal bezweifeln. 19.9.2023: Es hat gereicht für die shortlist
Mich hat lange nicht mehr ein Buch so gecatcht und berührt wie dieses. Ich war gerade in einem kleinen reading slump und Vatermal hat mich da definitiv rausgeholt. Necati erzählt eine literarisch wunderschöne und gleichzeitig inhaltlich traurige Geschichte. Er berichtet in seiner Erzählung von den Problemen, die Migrant*innen und deren Kinder in Deutschland haben. Ich finde jede*r sollte dieses Buch gelesen haben, um mehr verstehen zu können, welche Hindernissen diesen Menschen gestellt wird und mit welchen Sorgen sie zu kämpfen haben. Aus meiner Sicht ein guter erster Schritt, um das Leid dieser Menschen besser verstehen zu können. Das Buch hat mir wieder mal gezeigt, wie wichtig, besonders und vor allem wie schön zu lesen migrantische/ interkulturelle Literatur ist. Danke Selin für die Empfehlung!!1
Arda schreibt einen Brief an seinen Vater und wirft da alles rein, was ihm nur irgendwie in den Sinn kommt. Dass es ein Brief ist, ist für mich rasch nicht mehr erkennbar. Der Aufbau der Geschichte verwirrt mich und die Sprache holt mich nicht ab. Ob die klischeehaften Situationen notwendig sind und vielleicht ja tatsächlich zutreffen, kann ich natürlich nicht beurteilen. So oder so habe ich es dann zu Ende gelesen, damit es zu Ende ist. Aus meiner Sicht verpasst man aber nichts, wenn man das nicht liest.
Ich habe ja echt noch nie ein türkisches Buch gelesen die in Deutschland so gehypt werden. Sie interessieren mich schlichtweg nicht. Ich fand dieses Buch in einem Bücherschrank und dachte komm ließt halt mal rein. Es packt jemanden wie mich der diese Art der Schriftsprache nicht gewohnt ist da, wo man es nicht erwartet. Ich war irgendwie bisschen erstaunt, aber dann auch wieder nicht, dass jemand das hier so ganz ausgelassen in dieser Form wirklich veröffentlichen konnte.
Und normalerweise rezensiere ich selten Bücher, zumal ich diesen hier nach knapp 140 Seiten abgebrochen habe da ich das Ende und alles drum herum schon längst durchschaut hatte. Arda, das heißt Oziri, redet und klopft viele Sprüche, alles locker aus dem Handgelenk, ist irgendwie nichts ernst gemeint. Und doch behandelt Oziri ernste Themen, über die irgendwie immer alle Türken reden: Ausländeramt, Arbeitsamt, durch Faustschläge verursachte Schwangerschaftsabbrüche, Identitätsfindung, Landzugehörigkeit, wie man leicht Geld verdienen kann, usw. Ehrlich jetzt, man könnte ja fast meinen die Türken kennen gar keine anderen Themen. Und alles natürlich ohne jede Komposition oder edler Schreibart, dafür voll von Beschreibungen und klischeehaften Situationen, die nicht näher erläutert werden müssen. So wie Öziri das so erzählt könnt man meinen seine Landsleuten finden sich alle immer und immer wieder in denselben Situationen. Ist das jetzt Kritik an den anscheinend typischen Verhaltensmustern der Türken oder schlichte Festellung? Eenn ich jetzt sowas schreibe wird mir sofort das Verbreiten von Vorurteilen vorgeworfen, dabei tut dieses Buch ja gerade das ganz von selbst, ja wirklich ganz von selbst. Ich weiß dabei selbst nich ob Oziri da überhaupt einen Hintergedanken hatte oder einfach nur Zeug vom Stapel lässt damit er eben ein Buch ausfüllen kann.
Mit einem Brief an Papa, oder Vater, oder "Baba", da Arda nicht weiß wie er seinen Vater anreden darf oder soll, beginnt die ganze Geschichte. Dann geht es über Vorurteile zu Vorurteile: Türke ist dies, Türke will das. Vater hatte zwei Frauen, seine erste, also ardas Mutter hatte er verlassen weil er feige war. Und Arda? Na der hats schwer logischerweise, denn will von Papa auch so geliebt sein wie seine zwei Halbbrüder.
So fragt sich Arda z.B., da er ja Literat werden will, was er da wohl schreiben soll und Oziri lässt ihn sagen: "Keine Ahnung, irgendwie müssen wir mit diesen ganzen Storys doch Cash machen, oder?" Ob Oziri jetzt einfach die typisch türkische Besessenheit von Geld kritisieren oder einfach ohne Hintergedanken authentisch den Durschnittstürken wiedergeben wollte, weiß ich nicht. Aber das Buch steckt voll von solchen Klischees, die ja wie jeder weiß immer eine gewisse Wahrheit enthalten, auf die zu zeigen gleichbedeutend mit Rassismus ist. Doch wenn ein Türke seine Landsleute wie in diesem Roman darstellt ist das Kritik, wenn ich das mache, ist das Rassismus.
Diesen Roman Stück für Stück zu zerpflücken bedeutet ihn ernster zu nehmen als er selbst sein will. Und doch, was soll man sonst mit solchem damit machen als ihn zu zergliedern... ich mein, hier ist irgendwie alles und nichts drin. So viele Seiten sind hier, wo letzten Endes einfach nur sinnlose Dialoge geführt werden zwischen Mutter und Kindern. Alltägliche Gespräche eben. Wozu sie dienen oder was sie verdeutlichen sollen weiß ich auch nicht. Vielleicht sollen sie nur Seiten ausfüllen. Auch viel Woke Agenda lässt sich hier finden, was mich doch etwas überrasche, denn die vielen Türken die ich alle so kennengelernt habe sind eigentlich eher stark rechts orientiert. Also sie wollen zwar nicht in der Türkei leben, aber sind unglaublich stolze Osmanen, halten die Türkvölker für die "Königsrasse" wie mir einer am Arbeitsplatz sogar mal sagte. Und hier nun lässt Oziri eher den politischen Diskurs im Sinne von linken Glaubensansätzen anheizen. Wenn es nämlich darum geht, sich selbst als Opfer darzustellen, kommt linker Sprachgebrauch viel besser rüber als wenn man dann einen stolzen Türken portraitieren will. Wäre Arda jetzt eher so wie der Großteil der hier in Deutschland Lebenden, jene nämlich die beim EM türkische Fahnen gegen die deutsche Mannschaft schwingen, dann könnte der Gedanke der Toleranz und des Respekts, denn auch Oziri für seine Landsleute fördern will, dem Leser nicht erzwungen werden. Wir sollen also die Türken bemitleiden und tolerieren, gleichzeitig setzt Öziri uns hier ein Buch voller türkischen Klischees vor die Augen die viele den Türken vorhalten. Versteh ich echt nicht.
Solcherlei verwirrte Gedanken löste das Buch bei mir aus. Ich beurteile Menschen und deren Realität immer so wie sie sich in meiner Gegenwart geben und wenn ich dann ein Buch wie "Vatermal" lese, in der zwar viele türkische Realitäten wiedergegeben werden, gleichzeitig aber auch linke Toleranz für Türken fördern will, so entsteht bei mir ein Fragezeichen. Ja was denn jetzt? Sollen wir die ganzen türkischen Klischees, die viel Wahrheit haben und die hier dargestellt werden kritisieren und zu bessern hoffen, oder sollen wir sie ganz nach linker Art tolerieren? Beides geht halt schlecht.
Ich glaube Oziri dachte gar nicht so weit. Es geht um "Cash machen".
Arda bleibt nicht mehr viel Zeit – er liegt mit multiplem Organversagen im Krankenhaus, keine Behandlung zeigt Wirkung. In Gedanken wendet er sich an seinen Vater, den er nie kennengelernt hat und der wieder in der Türkei lebt – mit seiner neuen Familie. Arda erzählt ihm von seiner Kindheit und Jugend im Ruhrgebiet, von vielen Stunden beim Ausländeramt, von Freund-, Feind- und Liebschaften. Immer wieder nimmt er auch die Sicht von Mutter Ümran ein, die sich ihr Leben bestimmt anders vorgestellt hat – und von Schwester Aylin, die auf keinen Fall den gleichen Weg einschlagen will.
Während die Erzählungen der Vergangenheit gut und interessant ausgestaltet sind, trägt die Rahmenhandlung (die Krankenhaussituation) nichts zur Geschichte bei. Die (lange, ausformulierte) Briefform ist störend, sobald man sich vor Augen hält, dass der Autor des Briefs gerade vor sich hin stirbt. Dieser Rahmen hätte genauso gut weggelassen werden können – es wäre noch immer eine gute Erzählung zu den Themen Migration, Klasse, Kultur und Marginalisierungserfahrungen. Also: durchaus lesenswert, wird aber dem Hype nicht gerecht.
4,5 aber nur 4 zu geben würde sich unfair anfühlen, weil ich einfach echt gar nichts an dem Buch auszusetzen habe. Höchstens, dass es länger hätte sein können weil ich gerne noch mehr ins Detail gegangen wär... aber vielleicht hab ich auch nur sehr viel Zeit in den letzten Tagen gehabt und es so schnell gelesen, dass es mir deswegen so kurz vorkam.
Hatte relativ hohe Erwartungen und sie wurden alle erfüllt und immer wenn ich dachte "oh ich wünschte er würde auf das und das noch mehr eingehen" hat ers im nächsten Kapitel wieder erwähnt.
Ich bin richtig richtig froh dass ichs gelesen hab also danke an meine Mama für das Geschenk und an Selin für die lustige Story über den Autor
Sein Leben hinter sich zu lassen ist verdammt schwer. Vor allem, wenn man nie die Chance hatte es richtig kennenzulernen. Öziris Roman beschreibt die hässliche Realität vieler türkischer Gastarbeiterfamilien in Deutschland. Rassissmus, Ausgrenzung und auch häusliche Gewalt sind Thema. Der innere Monolog von Ardan, die alltäglichen Dialoge seines Lebens, sowie der Brief an seinen Vater fließen ungehindert ineinander und ergeben so eine harte, aber wichtige Geschichte in der "nichts wahr und doch alles echt ist". Öziri zeigt, manche Menschen werden für immer aus unserem Leben verschwinden und dann bleibt es an uns, welche Geschichten wir über sie erzählen möchten. "Vatermal" ist eine Sammlung dieser Geschichten. Manche wahr, manche ausgeschmückt und andere ausgedacht, aber was sie alle verbindet: Menschlichkeit. Lachen, weinen, wüten, trauern, lieben und hoffen - Seite an Seite durchleben wir alles zusammen mit Ardan, Aylin, Ümran und in gewisser Weise auch Metin.
könnte jetzt super viel schreiben aber hart auf hart ist es egal weil ich finde alle sollen es lesen. Ich weiß nicht was necati öziri im wahren Leben für ein Typ ist aber ich finde ein Buch über Väter zu schreiben mutig und man muss einiges verstanden haben um das folgende zu schreiben:
„Und wenn du mal scheiße drauf bist, einfach so, als gäbe es keinen Grund, abends beim Zähneputzen oder so, oder wenn du an deinem Geburtstag 'nen Melancholischen schiebst, dann werd ich mitspielen, verstehst du? Ich werd nie lach doch mal sagen, sondern ich mach dir 'ne Wärmflasche, als hättest du Bauchschmerzen, und irgendwann kannst du die ganze Scheiße vergessen und selbst glauben, dass es einfach nur Bauchschmerzen sind.«“
Einen Brief an einen Unbekannten zu schreiben ist schwer, doch noch beschwerlicher ist es, wenn der Fremde der eigene Vater ist. Während Arda im Krankenhaus liegt und nicht weiß, wie viel Zeit ihm noch übrig bleibt, entschließt er sich dazu seinem Vater, der die Familie schon früh verlassen hat, von sich zu erzählen - ohne zu wissen, ob der Brief ihn jemals erreichen wird.
Ein Buch voller Sehnsucht nach Liebe, Zugehörigkeit und Akzeptanz. Ich habe jede Seite verschlungen, mich emotional einfangen lassen. Ardas Geschichte steht stellvertretend für unzählige. Sie gibt Menschen eine Stimme, Menschen die sonst unerhört bleiben. Sie ist trostlos doch zugleich voller Stärke, traurig, doch noch mit einem großen Funken Hoffnung.
Mir bleibt zu diesem Buch so viel zu sagen, doch nichts von dem lässt sich nur annähernd in Worte fassen.