Hätte ich die irische Auswanderin Molly Murphy, die sich im New York des beginnenden 20. Jahrhunderts mit Mut, Witz und Elan ein neues Leben aufbaut und die Neugier, mit der sie gesegnet ist, nutzbringend als Privatdetektivin einsetzt, nicht schon aus den zwölf Vorgängerbänden des hier zu besprechenden Romans 'Mord unter Künstlern' (im englischen Original 'City of Darkness and Light') gekannt, sondern wäre sie mir hier in Band 13 zum ersten Mal über dem Weg gelaufen, so wäre es mit Gewissheit bei dieser einen Begegnung geblieben! Wahrscheinlich hätte ich dann die teils in New York, teils in Paris und teils auf einem Überseedampfer auf dem Weg nach Frankreich spielende Geschichte nicht einmal zu Ende gelesen und als uninteressant, uninspirierend und leider langweilig – drei Attribute, die einem Cosy Crime, denn in dieses Genre sind Rhys Bowens Molly-Bücher einzureihen, nicht zueigen sein sollten – zur Seite gelegt und alsbald vergessen.
Da ich der umtriebigen Molly Murphy, inzwischen nach der von mir mit Skepsis beäugten Heirat mit dem immer humorloser und despotischer werdenden New Yorker Polizisten Daniel Molly Sullivan, aber viel Sympathie entgegenbringe, gab ich dem Buch, und damit der so veränderten Protagonistin selber, eine Chance und quälte mich bis zum Ende durch – und zweifle sehr, dass ich die noch folgenden Bände lesen werde!
Selten ist es eine gute Idee, Bücherserien über Gebühr auszudehnen, selbst wenn die Protagonisten noch so gut ankommen beim Publikum – irgendwann lässt der Reiz nach und es stellen sich Ermüdungserscheinungen ein. Noch dazu, wenn ein so rebellischer und eigenständiger, für die damalige Zeit geradezu revolutionärer Frauencharakter wie Molly Murphy eine unverständliche, ihr gar nicht bekommende Kehrtwendung macht und ihre Freiheit aufgibt, um einen zunehmend bornierter werdenden Macho zu heiraten, der seiner Frau kategorisch das 'Detektivspielen' untersagt (was Molly bereits vor der Eheschließung wusste, aber auf ihre typische Art erstmal ignorierte). Treusorgendes und ganz auf den Herrn des Hauses konzentriertes Hausmütterchen und jetzt auch noch Mutter des kleinen Liam, Ebenbild seines aufgeblasenen Wichtigtuers von Vater, ständig bemüht, ihrer Rolle, in der sie per se nicht hereinpasst, gerecht zu werden, sich als schlechte Mutter fühlend, wenn sie nicht von Früh bis Spät um den Säugling herumschwirrt – so begegnen wir Molly, ja genau, der Molly von einst mit dem gesunden Menschenverstand, in dieser Geschichte!
Beinahe dankbar war ich für das natürlich äußerst verwerfliche Attentat der sich gerade in New York zur gefürchteten Instanz etablierenden Cosa Nostra, gegen die der Ehemann ermittelt, auf die Sullivans, bei dem das unglückselige Kindermädchen getötet und das Haus zerstört wurde. Denn nun bestand Daniel darauf, dass seine Frau die Einladung ihrer beiden unangepassten Freundinnen Sid und Gus annimmt, denen er ansonsten wenig Sympathie entgegen bringt, und zu ihnen nach Paris reist. Weg von Daniel, so hofft man, findet Molly vielleicht zu ihrem alten, amüsanten Selbst zurück...
Nach einer so ermüdend zu lesenden wie überflüssigerweise in die Länge gezogenen Schiffsreise – und nach nunmehr einem Drittel des Buches – kommen Molly und Sohn Liam endlich in Paris an! Und Molly stellt zu ihrem Schrecken fest, dass die beiden Freundinnen, allem Anschein nach überstürzt, ihre Wohnung verlassen haben! Wenn Molly vor einigen Jahren noch voller Neugierde und Unternehmungslust in New York gelandet war, fest entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen und sich mit zupackendem Eifer eine Zukunft zu schaffen, so erleben wir jetzt eine verängstigte junge Frau, die unsicher in Paris herumtappt (kilometerweit übrigens und in denkbar ungeeignetem Schuhwerk!), das Baby im Schlepptau oder es bei der Bäckersfrau an der Ecke deponierend, auf der Suche nach Sid und Gus, das Schlimmste befürchtend. Nein, die Ehe, die sie zur Untätigkeit verdammt, tut Molly überhaupt nicht gut, beraubt sie jeglichen Selbstbewusstseins. Das wiederum tut der Geschichte nicht gut, genauso wenig, wie das prompte Zusammentreffen mit dem jungen, höchst ungebärdigen Picasso, mit Degas und Mary Cassett – Künstlergrößen ihrer Zeit. Das scheint alles viel zu sehr an den Haaren herbeigezogen, was auch für den Mord an einem rätselhaften amerikanischen Maler mit abstoßender Gesinnung gilt, über den Molly auf ihrer Odyssee durch die französische Hauptstadt stolpert – und den sie, denn so kennen wir sie, unbedingt auf eigene Faust aufklären möchte.
Und endlich erlebt man einen Hauch der alten Molly, denn an ihren unüberlegten, planlosen Ermittlungsversuchen, hinter denen auch in New York schon kein System steckte, hat sich nichts geändert! Doch stellt sich der Spaß, der bei fast allen Vorgängerbänden, wenn man einmal vom letzten, bereits deutliche Schwächen aufweisenden Buch absieht, immer präsent war, diesmal nicht ein. Man ist vielmehr froh, als sich die Dinge endlich aufklären, ebenso bemüht und ohne Originalität, wie die gesamte Geschichte auch, und man das Buch endlich zuklappen kann. Der Abschied von Molly Murphy, die nach getaner Arbeit und der Wiedervereinigung mit Sid und Gus, die in Paris ihren Esprit verloren haben und wenn nicht zu Witzfiguren, dann doch zu komisch-schrulligen, nicht ernst zu nehmenden, belächelten Weibsbildern mutiert sind, so schnell wie möglich zum leidigen Daniel zurückkehren möchte, fällt diesmal nicht schwer. Und das Interesse an ihrem weiteren Lebensweg hält sich, um es freundlich auszudrücken, in engen Grenzen....