Irgendwo im Buch wird die Aussage gemacht, dass Kinder, die im Nordlicht gezeugt wurden, glückliche Menschen werden. So wie in anderen Breitengraden, Menschen glauben, dass etwas unter einem oder keinem guten Licht (Stern) steht, um zu gelingen oder zu scheitern.
Und von Beginn an, besteht die Spannung bei dieser hier erzählten Geschichte darin zu verstehen wie die Lichtfrage beantwortet, sprich vom Schicksal entschieden werde.
Zunächst ist der Roman interessant aufgebaut. Alternierend erzählt er Lebensabschnitte einer Person die auf Grönland lebt und einer vermeintlich anderen in Deutschland, welche auf dem Weg (zurück) in dieses nordische Land, seine Heimat, wandelt.
Das Buch lässt die Leser*in auf privilegierte Weise das weitgehend unbekannte Grönland entdecken: und da gibt es viele interessante Facetten nicht zuletzt das Motiv des Rückzugsgebietes für viele der Protagonisten. Dann der allgegenwertige urwüchsige Hintergrund Grönlands: Die Natur, das Eis, die Ewigkeit, die unendlichen Flächen, die beschränkte Zugänglichkeit, die Ureinwohner der Inuit, ihre Kultur und Lebensweise.
In dieses Ambiente fällt der Großteil des spannenden Thrillers den Cornelia Franz hier vorlegt:
Der ungewöhnliche Aufbau des Narrativs, in zwei Zeitabschnitten alternierend erzählt, und man fragt sich lange wie diese beiden vielschichtigen Handlungen zueinander finden können. Ein Rätsel das auch die Spannung hoch hält. Ist denn alles im Plot realistisch, im Nachhinein wohl ja, obwohl bei erster Überlegung dem Zufall schon zeitweise auf die Sprünge geholfen zu sein scheint.
Von der Analyse her ergeben sich Einsichten in soziologische, kultur-anthropologische, wie auch soziokulturelle Fragestellungen. Nicht zu vergessen die Verwerfungen die durch Naturausbeutung hervorgerufen werden, und ihre hochgradig negativen Impakte auf bisweilen schlüssige, kohärente Gesellschaftsmodelle wie jene der Inuit.
Stets begleitende Themen ergeben sich aus der "Suche nach der persönlichen Identität", der "Frage nach Zugehörigkeit", dem Konzept von "wirklicher Gemeinschaft", des Wertes von Freundschaft, der Kraft der Gefühle und Emotionen. Wie steht es mit "Treue und Verbundenheit" in einer Beziehung, von Offenheit und Verletzlichkeit (Vater-Sohn Beziehung), oder aber auch dem Scheitern und Zugrundegehen an den neuen gesellschaftlichen Herausforderungen. Unterschwellig wird auch deutlich wie materielle Werte überhand nehmen: die gesellschaftliche Schere zwischen Reichtum und Armut öffnet sich zusehends, finanzielle und ökonomische Ausbeutung werden zu neuen Treibern, derweil die soziale Leiter, die versprochenen Möglichkeiten des Aufstiegs als leere Worthülsen im neuen gesellschaftlichen Diskurs, in der neuen sozio-ökonomischen Wirklichkeit nicht vorhanden sind. Der soziale Aufstieg der somit verwehrt bleibt: als offensichtliche Resultate - Frust, Enttäuschung, Rebellion, Abdriften in Drogenkonsum - als Konsequenz und die stetige progressive Entwicklung einer 'kranken' Gesellschaft.
Die populäre Autorin Cornelia Franz wird in unserer Zeit, mit diesem ausgewählten Werk, gerne auf der Oberstufe des Gymnasiums gelesen. In der Tat ein sehr ergiebiges Buch, das Seite für Seite einlädt über unser Leben, unsere Gesellschaft, unser prominentes Wirtschaftsmodell und insbesondere sein sich anbahnendes umweltpolitisches Armageddon nachzudenken, wenn nicht gar kritisch zu hinterfragen und Alternativen anzudenken.