"Ein Tagebuch ohne Fehler und Falsches wäre kein Tagebuch, sondern eine Fälschung."
In dieser typischen Manier warnt Kästner seine Leser zu Beginn seines nachträglich aufgefüllten stenographischen Tagebuchs über die letzten Kriegstage und ersten Nachkriegsmonate im Jahre 1945. Natürlich liegt er damit alles andere als falsch. So ist ein Tagebuch stets ein subjektives Unterfangen. Und dennoch richten sich seine Einträge vielmehr an seine Leser und handelt insbesondere von den Personen, die ihm in jenen Tagen begegnen und die Nachrichten vom Weltgeschehen, die ihn zu Ohren kommen. Er selbst blinzelt aus jedem seiner Worte heraus und kommt nicht umhin, scharfzüngig Seitenhiebe auf nationale wie internationale politische Szenarien zu verteilen sowie auf Schwächen und Stärken seiner unmittelbaren Weggefährten zu achten und mit Humor hervorzuheben, wobei er sich selbst nicht ausnimmt. Ich denke hierbei bloß an seine herrliche Anekdote, wie er von Himbeergeist schachmatt gesetzt wurde.
Nichtsdestotrotz genieße ich stets auch den ernsthaften Erich Kästner, der vielerorts große kluge Dinge in so bewundernswerte einfache Worte verpackt und ich mir wünschte, dass viel mehr Erwachsene zu dieser Art Büchern gegriffen hätte, anstatt nur ihren Kindern "Das doppelte Lottchen" etc. vorzulesen. - Kästner ist immerzu auf Wahrheitssuche und bemüht sein Umfeld aufzurütteln, zum selbständigen Denken und Hinterfragen anzuspornen. Und stets spricht er hierbei nicht nur Intellektuelle, sondern vor allem den einfachen Mann an und das stets auf liebevoller Weise.
Er berichtet vom harten Alltag, Nahrung, Kleidung und Wohnraum zu beschaffen, obwohl es ihm in Tirol nicht am ärgsten dabei trifft. Aus seinen Beobachtungen erfahren wir, wie einzelne Menschen auf das Ende des Dritten Reiches reagieren, wie Hitlerporträts über Nacht verschwinden und Fahnen politisch korrekt umgenäht werden. Er verschont uns am Ende auch nicht mit den Schilderungen eines KZ-Überlebenden.
Seine Augen verschließen sich nie vor der Verantwortung des Einzelnen und eines jeden Kriegsteilnehmers sowohl auf nationaler und internationaler Ebene, was er stets gekonnt auf den Punkt bringt:
"Wir, die deutsche Minorität, hätten versagt. Das ist ein zweideutiger Vorwurf. Er enthält nur die halbe Wahrheit. Sie verschweigen die andere Hälfte. Sie ignorieren ihre Mitschuld. (...) Die Sieger, die uns auf die Anklagebank verweisen, müssen sich neben uns setzen. Es ist noch Platz."
Diesem Ausspruch folgt ein erklärendes Plädoyer mit stichhaltigen Argumenten, die eben - typisch Kästner - eine Sache niemals einseitig betrachten lassen und mit den Worten endet:
"(...) Doch das Recht den ersten Stein gegen uns aufzuheben, das haben Sie nicht! Er gehört nicht in Ihre Hand. Sie wissen nicht, wohin damit? Er gehört, hinter Glas und katalogisiert, ins Historische Museum. Neben die fein säuberliche gemalte Zahl der Deutschen, die von Deutschen umgebracht worden sind."
Und so könnte ich unendlich fortfahren und noch mehr Zitate von ihm zusammentragen. - Kästner macht mir nicht nur Freude, sondern auch Mut. Seine Worte sind Medizin, die hilft und kein Mindesthaltbarkeitsdatum braucht.