Gewalt darf nie vergessen Mirjam Zadoff, Leiterin des Münchner NS-Dokumentationszentrums, versammelt Ideen für eine globale Erinnerungskultur.In heutigen Gesellschaften leben Menschen zusammen, deren Biografien durch unterschiedliche Erfahrungen von Krieg oder Diskriminierung geprägt sind – manchmal über Generationen hinweg. Können sie sich auf eine gemeinsame Erzählung verständigen? Mirjam Zadoff versteht Geschichte als Fähigkeit, Fragen der Gegenwart aus der Vergangenheit zu beantworten. Sie versammelt Beispiele aus aller Welt, wie in vielerlei Spielarten die Erinnerung an die Geschichte der Gewalt wachgehalten – oder vergessen – in Italien an die Deportation der Juden, in Japan an die Zwangsprostituierten, in Johannesburg an die Opfer des Holocaust und des Kolonialismus. So knüpft sich eine globale Erinnerungskultur, die alle Menschen einschließt, in deren Leben die Geschichte eine Spur der Gewalt hinterlassen hat.
"Dann schottet sich der deutsche Diskurs ab von einem längst globalen Phänomen der Holocaust-Erinnerung und klopft sich selbstgefällig auf die Schulter für das Erreichte."
Viele Gedanken und viel Begeisterung, bin noch mehr Fangirl als zuvor. Zadoff schaut in verschiedene Länder und zeigt, welche Themen erinnert und bearbeitet werden, wo Konflikte zwischen zivilgesellschaftlichen Forderungen und öffentlichem Gedenken liegen, wo Details und Ambivalenzen im Dienste von einseitigen Narrativen unter den Tisch fallen (Spoiler: quasi überall).
Am wichtigsten: Sie macht deutlich, dass gut gemachte, kritische Erinnerungsarbeit nie staatlicher Eigennutz war, sondern immer von einzelnen Personen und Initiativen ausging (dazu noch fast immer von Betroffenen und deren Nachfahren) und dass diese Initiativen global vernetzt sind und oft untereinander solidarisch handeln. Kleine Utopiesplitter.
Am besten gefallen haben mir das Kapitel zu Polen und das zu Südafrika, in dem die Verbindungen zwischen der Erinnerung an den Holocaust und der an koloniale Gewalt und den damit verbundenen Genoziden besonders deutlich wird. Insgesamt aber tausend extrem interessante Beispiele, Querverbindungen und Einordnungen! Auch noch gut geschrieben!
Natürlich können 218 Seiten keinen tatsächlich globalen Blick schaffen, Zadoff erhebt aber bereits zu Beginn keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Am Ende ein tolles Plädoyer für eine multiperspektivische, fragmentarische, transnationale Geschichtskultur, die Widersprüche und Konflikte aushält. Und für eine deutsche Geschichtspolitik, die endlich postmigrantische Wirklichkeiten anerkennen muss.
“Die Welt in ihrer Schönheit zu zeigen, ihrer Verletzbarkeit und Vielfalt, lässt sich deshalb nicht trennen von der Geschichte der Gewalt und des Traumas. Was Menschen in der Lage sind zu erschaffen und zu welcher Zerstörung und welchem Leid sie gleichzeitig fähig sind, ist Teil derselben Vergangenheit.” (34)
Es ist erstaunlich, wie viel in einem vergleichsweise kurzen Buch angesprochen werden kann. Zadoff zeigt eine Vielzahl von Verbindungen in der Gewaltgeschichte auf und präsentiert zudem Ansätze der künstlerischen und musealen Aufarbeitung. Die Kapitel finden häufig an den angesprochenen Orten statt. Zadoff berichtet von Besuchen, persönlichen Erlebnissen und Gesprächen, und verbindet dies mit der dortigen Vergangenheit. Dies sorgt für ein tolles Leseerlebnis.
Zadoff beschränkt sich jedoch nicht auf die Vergangenheit, sondern thematisiert auch aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen. Dazu zählen die tödliche europäische Migrationspolitik, Bücherverbote in den USA, Rassismen in der deutschen Gesellschaft sowie koloniale Legacies, wie im namibischen Landbesitz.
Insgesamt ein bemerkenswertes Buch, das mir viele neue Perspektiven auf Gewaltgeschichte eröffnet hat.
Das Buch hat mich umgehauen. Aktuelle Zahlen zu wichtigen Themen, unglaublich viele Denkanstöße (wie zB der fehlende Fokus auf Zuschauende) und auch die Kapitel über Japan waren wirklich sehr interessant!
Erinnerungskultur wirklich ein so vielschichtiges und komplexes Thema, aber das ist ein sehr empfehlenswertes und aktuelles Buch dazu.
Ich fand’s super spannend und anregend! Zadoff betrachtet erinnerungskulturellen Strategien verschiedener Länder, die trotz unterschiedlicher Entstehungsgeschichten, Absichten und politischer Motivationen global miteinander verwoben sind und voneinander beeinflusst werden. Ein Marker, der sich durch jedes Kapitel zieht und den ich besonders interessant fand, ist der Einfluss realpolitischer Interessen auf das Erinnern sowohl auf nationaler Ebene in allen betrachteten Ländern als auch im Kontext der internationalen Anerkennung von Gewaltverbrechen. Wer darf wann, wo, wie an wen erinnern? Mit welchen Mitteln und unter welchen Bedingungen? Wie gelingt es spezifische Gewaltgeschichten in globale Kontexte einzuordnen, ohne dabei unpräzise und verallgemeinernd zu werden? Diesen Fragen nähert sich Zadoff u.a. in diesem Buch an und gibt am Ende zwar keine perfekten Antworten, aber dennoch viele wichtige Impulse. Würde gerne noch viele weitere Essays von ihr zu diesem Thema lesen, das Potenzial erschließt sich mir auf jeden Fall zu 100%.
according to german gospel there is no evil greater than the evil from german soil and mind, therefore there must be no deeper remembrance to violence than Fascist Evils. Miram Zadoff is an Austrian Historian and travels to places of remembrance: Yad Vashem, Milan rail no 1., Warsaw, Berlin, Livorno, Babyn Jar, Amsterdam, Tokio, Seoul, Phnom Penh, Brussels, Cape Town and strolls finally around the US. Depicting some of the many layers of violence penetrated and the struggles in todays societies how to cope with glorification of colonial violence and silence about atrocities.