Ausgangspunkt der Überlegungen von Precht, der sich auch hier nicht als Katheder- "Philosoph", der einen "Prechtianismus" hinterlassen will, sondern als ein "philosophe", also als öffentlicher Intellektueller, der er ist, bewährt, ist die Beobachtung, dass wir einfach auf Feindbilder nicht verzichten können: "Auf die Schablonen 'Christen gegen Heiden', 'Zivilisierte gegen Wilde', 'Freiheit gegen Kommunismus', 'Christlich- abendländische Kultur gegen den Islam', folgt nun 'Demokratien gegen Autokratien'." (4) Dabei hätte "die Geschichte" entweder mit dem Sieg der kapitalistisch- demokratischen Marktwirtschaft enden oder aber mit dem "clash of civilisations" in ihr finales Stadium eintreten müssen. Daher arbeitet sich Precht zunächst an den Autoren ab, die diese Meinungen wirkmächtig in die Welt gesetzt haben, um mit Blick auf den angeblichen Demokratie-Autokratie-Antagonismus (China/ Russland vs. "westliche Welt") nüchtern zu bilanzieren: "Und auch die völlig unterschiedlich regierten afrikanischen Staaten nehmen einander nicht als systemische Konkurrenten wahr." (57) Womit klar ist, dass es bei dieser "systemischen Konkurrenz" um etwas anderes gehen muss.
Um auf die Frage zu antworten, warum Gesellschaften scheitern (und er sieht "uns" offensichtlich scheitern), führt Precht dann bekannte Beispiele (Osterinseln, Grönland etc.) an, um endlich zu schlussfolgern, dass nicht etwa nur die menschengemachten ökologische Probleme allein zum Scheitern führen, sondern auch die "Torheit" der Mächtigen, der "kollektive Wahn, der Regierende Herausforderungen nicht klar, sondern verzerrt wahrnehmen lässt", wozu die "Wut auf alle [gehört], die ihn nicht teilen." (62) Die Staatsraison mit Blick auf Israel und Polizeieinsätze gegen Palästina-Solidaritätskundgebungen lassen grüßen, würde ich sagen, und mit Precht erklären: "je größer die Herausforderungen werden, umso schlichter werden die Narrative." (64) Über deren "Verengung" und die Folgen hat Precht ausführlicher in seinem jüngsten Essay "Angststillstand" geschrieben.
Aber nicht nur Narrative sind das Problem, sondern auch die dadurch erzeugten "Derivationen" (Ideologien), die z.B. von "Ländern" reden, die "Interessen" hätten ("Die Ukraine hat/ darf/ will/ soll usw.): "Aber Abstrakta handeln nicht, sie haben nicht einmal Interessen." (80) Daran arbeitet sich Precht in der Folge anhand von Beispielen (Stalinismus, Vietnamkrieg u.v.m.) ab, um die Möglichkeit, dass solch derivative Narrative geglaubt werden, wohl zutreffend mit dem Schwinden des historischen Bewusstseins zu begründen. Das Problem sei die "Nullpunktsetzung" (87), was ein schönes und treffendes Wort ist: Nein, der Ukrainekrieg hat eben nicht 2022 begonnen und wer seine Gründe verstehen will, muss sich schon in der Zeit ein bisschen zurück bewegen (allerdings nicht bis zu Peter I. gegen Mazeppa- das ist nur eine neue Derivation, da hier Analogien aufgemacht werden, die jenseits aller Kausalität falsche Kontinuitäten begründen). Und das trifft - lt. Precht - für beide Seiten zu, also für das russische wie das ukrainische Geschichtsnarrativ, und natürlich auch auf "uns" und die Frage, was "wir" daraus auswählen, um was zu begründen. (Vgl. 88 ff.)
Dabei geht es um die Menschenrechte als universalem Wert. Precht will deren Universalismus verteidigen, weshalb er zunächst - wieder anhand von Beispielen - deren Missbrauch durch die "westlichen" Nationen aufzeigt. Ein Aspekt ist: "Nur satte Nationen wahren den Wert der Menschenrechte, ausgehungerte und hungrige Nationen tun es fast nirgends und nie." (106) Daraus folgt aber nur, dass die Bekämpfung von Hunger und Elend für die Durchsetzung von Menschenrechten am wichtigsten ist, ein Feld, auf dem die ach so moralische "westliche" Welt kläglich versagt, freilich ohne sich das einzugestehen. Jedenfalls sind in "unseren" Augen die Erfolge bei der Bekämpfung von Hunger und Elend in China und Indien kaum erwähnenswert; stattdessen geht es (auch zu Recht) um die Uiguren. Menschenrechte werden also vor allem politisch verstanden, womit ihre sozialen Aspekte, die einst durch sozialistische Staaten in die UN- Charta eingebracht wurden (Recht auf Wohnen, Bildung, Gleichberechtigung etc.), weitgehend ignoriert werden.
Warum das so ist? Prechts These lautet, die neu ausgerufene "Systemische Rivalität" sei eine bewusste Entscheidung, die Macht der Gefühle [als] Mittel der kognitiven Kriegsführung" (119) einzusetzen. Das wird im Folgenden wieder an Beispielen illustriert, wobei zur theoretischen Fundierung von Cassirer bis Chomsky namhafte Gelehrte herangezogen werden. Vor allem stehen hier die amerikanischen Interessen im Vordergrund, etwa die unter Gerhard Schröder forcierte Annäherung Deutschlands an Russland mit allen (!) Mitteln zu verhindern. Das probate Mittel der kognitiven Kriegsführung sind dabei die Massenmedien, die in Deutschland mittlerweile (fast) vollständig unter dem Einfluss "transatlantischer Netzwerke" (134) stünden. Wie sich das in Talkshows etc. äußert, dazu werden wiederum viele Beispiele angeführt. Hier spricht der Autor ja durchaus aus eigener Erfahrung. ;-)
Aufgezeigt wird dann im zweiten Drittel des Textes, wie Identitätspolitik ("Volk") und der Universalismus der MENSCHENRechte, miteinander in Widerspruch geraten, wobei Menschenrechte am Verlieren sind, weil sie ihre universale Geltung zugunsten nationaler Interessen einbüßen. Damit wird das Gerede darüber zu bloßem Gelaber bzw. zum "links-grünen Anspruch, die Welt am westlichen Maßstab kurieren zu wollen". (166) Frau Baerbock lässt grüßen. Dagegen führt Precht aus, dass man "Werte" nicht besitzen, sondern nur entwickeln und im praktizierten Humanismus bewähren und begründen kann. Als Maßstab dafür gilt ihm die "Menschenwürde" (187), ein Konzept, das zwar in der europäischen Renaissance aufkam, nichtsdestoweniger aber seit Kant zu Recht universelle Geltung beansprucht. Dabei weist Precht auch hier darauf hin, dass im "Westen" Menschenrechte als Abwehrrechte gegen staatliche Übergriffe konzipiert wurden, während die sozialen Bewegungen in aller Welt auch einen Begriff derselben hervorgebracht hätten, der den Staat in die aktive Pflicht nimmt, Menschenwürde aller auch zu ermöglichen. Insofern sei es nach Precht schädlich, Menschenrechte auf "westliche Werte" einzuengen und daraus Ansprüche abzuleiten. (Vgl. 219f.) Immerhin sei nicht zu vergessen, dass Werte wie die Frauenemanzipation auch in Europa sehr junge Werte sind. Es sei einfach nicht statthaft, von anderen Kulturen zu verlangen, dass sie das, was "bei uns" Jahrhunderte gedauert hat, nun unverzüglich übernehmen sollten. Warum sollte in arabischen Ländern der Widerstand dagegen "schlimmer" sein, als der in bürgerlichen Schichten wie der Arbeiterbewegung bis mindestens Mitte des 20. Jahrhunderts in Deutschland? "Bedürfnisaufschub" sei notwendig, ist aber - wie der Autor in einem späteren Buch ausführt ("Angststillstand") - aufgrund der Axelotilisierung der Gesellschaft unpopulär geworden. Für die grüne ehemalige Außenministerin hätten daher andere Länder am besten sofort und jetzt dem deutschen Beispiel zu folgen, was u.a ignoriert, dass Länder wie China über eine deutlich ältere Zivilisation als das Germanenreich und folglich auch über verfestigte eigene Werte verfügen, mit denen es - statt sie zu negieren - in Dialog zu treten gelte.
In diesem Sinne ist die Conclusio Prechts: Wir sollten das Auswärtige Amt "in ein Ministerium für internationale Zusammenarbeit" (249) transformieren und - das füge ich hinzu - die USA auffordern, ihr KRIEGSministerium nicht nur wieder umzubenennen, sondern seinen Inhalt wirklich auf "Verteidigung" umzustellen.
Sollte man das Buch lesen? Wer mit der Tendenz dieser Rezension übereinstimmt, muss das vielleicht nicht tun. Es gibt nichts wirklich Neues. Wer allerdings an sich selbst moralischen Rigorismus im Sinne von "Wir sind die Guten" (oder: "Ich bin der/ die Gute") beobachtet, sollte sich durch den Text auf die Widersprüche seines und "unseres" Denkens aufmerksam machen lassen. Besonders der studierenden Jugend, die nicht alle historischen Beispiele zur Hand resp. im Kopf präsent haben kann, sei der Text zur Überprüfung eigenen Denkens empfohlen. Er macht keinesfalls dümmer.