"Weiße Tränen" von Kathrin Schrocke ist ein fesselndes Jugendbuch, das die Geschichte von Lenni und Serkan erzählt, die beste Freunde sind, bis der neue Mitschüler Benjamin auftaucht. Benjamin ist der einzige Schwarze Schüler am Gymnasium und stellt bald nicht nur die Theater-AG auf die Probe, sondern kritisiert auch einen beliebten Lehrer und prangert Rassismus offen an. Lenni muss sich bald entscheiden, ob er im Happyland bleibt und seinen besten Freund verliert oder, ob er das Happyland verlässt und anfängt, seine Privilegien zu hinterfragen. Um Jugendlichen deutlich zu machen, wie verbreitet Alltagsrassismus ist und wie unerträglich das Nichtstun und die Ignoranz vieler Weißer ist, ist der Roman deshalb sehr gut geeignet. Ich kann ihn dazu auf jeden Fall sehr empfehlen!
Einen Stern Abzug gibt es, weil mir teilweise der Schreibstil und die Beschreibung einiger Charaktere nicht gefallen haben. Die Erzählerin bemüht sich um einen authentischen jugendlichen Sprachstil, wobei das nicht immer gelingt. Richtig gut wird der Roman immer dann, wenn sich die Autorin ans Prinzip „Show, don‘t tell“ hält und die Charaktere komplex gezeichnet werden, neue Seiten an ihnen sichtbar werden oder, wenn es überraschende Wendungen gibt. Auch dies gelingt nicht immer, aber gerade in der zweiten Hälfte des Romans immer konsequenter. Ich hätte mir insgesamt mehr Mut zu Intersektionalität gewünscht, die Kategorien Klasse und soziales Geschlecht kommen nur am Rande vor bzw. werden teilweise ausgeblendet, auch wenn die Geschichte eigentlich Chancen dafür geboten hätte - teilweise kommen die Charaktere, an denen dies hätte gezeigt werden können, aber nur kurz oder nur einmal vor. Ich freue mich also auf eine Fortsetzung der Geschichte, da ich davon überzeugt bin, dass die Autorin hier noch nicht alles auserzählt hat :)