Zweistromland - zwei Ströme; diese sind aber weder Dîcle (Tigris) noch Firat (Euphrat), sondern zum einen Dîlan’s Gegenwart, wo sie sich spontan auf den Weg von Istanbul über Konya bis nach Amed macht, der heimlichen Hauptstadt der Kurd*innen und der andere Strom zieht uns in die Vergangenheit, in die Sommerferien 1999, wo wir mehr über Dîlan‘s Vergangenheit erfahren.
Und zwischen diesen zwei Strömungen liegt Sur - die Altstadt von Amed, wo Bürgerkrieg herrscht.
Während alles Wasser fließt, scheint die Zeit in Amed still geblieben zu sein.
Wir begleiten Dîlan - eine alevitische Kurdin - auf diverse Reisen in ihre Gefühlswelt, die nach der Beerdigung ihrer Mutter in Deutschland - wo Dîlan aufgewachsen ist - ins Wanken gerät, als sie auf eine mysteriöse Frau aus ihrer Vergangenheit trifft.
Zurück in Istanbul will diese Begegnung sie einfach nicht mehr loslassen, sie fängt plötzlich an sich an Dinge zu erinnern, die sie verdrängt hatte und fängt an in ihrer Vergangenheit herumzustochern; wieso sind die Eltern so schweigsam was die Vergangenheit betrifft? Wer ist der mysteriöse junge Mann, der immer nur über die Sommerferien bei ihnen ist? Was haben ihre Eltern als Studierende in Amed erlebt - was hat sie angetrieben? Was ist im Sommer 1999 passiert?
Dîlan weiß, dass sie die Antworten nur im 1000km entfernten Amed erfährt also macht sie sich hochschwanger spontan per Reisebus auf den Weg dorthin und macht unterwegs erste Erfahrungen in der kurdischen Lebensrealität, als der Bus vom Militär angehalten wird und sie für eine Befragung raus muss.
Was mir gefallen hat; die politische Note in dem Buch war überhaupt nicht aufdringlich, als Kurdin die alles was drüben geschieht mitverfolgt und deren Familie selber Opfer von dieser Staatsgewalt ist, war das natürlich nichts neues für mich, aber zu Stoltenberg hat diese Thematik sehr geschickt in die Geschichte eingewoben, sodass Menschen, die überhaupt keine Ahnung von der Thematik haben, nicht direkt abgeschreckt sind.
Einzelne Kapitel behandeln parallel zu Dîlan’s Geschichte den Städtekrieg von Amed, so als würde man wie ein Vogel über Amed fliegen und verschiedene Fragmente einfangen: in einem dieser Kapitel geht es z.B. um eine kurdische Mutter, die nach ihrer Tochter sucht, die sie unter den Trümmern eines zerstörten Hauses vermutet usw.
Dieser Städtekrieg (2015/2016) ist übrigens nicht aus der Fantasie von zu Stolberg entsprungen, diesen Städtekrieg gab es wirklich.
Der Sommer 1999 war interessant, wenn auch ein wenig langatmig - Dîlan ist direkt an der Ostsee aufgewachsen und verbringt die Sommerferien mit Rike und Jelena. Ich fand es süß die drei in ihren Sommerferien zu begleiten, die von schwimmen, Fahrradfahren und am Ende von einem tragischen Unfall geprägt sind.
Ich habe Dîlan‘s Eltern sehr gerne kennengelernt und wünschte, dass wir sie und ihre Gefühlswelt noch besser kennengelernt hätten - vor allem als Dîlan anfing in Amed in der Vergangenheit ihrer Eltern herumzustochern, würde so so gerne ein Buch über ihre Eltern - vor allem die Mutter - und ihre Zeit an der Universität in Amed lesen! Konnte nicht glauben, dass die Mutter als junge Frau so anders war - so fierce!
Ich muss sagen, dass die Kapitel mit Johan und wie sie sich kennengelernt haben, mich nicht mitgerissen haben - irgendwie ist Johan für mich wie ein nasses Handtuch 🥲 Dieses ganze nicht miteinander reden und sich auseinanderleben, obwohl sie unter einem Dach leben, ist nicht mein Fall und fand‘s gut, dass die sich am Ende doch wieder einander nähern, als Johan ihr per Telefon dabei hilft der Vergangenheit ihrer Eltern näher zu kommen, als es so aussah als stünde sie vor verschlossenen Türen.
Was auch neu für mich war ist, dass Johan androgyn ist!
Hatte ich bisher in keinem Buch, dass ein Charakter als androgyn beschrieben wird.
Obwohl Yoldaş nur ein wirklich kleiner Nebencharakter ist, ist er mir sehr im Gedächtnis geblieben.
Irgendwie ist er so typisch kurdischer Kioskbesitzer and we‘re here for it - dass er direkt wusste, dass Dîlan‘s Vater kurdischer Alevite ist, nachdem sie ihm nur gesagt hat aus welchem Dorf in Mereş er ist, ist einfach so typisch kurdisch von ihm 🌝
Zu Stolberg hat einen angenehmen Schreibstil, sodass ich durch die Seiten geflogen bin und das Buch in relativ kurzer Zeit durch hatte.
Als jemand der selber in Amed war muss ich sagen, dass man merkt, dass zu Stolberg selber auch dort war, weil sie Amed gut eingefangen hat; die Menschen, der Staub, über all hört man Kurdisch, Menschen die Govend tanzen.
Was ich besonders mochte ist auch, dass die Altstadt Heskîf Erwähnung findet; obwohl Sur und Heskîf zwei Altstädte in unterschiedliche Städte sind, sind sie beide trotz ihres historischen Status von heftiger Zerstörung und Gentrifizierung betroffen.
Beide Städte gibt es so nicht mehr, sie wurden durch Betonklotze ersetzt.
Jetzt komme ich zu zwei kleinen Kritikpunkten:
Mit Dîlan selbst bin ich leider nicht warm geworden 😅
Sie ist mir irgendwie zu ruhig, zu in sich gekehrt und hat so keine Ahnung von kurdisch-alevitischer Lebensrealität in der Türkei, obwohl sie mit ihrem Schwedischen Mann Johann in einem Istanbuler Viertel lebt, in dem auch viele Alevis leben und mit Yoldaş, einem kurdischen Kioskbesitzer aus Mêrdîn, befreundet ist - also alleine deswegen würde man meinen, dass sie Dinge mitbekommt, aber irgendwie war das nicht so der Fall.
Was mich noch stört, aber das ist mein persönliches Empfinden als Alevitin, ist dass Dîlan als Alevitin bezeichnet wird; das hat bei mir Erwartungen erweckt.
Ich habe keine full on Cem Zeremonien erwartet, aber zumindest irgendwas. Das Foto von Hz. Ali im Zimmer der Eltern reicht mir da nicht, vor allem weil nicht jede/r Alevi ihn als Teil des Alevitentums sieht - da finde ich es falsch ihn pauschal als „zentralen Heiligen der Aleviten“ zu bezeichnen.
Abgesehen davon haben weder Dîlan noch ihre Eltern irgendwas alevitisches an sich, was ich bisschen schade fand, weil wir bis heute mit so krassen Vorurteilen und Hass zu kämpfen haben.
Like ja viele Alevis sind nicht so religiös, aber das hat alles strukturelle und politische Gründe, die auf Alevitenfeindlichkeit basieren.
Zudem ist Dîlan‘s Vater alevitischer Kurde aus Mereş, einer Stadt die mehrheitlich von alevitischen Kurden bewohnt ist und wo in den 70ern ein Pogrom gegen die Alevis stattfand.
Ich kann das Buch daher nicht denjenigen empfehlen, die gerne mehr über Alevis wissen würden, da in dem Buch nichts behandelt wird was in die Richtung geht.