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Zweistromland

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Als der Tigris in die Nordsee floss
Die Rechtsberaterin Dilan ist Tochter kurdischer Aleviten, die Verfolgung und Gewalt ausgesetzt waren. Doch darüber schweigen sie. Erst als ihre Mutter stirbt und sie selbst ein Kind erwartet, arbeitet Dilan gegen das unerträgliche Schweigen Sie reist nach Diyarbakir im Osten der Türkei. Die alte Stadt am Tigris ist die heimliche Metropole der Kurden. Hier haben ihre Eltern einst gelebt, geliebt und gekämpft.
Ein poetischer und brennend aktueller Roman über politischen Mut, qualvolles Vergessen und die gefährliche Reise einer jungen Frau.
»Beliban zu Stolberg erzählt eindrücklich von der Suche nach einer verschütteten Vergangenheit und dem Schmerz der Gegenwart. Ein Roman, der einen immer tiefer und tiefer hineinzieht in den Strom.« Ronya Othmann

Hardcover

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Beliban zu Stolberg

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Displaying 1 - 14 of 14 reviews
Profile Image for Elena.
1,041 reviews417 followers
August 2, 2023
Dilan arbeitet als Rechtsberaterin in İstanbul. Sie ist schwanger und lebt mit ihrem schwedischen Freund in einer kleinen Wohnung in einem abgeschiedenen Viertel İstanbuls. Aufgewachsen ist sie in Norddeutschland, als Tochter kurdischer Alevit*innen. Ihre Eltern haben sich über ihre Vergangenheit immer ausgeschwiegen, Dilan weiß wenig über ihre Herkunft und das Schicksal ihrer Eltern. Als Dilans Mutter stirbt und auf der Beerdigung eine fremde Frau auf sie zukommt, die sie nach ihrem Bruder fragt, macht sie sich die aufgewühlte junge Frau auf nach Diyarbakır im Osten der Türkei, die Metropole der Kurd*innen, in der ihre Eltern gelebt haben, um Antworten zu finden.

Poetisch, eindrücklich und erschütternd erzählt Beliban zu Stolberg in ihrem Debütroman "Zweistromland" von einer vom Schweigen geprägten Familie, von einem Trauma, das über Generationen reicht und von Kurdistan. Es ist eine Geschichte über Herkunft und Vertreibung, die über zwei Zeitebenen gesponnen wird - 2016, als Dilan die gefährliche Reise von İstanbul nach Diyarbakır, die Stadt am Tigris, in der bis vor Kurzem noch Bürgerkrieg herrschte, auf der Suche nach Antworten auf sich nimmt, und 1999, einem schicksalhaften Sommer in Norddeutschland, in dem sich für Dilan und ihre Familie so viel verändert hat, dass sie ihn aus ihren Gedanken verdrängen musste.

Mich hat "Zweistromland" sehr berührt, ich bin in die schöne, leise Erzählweise von Beliban zu Stolberg eingetaucht und habe viele Informationen zu diesem dunklen Kapitel türkisch-kurdischer Geschichte aus der Lektüre mitnehmen können. Ein lesenswertes Debüt, das politisch hochaktuell, spannungsgeladen und stilistisch ausgefallen ist.
Profile Image for Marie.
183 reviews14 followers
August 17, 2023
"Meine Eltern haben in einer Stadt gelebt, deren Namen sie sich nie sicher sein konnten, Ich frage mich, wie dieses Leben ausgesehen haben musste, und wie es sein musste, wenn auf nichts Verlass war, nicht einmal auf den Namen."

Dilan ist erfolgreiche Juristin, arbeitet in einer Kanzlei in Istanbul, die auf deutsch-türkisches Wirtschaftsrecht spezialisiert ist. Ihre Kindheit und die Studienzeit hat sie in Deutschland verbracht, sodass sie die perfekte Besetzung für ihren Job ist. Außerdem erwartet sich ein Kind von ihrem schwedischen Ehemann Johan. Doch Tod und Leben liegen manchmal nah beieinander: Als Dilans Mutter stirbt, reist die junge Frau nach Deutschland und begegnet dort nicht nur einer unbekannten Frau, die mehr über sie zu wissen scheint. Die vielen Fragen, die sich nach Jahren wieder in ihr Bewusstsein drängen, kann sie nun ebenfalls nicht mehr verdrängen. Und so macht sie sich eines Tages kurzerhand aus der Kanzlei auf in Richtung Osttürkei, nach Diyarbakır/Amed. Für das Kind und für ihre Mutter.

Beliban zu Stolberg erzählt in "Zweistromland" viel mehr als die Zuwanderergeschichte, als die der Roman auch vermarktet wird. Denn eigentlich geht es um die Zerrissenheit zwischen drei Ländern: Deutschland, Kurdistan und der Türkei. Denn Protagonistin Dilans Eltern stammen aus Kurdistan. Doch das Erlebte in der Türkei ist so schmerzhaft, dass man in der Familie nicht darüber spricht. Der Elefant im Raum ist aber auch für die jugendliche Dilan erkennbar - der Romanteil, der in dieser Vergangenheit spielt, ist meiner Meinung nach am besten gelungen. Dilan erkennt, dass es da etwas gibt, über das mit ihr nicht geredet wird. Doch sie verfügt weder über die richtigen Fragen noch über die familiäre Stellung, um das Thema anzusprechen. Erst viele Jahre später - die Handlung spielt übrigens nicht zufällig im Jahr 2016 - als Erwachsene kann sie selbst Nachforschungen anstellen.

Beliban zu Stolberg gelingt es so gleichsam einfühlsam und eindringlich eine sehr persönliche Geschichte des Kurdenkonflikts zu erzählen. Vieles bleibt zwar auch am Ende des Romans im Vagen, die meisten Schlüsse sind dem Leser, der Leserin überlassen. Das tut dem Roman gut. Denn gerade das, was ungesagt zwischen den Zeilen steht, ist es, was manchmal wirkmächtiger ist, als die Beschreibung des Grauens.
Profile Image for Clara.
234 reviews15 followers
August 2, 2023
Darf man jemanden vergessen. Darf man die eigene Geschichte verschütten im Fluss der Zeit. Darf man nach ihr suchen.

Ein Roman von der gleichen ruhigen Resilienz wie das Wasser, das die gesamte Geschichte als Element durchströmt. Es ist die Geschichte von Dilan, einer Rechtsberaterin, die auf der Suche nach ihren eigenen Erinnerungen an einen bestimmten Sommer und der in Schweigen gehüllten Vergangenheit ihrer kurdischen Eltern nach Diyarbakır reist. Während sie dort immer tiefer in die schmerzhafte Familiengeschichte dringt, bezeugt sie auch den allgegenwärtigen Schmerz der Kurd*innen in dieser Stadt, die noch immer von der türkischen Regierung angegriffen und verdrängt werden. Das Motiv des Flusses Tigris, der Fluss der Dilan bis in ihre Träume folgt, fließt auf kluge Weise in die Erzählung ein, spiegelt beispielsweise ihr lange uneindeutiges Identitäts- und Zugehörigkeitsgefühl. Introspektiv und eindringlich erzählt Beliban zu Stolberg Dilans Reise und zeigt dabei durch feine Beobachtungen über zwischenmenschliche Geflechte und urbane Strukturen die Verbindungen von persönlicher Geschichte mit gesellschaftlichen und politischen Kontexten auf. Ein ebenso wichtiges wie beeindruckendes Debüt!
Profile Image for laleliest.
430 reviews67 followers
August 13, 2023
„Du musst nicht alles verstehen. Einige Dinge solltest du auf sich beruhen lassen. Das musst du lernen, Dilan. Egal, was du in der Schule lernst, es geht nicht um die Wahrheit. Es gibt keine Wahrheit, es gibt nur Dinge, die passieren. Wenn du anfängst, nach einer Wahrheit zu suchen, verlierst du dich, und dann verpasst du dein ganzes Leben“, sagte er. [Zweistromland, 2023, S. 131]

Dilans Mutter ist gestorben und hat nicht nur ein Loch in ihrem Herzen hinterlassen, sondern auch einige ungeklärte Fragen bezüglich ihrer Vergangenheit. Also macht sich Dilan auf den Weg nach Istanbul, um diese offenen Fragen zu klären und die ganze Geschichte ihrer Eltern aufzuklären.

Beliban zu Stolberg hat mit „Zweistromland“ einen sehr intensiven Roman geschrieben, der uns Lesende in die Straßen der Türkei zieht und dabei das Gefühl vermittelt, als wäre man selbst vor Ort. Mit einer poetischen Sprachgewalt und eindrücklichen Charakteren zeichnet sie eine dunkle Vergangenheit und eine blasse Gegenwart. In drei Teilen erfahren wir Dilans Geschichte und steigen dabei immer tiefer in die historischen Ereignisse ein, denen die Kurd*innen ausgesetzt waren und sind. Besonders der letzte Teil des Buches hat mich stark an Haratischwili erinnert, ein großes Kompliment in diesem Sinne. Auf wenigen Seiten steckt viel Gefühl, weshalb ich euch diesen Roman wirklich sehr ans Herz legen möchte 🤎
Profile Image for derya.
36 reviews
October 18, 2024
Absolut verdiente 5 ⭐️ ich habe es GELIEBT! Hatte einen Ausschnitt des Buches gehört, als die Autorin daraus vorlas (bei einem Panel) und war da schon richtig neugierig, weil ich zuvor noch nie von einer alevitisch-kurdischen Protagonistin in einem deutschen Buch gehört hatte.
Wurde nicht enttäuscht. Fand es so schön, aber gleichzeitig auch unfassbar hart. Ich hätte mir eigentlich gewünscht, dass auch noch mehr auf ihre alevitische Identität eingegangen worden wäre, aber das hatte die Autorin mir im vorhinein gesagt gehabt, also dass der Schwerpunkt auf dem "kurdischen" liegt. Daher war ich schon darauf eingestellt.
Ansonsten hat mir ihr Schreibstil sehr gefallen.
Was die politischen Thematiken angeht war mir einiges schon bewusst an sich, aber es nochmal so konkret nachzulesen…uff ehrlich schmerzhaft. Hatte einfach ganz andere feelings beim lesen dieses Buches. Wirklich fette Empfehlung!
Profile Image for Amargî.
76 reviews15 followers
Read
January 29, 2024
Zweistromland - zwei Ströme; diese sind aber weder Dîcle (Tigris) noch Firat (Euphrat), sondern zum einen Dîlan’s Gegenwart, wo sie sich spontan auf den Weg von Istanbul über Konya bis nach Amed macht, der heimlichen Hauptstadt der Kurd*innen und der andere Strom zieht uns in die Vergangenheit, in die Sommerferien 1999, wo wir mehr über Dîlan‘s Vergangenheit erfahren.
Und zwischen diesen zwei Strömungen liegt Sur - die Altstadt von Amed, wo Bürgerkrieg herrscht.
Während alles Wasser fließt, scheint die Zeit in Amed still geblieben zu sein.

Wir begleiten Dîlan - eine alevitische Kurdin - auf diverse Reisen in ihre Gefühlswelt, die nach der Beerdigung ihrer Mutter in Deutschland - wo Dîlan aufgewachsen ist - ins Wanken gerät, als sie auf eine mysteriöse Frau aus ihrer Vergangenheit trifft.
Zurück in Istanbul will diese Begegnung sie einfach nicht mehr loslassen, sie fängt plötzlich an sich an Dinge zu erinnern, die sie verdrängt hatte und fängt an in ihrer Vergangenheit herumzustochern; wieso sind die Eltern so schweigsam was die Vergangenheit betrifft? Wer ist der mysteriöse junge Mann, der immer nur über die Sommerferien bei ihnen ist? Was haben ihre Eltern als Studierende in Amed erlebt - was hat sie angetrieben? Was ist im Sommer 1999 passiert?
Dîlan weiß, dass sie die Antworten nur im 1000km entfernten Amed erfährt also macht sie sich hochschwanger spontan per Reisebus auf den Weg dorthin und macht unterwegs erste Erfahrungen in der kurdischen Lebensrealität, als der Bus vom Militär angehalten wird und sie für eine Befragung raus muss.

Was mir gefallen hat; die politische Note in dem Buch war überhaupt nicht aufdringlich, als Kurdin die alles was drüben geschieht mitverfolgt und deren Familie selber Opfer von dieser Staatsgewalt ist, war das natürlich nichts neues für mich, aber zu Stoltenberg hat diese Thematik sehr geschickt in die Geschichte eingewoben, sodass Menschen, die überhaupt keine Ahnung von der Thematik haben, nicht direkt abgeschreckt sind.


Einzelne Kapitel behandeln parallel zu Dîlan’s Geschichte den Städtekrieg von Amed, so als würde man wie ein Vogel über Amed fliegen und verschiedene Fragmente einfangen: in einem dieser Kapitel geht es z.B. um eine kurdische Mutter, die nach ihrer Tochter sucht, die sie unter den Trümmern eines zerstörten Hauses vermutet usw.
Dieser Städtekrieg (2015/2016) ist übrigens nicht aus der Fantasie von zu Stolberg entsprungen, diesen Städtekrieg gab es wirklich.

Der Sommer 1999 war interessant, wenn auch ein wenig langatmig - Dîlan ist direkt an der Ostsee aufgewachsen und verbringt die Sommerferien mit Rike und Jelena. Ich fand es süß die drei in ihren Sommerferien zu begleiten, die von schwimmen, Fahrradfahren und am Ende von einem tragischen Unfall geprägt sind.
Ich habe Dîlan‘s Eltern sehr gerne kennengelernt und wünschte, dass wir sie und ihre Gefühlswelt noch besser kennengelernt hätten - vor allem als Dîlan anfing in Amed in der Vergangenheit ihrer Eltern herumzustochern, würde so so gerne ein Buch über ihre Eltern - vor allem die Mutter - und ihre Zeit an der Universität in Amed lesen! Konnte nicht glauben, dass die Mutter als junge Frau so anders war - so fierce!

Ich muss sagen, dass die Kapitel mit Johan und wie sie sich kennengelernt haben, mich nicht mitgerissen haben - irgendwie ist Johan für mich wie ein nasses Handtuch 🥲 Dieses ganze nicht miteinander reden und sich auseinanderleben, obwohl sie unter einem Dach leben, ist nicht mein Fall und fand‘s gut, dass die sich am Ende doch wieder einander nähern, als Johan ihr per Telefon dabei hilft der Vergangenheit ihrer Eltern näher zu kommen, als es so aussah als stünde sie vor verschlossenen Türen.
Was auch neu für mich war ist, dass Johan androgyn ist!
Hatte ich bisher in keinem Buch, dass ein Charakter als androgyn beschrieben wird.

Obwohl Yoldaş nur ein wirklich kleiner Nebencharakter ist, ist er mir sehr im Gedächtnis geblieben.
Irgendwie ist er so typisch kurdischer Kioskbesitzer and we‘re here for it - dass er direkt wusste, dass Dîlan‘s Vater kurdischer Alevite ist, nachdem sie ihm nur gesagt hat aus welchem Dorf in Mereş er ist, ist einfach so typisch kurdisch von ihm 🌝

Zu Stolberg hat einen angenehmen Schreibstil, sodass ich durch die Seiten geflogen bin und das Buch in relativ kurzer Zeit durch hatte.
Als jemand der selber in Amed war muss ich sagen, dass man merkt, dass zu Stolberg selber auch dort war, weil sie Amed gut eingefangen hat; die Menschen, der Staub, über all hört man Kurdisch, Menschen die Govend tanzen.
Was ich besonders mochte ist auch, dass die Altstadt Heskîf Erwähnung findet; obwohl Sur und Heskîf zwei Altstädte in unterschiedliche Städte sind, sind sie beide trotz ihres historischen Status von heftiger Zerstörung und Gentrifizierung betroffen.
Beide Städte gibt es so nicht mehr, sie wurden durch Betonklotze ersetzt.

Jetzt komme ich zu zwei kleinen Kritikpunkten:
Mit Dîlan selbst bin ich leider nicht warm geworden 😅
Sie ist mir irgendwie zu ruhig, zu in sich gekehrt und hat so keine Ahnung von kurdisch-alevitischer Lebensrealität in der Türkei, obwohl sie mit ihrem Schwedischen Mann Johann in einem Istanbuler Viertel lebt, in dem auch viele Alevis leben und mit Yoldaş, einem kurdischen Kioskbesitzer aus Mêrdîn, befreundet ist - also alleine deswegen würde man meinen, dass sie Dinge mitbekommt, aber irgendwie war das nicht so der Fall.


Was mich noch stört, aber das ist mein persönliches Empfinden als Alevitin, ist dass Dîlan als Alevitin bezeichnet wird; das hat bei mir Erwartungen erweckt.
Ich habe keine full on Cem Zeremonien erwartet, aber zumindest irgendwas. Das Foto von Hz. Ali im Zimmer der Eltern reicht mir da nicht, vor allem weil nicht jede/r Alevi ihn als Teil des Alevitentums sieht - da finde ich es falsch ihn pauschal als „zentralen Heiligen der Aleviten“ zu bezeichnen.
Abgesehen davon haben weder Dîlan noch ihre Eltern irgendwas alevitisches an sich, was ich bisschen schade fand, weil wir bis heute mit so krassen Vorurteilen und Hass zu kämpfen haben.
Like ja viele Alevis sind nicht so religiös, aber das hat alles strukturelle und politische Gründe, die auf Alevitenfeindlichkeit basieren.
Zudem ist Dîlan‘s Vater alevitischer Kurde aus Mereş, einer Stadt die mehrheitlich von alevitischen Kurden bewohnt ist und wo in den 70ern ein Pogrom gegen die Alevis stattfand.
Ich kann das Buch daher nicht denjenigen empfehlen, die gerne mehr über Alevis wissen würden, da in dem Buch nichts behandelt wird was in die Richtung geht.
Profile Image for JuliaCapulet.
49 reviews1 follower
December 14, 2024
Der literarische Versuch, gegen das Schweigen eines intergenerationellen Tramas anzuschreiben. Doch wie gelingt das, wenn eben jenes Schweigen nur abgegriffene Metaphern und eine pathetische Sprache übrig lassen? Das erschütternde Schicksal der Protagonistin und ihrer Familie verdient Aufmerksamkeit, doch die spröde Unzugänglichkeit der Ich-Erzählerin machen den Text zäh und widerspenstig. Dass die Autorin gewollte Cliffhänger einbaut und längst lautlos detonierte narrative Bomben zum Platzen bringen will, hätte die Geschichte nicht nötig gehabt. Der auf Effekten gebaute Spannungsbogen scheint angesichts der ohnehin ungeheurlichen Grausamkeiten fast unangemessen.
949 reviews
December 21, 2023
Das Cover finde ich sehr schön gestaltet. Der Titel ist gut gewählt und hat mich neugierig auf die Geschichte gemacht. Das Bild der jungen Frau, die sich abwendet finde ich passend für die Geschichte. Die Haptik des Hardcover Buches finde ich sehr ansprechend.

In diesem eindrucksvollen Roman geht es um die Rechtsberaterin Dilan. Sie ist die Tochter kurdischer Aleviten, die von Verfolgung und Gewalt betroffen waren. Doch ihre Eltern schweigen und Dilan lebt mit der Unwissenheit. Ihre Mutter stirbt und sie selbst erwartet ein Kind. Dilan möchte endlich mehr über ihre Vergangenheit und die Vergangenheit ihre Eltern erfahren und so reißt sie nach Diyarbakir, im Osten der Türkei. Dort leben viele Kurden und auch ihre Eltern haben dort gelebt, geliebt und gekämpft. Dilan fährt immer mehr über ihre Eltern und über sich selbst. Dieser Roman spricht sehr viele Themen an, unter anderem politischen Mut, qualvolles Vergessen und eine gefährliche Reise einer jungen Frau.

Der Schreibstil hat mir sehr gut gefallen und ich fand ihn sehr poetisch und emotional. Dilan wird sehr charakterstark und interessant beschrieben. Die verschiedenen Zeitebenen haben mir gut gefallen. Der Roman war bis zur letzten Seite spannend und ich empfehle ihn auf jeden Fall weiter, der Interesse an politischen Themen hat.
Profile Image for Katrin.
96 reviews16 followers
August 3, 2023
Dilan lebt als Juristin in Istanbul. Sie ist schwanger und verheiratet, doch ihr Mann ist ihr fremd geworden. Aufgewachsen ist die kurdische Alevitin in Deutschland und auch jetzt lebt sie in Istanbul in einem alevitischen Viertel. Nach dem Tod ihrer Mutter beschließt Dilan ihrer Familiengeschichte in Amed, der heimlichen Hauptstadt der Kurden, nachzuforschen, denn in ihrer Familie ist sehr vieles unausgesprochen geblieben.

Zweistromland besticht durch poetische Sprache und nähert sich durch Introspektion dem Thema des Traumas das auch die nachfolgenden Generationen erfasst und dem damit verbunden Schweigen unter dessen Oberfläche es brodelt. Dilan ist mir durch ihre doch recht passive Art leider ziemlich fremd geblieben, viel interessanter finde ich ihre Mutter über die ich sehr gerne ein Buch lesen würde.

Den Abstecher in die Vergangenheit war zwar erhellend, aber hat die Geschichte etwas verlangsamt. Nichtsdestotrotz beweist Beliban zu Stolberg ein klares Ziel mit dem Buch und erzählt die Geschichte stringent, ohne Effekthascherei, jedoch mit einer unterschwellig bedrückenden und entfremdeten Atmosphäre.
Profile Image for Estrelas.
944 reviews
January 6, 2024
Aufgewachsen in Deutschland, lebt Dilan nach dem Tod ihrer Mutter als Erwachsene mit ihrem Mann in Instanbul. Eines Tages bricht die Schwangere ohne Vorankündigung und ohne Ziel auf, um sich schließlich im Osten der Türkei wiederzufinden, wo ihre Familie ihre Wurzeln hat.
Die Rahmenhandlung mit der erwachsenen Protagonistin spielt im Jahr 2016, während mit einem Abstecher ins Jahr 1999 ihre Jugend beleuchtet wird. Dieser Zeitsprung macht klar, warum es für Dilan so wichtig ist, Nachforschungen nach den Aktivitäten ihrer Eltern anzustellen, die der kurdischen Minderheit in der Türkei angehörten. Die vorherrschenden Themen des Romans, Identität und Familie, werden eingebettet in die türkische Geschichte.
Obwohl wir uns in der seltsamen Situation vorfinden, in der die Hauptfigur scheinbar irrational und wenig nachvollziehbar agiert, fiel es mir leicht, Vertrauen in sie und ihre Entscheidungen zu setzen. „Dass die Stille alles andere zwischen uns verdrängt hatte, merkte ich zu spät. Die Stille war schon ausgelegen, die Mulden darin perfekt an unsere Körper angepasst.“ Mit einfühlsamer Sprache zeigt die Autorin, dass es nicht nur schwarz oder weiß, sondern viele Nuancen in den Gefühlen und Handlungen der Familienmitglieder gibt. Die Geschichte einer selbstbewussten Frau in einem schwierigen Umfeld hat mich begeistert und hallt nach.
Profile Image for mitkaffeeundkafka.
67 reviews103 followers
September 10, 2023
Was macht das mit dir, wenn wichtige Erinnerungen wie Puzzleteile fehlen? Deine Eltern über ihre Vergangenheit schweigen und du ihre Sprache nicht sprichst? Was macht das mit dir, wenn dein Kopf voller Fragen ist, auf die du keine Antworten bekommst?

Die Protagonistin Dilan ist an der norddeutschen Küste aufgewachsen. Ihre Eltern waren kurdische Aleviten, die Gewalt und Verfolgung ausgesetzt waren. Doch darüber wird geschwiegen. Ebenso wie über ihre heimliche Sprache, Kurmancî, denn Dilan hat nur Deutsch und Türkisch gelernt. Sie bekommt schon als Kind eingetrichtert, nicht neugierig zu sein. Und somit legt sich ein Nebel des Schweigens um sie. Nun lebt Dilan in Istanbul und erwartet ein Kind. Als ihre Mutter stirbt, beschließt sie, gegen das unerträgliche Schweigen anzukämpfen. Sie will Antworten und reist in den Osten der Türkei, nach Diyarbakır. Dies ist nicht nur die heimliche Metropole der Kurd*innen sondern auch die Heimatstadt ihrer Eltern.

In diesem Roman bleibt Vieles unausgesprochen. Das Schweigen zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Es ist beklemmend. Und dennoch hat mich dieser Roman zutiefst berührt. Die Sprache ist bildgewaltig, fast schon cineastisch. Ein politischer Roman, voller Schmerz und zugleich von poetischer Schönheit.

Ich habe parallel viel recherchiert, um den Kontext von »Zweistromland« für mich besser einordnen zu können. Und ich bin dankbar, wenn Literatur es schafft, mir eine wichtige historische und politische Thematik näher zu bringen. Ein großartiges Debüt von Beliban zu Stolberg!
Profile Image for Jule.
351 reviews15 followers
November 3, 2023
Ein poetisch geschriebenes Buch über eine junge Frau, die sich mit der Vergangenheit ihrer Eltern im Kontext der türkischen Angriffe auf Kurd*innen auseinandersetzt. Daher (leider) auch hochaktuell.
Profile Image for himbeerbuch.
426 reviews40 followers
August 2, 2023
Zweistromland von Beliban zu Stolberg ist einer dieser schmalen, literarischen Romane, die durch poetische Sprache und viel Introspektion das Thema von transgenerationalem Trauma, Schweigen und dem inneren Drang nach Antworten bearbeiten.

Dilan ist als Tochter kurdischer Aleviten in Norddeutschland aufgewachsen und arbeitet jetzt als Juristin in Istanbul. Sie lebt mit ihrem schwedischen Mann in einem alevitisch geprägtem Viertel in der Stadt, doch nach dem Tod ihrer Mutter und mit dem Beginn ihrer Schwangerschaft kommen ihr immer wieder kleine Erinnerungsschnipsel hoch und sie kann nicht mehr anders, als auf die Suche nach ihrer Familiengeschichte zu gehen - nach Amed, die heimliche Hauptstadt der Kurd*innen, in der zur Zeit der Erzählung ein Städtekrieg herrscht.

Was mich ein klein wenig gestört hat, war der große Zeitsprung zwischendurch - ich mochte es zwar sehr, wie man Dilans Familie und Freunde kennengelernt hat, in einem Sommer im Jahr 1999, aber ich fand es etwas langatmig und dieser Part hat mich insgesamt etwas rausgerissen.

Insgesamt habe ich mich Dilan durch ihre unaufdringliche, fast schon passive, sehr ruhige Art nah gefühlt und fand es total bereichernd, mit ihr auf diese so wichtige Reise zu gehen. Durch ganz dichte Beschreibungen konnte ich mir die verschiedenen Stationen dieser Reise bildlich vorstellen. Und am Ende zu sehen, wie Dilan die Spirale des Schweigens langsam und schmerzhaft aufbricht - nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihr ungeborenes Kind - war unglaublich wertvoll.

Vielen Dank an Netgalley und den Verlag für das Rezensionsexemplar.
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