In der Pension Bertoldi, einer heruntergekommenen Herberge in der Altmark, führen die Wirtin Oda Prager und das Zimmermädchen Maria Rosa ein strenges Regiment. Diejenigen, die ihrer Einladung gefolgt sind, müssen sich an den zugewiesenen Tischen einfinden und strikt an Regeln halten. Immerhin gibt es ab und zu ein Gläschen Sekt. Kaum eingetroffen, teilt man den Gästen ohne Begründung mit, dass sie zu ihrer Sicherheit nicht nach draußen gehen dürfen. So bleibt ihnen nichts als ein unbehagliches Miteinander und der Blick auf den dunklen Wald Salzruh. Dahinter winkt ein altes Schloss, einst ein beliebtes FDGB-Erholungsheim, und übt bis heute eine magische Anziehungskraft auf die Gäste aus. Wer wagt sich als Erstes hinaus? Der einstige Schuldirektor, dem die Wende zugesetzt hat, die hingebungsvolle Krankenschwester mit ihrem unermüdlich Ball spielenden Kind oder die dem Suff ergebene Kneipenwirtin? Das ältere Ehepaar, das eigentlich seine Goldene Hochzeit feiern wollte? Oder die beiden Verliebten, jung und schön, die bei den anderen Gästen für Irritationen sorgen?
In Salzruh verdichtet die preisgekrönte Autorin Susan Kreller mit einem ganz eigenen Humor Elemente des Schauerromans zu einem Kammerspiel voller tiefer Gedanken über Eingesperrtsein und Freiheit, Bleiben oder Gehen, Rebellion oder Versöhnung mit dem eigenen Schicksal.
Ein schön geschriebener, klug konzipierter Schauerroman. Allerdings mit einigen Längen und am Ende nicht ganz schlüssig. Trotzdem unheimlich zu lesen.
Spoiler!
Ich hätte nie zu diesem Buch gegriffen, obwohl ich Susan Kreller als Autorin sehr schätze, wenn es nicht auf der Leseliste für einen Literaturkurs gestanden hätte. Schauerromane mag ich eigentlich nicht und die Handlung, soweit am Buchrücken abgedruckt, hätte mich auch nicht angesprochen.
Es geht um 9 Urlaubsgäste (geplant waren nur 8, aber Krankenschwester Jördis bringt unangekündigt ihren Sohn Petja mit), die in der Pension Bertoldi im Wald Salzruh festhängen, da sie das Haus nicht verlassen dürfen. Die Wirtin Oda (da schwingt für mich das Lateinische odium, also der Hass, mit - ein unheimlicher Name!) erklärt, dass ein Schutzmittel versprüht wurde, und keiner das Haus verlassen darf, es sei denn, er/sie tut es auf eigene Gefahr. Wochenlang sind die 9 eingesperrt, kärglich versorgt von Oda und Dienstmädchen Maria Rosa, zwei wahrhaft boshaften und teuflischen Frauen. Niemand hat Kontakt zur Außenwelt, niemand sucht nach ihnen - dafür hat Rosa gesorgt, indem sie Briefe der gemeinsten Art an alle geschrieben hat, die von den Gästen als Notfalladressen angegeben wurden. Die Geschichte mit dem Schutzmittel glaubt bald niemand mehr wirklich, aber hinaus wagt sich trotzdem keine/r. Plötzlich sind die Autos der Gäste weg, ein unheimlicher alter Wohnwagen aus DDR-Tagen vor dem Haus beherbergt einen Mann, der auf und ab geht, und in den Augen der Kneipenwirtin Enna Buchtinger (ihres Zeichens schwere Alkoholikerin, die während ihrer Zeit in der Pension gleich 2x durch den Entzug muss, als der Alkohol ausgeht) wie der alte Heesters kurz vor seinem Tod aussieht. Es scheint der Teufel zu sein, der auf seine Seelen wartet...
Schwester Jördis kümmert sich um Kranke, Verzweifelte. Langsam treibt die Situation die ersten Gäste in den Wahnsinn und hinaus ins Freie. Nur die allererste, die junge, schöne Katharina im gelben Mantel, kommt noch einmal zur Pension zurück und bittet um Einlass (Lass mich ein), der ihr jedoch nicht gewährt wird. "Die Zurückgekehrte hat keinen Blick mehr" (S. 137) und wankt zurück in den Wald. Ihr Partner folgt ihr, von Gewissensbissen gequält, dann ein Ehepaar, das goldene Hochzeit feiern wollte, stattdessen aber eine kurzweilige Emanzipation der Ehefrau erfährt, die in ihrer Rede zum Hochzeitstag einen Seitensprung ihres Gatten offenlegt. Schließlich noch der Direktor, der auf der Suche nach einer neuen Liebe angekommen war, doch schließlich die Psychose seiner verstorbenen Frau übernimmt und wahnsinnig wird. Dazwischen flackert das Tageslicht immer mehr und dann ist es auch tagsüber dunkel. Finsternis überall. Oda und Maria Rosa scheinen da nachgeholfen zu haben, die beiden Frauen wollen auch die letzten Gäste loswerden. Ihre Verachtung den Gästen gegenüber ist spürbar, sie verkörpern das Böse.
Bilder vom Erholungsheim in der Nähe, die in jedem Zimmer hängen, verändern sich, zeigen plötzlich mehr Besucher. Sind es die Verschwundenen, die plötzlich auf den Gemälden auftauchen? Deren zurückgelassene Kleider liegen auf dem Bett ausgebreitet, wie Leichen drapiert.
Nachdem mit dem Direktor der letzte ihrer "Patienten" in den Wald hinaus und nicht mehr zurückgekommen ist, geht auch Jördis eines Nachts hinaus und lässt ihren Sohn zurück.
Das war für mich der beängstigendste Moment im Buch. Eine Mutter verlässt ihr Kind. Freiwillig. Das war eindringlich beschrieben, kurz hatte ich Tränen in den Augen, ein sehr emotionaler Moment im Buch - und trotzdem für mich nicht komplett glaubwürdig.
Aber: Von da an nahm der Roman viel Fahrt auf, ich wollte wissen, was mit dem Kind passiert. Petja bleibt bei Enna und dem jungen Robert, der Kafka liest (sehr passend!), beide kümmern sich um ihn, wollen ihn beschützen. Schlussendlich kommt es zum Showdown: Oda und Rosa sperren die letzten drei Gäste im Frühstücksraum ein und da beschließen sie, den Wohnwagen vor dem Haus in Brand zu setzen. Mit einem selbstgebastelten Molotowcocktail (Oda und Rosa wollten Enna mit einer Flasche Rum dazu bringen, hinauszugehen), von Petja gekonnt geworfen. Der Wagen brennt rasch, unmenschliche Schreie sind zu hören, Oda und Rosa eilen hinaus, um den Wohnwagen zu löschen... und in ihr Verderben. Mit den beiden sind nun die 8 Personen, die geopfert werden mussten, vollzählig. Die Finsternis ist vorbei, die Überlebenden finden heraus, dass der alte Bertoldi einen Pakt geschlossen hatte, auf unbestimmte Zeit musste er jedes Jahr 8 Personen ans Erholungsheim liefern. Ein Pakt mit dem Teufel, offenbar. Und Bertoldi sieht auf einem alten Foto so aus wie Heesters...
Die drei machen sich zu Fuß auf den Weg durch den Wald hinaus in die Welt. Wo niemand etwas bemerkt, wo keiner sie vermisst hat. Doch obwohl die Flucht nun möglich ist... kehren sie wieder um. Sie sind nun die neuen Betreiber der Pension Bartoldi... und nehmen erste Buchungen an.
Was für eine Achterbahnfahrt. Anfangs kommt der Roman nur schwer in die Gänge, die verschiedenen Erzählperspektiven wechseln sich ab, oft ist man unsicher, wer hier gerade am Wort ist. Vieles wird ständig wiederholt, dadurch ergeben sich doch einige Längen. Gegen Ende jedoch nehmen die Stimmen klarerweise ab, ihre Besitzer sind ja in den Wald verschwunden, was dem Roman gut tut. Während anfangs so gut wie nichts passiert, denn die Eingeschlossenen fristen ein ereignisloses Leben und sind seltsam passiv, scheinen sich beinah willenlos in ihr Schicksal zu fügen (in meinen Augen auch nicht sehr glaubwürdig), geht es gegen Ende doch recht rasant zu.
Insgesamt ein stilistisch anspruchsvoll verfasster Schauerroman, mit Höhen und Tiefen.
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“”Dieter”, probiert sie leise, das lässt sich gut sprechen, auch wenn es kein schöner Name ist und eher nach Schrankwand klingt, als nach Rettung in der Not, eher nach Feinripp als nach hellblauen Augen.”
Ich hätte es so gern gemocht, schon allein weil ich die Sprache mochte und Spaß an Formulierungen hatte, aber leider hat es spätestens ab der Hälfte arge Längen. Da es mich nicht richtig fesseln konnte, bin ich ständig mit den Namen durcheinander gekommen und hab echt gekämpft. Ständig wurde angekündigt, dass bald etwas passieren würde ich und passiert ist leider genau nix. Hm.