SF-unerfahren, wie ich lange war, kam ich spät drauf: Science Fiction läuft nahezu immer auf ein anderes Genre hinaus. Kriegsroman und Western wären es hier beim Post-Pandemie-Zivilisationsbruch in den USA. Genauer gesagt, eigentlich sogar eine, mit allerlei Kriegsszenen dekorierte, welthistorisch-anthropologische Betrachtung, die auf die Erkenntnis rausläuft, der Mensch ist zu böse, um ihn sich der ungestörten Entfaltung seiner Individualitäten zu überlassen. Der Mensch bedarf eines Zwangs zur Ordnung, der von einer machtvollen Führung auszugehen hat, die selbst nicht von Egoismus, sondern von einer Moral geleitet wird und eine klare Vision hat.
Es ist, auf zwei Kurzgeschichten aus der ersten Hälfte der 1950-er Jahre zurückgehend und zu Zeiten von Präsident John F. Kennedy erschienen, definitiv kein Werk über die Lichtgestalt JFK, sondern ein typisches Werk des Kalten Krieges und eines ausgesprochen männlichen, abstrahierenden Blicks auf die „Unabänderlichkeiten historischer Prozesse“. Nicht nur wird auf Edward Gibbons „Verfall und Untergang des Römischen Reiches“ aus der späten Zeit der englischen Aufklärung angespielt, sondern genau dieses, sehr amerikanisch gewendet, ist geschichtsphilosophischer Ansatz: Die Amerikaner, auch die in dieser Erzählung, sind die Römer der Moderne und folglich dienen sie einer Vision. Sie setzen ihre Macht und Kriegskunst dafür ein, nach und nach all die barbarischen Kleingemeinschaften in ihrer Nachbarschaft zu überrollen und in ihr System hinein zu verflechten. Ziel ist: Pax Romana, Wohlstand, Bildung, Sicherheit für alle, Schutz der Familie.
Der Vorwurf, das Buch wäre mit dem Verstreichen der Jahre ganz „daneben“ geraten, weil es paternalistisch über seine Frauenfigueren hinweg walzt, trifft nicht die Sache: All diese Figuren und Familien wurden von Budrys nun mal dazu geschaffen, sein Konzept eines Prozesses von Zivilisation zu veranschaulichen. Von dem er behauptet, ohne rücksichtsloses militärisches Durchgreifen gehe es leider nicht. So betrachtet, sind Frauen und Kinder stets Beiwerk für die Handlungen, derer der Romankern bedarf. Frauen setzen keine Panzer brechenden Waffen ein, sondern sie passen auf, während ein Eintopf brodelt und das Baby Bäuerchen macht.
Wo gehobelt wird, fallen Späne, sagt das Buch. Allerdings greift es nicht zum post-apokalyptischen Kult um eine archaische Banditengesellschaft (x-mal verwendet in Stoffen von SF und Fantasy, man denke an „Conan“ oder „Mad Max“), um dabei dem faschistischen, männlichen Kämpfer zu huldigen, sondern, wiederum ziemlich amerikanisch, die Keimzelle der verschiedenen Geschichten auf verschiedenen Zeitebenen kommt vom Showdown im Western her. Ein vormaliger Gesetzloser wird von panischen, planlosen, geschäftchenmacherischen Handwerkern in einem Wüstenstädtchen verpflichtet, die Gemeinde von dem „schwarzen Frank“ zu befreien (um ein Bild aus Leones „Once Upon A Time In The West“ zu zitieren).
Den Kalten Krieg habe ich nicht „nur so“ erwähnt. Budrys vertritt hier eine Strömung amerikanischer Heilserwartung, die man unter George Bush Junior und Barack Obama noch gut beobachten konnte. „Wir wollen eigentlich kein Blutvergießen, aber in der Welt trollen zu viele Hasardeure, Kleptokraten, Ego-Shooter, amoralische Freaks. Das wird nix, wenn dann nicht einer der Chef ist, der dann so mächtig ist, dass man sich nicht mehr rantraut an ihn. Good Governance für alle, aber zuerst mal wir als der Chef für alle!“ Leider, das sahen wir, endet das gelegentlich wie Irak 2003, mit von Drohnen getöteten Kindern in Pakistan oder Afghanistan, dem restlos zerrütteten Libanon, den Untaten der ISIS, den Toten in Gaza. Das Problem muss damit zusammenhängen, dass der amerikanische Held dem Primat einer „Weltordnung“ folgt und derweil die unmittelbaren Interessen und Träume der an den jeweiligen Orten real vorhandenen Menschen aus dem Blick verliert. Am Ende bringen einen die um, denen man Freiheit und Recht bringen wollte. So auch hier im Roman.
Ich habe, wie gesagt, in meinem Leben wenig Science Fiction gelesen. An dieses Taschenbuch kam ich, weil ich mir irgendwann eine Liste mit kanonischen SF-Romanen kopiert hatte, wo allerdings nicht „Some Will Not Die“ des gebürtigen Litauers Budrys stand, sondern sein Buch davor: „Rogue Moon“, das ich nicht kenne. Dieses hier war in deutscher Übersetzung gerade unschlagbar billig. Ich ließ mich von einer unterirdischen Titel-Illustration der Moewig-Ausgabe von 1981 verführen, die einen halbnackten, mit Fell bekleideten Kämpfer in den Straßen Manhattans vorstellt, eine nackte Frau zu seinen Füßen, eine übergroße Ratte, die von einem Subway-Abgang her angreift. Weil ich mir nicht allzu viel erwartete, jedenfalls nicht die staatstheoretischen Erwägungen, denen Budrys sich widmet, spekulierte ich auf eine peinliche, schmierige, voyeuristische Endkampffantasie mit ein paar Vergewaltigungen, das Ganze womöglich unterhaltsam aufgezogen. (Es taucht keine Ratte im Buch auf, die Leute tragen die gewohnte amerikanische Kleidung, Sexszenen gibt es keine, getötet wird allerdings pausenlos, sehr amerikanisch eben.)
Auch bezüglich der finalen Virus-Pandemie, die in wenigen Tagen 80 Prozent der Bevölkerung ausgelöscht hat, sollte man sich nichts erwarten. Das ist bloßer Vorwand des Autors, damit er ein Zivilisationsexperiment starten kann. (Nicht von ungefähr erinnert das auch an „Lord of the Flies“ von William Golding. „Was ist der Mensch?“, ist die Leitfrage, nicht: „Wer besiegt wen und bekommt die Prinzessin zur Braut?“) Budrys will, dass Manhattan noch da ist, die Ordnung und Gemeinschaft aber komplett weg. Es interessiert ihn nicht, ob die dezimierte Menschheit auf Grund des immer noch vorhandenen Wissens (es ist nichts zerstört, alles steht und liegt herum) vielleicht in der Lage wäre, die Energieversorgung wieder in Gang zu bringen, weil diese vielleicht das Rückgrat der kapitalistischen Wirtschaft wäre, diese wiederum die Mustervorlage für die Art Zivilisation, die ihm vorschwebt. Sondern er geht davon aus, dass es in diversen Lagerhäusern Konservendosen, Benzintanks, Waffen und Panzer noch für Jahrzehnte gibt.
Nur ist auf einmal jeder allein bzw. mit seiner kleinen Familie isoliert, die er nicht gegen mutierte Ratten, sondern gegen das Gesetz des Westerns, Desperados im Hinterhalt, verteidigen muss. Mit der Knarre in der Hand. Man wohnt in einer der oberen Etagen eines zehnstöckigen Hauses, da ist sonst entweder keiner mehr oder er ist so klug, sich nie hören und sehen zu lassen, sonst müsste man ihn, ohne zu fragen, wegputzen, bevor einen selbst so ein Geschick ereilt.
In mehreren Generation tauchen Angehörige der Familien Garvin und Berendtsen auf, wie gesagt, vor allem kämpfende Männer. Das springt dann immer wieder mal hin und her, wer von denen gerade für Verständigung, Friedensschluss, den Rückzug ins Private eintritt und wer dagegen rebelliert: „Solange wir nicht alle möglicherweise Gefährlichen (mit unseren Waffen, deren Treibstoff und Patronen allmählich knapp werden, - weil sie nicht geschafft haben, sich wieder zu industrialisieren) überwältigen, wird es keinen Frieden für unsere Kinder geben. Zuerst müssen wir kämpfen!“
Wie beim Western „High Noon“ mit Gary Cooper macht es sich am Ende gut, wenn der Siegreiche sein Mädchen heiratet und ins Haus zurückkehrt. Vorher wird in diesem Roman allerdings ständig Krieg geführt. Das sollte man wissen, bevor man zu lesen beginnt.