HELFER, Monika: „Die Jungfrau“, München 2023
Die Autorin schreibt über eine Jugendfreundin namens Gloria einen Roman. Gloria schickte im Alter und in Gebrechlichkeit eine Nichte zu ihr und bat sie um einen Besuch. Monika kommt dem nach und geht in das Haus, das sie als Kind und Jugendliche als wunderschön in Erinnerung hat. Damals lebten die Mutter von Gloria mit ihrem Kind, der Freundin von Monika in diesem Haus. Sie waren wohlhaben und konnten sich alles leisten. Monikas Mutter meinte, Gloria und ihre Mutter „wohnen auf großem Fuß“. Sie kauften alles und von allem zu viel. Kleider wurden oft gar nicht ausgepackt; nur gekauft und weggeschmissen. Zum Essen wurden die feinsten Delikatessen besorgt und letztlich der Großteil weggeworfen. So aus der Sicht der aus einfachen Verhältnissen kommenden Monika, die mit drei Geschwistern bei einem Onkel und einer Tante in einer Dreizimmerwohnung untergebracht war.
Gloria hat in ihrem Leben noch nie gearbeitet. Nur einmal, als sie 30 Jahre alt war, arbeitete sie kurze Zeit als Kellnerin. Sie sah ihren Dienst aber nicht als Arbeit an, „als wäre sie keine Kellnerin, sondern jemand, der jemanden einen Gefallen tut, und das gern, eine Gastgeberin.“ (Seite 51)
Als beide Frauen schon in den 40er Jahren waren meldete sich Gloria wieder bei Monika. Schon immer wollte sie wissen, wer ihr Vater war. Oft erfand sie einen Vater, jetzt aber, im mittleren Alter, glaubte sie ihn gefunden zu haben, hatte aber Angst ihn zu treffen. So bat sie Monika mit ihr den alten Mann aufzusuchen. Das Treffen wird negativ. Auch der Aufruf von Monika dem alten Mann zu verzeihen, fruchtete nicht.
Das letzte Treffen, zu dem sie die Nichte geholt hatte, war ausschlaggebend, dass es zu diesem Buch kam. Gloria erwartet sich, dass die inzwischen berühmt gewordene Monika über sie schreibt. Schon als Kind hatte sie gerne geschrieben und mit dem Geld aus einer Ferialarbeit kaufte sie sich die erste Schreibmaschine. Gloria sagte schon in der Kindheit zu ihr „Ich beneide dich um deine Gedanken.“ (Seite 33) Die Freundin hatte immer Geschichten erzählt, deren Glaubwürdigkeit zu hinterfragen war. So sprach sie und ihre Mutter oft über den Vater, der die Familie verlassen hat. Einmal war er ein Pole, dann wieder ein Tscheche, ein Albaner, Baske, Bulgare oder Ungar. Aber vielleicht war er auch ein Österreich. Vielleicht wohnt er sogar in der Nähe, nur die Tochter kennt ihn nicht.
Die beiden Frauen haben nur „eine gemeinsame Seele. Nicht zwei Seelen in einer Brust, sondern eine Seele in zwei.“ (Seite 55) Sie wohnen einsam in dem großen Haus, das neben Bad und Küche zwölf Zimmer hat. Für die ärmlich wohnende Monika wäre es ein Traum gewesen, ein eigenes Zimmer zu haben.
Gloria ging nach der Matura nach Wien, um Schauspielerin zu werden. Damals wollte sie, dass die Freundin ein Theaterstück schreibt, in dem sie, Gloria, die Hauptrolle spielen kann. Sie sollten, so meinte die Freundin, gemeinsam nach Amerika gehen und gemeinsam berühmt werden. Die Namen Gloria und Moni (für Monika) würden sich gut vermarkten lassen. Monika schrieb aber keine Theaterstücke.
Monika Helfers Roman ist sehr sprunghaft geschrieben, was sie auch selbst so bestätigt: „Ich springe in den Zeiten, die Erinnerung schert sich wenig um Chronologie, das ist beim Schreiben mein erstes Problem, wer meine Geschichte liest, muss sich damit abfinden, darum bitte ich.“ (Seite 49) Die Hauptpersonen ist ihre Jugendfreundin und sie selbst, die Autorin.