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Zeiten der Langeweile

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Jenifer Beckers Debüt über eine Auszeit von der digitalen Welt ist „eine literarische Granate, die ich gerne mit Schwung ins Silicon Valley werfen würde." (Philipp Winkler)

Mila, dreißig, geht offline. Zu groß ist plötzlich die Angst vor der öffentlichen Sichtbarkeit. Jede gelöschte Spur im Netz ist ein Akt der Befreiung, gleichzeitig gelingt es Mila nicht, sich einzureden, dass die neue Yogaroutine erfüllender ist als der morgendliche Smartphonecheck. Die nostalgisch wiederentdeckte Langeweile wird schnell zu tiefer Einsamkeit. Sie teilt ihr Leben nicht mehr, aber niemand teilt es jetzt so richtig mit ihr, seit ihr Lebensstil mehr Gemeinsamkeiten mit dem von Emily Dickinson als dem ihrer alten Freundinnen hat. Doch der Drang, den schwerelosen Zustand vollkommenen Verschwindens zu erreichen, wird immer zwanghafter.
Das Debüt einer Stimme, die mit hypnotischer Genauigkeit unsere Welt beschreibt und subtil mit der Sehnsucht nach Freiheit spielt.

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Jenifer Becker

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Displaying 1 - 30 of 71 reviews
Profile Image for Anna Carina.
683 reviews346 followers
February 19, 2024
Das American Psycho in seiner Negation.
Über ein digitales Ordnungssystem, dessen Gesetze das Resultat der Taten von jedem einzelnen Individuum sind und sich zu einem Konformismus der Lebensstils zusammenlegen, der Angst vor Individualitätsverlust und Überwachung auslöst - gleichzeitig, Schutzraum für die antriebslose Leere der Menschen darstellt, die keinen Widerstand leisten können, da ihnen das Gesetz des Herzens fehlt.

Frau Becker serviert eine psychotische Figur, die frei von jeglichem Eros und Begehren ist, die nicht brennt, nicht weiß was sie will, keine Ziele, keinen Sinn verspürt, die völlig leer durchs Leben navigiert - frei von eigener Ordnung - ohne Gesetz des Herzes - deren einziger Antrieb ihre Ängste sind. Ängste, die alles überschatten und Mila dazu treiben, sich aus einem System der „feindlichen Übermacht“ zu entfernen - Extrem Digital Detox – das über all ihre Leere herrlichen Glitter geworfen hat und sie am Leben erhielt. Ja ihre einzige Ordnung darstellte.
Dies wird als Widerstand und Kampf eines Individuums gegen das System verstanden, das sich nun dem Unverständnis der Mitmenschen aussetzen muss. Dumm nur, dass überhaupt kein Kampf und Aufbegehren statt findet. Frau Becker beendet diese mögliche Dynamik einer heroischen Heldentat, der der digitalen Welt in all ihren Auswüchsen trotz, bevor sie das Buch zu Ende geschrieben hat.
Eine Figur die von vorn herein zum Scheitern verurteilt ist - Starre der Angst!
Uns so strudeln wir das gesamte Buch um das Nichts.

Inhaltlich ein Totalausfall.
Extrem ärgerlich, da Frau Becker schreiben kann. Sprachlich ist das richtig gut gearbeitet und erinnert mich im Sound etwas an Joshua Groß.
Sie bombadiert den Leser wie BEE in American Psycho mit einer Popkulturellen Referenz nach der anderen und platziert Zeitdiagnosen, die ich noch nie so gut aufbereitet in einem Roman der Gegenwart gelesen habe, wie hier. All das, was ich sonst an Zustandsbeschreibungen, soziokulturellen Beobachtungen, politischen Einwürfen und sonstigen Twitterartigen Kommentaren in anderen Büchern kritisiere, ist hier sprachlich und stilistisch wunderbar mit dem Plot verflochten.
Es hat exakt den Effekt den es haben soll – die Überforderung und Reizüberflutung durch die Hyperkultur.
BEE lässt seinen Protagonisten als leidenschaftlich strampelndes Individuum in dieser Überforderung und Bejahung der konformistischen Welt in den Wahnsinn abgleiten.
Mila ist die Negation dessen. Ein Wahnsinn der Angst formt sich zu Passivität, Rückzug, Langeweile. Eine Person die keine Reflexivität besitzt.
Frau Becker liefert ihre Figur an Messer. Gnadenlos lässt sie sich über alles möglich aufregen, berichten, ohne sich selbst dazu in Bezug zu setzen.

Hier ein paar Auszüge, die so im Buch benannt werden:
Für Senta, ihr Freundin, wäre es der Horror ihren Lebenszweck zu verfehlen. Mila schweigt.
Mila fühlt sich wie ein unbeholfenes Tier. Mila sagt nie was sie eigentlich denkt. Mila beschäftigt sich mit Personen mit Sozialängsten: Grillenzirpen… kein Übertrag auf die eigene Person.
Mila merkt dass sie in einer totalen Entfremdung angelangt ist, statt in heroischer Serlbstfindung. Sie wartet auf Katharsis. Ärgert sich über einen Adorno-Typen. Das wäre der Moment gewesen, in dem etwas frei gesetzt wird. Ärger statt Angst!!!
Nö, Frau Becker ist gnadenlos. Ihre Prota wird postwendend mit Emily Dickinson und Enya sediert, die ebenfalls ganz einsam und zurückgezogen leben. Beschäftigen wir uns lieber mal mit Elektrosmog – Hui, die nächste Angstwelle rauscht durchs Gemüt.
Und das Buch endet mit einer Flucht ohne Plan und einem aus dem Ei Geschlüpfe um den digitalen Überwachungsgöttern ins Angesicht zu schauen. Meine Fresse!!
Profile Image for Sebastian.
96 reviews10 followers
September 7, 2023
Der Name ist Programm

Mal wieder ein Debütroman, dieses Mal von Jenifer Becker, die in Zeiten der Langeweile das Thema des digitalen Ausstiegs aufgreift. Die Ich-Erzählerin Mila lässt uns Zeuge werden, wie sie nach und nach sämtliche Spuren beseitigt, die sie je im Internet hinterlassen hat, und ein analoges Leben führen möchte.

Was zunächst nach einem sehr anschlussfähigen und stets präsenten Thema klingt, liest sich dann doch teilweise wie eine Aneinanderreihung ätzender Klischees, die in einer Psychose endet. Mila ist Mitte Dreißig, Akademikerin mit auslaufendem Arbeitsvertrag in Berlin, die sich den Mechanismen der digitalen Welt nicht weiter unterwerfen möchte. Sie löscht ihre Social-Media-Accounts und Messenger, verabschiedet sich von ihrem iPhone (natürlich ein iPhone) und kündigt ihre zahlreichen Streaming-Abos. Was mich gleich zu Beginn unheimlich gestört hat, ist das völlig unreflektierte Gleichsetzen der digitalen mit der sozialen Isolation. Die Erzählerin unternimmt keine Anstrengungen, ihr Sozialleben zu erhalten, stellt dies aber immer ausschließlich in Zusammenhang mit ihrer Abwendung von der digitalen Welt. Aus der Außenperspektive zeugt das bloß davon, dass sie schon lange die Kontrolle über ihr Onlineverhalten verloren hat und beinhaltet wenig gesellschaftliche Aussagekraft. Mila weiß selbst nie so richtig, wohin sich diese Sache eigentlich entwickeln soll. Ihre initiale Motivation war die Angst, gecancelt zu werden. Das unterstreicht wiederum, dass man es hier mit einer sehr individuellen Erfahrung zu tun hat, die Erzählerin ihre persönlichen Probleme aber einer ganzen Gesellschaft diagnostiziert. Ein kurzes Innehalten Milas, in dem sie sich bewusstmacht, dass ihr Lifestyle ein einziges Klischee ist, das in der Realität von 90 % der Gesellschaft überhaupt keinen Platz haben kann, würde sie zumindest seriöser wirken lassen. Dann aber würde der ganze Roman wahrscheinlich nicht funktionieren.

Zur Mitte des Buches beschäftigt sich Mila mit Aussteigerliteratur wie beispielsweise dem Manifest des Unabombers Ted Kaczynski. An dieser Stelle wurde meine Neugierde wieder geweckt und ich fragte mich, ob die Geschichte noch einen unerwarteten Twist bekommt oder die Erzählerin möglicherweise irgendwelche weitreichenden Schlüsse über ihre analoge Reise zieht. Leider ändert sich am Verlauf der Geschichte wenig, die Entfremdung der Erzählerin nimmt immer weiter zu. Ein abschließendes Ende gibt es nicht, eine Botschaft darf man sich selbst zusammensuchen, was nicht zwingend negativ zu werten ist.

Insgesamt beinhaltet das Buch zwar viele interessante Gedanken und ist sprachlich angenehm und schnörkellos geschrieben. Aber die Erzählerin ist leider ein anstrengendes Klischee einer Großstadtperson (alles an ihr schreit Berlin), die sich selbst und ihre Probleme viel zu wichtig nimmt und damit wahrscheinlich auch nur solchen Menschen Identifikationspotenzial bietet. Das trübt dann auch die teilweise spannenden Ausführungen über die rasanten Entwicklungen eines menschenverachtenden, digitalen Kapitalismus. Ein weiterer Störfaktor für mich waren die unauthentischen Erzählungen über Milas Kommunikation mit dem Jobcenter und die App BeReal. Diese Passagen wirkten halbherzig recherchiert, als würde sich die Autorin an dieser Stelle auf fremdem Terrain bewegen.
Profile Image for Anika.
967 reviews319 followers
October 24, 2023
Ein sehr erfrischender, zeitgeistiger Roman über extreme digital Detox: Die Protagonistin will ihre gesamte digitale Existenz löschen - mit unerwarteten Ergebnissen und Erlebnissen. Dieses sachte Abgleiten in die Einsiedlerei hatte was von Moshfegh.

Mehr zum Buch in unseren ausführlichen Besprechungen @ Papierstau Podcast: #272
Profile Image for Alexander Carmele.
477 reviews445 followers
February 17, 2024
Stilsicher in die selbst gestellte Falle getappt. Ein ins Leere gelaufener antidigitaler Fluchtversuch.

Inhalt: 1/5 Sterne (herablassend gegen die Protagonistin)
Form: 3/5 Sterne (stilsichere moderne Sprache)
Komposition: 1/5 Sterne (Plot nicht motiviert)
Leseerlebnis: 2/5 Sterne (interessante, aber unreflektierte Gegenwartskritik)

Jenifer Beckers Debütroman „Zeiten der Langweile“ beginnt, als Mila, die Protagonistin, ihre Dissertation abgegeben hat und sich zum ersten Mal wirklich die Frage stellt, wohin die Reise nun gehen soll. Bis dato, von Kindheit, über Jugend, Schule, Universität bis hin zum Ende der Promotion verlief das Leben im seichten Fahrwasser des Gegebenen und Geforderten, aber was nun? Statt sich jedoch mit dieser Frage zu konfrontieren, sucht sie Ablenkung in einer anderen, nämlich wie sie sich aus dem Internet löschen kann:

Im Hinblick darauf, dass ich nichts davon mehr online preisgeben müsste, fühlten sich die meisten Sachen gar nicht mehr so fatal an – die Tatsache, dass ich keine künstlerischen Ambitionen mehr hatte, zum Beispiel.
Dass ich vierunddreißig war und mir den falschen Job ausgesucht hatte.
Dass meine Akne immer schlimmer wurde.
Dass ich nicht wusste, ob ich Kinder kriegen sollte – wenn ja, mit wem? Und wie sollte ich das finanzieren?
Dass ich in Berlin fast nichts mehr mit den Leuten zu tun hatte, mit denen ich in Offenbach befreundet gewesen war.


Um sich also um all die brennenden Fragen nicht zu kümmern, die sich ihr stellen, fängt Mila Meyring mehr und mehr an, sich aus dem digitalen Zeitalter zu löschen, aus den sozialen Medien auszusteigen, ja, Schritt für Schritt jede digitalen Spuren zu verwischen, die sich von ihr und ihrer Vergangenheit noch finden lassen. Dass dieses Ausweichmanöver in eine Sackgasse führt, ist der Protagonistin nur allzu bewusst:

Ich wollte mein Gehirn nicht fordern, sondern in einen tumben Zustand versetzen, in dem Gedanken nach ein paar Biegungen lächelnd in einer Sackgasse zum Stehen kamen. Mit Ida und Senta fühlte ich mich dafür sicher genug.

Jenifer Becker inszeniert in „Zeiten der Langeweile“ eine Welt und Existenzflucht als eine Art Kritik am Überwachungsstaat, die hinten und vorne nicht aufgeht und auch keinen Abschluss finden kann. Mila führt ein Täuschungsmanöver aus, dem sie selbst nicht auf den Leim geht. Sie hat Angst vor Zurückweisung. Sie hat Angst vor Liebesentzug, aber vor allem hat sie Angst vor jedweden eigenverantwortlichen Handeln, also reagiert sie auf ihr Umfeld in passiver und ablehnender, sich isolierender Art und Weise, bis sie völlig allein, mit sich und der weiten Welt konfrontiert irgendwo am Rande des Nichts steht:

Ich schaute durch die lichten Bäume hinweg auf die flachen Wellen, die weiter draußen auf einer Sandbank brachen. Wenn ich Glück hatte, würde ich ins offene Meer gespült werden, und niemand würde jemals meine sterblichen Überreste finden. Wenn ich Pech hatte, wäre das letzte Foto, was von mir zurückbleiben würde eins von meinem aufgequollenen Körper auf einem norwegischen Strand, wahrscheinlich wäre ich nackt und durch die spitzen Felsen vor der Küste übel zugerichtet.

Sich nur aus den Augen anderer zu sehen, gerät in „Zeiten der Langeweile“ zu einer literarischen Farce und Tour de Force gegen die Protagonistin selbst. Ihre Motive werden nicht erklärt. Ihre Vergangenheit bleibt unbeleuchtet. Ihre Psyche steht unthematisiert im Hintergrund, und auch der Grund für die Furcht, gecancelled zu werden, wird nur angerissen, aber niemals semantisch, interpretatorisch, argumentativ durchleuchtet.

Mit anderen Worten, die Protagonistin wird der Lächerlichkeit preisgegeben – mit ihr steht und fällt aber die Glaubwürdigkeit des Erzählkonzepts und somit des Romans. Er fällt, da die implizite Erzählerin nicht weiß, was sie will, genauso wie die Protagonisten, womit das Ganze zu einer parataktischen Farce ersten Ranges wird. Zumindest aber flüssig geschrieben. Joshua Groß bietet dennoch in „Prana Extrem“ eine überzeugendere Variante von Joseph von Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“ im gleichen Sound, aber mit mehr Beat.
Profile Image for Wandaviolett.
468 reviews67 followers
September 5, 2023
Kurzmeinung: Bittere Wahrheiten
Der Blick in diesen Spiegel könnte einem nicht gefallen.
Die Leser begleiten Mila, eine junge Frau, die beschlossen hat, aus dem digitalen Leben auszusteigen durch verschiedene Stadien ihrer Versuche, nicht mehr vom WorldWideWeb erfasst zu werden. Sie will in Zukunft netzmässig anonym sein. Kann dieses Unterfangen gelingen?

Der Kommentar:
Der Roman „Zeiten der Langeweile“ ist witzig geschrieben und mit dem gängigen modernen Digitalvokabular versehen.
Milas Bemühungen, ihre Person der Verfügbarkeit des Netzes zu entreißen, zeigt eines: es ist nicht so leicht. Denn so einfach man sich registrieren lassen kann, so schwierig ist es mit der Rückgängigmachung, zumal die einmal preisgegebenen Datenmengen ein Eigenleben entwickeln und sich exponentiell verbreiten.
Mila entwöhnt sich nach und nach. Es ist ein Prozess, in den die Leser mit hineingenommen werden und währenddessen erkennen, wie involviert man sein kann. Wir sind längst da, wo Mila sich befindet. Apps zählen die Kalorien, die wir zu uns nehmen, ohne GPS finden wir uns nicht mehr zurecht, am kulturellen Leben (eigentlich am ganzen Leben) kann man nur noch mittels Smartphones und Laptops teilnehmen, Kartenzahlungen registrieren unser Kaufverhalten. Dein Leben, lieber Leser, ist bis ins kleinste Detail ein aufgeschlagenes öffentliches Buch! So lange du Mainstream bist, ist das alles kein Problem, aber wehe, wenn nicht. Wenn man ausschert, fällt man auf. Dann kann alles Mögliche passieren.
Da Mila als Kulturwissenschaftlerin an der Welt interessiert ist, erhebt sich weiterhin für sie die Frage, woher sie nach Abschaltung des Digitalen ihre Medien/Informationen bezieht und wie sie es vermeiden kann, neue Spuren zu hinterlassen, womöglich unfreiwillig, nämlich durch die extensive Nutzung der Medien durch andere User, man kann sie fotografieren, und sei es nur als Hintergrund in einem Selfie - man könnte sie dadurch in Bilderkennungssoftwares identifizieren, etc.
Um sich auch davor zu schützen, meidet Mila öffentliche Veranstaltungen. Dabei bemerkt sie, dass der moderne Mensch auch in vermeintlich unauffälligen Spots und Events bereits Datamaterial ist. Überall gibt es Videokameras und selbst, wenn man sich in ganz und gar in scheinbar uneinsichtigen Areals aufhält, besteht immer noch die Möglichkeit, von der Kamera einer Drohne erfasst zu werden.
Die Erfahrung, die Mila leider machen muss, ist die, dass ein Entkommen unmöglich ist, selbst wenn man bereit wäre, dafür erhebliche Opfer zu bringen. So gilt Mila unter ihren Freunden als Nerd; unfreiwillig wird sie in die Nähe ultrarechter Gruppierungen gerückt. Jemand, der nicht dazugehören will, ist verdächtig, ein Spinner oder ist psychisch krank. So empfindet es überwiegend auch die Leserunde, in der ich das Buch gelesen habe. Einen Job, indem sie digital nicht in Erscheinung tritt, ist auch nicht an Land zu ziehen.

Der Roman ist keine Hochliteratur, wahrlich, obwohl zügig geschrieben und ohne sprachliche Ausreißer nach unten, jedoch mit modern technischem Sprachjargon versehen und häufig ironisch und witzig. Sprachlich ist Jenifer Beckers Roman „Zeiten der Langeweile“ also nur durchschnittlich zu bewerten: dennoch ist das Debüt von Jenifer Becker hervorragend, denn ihr Roman ist ein Spiegel der Gesellschaft.
Wie sind wir da nur hinein geraten? Sehenden Auges sogar. Hineingeraten in die Datenfalle, in die vollkommene Abhängigkeit von Großkonzernen, die die Apps etc. zur Verfügung stellen, die aber im Gegenzug alles von dir wissen, Mila zählt netterweise einige unappetitliche Bilder auf, die von ihr im Netz kursierten, manche absichtlich preisgegeben manche durchaus nicht, und man hat sofort diverses Datenmopping vor Augen.
Sicher, Jenifer Becker reichert ihren Roman mit unterhaltsamen Details an, die Vereinsamung Milas, ihre Verwahrlosung, ihre (scheinbare) Paranoia. Aber letztlich zeigt sie uns doch nur: Tue nicht so entrüstet, denn das bist du. Mehr oder weniger. Wahrscheinlich eher mehr. Willst du das? Wir als Gesellschaft wollen es wohl: denn es ist so bequem.

Fazit: Es ist ein erschreckendes Bild, das uns Jenifer Becker vor Augen hält. In seiner Absurdität ist das absurdeste daran, dass es wahr ist: Es gibt kein Entkommen. Und noch schlimmer: wir wollen es (mehrheitlich) nicht einmal.

Kategorie: Gegenwartsliteratur
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag, 2023
Profile Image for laleliest.
430 reviews67 followers
November 26, 2023
Mila entscheidet sich dazu, offline zu gehen. Genug Selbstdarstellung auf Instagram. Genug Zeit auf WhatsApp und Tinder verbracht. Doch schnell wird aus Instagram & Co. der Ausstieg aus dem Internet generell: Spuren löschen, keine Streamingdienste mehr, Zeitung statt Nachrichten am Tablet, Telefonieren statt Telegram und der W-LAN Router verschwindet ebenfalls gänzlich. Was Mila dabei nicht bedacht hat: nicht alle Freund*innen haben Verständnis dafür. Und wie hält man Kontakt in einer Welt, in der so viel digital stattfindet?

Jenifer Becker beschreibt in ihrem Debütroman das Szenario, was sich bestimmt einige schon mal überlegt haben: das Smartphone heute mal beiseite legen. Dabei treibt sie es mit ihrer Protagonistin Mila auf die Spitze. Ich will nicht spoilern aber verrate wohl nicht zu viel, indem ich sage, dass sie am Ende selbst ihre elektrische Zahnbürste entsorgt. Mila generell empfand ich als eher unsympathisch. Zu Beginn wird klar, dass sie bisher eher wenig Kontakt zu Freund*innen hält und dies durch den Ausstieg auch nicht wirklich besser wird. Die Eigeninitiative steht dabei an zweiter Stelle. Zeitlich ist der Roman im Jetzt angesiedelt, so dass Themen wie die Pandemie, der russische Angriffskrieg und Energiesparmaßnahmen alltägliche Begleiter*innen Mila‘s sind. Das Buch lies sich gut lesen, es wird wenig verschnörkelt erzählt und damit herrscht eine Unaufgeregtheit. Das Ende empfand ich als unbefriedigend, da mir im ganzen Roman nicht klar wurde, warum Mila handelt wie sie handelt. Dennoch hat mich die Geschichte nachdenklich gemacht, zum Reflektieren und Hinterfragen angeregt. Von daher kann ich es empfehlen, würde es aber nicht als Highlight bezeichnen. Gelesen habe ich es dennoch gerne 📖
Profile Image for kriegundfreitag .
6 reviews32 followers
August 26, 2023
Noch nie eine Protagonistin so ÄTZEND gefunden. Ich wollte immerzu ins Buch steigen und sie schütteln. Das war ein regelrechter Hate-Read, belebend wie zehn Tassen Espresso.
Profile Image for Verena.
380 reviews
August 14, 2023
Heldinnenreise ohne Ankommen

„Zeiten der Langeweile“ hörte sich so vielversprechend an, war dann aber tatsächlich etwas langweilig. Ich glaube, dass die grundsätzliche Halbwertszeit des Romans recht kurz ist, da die unzähligen Popkultur-Referenzen doch meist über sehr kurzweilige Trends sind. Der Emily Dickinson Vergleich des Klappentextes wirkt da fehl am Platz.
Die Autorin beschreibt zwar gut, wie Milas Verhalten immer zwanghafter wird, aber gleichzeitig fühlt sich der Roman an wie eine Endlosschleife; teilweise wirkte es, als wäre man gefangen in der Kommentarspalte sozialer Medien.
Grundsätzlich, und das ist für mich das größte Problem und größte Manko von "Zeiten der Langweile", bleibt jegliche Reflektion aus. Milas Probleme sind so viel tiefergehender als dass der Wunsch, sich komplett aus dem Netz zu "löschen" ihr dahingehend helfen könnte, doch diese Erkenntnis hatte nur ich als Leserin, nicht die Protagonistin. Schade, dass sich die Erzählung zu sehr im Kreis dreht, statt tatsächlich auf Milas Probleme einzugehen. Passenderweise ist das ja auch das Thema ihrer Dissertation, die Heldinnenreisen in der Populärkultur, über Frauen, die in Literatur und Film nach Krisen eine heilende Reise unternehmen. Mila erkennt sogar eine Art selbsterfüllende Prophezeiung, dass sie nun selbst zu einer der von ihr untersuchten Heldinnen wurde. Aber für mich bleibt sie leider nicht nur in der Krise stecken, sondern gerät irgendwie noch tiefer hinein. Die Reflektion, die „Heilung“, der Abschluss der Reise bleibt bei Mila aus. Stattdessen kommt der Roman einfach zu einem Ende, aber alles bleibt irgendwie in der Luft hängen.
Profile Image for Lesereien.
257 reviews22 followers
September 21, 2023
Wie wäre es, wenn man alle seine Social Media-Profile löschen würde? Oder noch radikaler: Sich vom Internet abwenden würde? Genau das tut die Protagonistin in Jennifer Beckers Roman "Zeiten der Langeweile". Aus der Angst davor, dass sie gecancellt werden könnte oder dass man sie aufgrund alter Artikel und Beiträge bloßstellen könnte, löscht sie allmählich alles über sich aus dem Internet.

Was sich zunächst als spektakulär anhört, entpuppt sich in der Realität eher als unaufregend und langwierig. Auf ihre Abschiedsnachricht reagiert kaum jemand, ihre Einladung, Signal runterzuladen, nimmt nur eine Freundin an und der Prozess, einen alten Blogeintrag aus der Google Suchergebnisliste zu löschen, dauert viel länger als gedacht.

Was als impulsive Aktion beginnt, nimmt plötzlich immer größere Ausmaße an. Während die Protagonistin zu Beginn noch die Streamingdienste nutzt, sich Youtube-Videos ansieht, auf Signal chattet und Wikipedia-Artikel liest, wird sie mit der Zeit immer radikaler in ihrer Abkehr von der digitalen Welt.

Und plötzlich ist da Zeit für die Dinge, die sie seit Jahren nicht mehr gemacht hat: Bücher in einem richtigen Buchladen kaufen zum Beispiel, Zeitungen lesen und jeden Tag Sport machen.

Gleichzeitig leidet ihr Sozialleben, ihre Integration ins Alltagsleben. Immer öfter fällt ihr auf, dass sie ausgegrenzt wird, von Personen ebenso wie von Strukturen. Sie versteht Witze nicht mehr, ist nicht mehr up to date, ist in mancherlei Hinsicht nicht mehr Teil der Welt.

Der Roman hat mir als Leserin vor Augen geführt, wie abhängig wir vom Internet sind. Und das in jeder Hinsicht, sei es Fernsehen, Musik, Banking, Wissen, Dating, Kommunikation, usw. Sich davon vereinnahmen zu lassen ist mehr als leicht, sich davon loszulösen überhaupt nicht. Becker stellt das mit ihrem Roman auf anschauliche Weise dar.

Gleichzeitig habe ich den Roman nicht als ein Plädoyer für eine komplette Abwendung vom Internet verstanden. Er verherrlicht keine Extreme. Stattdessen zeigt er, wie schnell auch der digital Detox krankhafte Formen annehmen kann.

Für mich ein gelungenes Debüt und ich bin gespannt auf mehr von Jenifer Becker!
Profile Image for mitkaffeeundkafka.
67 reviews105 followers
September 10, 2023
Habt ihr schon mal mit dem Gedanken gespielt, euch von Social Media zu verabschieden? Oder ein paar Tage Digital Detox auszuprobieren? Die Protagonistin aus Jenifer Beckers Roman »Zeiten der Langeweile« hat genau dies gemacht. Mila ist 30 und beschließt inmitten der Corona-Pandemie erstmal offline zu gehen. Aber nicht nur für wenige Tage, sondern so richtig. Zunächst stellt jeder gelöschte Account im Internet für sie ein Akt der Befreiung dar. Doch Milas Verhalten wird immer zwanghafter und die neu erlangte Langeweile verwandelt sich in tiefe Einsamkeit. Mila möchte jegliche Spur von sich im Internet auslöschen, vollständig verschwinden. Sie tauscht ihr Smartphone gegen ein Dumbphone und verlässt ihre Wohnung nur noch selten. Der Kontakt zu ihren Mitmenschen bricht fast vollständig ab. Schließlich beginnt das Experiment aus dem Ruder zu laufen.

Thematisch hat der Roman mit seiner Social Media Kritik definitiv einen Nerv getroffen und könnte nicht aktueller sein. Becker hat ein spannendes Gedankenspiel entworfen, das mir von der Grundidee sehr gefällt. Die Geschichte transportiert eine gewisse Tristesse. Der Erzählstil ist sehr nüchtern und dennoch eindringlich, für mich absolut passend.
Jedoch lässt mich der Roman inhaltlich mit einigen Fragezeichen zurück. So sind für mich der Auslöser für Milas Ausstieg, ihre plötzliche Radikalität und Ängste nicht nachvollziehbar. Hinzu kommt, dass mir der Roman trotz des eigentlich angenehmen Schreibstils etwas zu langatmig war.

Auch wenn mich der Roman nicht gänzlich überzeugen konnte, ist es definitiv kein schlechtes Buch. Becker behandelt ein hochaktuelles Thema und regt die Lesenden zum kritischen Auseinandersetzen mit dem eigenen Social Media Konsum an. Ein Buch, das den Zeitgeist trifft.
Profile Image for Estrelas.
934 reviews
December 31, 2023
Mila steigt aus aus dem Internet. Sie will es nicht mehr nutzen, und sie will nicht, dass Spuren ihrer früheren Präsenz weiter auffindbar sind. „Ich kam mir vor wie eine Heuchlerin: dauerhaft damit konfrontiert, für eine Person zu bürgen, die ich einmal gewesen war, die jetzt aber nichts mehr mit mir zu tun hatte.“
„Zeiten der Langeweile“ wirkt wie ein Tatsachenbericht, in dem aus Ich-Perspektive der Ablauf eines Experiments geschildert wird. Wie ein solches fühlt es sich an, da die Hauptfigur einen ungewöhnlichen Versuch startet und ihr anfangs selbst nicht klar ist, welch weitreichende Folgen dieser mit sich bringt.
Auf mich wirkte die Entwicklung zunächst akribisch und schließlich manisch. Das ist gut für den Spannungsbogen, doch der Roman bleibt auf dem Niveau der Berichterstattung, während mir die Auseinandersetzung mit dem Zustand fehlt. Als Leserin bemerke ich eine Entfremdung von allem, was Milas Leben ausgemacht hat, und das war mehr als das Internet. Ich verstehe nicht, warum sie einen solchen Preis für ihren Offline-Gang in Kauf nimmt, wenn danach kaum etwas bleibt.
Was das Buch schafft, ist die Auseinandersetzung mit dem digitalen Leben und das Hinterfragen von inzwischen zur Normalität gewordenen Umständen. In Zeiten, wo „digital detox“ zum erstrebenswerten Ziel erklärt wird, bietet es gute Gedankenanstöße.
Profile Image for Lulufrances.
911 reviews87 followers
March 16, 2024
I love the idea of a digital detox, however this? A paranoid feverdream.
The premise was super intriguing, and Mila’s descent into downright paranoia was interesting to witness step by step; but I think the ending was a bit of a let-down, an easy out for the author but no real answers for the reader.
Super zeitgeisty so if you‘re not ready to read about Corona and Germany in 2021/2022 then maybe skip this, some parts of it brought up certain frustrations in me haha.

Good writing but still a slog to read? I‘m either a way slower reader in German than English or this was written in a clunky sentence kinda way, not sure.

P.S. RIP to all the things on the internet that I forgot about and will never be able to trace and hunt down…(Let‘s just say I had a fashion blog in my teens and leave it at that…)
Profile Image for Dorle Schmidt.
133 reviews
April 23, 2025
Wenn man das interessant findet, wie sich eine junge Frau wegen ihrer Big-Data-Paranoia in die Einsamkeit verabschiedet, dann findet man hierin ein passendes Buch. Auf alle Fälle sehr aktuell mit Bezügen zu Corona, Ukraine etc., aber die fortschreitende Unzufriedenheit und Angst der Protagonistin trotz ihrer digitalen und sozialen Abstinenz ist mir doch sehr fremd und zunehmend unangenehm geworden.

S.15: „Mir fiel erst jetzt auf, wie viel Zeit ich in den letzten Jahren scrollend verbracht hatte.“
S.81: „Traurig, dass Sie mit ihrer Ausbildung hier sitzen…“ (…)
„Ich hatte immer weniger Lust auf Selbstvermarktung. Mittlerweile unterschieden sich Wissenschaftlerinnen wenig von Unternehmensberatern oder Influencern.“
S.175: „Irgendwie war ich plötzlich verlorengegangen.“
S.228: „Our worst misfortunes never happen, and most miseries lie in anticipation.“
Profile Image for Anna.
75 reviews
Read
July 19, 2025
Sadly, another dnf. I understand now my expectations were too high - a young woman who decides to basically erase herself from the internet, I thought, what a great opportunity for some introspection and observation. (Also, I loved the cover.) Instead, it turns out she is just obsessed with the thought of being "cancelled". It does say so in the description of the novel, so it's not the book's fault, really. It's still an interesting premise, but the execution is rather blah. Why is this random young woman suddenly so obsessed with this? She once was an avantgarde up-and-coming writer but has apparently given up and feels only shame for her youthful attempts - why? I've said it before and I'll say it again - the obsession with "show don't tell" has gone too far. You simply can't create interesting characters just by showing what they do - or, you have to be a damn good writer, which not many people are. And vice versa, having an interesting premise does not automatically make your characters interesting.
Profile Image for Pascal.
309 reviews54 followers
January 10, 2024
Ein introspektiver Roman über Digital Detox? Spannendes Thema – zudem gesellschaftlich stark unterbewertet. Zeit für eine nuancierte Betrachtung, oder? Schnell wird beim Lesen jedoch klar: Zeiten der Langeweile setzt auf Extreme, zeichnet den Entzug schwarz-weiß und orientiert sich für seine unterkühlten Höhepunkte eher am Sensationscharakter von Romanen wie My Year of Rest and Relaxation.

Ganz grundlegend ergibt der Entzug der Protagonistin schon im frühen Verlauf wenig Sinn: Wieso löscht sie Telegram, behält aber Netflix noch für viele Wochen? Erstes ist eine App für den (meines Ermessens) gesunden persönlichen Austausch mit engeren sozialen Kontakten; zweites das Paradebeispiel fürs Klebenbleiben vorm Bildschirm, das vom eigentlichen Leben ablenkt – gleich hinter den sozialen Medien (wenn auch weit abgeschlagen in puncto kulturellem Mehrwert des Konsums).

Ein spannender erzählerischer Zug ist, dass die Autorin selbst spürbar chronisch online ist. Denn Zeiten der Langeweile platzt nur so vor äußerst spezifischen Referenzen zu Memes, Online-Hypes und -Shitstorms der letzten paar Jahre. Das macht die Stimme der Ich-Erzählerin sehr authentisch, klingt zuweilen aber auch nach Referenz-Bingo, das mit einigen Jahren Abstand schnell altern dürfte. Denn wer wird in 5 Jahren noch darüber lachen, dass es einen TikTok-Trend gab, bei dem Jugendliche in Abendgarderobe den neuen Minions-Film besucht haben?

Leider vergisst Zeiten der Langeweile in seinem Fokus auf Digital Detox die vielen positiven Aspekte des Internets als (nicht-toxische) Alltagshilfe und als sozialem Ort. Wenn diese Aspekte einmal auftauchen, dann nur als Auslassung; zum Beispiel an den vielen Stellen, an denen sich die Protagonistin vom Leben ihrer Mitmenschen entkoppelt fühlt.

Hier gäbe es Raum für Nuancen. Doch die Geschichte steigert sich zu schnell in ein immer extremes Abdriften in technologische Askese, das sich nicht nur auf das Medium Internet selbst beschränkt. So gibt es zunehmend weniger Anknüpfungspunkte, mit denen wir uns als Leser*innen identifizieren können, obwohl das Thema doch eigentlich so unmittelbar relevant für die Breite der Gesellschaft ist.

Damit wird Zeiten der Langeweile in seiner zweiten Hälfte weniger ein Roman über Digital Detox als über unfreiwilliges Abdriften in Verschwörungstheorien und sich langsam anbahnendes Zwangsverhalten. Allerdings zeichnet der Roman dieses Abrutschen zu grob, als dass er eine wirklich wertvolle Repräsentation dieser psychischen Muster liefern könnte.

Das vielleicht Traurigste ist jedoch, dass der Roman ein fast ausschließlich negatives Bild von digitaler Enthaltsamkeit zeichnet. Als gäbe es kein angemessenes Maß, den Konsum zu reduzieren und davon im analogen Leben zu profitieren.
Profile Image for Judith.
99 reviews
May 11, 2025
ich glaub ich bin okay mit handystrahlung
Profile Image for Liz Seasalt.
264 reviews11 followers
September 11, 2023
Mila beschließt, dass sie einen digital detox braucht. Nein, eigentlich sogar noch mehr: nicht nur sie soll vom Internet gereinigt werden, sondern das Internet auch von ihr. Sie löscht jedes Profil, kontaktiert Website-Betreiber, damit sie Informationen runternehmen und löscht alle Chat-Apps. Die Angst, gecancelled zu werden oder für irgendwelche merkwürdigen Dinge viral zu gehen, ist viel zu groß. Im Laufe des Buches wird sie immer mehr mit den Konsequenzen dieser Entscheidungen konfrontiert.
Jenifer Beckers Schreibstil fand ich angenehm und flüssig zu lesen. Die Figuren sind klar gezeichnet und die Beziehungen zwischen ihnen ebenso komplex wie authentisch. Die Auseinandersetzung mit den Spuren, die man selbst in der Welt und dem Internet hinterlässt, habe ich ebenfalls als interessant empfunden, die Gedanken, die Mila hegt, fühlten sich für mich wie natürliche Zuspitzungen von denen an, die wahrscheinlich die meisten Leute in unserer digitalen Gesellschaft irgendeinmal hatten oder haben werden. Ich habe mich zu Anfang der Geschichte sehr gefragt, wo sie eigentlich hinführen wird. Milas Selbst-Löschung fand ich nachvollziehbar erklärt, ihr Innenleben war mir als Leserin sehr schlüssig, zwischendurch habe ich mich aber schon gewundert, ob es je wieder "besser" wird und Mila eine für sich sinnvolle Konsequenz aus ihrem Handeln finden kann (was durchaus auch thematisiert wird!) - ich bin mir nicht sicher, ob das passiert ist. Was natürlich absolut erlaubt ist, bei mir hat das Ende aber eher ein Gefühl der Unzufriedenheit hinterlassen. Dennoch hatte ich beim Lesen viel Freude an dem Roman und werde über viele Aspekte wahrscheinlich noch eine Weile nachdenken!
Profile Image for Klara.
134 reviews39 followers
September 14, 2023
Mila, Akademikerin, dreißig Jahre alt, findet, es reicht mal mit dem ganzen Internet-Gedöns. Und sein wir ehrlich: Wer von uns hatte den Gedanken noch nicht? Wer malt sich nicht manchmal aus, wie viel einfacher alles wäre, wenn wir uns von den sozialen Medien verabschieden und uns in eine verwunschene Hütte im Wald absetzen würden, um Tomaten anzubauen und nachmittags zu töpfern? Hm? Nur ich? Wahrscheinlich nicht.

Milas Wunsch nach weniger Internet ist also erstmal absolut verständlich, die Umsetzung fängt ganz moderat an. Kein Social Media mehr, dafür nach wie vor Messengerdienste und E-Mails - so weit, so gut. Was als nettes "Ich will weniger im Internet sein"-Projekt anfängt, eskaliert für Mila jedoch schnell: Jede ihrer Spuren will sie aus dem Internet löschen, sie will nicht mehr gefunden werden, auf keinem Bild, in keiner Textzeile. Langsam aber sicher manifestiert sich in ihr die Angst davor, für irgendetwas gecancelt zu werden, als Meme herzuhalten, sei es für einen ihrer alten Blogbeiträge oder für ein Foto, das ein Fremder auf der Straße aus der Hüfte von ihr schießen könnte.

Und so verschwindet Mila - nicht nur aus dem Internet, sondern aus dem echten Leben. Zu viel Strahlung. Zu viele Kameras. Zu viele Menschen mit Handys, zu viele Veranstaltungen, die man nur noch besuchen kann, wenn man sich online anmeldet. Ihre Freunde können sie nicht mehr erreichen, können sie nirgendwohin mitnehmen, und das ist Mila auch ganz recht, denn schließlich ist sie nur ganz eingeigelt und ganz allein sicher vor den Klauen der allgegenwärtigen Vernetztheit.

Wie viel Internet können wir ertragen, wie wenig Internet ist heute noch möglich? Zwischen all den Dystopien, in denen sich die Digitalisierung in ungeahnte Höhen entwickelt hat, bietet Jenifer Becker einen spannenden Gegenentwurf der zeigt: Ganz ohne geht vielleicht auch nicht. Oder zumindest nicht ganz allein.

Gut geschrieben, gut zu lesen, aktuelles Thema, für mich 'ne runde Sache. 4/5 Sternen.
Danke an Hanser Berlin für das Rezensionsexemplar.
Klara over and out.
Profile Image for Suna Oz.
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February 11, 2025
Jenifer Beckers Roman „Zeiten der Langeweile“ lernte ich auf einer Lesung mit der Autorin kennen und ich habe es direkt danach verschlungen. Die Prämisse des Buches hat mir sehr gut gefallen, ich habe vorher noch nie über die Thematik gelesen, lediglich an „my year of rest and relaxation“ musste ich einige Male denken und vermute, diejenigen, die Moshfeghs Buch mochten, könnten auch an diesem Gefallen finden.
Das Buch handelt von dem sich Absondern vom Digitalen, von Existenzflucht, Privatssphäre und Einsamkeit, ist sprachlich pointiert geschrieben und die Charakterentwicklung der Protagonistin hat für mich sehr gut funktioniert. Jenifer Becker hat mit diesem Buch grade einen Nerv in mir getroffen und damit viel in mir ausgelöst.
Profile Image for Julia.
183 reviews12 followers
January 10, 2024
fremd und fern ist mir die protagonistin des romans von anfang bis ende.
(und erinnert mich an die ähnlich unsympathische hauptfigur aus sally rooneys „conversations with friends“).
ich stelle mir immer wieder die frage, ob sympathie der handelnden personen eine grundvoraussetzung für (mein) lesevergnügen ist? in den meisten fällen wahrscheinlich, nur manchmal gibt es ausnahmen. was aber unbedingt vorhanden sein muss, ist eine art verbundenheit. für mich hat sie hier gefehlt. nerv-level leider hoch.
Profile Image for Luise Matilde.
73 reviews5 followers
November 2, 2025
Mila löscht Instagram und erst denkt man oh vielleicht relatable Social Media Kritik aber dann merkt man, dass sie eine irrationale Angst davor hat, gecancelt zu werden. Vielleicht werden hier auch die Anfänge eine Psychose beschrieben, die genetische Veranlagung dazu ist da.
Ihre generelle Internetablehnung passt überhaupt nicht in einen aktuellen Diskurs zu Social Media, KI Inhalte, Vermarktung durch Clickbait, Bots usw spielen kaum eine Rolle. Dafür hängt das ganze in einem Lockdown-Zwischenraum, der jetzt schon alt wirkt.
Ich finde, dass hier ein bisschen Konsequenz fehlt. Aber es gibt schon ein paar Bilder, die ich stark finde. Mir fehlt auf jeden Fall der glamouröse Touch von Moshfegh. So Berlin.
Profile Image for Antu.
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October 12, 2023
Von schonungslosen Beobachtungen des Alltags bis hin zur lähmenden Paranoia im Angesicht übermächtiger Gottheiten unserer Zeit: Social Media und dem Internet. Dieser Roman vereint bekannt vorkommenden Gedankengänge, die sich während Lockdowns und Ukrainekrieg zu einem Mahlstrom aus Unsicherheiten entwickelt haben und umso erschreckender sind, je mehr die Protagonistin verzweifelt ihren Weg sucht, um den Fängen ihrer Ängste zu entrinnen.
Profile Image for Eva.
3 reviews
February 7, 2024
Der radikale Ausstieg aus der digitalen Welt - Wunschvorstellung und Alptraum liegen näher beieinander als gedacht.
Die Idee hat mich abgeholt.
Einige Szenen,- wie die Unmöglichkeit eines Biergartenbesuches oder das Stranden der Protagonistin auf einer einsamen Insel, die zum Schluss nicht mehr um den Tod in der digitalen, sondern das Überleben in der realen Welt kämpft-, haben es geschafft, die Skurrilität zu transportieren, die ich mir über den Gesamtverlauf des Buches gewünscht hätte.
Es ist jede Menge Zündstoff da, aber zu schnell zieht sich die Protagonistin in die Einsamkeit zurück und die Reibung an der Umwelt und den Mitmenschen geht verloren.
Leider hat sich das Buch für mich daher bis zum letzten Drittel gezogen.
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Profile Image for annikaliest.
10 reviews
May 6, 2024
Spannendes und aktuelles Thema, das einen zum Nachdenken bringt. Im Laufe der Handlung wird die Protagonistin immer exzessiver in ihrem Handeln und wird zur Außenseiterin - oder ist es das Handeln der Gesellschaft, das scheinbar Normale, das wir eigentlich verurteilen sollten?
Profile Image for Kathrin .
183 reviews33 followers
September 27, 2023
Dieses Buch hat mich von Anfang an fasziniert und in seinen Bann gezogen, obwohl es anfangs einen etwas langweiligen Eindruck hinterließ. Doch nach und nach entfaltete sich eine Geschichte, die mich nicht mehr losließ und mich bis zur letzten Seite in ihren Sog zog.
Mit der Protagonistin Mila, die anfangs den Entschluss fasst, jede Spur ihrer Existenz im Internet zu tilgen, konnte ich ziemlich gut mitfühlen, da ich wie sie in einem ähnlichen Alter bin und mit der digitalen Welt erwachsen geworden bin.
Im Verlauf des Buches wird deutlich, dass es beinahe unmöglich ist, in der heutigen Welt, ohne die Technologien zu existieren, die vor einigen Jahren noch nicht zum Alltag gehörten. Das Buch verdeutlicht, wie stark wir von der Digitalisierung abhängig geworden sind, und wie tief sie in unser tägliches Leben eingedrungen ist.

Die Hauptfigur des Buches, Mila, erscheint mir aufgrund ihrer beruflichen Ausrichtung und ihrem exzessiven Medienkonsum als paranoid und einsam. Ihre Einsamkeit scheint durch das Smartphone zwar kaschierbar zu sein, besonders während der Pandemie. Doch in Milas Fokus wird deutlich, wie bedroht sich der moderne Mensch fühlen kann und wie sehr er danach strebt, Ordnung in sein digitales Leben zu bringen.

In diesem Roman regt Jenifer Becker zum Nachdenken über zahlreiche Themen an, darunter Privatsphäre, Konsumverhalten, Sinnfindung und Freundschaft. Lösungen und Antworten werden nicht vorgekaut, sondern müssen vom Leser selbst gefunden werden. Ich persönlich habe das Buch förmlich verschlungen und finde es umso besser, je länger ich darüber nachdenke. Von Langeweile keine Spur! Allerdings ist es von Vorteil, wenn man sich in der digitalen Welt auskennt, mit ihrer Sprache und ihren Themen.
Für mich war dieses Buch ein düsteres, jedoch äußerst fesselndes und intellektuell anspruchsvolles Leseerlebnis, trotz seiner gemächlichen Erzählweise. Eine klare Empfehlung!
17 reviews2 followers
December 19, 2024

Ich frage mich ernsthaft, ob ich zu dumm bin, die Intention der Autorin nachvollziehen zu können, oder ob der Roman schlicht und ergreifend keinen Sinn ergibt. Schon zu Beginn kann ich den genannten Grund, weshalb die Protagonistin sich aus dem Internet lösen möchte, in keiner Weise nachvollziehen. Es gibt zahlreiche Gründe, warum sich jemand für digitale Abstinenz entscheiden könnte: beispielsweise, weil soziale Medien sich negativ auf das Selbstwertgefühl auswirken, die Konzentrationsspanne reduzieren, Unmengen an Zeit rauben, falsche Körperideale vermitteln, Desinformationen verbreiten oder Depressionen und Ängste verstärken können – die Liste ist endlos. Stattdessen entscheidet sich die Autorin für die Angst, „gecancelt“ zu werden. Schon ganz zu Anfang bin ich deshalb verwirrt, denn wie oft werden Personen, die keine öffentlichen Persönlichkeiten sind, überhaupt gecancelt?

Ich selbst habe den Roman gekauft, weil ich davon ausging, dass er sich kritisch mit sozialen Medien auseinandersetzen und die Autorin sowohl die negativen als auch die positiven Aspekte der digitalen Abstinenz beleuchten würde. Stattdessen geschieht Folgendes: Die Protagonistin wandert von Kapitel zu Kapitel in Richtung Psychose, und irgendwann geht es nicht mehr um soziale Netzwerke, sondern um den absoluten Rückzug von allen technischen Geräten. Dieser Sprung war für mich in keiner Weise nachvollziehbar, und nach der letzten Seite blieb in meinem Kopf nur ein riesengroßes „Häh?“ hängen.

Will die Autorin uns vermitteln, dass die Abkehr von sozialen Medien zwangsläufig zur sozialen Isolation führt? Dass sie dazu führt, dass wir in endloser Langeweile verenden, dass uns die Depression einholt, weil wir nichts mit uns anzufangen wissen? Dass ein kritischer Blick auf soziale Medien fanatisch ist, obwohl wir zahlreiche Beweise dafür haben, dass diese sich negativ auf unsere mentale Gesundheit auswirken? Oder will sie zeigen, dass es nicht funktioniert, sich von sozialen Medien zu lösen, weil wir digital so eingespannt sind, dass es kein Entkommen gibt?

Wollte die Autorin einen „pro-social-Media“-Roman schreiben? Genau dieses Gefühl habe ich bei dieser eher unsympathischen Protagonistin vermittelt bekommen.

Grundsätzlich ist es natürlich legitim, die Meinung zu vertreten, dass soziale Medien positive Aspekte haben. Die Autorin hat sich aber nicht um eine kritische Auseinandersetzung bemüht, sondern nur ein Extrem abgebildet – volles Pfund voraus, bis der Sinn am Ende im Sande verläuft. Alle Kritikpunkte an sozialen Medien werden letztlich dadurch entkräftet, dass die Protagonistin ihrer digitalen Abstinenz nichts Positives abgewinnen kann.

Der Mittelweg bleibt völlig ausgeblendet. Nur weil man sich von Instagram, TikTok und Co. verabschiedet, heißt das doch nicht, dass man keine Nachrichten mehr schreiben darf. Es gab schließlich auch eine Zeit vor den sozialen Medien, in der die Gesellschaft nicht vollkommen durchgedreht ist, weil ihr langweilig war.

Klar, es ging natürlich auch um das „Recht auf Vergessenwerden“. Aber ab einem bestimmten Zeitpunkt hat Mila es ja sogar geschafft, alle Daten über sich selbst aus dem Internet zu entfernen. Die weitere Auseinandersetzung mit diesem Thema basiert also erneut auf irrationalen Ängsten der Protagonistin. Ich persönlich wurde noch nie ohne meine Zustimmung von Freunden oder Fremden gefilmt.

Das Thema der digitalen Abstinenz eignet sich eigentlich hervorragend für einen Roman, doch die Autorin ist an ihrer Umsetzung gescheitert. Mila wirkt weltfremd, ihre Gedankengänge und Handlungen sind für mich nicht nachvollziehbar. Durch ihre Irrationalität gelingt keine realistische Auseinandersetzung mit dem Thema. Der Fokus liegt auf ihrem Wahn, Mila wirkt unzurechnungsfähig, und ihre Kritik hat weder Hand noch Fuß.

Der Roman ist zwar insgesamt leicht verständlich, und der Sprachstil ist gelungen, doch die Autorin verliert sich immer wieder in „Internetsprech“ und fachwissenschaftlichem Vokabular. Viele dieser Formulierungen sind umständlich und stören den Lesefluss.
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