Ich fand das Buch Kant: Die Revolution des Denkens von Marcus Willaschek sehr gelungen. In 30 Essays bzw. kurzen Kapiteln zeichnet der Autor im Wesentlichen chronologisch die Biografie Immanuel Kants nach und geht zugleich vertieft auf zentrale Themen seiner Philosophie ein. Die Struktur des Buches ist gut durchdacht: Die Kapitel verweisen regelmäßig aufeinander, was den Zusammenhang der Themen deutlich macht.
Obwohl ich Kant bereits vor der Lektüre dieses Buches gelesen hatte, weiß jeder, der sich laienhaft mit Kant beschäftigt hat, wie schwer es ist, seine Gedanken wirklich zu durchdringen. Marcus Willaschek hingegen ist ein belesener Kant-Experte und Professor, der es versteht, komplexe Inhalte verständlich und zugänglich zu erklären. Durch ihn habe ich Kants Philosophie besser verstanden und konnte sie endlich auch im geschichtlichen Kontext einordnen.
Besonders beeindruckt hat mich, wie Kant mit seiner Philosophie den Weg zur Mündigkeit des Menschen zu ergründen versucht. Darum geht es ihm letztlich von Anfang an: den „Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ zu finden – wie er es in seiner berühmten Schrift Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? formuliert. Willaschek hat mir durch seine Darstellung nochmals klar gemacht, was Mündigkeit eigentlich bedeutet – und dass sie bis heute keine Selbstverständlichkeit ist.
Indem ich Kants Lebensgeschichte nun besser vor Augen habe, wird mir deutlich, dass seine philosophische Entwicklung eng mit seiner Erziehung und seinem familiären Umfeld verbunden war. Kant musste bereits in jungen Jahren Verantwortung übernehmen, was ihn dazu zwang, selbstständig zu denken – etwas, das er später auch anderen einforderte: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“
Ein besonders nachwirkender Gedanke für mich war der Bezug zur Menschenwürde. Der erste Artikel des deutschen Grundgesetzes („Die Würde des Menschen ist unantastbar“) steht nicht zufällig an erster Stelle – denn die Vorstellung von unantastbarer Menschenwürde ist stark von Kants moralischer Philosophie geprägt, insbesondere seiner Forderung, den Menschen immer als Zweck an sich und niemals bloß als Mittel zu behandeln.
Als Christ hat mich besonders das Kapitel über Kants Vernunftsreligion inspiriert. Zitate wie „Alles, was über einen guten Lebenswandel hinausgeht, wird irgendwann ad acta gelegt“ oder „Eine Religion, die der Vernunft unbedenklich den Krieg ankündigt, wird es auf die Dauer gegen sie nicht aushalten“ haben mich tief bewegt. Denn ja, viele Dogmen in der Kirchengeschichte erscheinen widersprüchlich und unvernünftig – und Kant prognostiziert, dass sich langfristig eine Religion der Vernunft durchsetzen wird. Ich glaube, dass sich nicht die Dogmen an die Vernunft anpassen werden, sondern dass die Vernunft am Ende das Dogma überwindet. In meinem unitarischen Glauben finde ich in Kant eine starke Bestätigung: Die Lehre von einem dreieinigen Gott etwa steht der Logik und Vernunft entgegen – und wird sich langfristig nicht halten können. In diesem Punkt hat Kant meiner Meinung nach einen Nerv getroffen.
Insgesamt ist das Buch auf jeden Fall lesenswert. Ob ich es ein zweites Mal lesen werde, weiß ich nicht – aber für alle, die bisher wenig oder keinen Zugang zu Kant hatten, ist es absolut empfehlenswert.