Kurz vor ihrem hundertsten Lebensjahr wird Marietta von einer seltsamen Unruhe ergriffen. Dabei macht sie sich nicht viel aus den Geburtstagen, vielmehr beschäftigt sie, was in ihrer Umgebung passiert. In das Zimmer ihrer Heimnachbarin Gisela ist Herr Tacke eingezogen, mürrisch und ein alter Nazi, wird gemunkelt. Und in der Flüchtlingsunterkunft nebenan lebt ein kleiner Junge, der sie an ihren Sohn erinnert, der vor vielen Jahrzehnten die Flucht aus den Ostgebieten nicht überlebt hat.
Nach und nach melden sich die Geister der Vergangenheit und fordern sie auf, sich endlich dem schmerzhaftesten Ereignis ihres Lebens zuzuwenden, das sie jahrzehntelang in ihrem tiefsten Inneren vergraben hatte. Durch eine Begegnung findet sie den Mut, sich ihrer dunkelsten Stunde zu stellen.
Ein berührender Roman, der eindringlich von den Wunden des Krieges erzählt und von der Kraft der Versöhnung.
Eins dieser Bücher, bei dem es mir fast körperlich weh tut, dass es nicht mehr Aufmerksamkeit bekommt. Wichtige und starke Themen, verpackt in einer bewegenden Geschichte fürs Herz 💛
Der Einstieg in das Buch erfordert zunächst etwas Geduld. Die Vielzahl an Figuren sowie die fließenden Übergänge zwischen Traum, Erinnerung und Wirklichkeit machen es nicht ganz leicht, sofort einen Zugang zu finden. Zudem wirkt die Handlung stellenweise leicht inszeniert. Sobald man sich in die Erzählstruktur eingefunden hat, entfaltet sich eine berührende und eindringliche Geschichte.
„Seelenleuchten erschöpft sich nicht in der Zeit. Aber der kalte Arm des Schreckens, des Verlustes, er pustet die Flamme aus. Von einem Tag auf den anderen erlischt der Zauber der Welt“ (S. 92)
Ein unheimlich berührender und wunderschöner Text über die Einsichten eines alten Menschen, der Trauer und dem Verlust, den Schrecken eines Krieges und der Macht der Versöhnung. Ich habe viel gelacht und viel geweint und bin sicher, dass diese Geschichte viel mehr Aufmerksamkeit verdient!
Sehr gute Geschichte der 99jährigen Marietta, die auf ihr Leben zurück blickt. Mir haben die vielen Literaturhinweise und die Sprache gut gefallen. Lieblingsfigur: der Teddy Brummel Note: 2
REZENSION – Eine ungemein berührende, wirklich zu Herzen gehende Geschichte behandelt, ohne irgendwo in Klischees und Kitsch abzugleiten, der Roman „Dünnes Eis“ der deutschen Schriftstellerin Theres Essmann (56), im August erschienen beim Dörlemann Verlag. Es ist nach dem schmalen Lyrikband „Das Gewicht der Berührung“ (2002) und ihrer Novelle „Federico Temperini“ (2020) erst das zweite Prosawerk der als Poesietherapeutin mit Worten und Lauten, Gedanken und Gefühlen, mit Sinnen und Sinnlichkeit arbeitenden Autorin. Essmann verbindet in ihrer Romanhandlung das Schicksal gegenwärtiger Flüchtlinge mit den Erlebnissen und Erfahrungen ostdeutscher Flüchtlinge gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. Es ist eine überaus ernsthafte Geschichte um Täter und Opfer, um Schuld und Sühne, um Trauer und Einsamkeit. „Dünnes Eis“ ist ein Roman, der uns zeigt, wie Kriege Menschen psychisch zerstören und auch nach ihrem offiziellen Ende ein Leben lang nachwirken. Zugleich zeigt der Roman aber auch Versuche der Versöhnung. Wir lernen Marietta kennen, die fast 100-jährig zwar nicht allein, aber doch einsam in ihrer Seniorenresidenz lebt, nachdem ihre Zimmernachbarin und Freundin Gisela kürzlich verstorben ist. Ihr neuer Nachbar ist Herr Tacke – ein mürrischer und zurückgezogen wirkender Mann. Er sei ein alter Nazi, munkelt man. Nur langsam gelingt es Marietta, einen nachbarschaftlichen Kontakt zu ihm herzustellen. Eine Kontaktaufnahme anderer Art schafft sie in ihrer Begegnung mit dem kleinen Enis, einem Jungen aus der nahen Flüchtlingsunterkunft, der sie an ihren eigenen Sohn erinnert: Johann wurde damals (1945) als Sechsjähriger in Ostpreußen von russischen Soldaten erschossen. Beide Begegnungen zwingen die Seniorin, sich mit ihren im Innersten vergrabenen, doch auch nach Jahrzehnten nicht verwundenen Schuldgefühlen auseinanderzusetzen. „Weil ich geschrien habe: Lauf weg! lief Johann weg. Weil Johann weglief, hat der Russe ihn erschossen.“ Zwar hatte der Russe geschossen, aber zeit ihres Lebens gab sich Marietta die Schuld am Tod ihres Sohnes. Doch hatte sie tatsächlich geschrien? Oder plagen sie falsche Erinnerungen? „Aber als ich hilflos mitansehen musste, wie Johann zu Boden ging, ist mein Herz zerrissen. Wie sollte ich damit weiterleben? Mit einem zerrissenen Herzen? Also habe ich versucht, den Riss zu flicken. Mit dem Faden des Verstandes. Ich musste mir erklären, warum mein Kind starb.“ Jetzt versucht sie, den kleinen Enis zu trösten, über den sie erfahren hat, dass er die Ermordung seiner beiden Eltern miterleben musste und seitdem traumatisiert und verstummt ist. „Heutzutage spricht jeder von Traumatisierung“, vergleicht Marietta mit 1945 unter sowjetischer Besatzung. „Damals, unmittelbar danach, fragten die Frauen sich gegenseitig: Und du? Musstest du auch ran? … Meistens aber sagte keine etwas. Und ich?“ Auch Marietta hatte geschwiegen und jeden Gedanken daran vermieden. Damals mussten die Opfer – ob Zivilist oder junger Soldat wie Herr Tacke – selbst sehen, wie sie mit ihren Schreckensbildern im weiteren Leben klarkamen. „Manchmal reicht ein Riss, dünn wie ein Haar, damit etwas Verhärtetes aufbricht.“ Zum Beispiel konnte Marietta die h-Moll-Messe von Bach nicht ertragen, die Lieblingsmusik ihres verstorbenen Mannes. „Sie zieht mich dorthin, wo ich nicht sein kann. …. Auf dünnes Eis?“ „Dünnes Eis“ ist ein in Sprache und Charakteren beeindruckender Roman voller Mitgefühl und Menschlichkeit, wie es heutzutage nur wenige gibt. Theres Essmann greift ein altes Thema auf und zeigt uns dessen ungebrochene Aktualität. Sie schafft es nachvollziehbar, in ihren Protagonisten die Grenzen zwischen Täter und Opfer aufzubrechen und die Frage nach Schuld aus wechselnder Perspektive zu stellen. „Dünnes Eis“ von Theres Essmann packt seine Leser und wirkt wohl bei allen noch recht lange nach.
Ein sehr berührendes Buch: der Blick einer 99 Jährigen in ihre Vergangenheit , die nur schwer zu ertragen war ! Und auch ein Blick in ihr aktuelles Leben , wie schwer alles im Alter wird ! Aber trotz dieser schweren Themen schafft die Autorin es mit wunderbarer Sprache eine mutmachende Geschichte zu erzählen!