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Aus den vielen plastisch geschilderten Einzelschicksalen ergibt sich eine Nahaufnahme der sozialen Realität in diesem Land. "Es geht vielen Leuten nur deshalb recht gut, weil es noch mehr Leute gibt, denen es recht schlecht geht", schreibt Daniela Dahn in ihrem Vorwort. Aber die Autoren wollen sich damit nicht abfinden und setzen daher an zu einer grundlegenderen Systemkritik. Johano Strasser etwa geißelt in seinem Beitrag die "Zurichtung des Menschen zum Funktionselement des Marktes". Der Neoliberalismus fordere grenzenlose Flexibilität und ständige Anpassungsbereitschaft. Wer da nicht mithalten könne, der habe "die Verantwortung für sein Scheitern selbst zu tragen". Daniela Dahn spricht gar von "totalitären Tendenzen im Kapitalismus".
Harte Worte sind das -- und pauschale Urteile, die ausblenden, dass der Kapitalismus hier zu Lande durchaus zur "sozialen Marktwirtschaft" gezähmt ist. Aber grundsätzlich lässt sich nicht von der Hand weisen, was die Autoren als Auswüchse und vielleicht auch als Grundmerkmale des Systems beschreiben: dass der Mensch und die Menschlichkeit auf der Strecke bleiben, wenn allein das Profitstreben den Takt bestimmt. Fazit: Kein sonderlich optimistisches Buch also, eher ein deprimierendes und zuweilen auch resignatives. Vielleicht aber auch ein Buch, das Anstöße gibt, so wie es sich Günter Grass im Nachwort erhofft -- Anstöße, "auf dass Solidarität, ein gegenwärtig als Ladenhüter gehandelter Wert, wieder zur Geltung kommt". --Christoph Peerenboom
639 pages, Paperback
First published October 1, 2004