Nicht, dass Zizek immer ganz klar wäre. Man hat manchmal das Gefühl, auch Geschriebenes kann ein bisschen "So dahin genuschelt" und ein bisschen sprunghaft sein, eben so, wie man es von dem Autor gewohnt ist. Das mag in diesem Falle auch daran liegen, dass der Gegenstand nicht gerade von vorneherein sympathisch daher kommt. Lenin! Da hat fast nur noch Stalin einen schlechteren Leumund. Und Zizek leugnet das auch gar nicht. Ihm gilt eine Haltung für feige oder - bestenfalls - theoretisch schwach, die meint, man könnte hinter Stalin zurück gehen und im Leninismus so etwas wie das jungfräuliche Gesicht der Revolution erblicken. Unmissverständlich stellt Zizek klar, dass Stalins Aufkommen eine Konsequenz der Fehler Lenins war. Gleichzeitig analysiert er aber zutreffend Lenins Stärke der Selbstkorrektur, der unbedingten Hingabe an die Analyse dessen, was ist, seine Fähigkeit, Theorie wie Taktik einer jeweils neuen Lage anzupassen. Umgekehrt könnte man sagen, war Stalin ein Meister darin, die jeweiligen Lagen der Theorie anzupassen. (Erst mit Beginn des Zweiten Weltkrieges musste er diesen Voluntarismus aufgeben!)
Aber zurück zu Zizeks Beschäftigung mit Lenin. Reduziert man das Ganze auf seinen Kern, dann wird schnell klar, dass der Slowene bisher nirgends so radikal war wie hier! Statt Lenin für den Terror zu entschuldigen, oder das bekannte Lied von der fehlenden Demokratie (Luxemburg!) zu singen, bestätigt Zizek, dass Terror notwendig zur Setzung der Bedingungen sein kann, von denen aus allein (!) Neues beginnt. Im Angesicht der Zurückgebliebenheit der bäuerlichen Massen und der Tatsache, dass die klassenbewussten Proletarier als treue Soldaten der Revolution in den Bürgerkriegen zumeist ihr Leben gelassen hatten, sieht Zizek quasi durch Lenins Augen auf eine Revolution, der die soziale Trägerschicht abhanden gekommen war: Eine proletarische Revolution, die nicht mehr durch und für das Proletariat handeln konnte, war nur noch eine politische Hülse ohne eigenen sozialen Inhalt. Deshalb ging der alte Fuchs im Kreml einen Schritt zurück und zielte mit der NÖP auf den Wiederaufbau quasi marktwirtschaftlicher Grundlagen für eine politische Entwicklung, die proletarische Inhalte (Brechung des Bildungsprivilegs, soziale Gleichheit usw.) denen vermitteln sollte (und konnte), die dadurch an die Stelle der nicht vorhandenen Klasse treten sollten. Sozusagen ohne Umweg direkt von der Universität an die Schalthebel der ökonomischen Macht! Allerdings bestand hier die Gefahr erneuter "Verbürgerlichung" (durch NÖP- Gewinnler), weshalb Terror zur Niederhaltung restaurativer Kräfte unumgänglich schien. Soweit, so Lenin. Zu spät erkannte der kranke alte Mann, dass Stalin in einem Punkt weiter gesehen hatte: Wenn es schon kein Proletariat mehr gab, konnte es auch keine "Diktatur des Proletariats" geben. An die Stelle der möglichen Diktatur einer Klasse, die eine Massenbewegung (wie in der Pariser Commune) hätte sein können, trat in Sowjetrussland die "Diktatur des Staatsapparates" und zu den neuen sozialen "Trägern" dessen, was von der Revolution noch übrig blieb, wurden die "Apparatschiks" mit dem Habitus von Proletariern, aber dem Denken opportunistischer Kleinbürger. Die hatte Stalin in der Hand, denn sie fraßen sein Brot, waren alles durch und nichts ohne ihn.
Soweit die Geschichte. Was aber sagt Zizek zur theoretischen Leistung resp. Fehlleistung Lenins mit Blick auf unsere Gegenwart? Erstaunlicherweise legt der Text das Versagen westlicher Demokratien bei der Lösung anstehender Menschheitsfragen nahe und denkt deswegen erneut über das Prinzip der "Kaderpartei", also das der Elitendiktatur nach. Das ist radikal mutig und spricht aus, was ich seit einiger Zeit immer nur heimlich zu denken gewagt habe, denn mit großer Sicherheit ist 2050 die Welt klimatechnisch, ressourcenseitig und vielleicht auch kriegerisch (USA-China-Russland) so weit am Ende, dass sie sich davon nicht wieder wird erholen können. Das sehen heute schmale Eliten (zu denen sicher nicht! die Grünen gehören) ganz klar. Aber die werden so bald nicht zu Mehrheiten werden und auch zum "Marsch durch die Institutionen" wird keine Zeit bleiben. Darf man, so die alles entscheidende Frage Zizeks, im Namen des Überlebens der Menschheit die Diktatur einer Minderheit befürworten? Können Minderheiten sozusagen "demokratisch" im Recht sein, ohne dass sie demokratisch an die Macht gekommen sind? Seine Beispiele sind so einfach wie schlagend: Zizek erinnert an de Gaulle, der als General einer versprengten Truppe in Frankreichs Kolonien die Kapitulation seines Landes (ohne irgendeine Legitimation) ablehnte und vollkommen jenseits eines möglichen Mehrheitswillens der Franzosen zum Widerstand aufrief und endlich unter den "Siegern" in Potsdam saß. Ebenso kann niemand behaupten, dass die deutschen Antifaschisten zu irgendeinem Zeitpunkt eine demokratische oder auch nur stille Legitimation durch eine Mehrheit des deutschen Volkes gehabt hätten, und doch hatten sie die "historische Wahrheit" auf ihrer Seite. Was also, wenn auch heute die einzige Möglichkeit zur Rettung der Welt darin bestünde, sich von der bürgerlichen (!) Demokratie abzuwenden und stattdessen auf eine Art "volonté generale" (Rousseau) zu setzen und zu akzeptieren, dass die Selbst- Legitimierung einer bewussten Minderheit historisch so notwendig sein könnte, wie Lenins Umsturz zur Beendigung des Krieges in Russland notwendig war? Würde man sich diesem Gedanken annähern, wäre klar, dass die Frage nach dem Terror sich von selbst erledigte. Im Falle eines solchen Falles würde es heißen: Wir oder sie! Und wer dann zögert, endet wie die Communarden von Paris oder die Führer der Bayrischen Räterepublik. Die anderen nämlich, die uns die Diskussion über Demokratie und Humanismus aufzwingen, haben selbst nie gezögert (und werden nie zögern), gefährliche Revolutionäre an die Wand zu stellen. Vielleicht liegt es ja auch in deren Interesse, dass wir uns mit Lenin nicht mehr beschäftigen und seine Fragen nicht mehr stellen (sollen)? Ob Zizeks Antworten die letzten und in allem in sich schlüssig sind, mag man bezweifeln, da er z.B. die Frage danach, wie man die erneute Verselbstständigung des Terrors um des Terrors willen verhindert, nicht klar beantwortet, aber die Frage in aller Schärfe und ohne Vorurteile erneut gestellt zu haben, ist unbestreitbar ein und also sein Verdienst. Wir werden nicht umhin kommen, hier anzusetzen und weiter zu denken. Ob dabei die im Anhang (50% des Buches) versammelten Schriften Lenins hilfreich sind, mag dahin gestellt bleiben. Sicher ist es verdienstvoll, mit einer solchen Auswahl eine Generation anzusprechen, die nie etwas von Lenin gelesen hat. Angesichts der zettelbestückten Werkausgabe (LW) in meinem Bücherregal war das für mich unnötig, weshalb ich das Buch nur im ersten Teil mit Gewinn gelesen und durchdacht habe. Wer Lenin freilich nicht kennt und einsteigen will, bekommt hier die dogmatisch- undogmatische Seite des marxistischen Dialektikers und des gleichzeitig gewandten Tagespolitikers vorgeführt. Im Ganzen also ein wichtiges und daher empfehlenswertes Buch!