Es ist ein historisches Klischee geworden, dass Revolutionen nicht dann entstehen, wenn die Lage am schlimmsten ist, sondern oft gerade dann, wenn eine Besserung eintritt, die aber hinter den Erwartungen der Zeitgenoss:innen zurückbleibt.
Ähnlich geht es mir mit Büchern. Erwarte ich wenig oder nichts, bin ich leicht zufrieden zu stellen. Doch wird mir eine Neuerzählung versprochen, will ich das auch wirklich merken. An diesem Anspruch ist Charlotte Mullins Buch nicht ganz, aber doch ein wenig gescheitert. Es wurde mir als Gegenentwurf zu einer eurozentrischen Kunstgeschichte angepriesen, als ihre weibliche Neuerzählung. Letzteres wird an vielen Stellen eingelöst: Wir begegnen auf den Seiten ihres Sachbuchs einer ganzen Reihe von Künstlerinnen, und es gibt sogar ein eigenes Kapitel zur feministischen Kunst im letzten Drittel des 20. (Schade nur, dass zwar zwei nicht-binäre Personen auftauchen, eine davon aber gleich als "sie" bezeichnet wird. Aber das ist wohl eher der Übersetzung als der Autorin anzulasten).
Auch nicht-europäische Künstler*innen werden genannt, und sicherlich mehr als in anderen Werken. Allerdings handelt es sich dabei eher um kurze Streiflichter, während die Europäische Renaissance und bekannte Namen in traditioneller Ausführlichkeit behandelt werden. Vor allem im 20. Jahrhundert fällt die Konzentration auf den Westen auf, zunächst auf Paris, dann sehr stark auf New York.
Die nicht-europäischen Verweise, die es gibt, versickern zudem manchmal, weil der Text eher nebeneinander stellt als analysiert. Die Kapitel beginnen mit einer kurzen Einführung - etwas verändert sich, Künstler lösen sich von alten Stilen, Menschen nehmen Bezug - und nennen dann zahlreiche Beispiele. Da heißt es dann zum Beispiel nachdem westliches erzählt wurde: "Im Japan des 19. Jahrhunderts..." Das ist durchaus interessant, und gerade in den ersten Kapiteln wird auch der historische Kontext für außereuropäische Kunst und ihre Wirkung im Westen betrachtet. Aber es bleibt ein Nebeneinander, in dem der Westen deutlich dominiert, und weitergehende Analysen fehlen.
Vielleicht ist das auch zu viel verlangt - womit wir wieder bei den Revolutionen wären. Denn wir wissen auch, dass Revolutionen selten plötzlich alles umstürzen, sondern oft das Ergebnis kleiner Veränderungen im Laufe der Zeit sind, die dann - Stichwort enttäuschte Erwartungen - plötzlich kippen. Und Mullins bietet etwas Neues, soweit ich das als Kunstlaiin sehen kann: Sie bezieht vieles mit ein, was sonst außen vor bleibt. Mir haben auch die Momente gefallen, in denen sie sich mit den sozialen Realitäten der Künstler auseinandersetzt (Looking at you, Gaugin!) Aber sie muss trotzdem den klassischen Kanon berücksichtigen und auf 400 Seiten eine Geschichte der Kunst bieten. Das ist eine ganze Menge, und dass sie dabei nicht in die Tiefe gehen kann, sollte wohl nicht verwundern.
Wer also einen gut lesbaren Überblick über die Geschichte der Kunst sucht, der auch das Nichteuropäische und Nichtwestliche berücksichtigt, wird hier fündig. Wer allerdings schon Vorkenntnisse hat und eine analytische Behandlung der nicht-klassischen Kunst erwartet, wird wohl wenig Gewinn daraus ziehen.
Ansonsten ist das Buch gut lesbar, die Übersetzung gelungen und die Ausstattung ansprechend. Allerdings ist das Verhältnis zwischen abgebildeten und nur beschriebenen Bildern etwas unausgewogen - man liest eigentlich immer mit dem Handy in der Hand, um gerade bei den Ausnahmefällen eine Vorstellung davon zu bekommen, wie diese Bilder/Installationen tatsächlich aussehen.