"Mit sechs Monaten deiner Entwicklung bist du also ganz Ohr, bereit, erst die Refrains deiner späteren Existenz zu hören, und dann, an der Schwelle zur äußeren Welt, gleichzeitig das Platsch des schräg auf der relativ glatten Oberfläche des Schweigens aufprallenden Steines ("Es ist ein Mädchen.") und die Kiesel, die von Mund zu Mund springen ("Das ist doch auch gut.", "Dann klappt es das nächste Mal.", "Mädchen sind pflegeleichter.", "Übung macht den Meister.")."
- Camille Laurens, "Es ist ein Mädchen"
"Es ist ein Mädchen." - Mit diesem Satz beginnt um 1960 Laurence Leben. Schnell merkt sie, dass sie kein "Wunschmädchen" ist, dass sich ihr Vater sehnlichst einen Sohn erhofft hat. Mit ihren Eltern und ihrer älteren Schwester wächst sie in gutbürgerlichen Verhältnissen im französischen Rouen auf. Ihr Leben ist geprägt von sehr engen patriarchalen Strukturen, von denen sie sich erst ansatzweise befreien kann, als ihre eigene Tochter erwachsen wird und sich gegen die gesellschaftlichen Fesseln sträubt.
Auf dem Klappentext zu "Es ist ein Mädchen" lässt sich lesen: "Aus dem Besonderen eines einzelnen Frauenschicksals leitet dieser hellsichtige Roman ab, was im Allgemeinen folgt, nachdem es heißt: "Es ist ein Mädchen"." - und diese Beschreibung trifft Camille Laurens Roman ausgesprochen gut. Die Autorin schafft es, aus einer speziellen Perspektive heraus eine Universelle anzunehmen, sie beleuchtet mit Laurence Geschichte die Geschichte einer ganzen Generation weiblich gelesener Personen. Dabei lässt sie die Lesenden schonungslos und ungeschönt daran Teilhaben, wie die Protagonistin unter ihrem Vater, ihren männlichen Familienmitgliedern, Ärzten, dem Ehemann leidet, wie sie permanent klein gehalten und unterdrückt wird. Die Misogynie zieht sich durch dieses Buch wie ein Schlag ins Gesicht - und kann, da bin ich mir sicher, gerade dadurch auch viele Augen hinsichtlich der patriarchalen Gewalt öffnen. Da die Autorin alle im Buch angesprochenen Themen aber sehr explizit und unumwunden anspricht, möchte ich eine ausdrückliche Triggerwarnung für sexuellen Kindesmissbrauch, Abtreibung und Fehlgeburt aussprechen.
Thematisch habe ich das Buch - bis auf eine Ausnahme, dazu komme ich gleich - als wirklich gelungen empfunden. Auch die Stilkniffe der Autorin waren sehr interessant, wenn auch nicht immer ganz mein Fall, sie baut erzählerische Perspektivwechsel im Laufe des Lebens von Laurence passend zu den inhaltlichen Umbrüchen ein. Was mir persönlich aber leider gar nicht zugesagt hat, war die Übersetzung von Lis Künzli. Die Übersetzerin nutzt einerseits in meinen Augen sehr hochtrabende, ungelenke Begriffe in ihrer Übersetzung, zum anderen verwendet sie rassistische Sprache (unter anderem das I-Wort). Hinzu kommt, dass sie in ihrem Versuch, eine gendergerechte Sprache zu verwenden, Begriffe gendert, die dafür nicht geeignet sind - beispielsweise "Unbekannt*innen". Versteht mich nicht falsch - ich erkenne die riesige Arbeit, die hinter der Translation eines Buches steckt, an und kann mir gar nicht ausmalen, wie lange so etwas dauert und wie knifflig das bisweilen sein kann. Jedoch würde ich mir wünschen, dass Übersetzer*innen gerade in Sachen antirassistischem und gendersensiblem Sprachgebrauch besser geschult werden.
Der kleine inhaltliche Kritikpunkt meinerseits ist, dass mir Camille Laurens vor allem in ihrem letzten Abschnitt, in dem ihre eigene Entwicklung in Verbindung mit dem Aufwachsen ihrer Tochter verhandelt wird, nicht weit genug geht. Sie bricht zunächst aus dem binären Geschlechtersystem aus, nur um dann letztlich doch wieder darin zu verharren. Ich hätte mir hier vielleicht etwas mehr Mut der Autorin gewünscht - letztlich bleibt es jedoch bei einer Andeutung.
"Es ist ein Mädchen" - und eine sehr intensive Lektüre, mit vielen eindeutigen Stärken (thematisch wie stilistisch), aber auch Schwächen, über die ich nicht so leicht hinwegsehen konnte. Mein Geschmack wurde nicht ganz getroffen, ich denke aber, dass das Buch viele begeisterte Leser*innen finden wird.