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Mythos Nationalgericht. Über erfundene Traditionen und nationale Identitäten

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Warum Parmesan politisch ist – das Skandalbuch aus Italien

Weltweit gilt die italienische Küche als Inbegriff von Genuss und kulinarischer Perfektion. Und nichts ist in Italien so heilig wie dieprodotti tipici, die regionalen Spezialitäten, die anerkannte Siegel wie DOC oder DOP tragen. Exportschlager wie Parmigiano Reggiano, Prosciutto di San Daniele oder Dolcetto d'Alba werden als nationales Kulturgut gehandelt.

Kaum ein anderes Buch erhitzte die italienischen Gemüter daher so sehr wie die Erkenntnisse des in Parma lehrenden Wirtschaftshistorikers Alberto Die viel gehypte Authentizität italienischer Produkte sei vor allem auf geschickte Marketingstrategien der Lebensmitteindustrie in den Siebzigerjahren zurückzuführen, deren angeblich uralte Herkunft schlicht erfunden. Parmesan, wie er früher einmal war, bekommt man mittlerweile nur noch in Wisconsin.

Alberto Grandi brachte damit das nationale Selbstverständnis seines Landes ins Wanken, die Empörung reichte bis in die Regierungskreise und über die Landesgrenzen hinaus. Warum Nationalismus manchmal auch auf dem Teller beginnt. Mit Wissen und Humor zerlegt Grandi ihn genüsslich.

257 pages, Kindle Edition

Published May 21, 2024

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Alberto Grandi

29 books34 followers

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Displaying 1 - 11 of 11 reviews
Profile Image for Christina.
948 reviews41 followers
January 29, 2026
Die Idee des Buchs fand ich wahnsinnig spannend. Leider verrennt sich der Autor meines Erachtens in Anekdoten und unpassenden Argumentationssträngen. An manchen Stellen erklärt er die Hintergründe auch nicht oder nur unzureichend, sodass ich nicht beurteilen kann, ob seine Gedankengänge auf Tatsachen fußen oder er sich nur Entwicklungen schönredet.

Keine Frage, die schiere Anzahl an geschützten Ursprungsbezeichnungen für angeblich traditionelle Lebensmittel ist absurd. Er versucht aber, hieraus ein größeres Bild zu machen, das für mich als Nicht-Historikerin und Nicht-Italienerin nicht nachvollziehbar ist. Das bedeutet nicht zwangläufig, dass er unrecht hat. Aber er baut seine Argumente nicht logisch auf und springt wild herum, sodass vieles eher konfus und unstimmig wirkt. Erst zum Schluss fasst er seine Erkenntnisse auf nachvollziehbare Art und Weise zusammen. Das hätte er mal 200 Seiten früher machen sollen, dann wäre das Leseerlebnis nicht so frustrierend gewesen.
Profile Image for Florian Lorenzen.
158 reviews166 followers
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September 29, 2025
Liebhaber von Pizza, Pasta & Marsala müssen beim Lesen dieses Buches stark sein, denn in „Mythos Nationalgericht“ schickt sich der marxistische Wirtschaftshistoriker Alberto Grandi an, die italienische Küche zu dekonstruieren. Dazu greift Grandi auf Eric Hobsbawms Konzept der „Erfundenen Traditionen“ zurück, womit Rituale & Bräuche gemeint sind, welche moderneren Ursprungs sind, zum Zwecke der Identitätsstiftung aber fälschlicherweise in eine längere Traditionslinie gestellt werden. Dieses Konzept wendet Grandi auf die italienische Küche an und kommt dabei zu dem Ergebnis, dass die italienische Küche, wie wir sie heute kennen, nicht so traditionsreich ist, wie man es uns glauben lassen will. Sie entstand, so Grandi, im Wesentlichen in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts und das oft durch den Re-Import jener Speisen, welche die italienischen Emigranten in den USA erschufen. So entstanden die ersten reinen Pizzarestaurants in New York und die berühmte Spaghetti Carbonara wurde vermutlich von amerikanischen Soldaten nach dem 2. WK entwickelt. Weitere Beispiele sieht Grandi im Parmesan sowie im Panettone.

„Mythos Nationalgericht“ ist nicht an allen Stellen gleich plausibel und oftmals überwiegen Provokation & Polemik gegenüber einer stichhaltigen Argumentation. Doch der Wert dieses Buches liegt ohnehin anderswo. Denn Grandi zeigt sehr plausibel auf, dass nicht nur identitätsbildende Motive, sondern auch knallharte wirtschaftliche Interessen Anlass solcher kulinarischer Mythenbildungen sind. Italienische Politiker sind darauf erpicht, bestimmte Gerichte als Teil einer Regionalküche zu etablieren, weil dies wirtschaftliche und touristische Vorteile verspricht. Ebenso wie die mannigfaltigen Gütesiegel für italienische Speisen & Weine, wie das DOCG oder PAT, höhere Preisansetzungen ermöglichen – ein Schachzug, welcher in der „Gesellschaft der Singularitäten“ (Reckwitz) mit einer zunehmenden Kulturalisierung des Essens durchaus aufgeht.

Ein kurzweiliges, unterhaltsames Buch, von dem man sich den Spaß an der italienischen Kulinarik aber nicht nehmen lassen muss

Review auf Instagram: https://www.instagram.com/p/DPD7R13AgOB
Profile Image for Gerd.
53 reviews
July 24, 2024
Ausgehend von Hobsbawms These der "erfundenen Tradition" und einigen gesellschaftlichen Betrachtungen beschreibt Grandi, wie sich seit dem ausgehenden neunzehnten Jahrhundert das entwickelt hat, was heute in Restaurants und Supermärkten als traditionelle italienische Küche verkauft wird.

Dabei geht er von zwei Strängen aus. Da sind einmal die Millionen italienischen Armutsauswanderer, die sich als Arbeiter in den amerikanischen Fabriken erstmals Gerichte leisten konnten, die sie bisher nur vom Namen her kannten. Dabei griffen sie auf Kochbücher zurück, die echte italienische Küche versprachen und entwickelten dabei ihre eigenen Traditionen, die sie später als Rückkehrer nach Italien zurück brachten.
Der zweite Strang sind Marketingerzählungen, die aus zweifelhaften mittelalterlichen Quellen Traditionen regionaler Produkte herauslesen wollen, die in dieser Form unmöglich sind.
Beides wird mit sehr viel Energie und unterhaltsam beschrieben.

Man sollte allerdings Grandi nicht auf den Leim gehen. Er schreibt vor allem gegen die vom Marketing herbei phantasierten Traditionen. Italienische Küche ist mehr als Pannetone, Massala oder als regionale Besonderheit vermarktete Specksorten aus dem Supermarkt. Man darf nur nicht der Illusion verfallen, dass Spaghetti Carbonara oder Ragù Bolognese original italienische Küche mit uralter Tradition seien. Diese Gerichte schnecken trotzdem, auch wenn die Rezepte kaum fünfzig bis hundert Jahre alt sind.
13 reviews1 follower
January 17, 2025
Inhaltlich sehr spannend. Der durchgehend reißerische Schreibstil wird auf Dauer jedoch etwas nervig.
72 reviews1 follower
April 11, 2025
Der Autor dekonstruiert sehr schlüssig verschiedene Mythen rund um die vielgerühmte Italienische Küche. Unzählige Produkte reklamieren für sich lange Traditionen. Der Autor arbeitet hier heraus, dass auschließlich alle dieser angeblichen Traditionsprodukte das Resultat cleverer Marketingstrategien ab den 70er Jahren sind.

Sehr kurzweilige Lektüre! Manche Kapitel zu den verschiedenen Produkten fand ich etwas zu knapp, die Ausführungen hätten gerne noch länger sein können.
740 reviews2 followers
January 11, 2025
«Die italienische Küche ist noch keine fünfzig.»

Weltweit gilt die italienische Küche als Inbegriff von Genuss und kulinarischer Perfektion. Aber seien wir ehrlich: Seit wann gibt es Italien? Italien lag früher mal im Norden, so wie wir es kennen, existiert es seit dem 17. März 1861. Ein Professore aus Parma hat nun den kulinarischen Mythos der italienischen Küche zerstört. Die Familienrezepte, die die Frauen seit Jahrhunderten weitergaben, untergraben. In Italien schrie man auf! Ein Verräter, ein Nestbeschmutzer! Dazu noch einer aus Parma, dort, wo Parmesan, Prosciutto, Aceto balsamico, Tiramisu ansässig sind, beweist, das diese weniger italienisch sind, als man bisher angenommen hat. Aber darf man das auch laut sagen? Er ist Wissenschaftler. Italienfood besteht doch aus Regionsküche! Klar, aber wer so arm war, dass er nichts zu essen hatte, konnte auch keine Kochkultur entwickeln. Wer damals Pasta und Pizza gehabt hätte, der hätte nicht nach Amerika auswandern müssen – sagt der Professore.

«Doch die breite Verfügbarkeit dieses Getreides (Mais) führte dazu, dass immer größere Massen von Verzweifelten sich völlig einseitig ernährten, was ein neues Problem schuf: eine Mangelerkrankung namens Pellagra, an der um die Mitte des 19. Jahrhunderts etwa ein Drittel der venezianischen Landbevölkerung litt.»

Es gab eine gute italienische Küche während des Mittelalters und der Renaissance, bereitgestellt für den Adel und andere Betuchte, aber die hatte im 17. Jahrhundert aufgehört zu existieren, so die Recherchen - die Armen, die Mehrheit, aßen sowieso immer nur das, was sie gerade bekommen konnten. So baute man in der Po-Ebene Mais an, der nahrhaft und günstig war, um das Hungerproblem zu lösen. Damit entwickelte sich das nächste Problem: Mangelernährung. Denn es gab eben nur Polenta zu essen, Mais mit Wasser. Unter der langen französischen Besetzung setzte sich die deftige französische Küche durch, Lasagne, Ravioli und Pasteten fielen ins Vergessen. Wie sieht es mit Pasta und Pizza aus? Pizza ist keine italienische Erfindung, Pita, Pitta, Pida, Piada, Teigscheiben mit was drauf oder aufgeschnitten mit was drin, gibt es überall am Mittelmeer. Ich selbst habe es in den 70gern und 80gern erlebt, Pizzerien gab es in Deutschland an jeder Straßenecke – in Italien war Pizza relativ unbekannt, eher in Urlaubsgebieten zu finden, und nicht besonders gut gemacht. Klar, die kam ja aus New York nach Europa! Pasta, eher eine süditalienische Sache, Streetfood, Pasta mit Käse drauf, mit der Hand gegessen. Drum bezeichnete man die Sizilianer unflätig als auch Maccheronifresser. In Mittel- und Norditalien war Pasta eher unbekannt, man aß sie als Einlage in Brühe. Mit der Entstehung Italiens entstand dann 1891 das erste italienische Kochbuch, bei dem die Regionalrezepte zusammengeschummelt wurden, um eine nationale Identität zu kreieren. 475 Rezepte umfasste die «La Scienza in cucina»; die Auflage 1911 hatte bereits 790 Rezepte, und die ersten alleinstehenden Pastagerichte mit Soßen.

«Bevilaqua beginnt sogar noch vor den Römern, und wenn man ihn nicht gebremst hätte, hätte er sicher auch Ötzi noch erwähnt, den ersten Sternekoch Italiens, denn schließlich hatte der kurz vor seinem Tod noch Hirsch und Steinbock zubereitet und gegessen.»

Nichts ist den Italienern so heilig wie die prodotti tipici, die regionalen Spezialitäten, die anerkannten Siegel wie DOC oder DOP. Exportschlager wie Parmigiano Reggiano, Prosciutto di San Daniele oder Dolcetto d’Alba werden als nationales Kulturgut gehandelt. Alles Show! Kaum ein anderes Buch erhitzte die italienischen Gemüter daher so sehr wie die Erkenntnisse des in Parma lehrenden Wirtschaftshistorikers Alberto Grandi: Die viel gehypte Authentizität italienischer Produkte sei vor allem auf geschickte Marketingstrategien der Lebensmittelindustrie in den Siebzigerjahren zurückzuführen, Produkte, deren angeblich uralte Herkunft schlicht erfunden ist. Parmesan, wie er früher hergestellt wurde, bekommt man mittlerweile nur noch in Wisconsin. Alberto Grandi brachte damit das nationale Selbstverständnis seines Landes ins Wanken, die Empörung reichte bis in die Regierungskreise und über die Landesgrenzen hinaus. Hier ist die Antwort, warum Nationalismus manchmal auch auf dem Teller beginnt.

«Die italienische Küche in Amerika entstand einerseits aus Lebensmitteln, von denen die Ausgewanderten hatten nur träumen können, andererseits aus der Fusion regionaler Essgewohnheiten, die in der Heimat nie zusammengetroffen wären. … So entdeckten die Italiener in Südamerika das Fleisch, Nordamerika Eier, Milch und Käse. Die Landbevölkerung Süditaliens wurde erst in Amerika zu Nudelessern.»

1875 – 1900 wanderten circa achteinhalb Millionen Menschen von Italien nach Amerika aus, arme Schlucker, die nur Hunger kannten. Erst in Amerika entstand eine Pastatradition, die die Auswanderer mit Briefen und Besuchen ins Heimatland brachten, sie sendeten Geld an die Verwandten, sie nun nicht mehr hungern mussten. Klar, was Mode ist, setzt sich durch. Selbst Spaghetti Carbonara wurde in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg erfunden – Eier mit Speck. Dazu kommen Erfindungen der Lebensmittelindustrie, «aggressives Marketing» und Herkunftsschwindel bei Weinen, Schinken und Tomaten, wie Prosciutto di Parma oder Rosso Colli di Parma, Bezeichnungen wie DOP oder DOC, so der Autor. An den Kragen gehts dem Parmesan Reggiano und Grana Padano, den es dem Ursprung nach heute nur noch in Wisconsin gibt (klein, weich, fettig und außen schwarz), dem Lardo di Colonnata, einem Speck aus Carrara, den schon Michelangelo bevorzugt haben soll, Dolcetto-Wein, oder die sizilianischen Pachino-Tomate, die nämlich 1989 «in Israel das Licht der Welt erblickte» und der Marsala stammt ursprünglich aus England. Marketing: Die Bedeutung des Specks begann in den 90ern mit guter Werbung. Michelangelo kaufte in Carrara seinen Marmor. Fleisch war damals im Preis noch unerschwinglich. Aber warum nicht, der Bildhauer könnte dort Speck gegessen haben. Vielleicht hat er sogar gesagt, er schmecke ihm. Kann ja keiner mehr nachprüfen – fürs Marketing ein guter Werbegag.

«Ich versuche also, die Geschichte der italienischen Küche so zu erzählen, wie es sich eigentlich gehört, möglichst ohne Mythen und Legenden; schließlich handelt es sich ja nicht um Götter des Olymps, sondern um das uralte Menschheitsproblem, den Bauch vollzukriegen, und es lässt sich einfach kein realer historischer Grund denken, warum die Bevölkerung des Landstrichs, den wie heute Italien nennen, dies besser als andere Völker der Erde hingekriegt haben sollte (ich würde sogar das Gegenteil behaupten ...)»

Was man heute als authentische italienische Küche bezeichnet, ist eine wundervolle Marktstrategie der Siebziger und Achtzigerjahr, die hervorragend funktioniert hat. La cucina de povero ist der derzeitige Hype – für mich die gleiche Erfindung. Ich glaube nicht, das wir von morgens bis abends Polenta in verschiedenen Stufen von Brei nach brotartig essen wollen, oder schlichte Maccheroni mit der Hand essen mögen (wer es sich leisten kann, mit Parmesan obendrauf). Interessant ist die Geschichte des jungfräulichen Olivenöls. Absurdistan bei der Focaccia. Und das Tiramisu stammt aus den 80ern, die Tortelini aus den 70ern. Wie gesagt, die Pastafresser entwickelten sich in Amerika, klar, italienische Einwanderer, die die Pasta nach Hause trugen. Maccheroni gab es auf Sizilien bereits länger, von den Arabern eingeführt. Die Tomate, so wissen wir, stammt aus Südamerika, ebenso die Tomatensoße aus der Gegend von Mexiko. Die brachten die Spanier mit nach Hause, das Rezept als Grundlage für alles, als Tomate frito bald industriell vermarktet. Die Araber hatten damals Sizilien besetzt, entdeckten die Soße auf der iberischen Halbinsel, die sie importierten, dann selbst Tomaten anpflanzten und selbst die Soße herstellten, damit ihre Maccheroni nicht mehr so trocken waren. Schmadder in der Hand – so wurde vom König die dreizackige Gabel erfunden. Wenn also heute Nonnas die Kochtechniken ihrer Nonnas präsentiert, die diese wiederum von ihren Nonnas erhalten haben, dann ist das mit Augenzwinkern zu betrachten.

Ein Hoch auf die italienische Küche! Egal, wer es erfunden hat – sie ist einfach wunderbar! Klasse zu lesen, herrlich humoristisch, wenn man Identität nicht allzu ernst nimmt. Die Menschen wandern und wandeln sich, kultureller Austausch ist etwas ganz Normales. Heute ist asiatische Küche im Trend, Vegetarisches, man bestellt Bowles, anstatt gemischtem Salat – wer bestellt heute noch Toast Hawai, Bihunsuppe oder Mockturtel-Suppe? Kennt das überhaupt noch jemand? Klassiker aus meiner Jugend. Trends kommen und gehen. Hauptsache es schmeckt! Die italienische Küche in diesem Sachbuch unterhaltsam und humorvoll seziert, die Krone geraubt – und viel Spaß bei den «wahren Konquistadoren der Schokolade von Modica! Empfehlung!

Alberto Grandi ist Historiker an der Universität Parma. Er forscht zur Wirtschaftsgeschichte Italiens und hat mehrere Bücher über die Herkunft italienischer Speisen geschrieben. In seinem Podcast DOI (Denominazione di origine inventata, erfundene Herkunftsbezeichnung) spricht er über Mythen und das Verhältnis seiner Landsleute zum Essen.
1 review
October 7, 2025
man muss den stil und die art zu schreiben schon mögen... liest sich wie ein geschichtebuch aus den 60ern: blumige selbstüberzeugung und keinerlei quellenangaben
Profile Image for Wedma.
438 reviews12 followers
July 8, 2024
Selten so viel bei einem Sachbuch gelacht, geschmunzelt und gelächelt! Und so viele wissenswerte Dinge in Sachen italienisches Essen erfahren! Echt grandios!
Es geht gleich gut los: Das Erste Kapitel mit dem Untertitel „Die italienische Küche ist noch keine fünfzig“, ist in der Hinsicht sehr aufschlussreich. Der Autor stellt die These auf: „Die italienische Küche, wie wir sie heute kennen, ist in den 1970er und 1980er Jahren entstanden.“
Er argumentiert nicht nur sachkundig, er erzählt uns seine kurze Geschichte der italienischen Küche. Diese historische Retrospektive fand ich echt kennenlernenswert. Dazu noch: Sein Humor macht so viel Spaß, dass es unmöglich ist, das Buch aus der Hand zu legen.
Mitunter fand ich nicht nur klare Worte bezüglich der Entwicklung der italienischen Küche. Höchstinteressante, auch schockierende Dinge waren dabei: Im Mittelalter war die Bevölkerung sehr arm und aß, was auf dem Land mit den damaligen Mitteln so erzeugt wurde. Die raffinierten Speisen der Herrschaften aber wurden durch die Straßen getragen (!), damit das Fußvolk so etwas zumindest von der Ferne zu sehen bekommt. Krass, oder? Da gibt es noch so eine These, dass die italienische Küche der Renaissance aufgehört hat zu existieren, so im 17. Jh., da die damaligen italienischen Eliten den Französischen unterlagen und fühlten sich berufen, diese sowohl in der Kleidung als auch in der Art zu speisen nachzuahmen.
Und wie wir heute zu der italienischen Küche kommen, wie wir sie kennen, ist nichts anderes, schreibt Grandi, als geschicktes Vorgehen der Marketingspezialisten. Mit vielen Beispielen wurde auch diese These auch glaubwürdig belegt.
Jedenfalls ist es kein Wunder, dass das Buch für große Empörung in Italien nach seinem Erscheinen vor einigen Jahren sorgte. Alberto Grandi nimmt die Lügen um die regionale italienische Küche mit langer Tradition so gekonnt sarkastisch aufs Korn! Aber toll beobachtet und prima auf den Punkt gebracht. Es macht echt viel Spaß, seinen Ausführungen zu folgen. Und diese lockere Kommunikation mit dem Leser! Gefällt mir.
Auch als Hörbuch wäre es ein Vergnügen, wenn professionell, mit Sinn für Humor, vorgetragen. Hätte ich sofort geholt und gehört.
Fazit: Ein Augenöffner, der seinesgleichen sucht. Sehr kennenlernenswert!
Profile Image for Havers.
906 reviews21 followers
July 13, 2024
Liebt ihr italienisches Essen und dessen Zutaten? Und interessiert ihr euch für kulturwissenschaftliche Zusammenhänge? Dann seid ihr bei Alberto Grandi richtig, der seinen Blick auf die Geschichte der italienischen Küchenklassiker richtet und damit im Land einen Shitstorm ausgelöst hat. Die Behauptungen, die er in den Raum stellt, sind sowohl gewagt als auch entlarvend, denn er räumt mit dem Mythos auf, das alles, was wir heute an Gerichten und Zutaten mit dem Schlagwort „Italienische Küche“ beschreiben, sich im Lauf der Jahrhunderte aus Traditionen entwickelt hat.

Grandi ist Historiker mit Lehrstuhl an der Universität Parma und forscht seit Jahren an der Wirtschaftsgeschichte Italiens mit Schwerpunkt auf Herkunft der traditionellen Speisen und ihrer Zutaten. Dabei ist er auf zahlreiche Behauptungen gestoßen, die sich nicht beweisen lassen und einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhalten. Schon der Untertitel zeigt, was der Autor von den „Traditionen der italienischen Küche“ hält. Alles erfunden, weil Ergebnis einer cleveren Marketing-Kampagne aus den Siebzigern/Achtzigern, die durch die Wiederbelebung von angeblichen Traditionen die Verunsicherung im Land kompensieren sollte, die dem Ende des italienischen Wirtschaftswunders geschuldet war.

Um diese Aussagen zu untermauern schaut sich Grandi die Produkte an, die mit „typisch italienisch“ assoziiert werden, und ohne die die Zubereitung der Gerichte seines Heimatlandes nicht möglich wäre. Mit Blick auf den historischen Kontext und die regionale Verortung kommt er zu dem Schluss, dass gerade bei dem, was wir als Klassiker wahrnehmen, z.B. Parmesan, Tomaten, Pasta, Olivenöl, Balsamico, die Herkunft (und manchmal leider auch Qualität) überwiegend fragwürdig ist.

Ein höchst unterhaltsamer Blick auf die Geschichte der italienischen Küche. Und wer sich nun weiter mit dem Thema beschäftigen möchte, findet im Anhang zwei Bibliografien mit Werken, denen Grandi seine Erkenntnisse verdankt: „Literatur, für diejenigen, die mir vertrauen“ und, wesentlich umfangreicher, mit „Literatur, für diejenigen, die mir misstrauen“.
Profile Image for Eff.
69 reviews6 followers
May 3, 2025
Dieses Buch tut ein bisschen weh. Zumindest allen, die glauben, das unbestreitbar leckere Essen in Italien fuße auf jahrhundertealten Traditionen.

Der Historiker Alberto Grandi belegt in seinem Buch so liebevoll wie eindeutig, dass die Italienerinnen und Italiener die Tradition vieler ihrer Exportschlager zum Essen schlicht erfunden haben. Grandi leitet diese Praktik daraus ab, dass die Italienerinnen und Italiener mangels Zukunftsglauben zumindest in einer Vergangenheitszuversicht wurzeln wollten und deshalb in den 1970ern begannen, sich eine glorreiche Kulinarik-Vergangenheit zu ersinnen.

Beispiel: «Die berühmten Spaghetti Carbonara, die unmittelbar nach dem Krieg entstanden, waren ganz klar ein amerikanisches Gericht, zumindest was die Zutaten betraf, die von den amerikanischen Besatzungstruppen geliefert wurden.»

Beispiel: «Es genügt darauf hinzuweisen, dass in den Reiseführern der 1950er und 1960 Jahre kein einziges Restaurant in der Romagna aufgeführt wurde, das Piadina auf der Karte hatte.»

Beispiel: «Es ist bemerkenswert, dass in Baedeker-Reiseführern vom Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts hier und da von toskanischem Schinken die Rede ist, der Parmaschinken aber nicht einmal erwähnt wird. Sein ganzer Ruhm wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschaffen.»

Was Grandi ausdrücklich nicht macht, ist das Essen seines Landes der Lächerlichkeit preisgeben. Er verweist darauf, dass es cleverem Marketing der einen und eifrigem Strategiekopieren der anderen zu verdanken ist, dass es im Land tausend angeblich uralte traditionelle Käsesorten gibt. Er verweist auf die hohe Qualität und den guten Geschmack vieler berühmter Köstlichkeiten. Nur die Tradition spricht er ihnen eben ab.

Was Italien aus seiner Sicht geschaffen (und inzwischen oft in ausländische Investorenhände gegeben hat), das sind die industriell hergestellten Produkte. Von Nutella bis Aperol und Martini. Und doch hat es sich auch eine Tradition erfunden, die vergessen lässt, dass Italien nicht nur bis 1861 eine Region und keine Nation war – und dass seine Bewohnerinnen und Bewohner überwiegend so arm waren, dass ihre Gerichte aus Mais oder Feldfrüchten waren.
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