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Es braucht nicht viel

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256 pages, Hardcover

First published January 1, 2023

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Helena Steinhaus

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Profile Image for Ball, Read, Repeat.
48 reviews
March 9, 2024
Fünf Sterne auch dafür, dass sie Autorinnen einen Beitrag leisten, die Menschen zu zeigen, die Unterstützungsleistungen benötigen. Nach häufiger Entmenschlichung durch Politik und Gesellschaft. Indem bspw. Betrüger und faule Menschen als Regelbeispiel dargestellt werden.

Ein Stigma, welches auch dafür sorgen soll, dass Menschen mit prekären Jobs ein besseres Gefühl bekommen und der Niedriglohnsektor aufrecht erhalten werden kann.

"Du arbeitest hart, aber dein Gehalt reicht kaum? Aber wenigstens bist du kein Schmarotzer. Weiter so! High-Five!"

Der eine oder andere wird sich mit Ton und Inhalten sicherlich auch schwer tun. Das Mantra "Jeder ist sein Glückes Schmied" ist noch sehr verbreitet (ohne zu sehen, wer und was einem eigentlich sonst extrem hilft). Daraus folgt sicherlich auch die Sichtweise, dass das eine oder andere einem selbst nicht passieren würde / könnte - ohne sich in andere Lebenssituationen hineinzuversetzen.
Profile Image for Franziska .
8 reviews
March 22, 2026
Mit 30 müssen wir auf einmal ziemlich viel." Dieser Satz aus der Einleitung fasst das Lebensgefühl der sogenannten „Rushhour des Lebens“ perfekt zusammen. Die Autorinnen Christina Calaminus, Clare Devlin und Katrin Feuerstein nehmen in ihrem Buch 30 Dinge, die du mit 30 NICHT erreicht haben musst den kollektiven Druck auf die Schippe und liefern statt eines Ratgebers ein scharfsinniges und zutiefst tröstliches Werk der Selbstreflexion.
Die thematischen Kapitel reichen von Beziehungen, Kindern, Hochzeit und Karriere bis hin zu Körper und Statussymbole. Der besondere Reiz des Buches lieg darin, dass die drei Autorinnen selbst sehr unterschiedliche Lebensentwürfe -- u.a. Single, in Partnerschaft, mit Kind - repräsentieren, sich während des Buches selbst weiterentwickeln und ihre jeweiligen Erfahrungen und Ansichten zu den verschiedensten Themen offenlegen. Genau dieser multiperspektivische Einblick in unterschiedlichen Lebensweisen macht die Reflexion so reichhaltig und überzeugend. Es geht nicht darum, Ratschläge zu erteilen, wie man es besser macht, sondern darum, die gesellschaftlichen Urteile, Erwartungen und unsichtbaren Spielregeln sichtbar zu machen, die das Leben in den Dreißigern bestimmen.
Der Mythos vom „im Griff haben“
Obwohl man meinen könnte, ein reflektiertes Leben zu führen, schafft es das Buch, die Leser*innen immer wieder zu überraschen. Es fesselt durch seine Mischung aus persönlichen Anekdoten und fundierter Kritik, ohne dabei je belehrend zu wirken. Viele Passagen sind von einem entwaffnenden Humor geprägt, der zum lauten Lachen anregt – etwa, wenn es um die absurden Rituale auf Hochzeiten und um die große Frage Eigenheim geht.
Der große Stärke des Buches liegt in der präzisen Benennung von Phänomenen, die Frauen in diesem Alter stark beeinflussen. Die Autorinnen erklären Begriffe wie Amatonormativität, was übrigens die Annahme ist, dass eine monogame Beziehung automatisch glücklicher macht, und beleuchten schonungslos den Gender Care Gap und den Mental Load. Sie zeigen auf, dass Frauen in Partnerschaften mit kleinen Kindern unbezahlte Care-Arbeit leisten, die einem Vollzeitjob gleichkommt, während Vätern häufig noch das „eigene Ding“ zugestanden wird. Zugespitzt formulieren die Autorinnen: „Es braucht sehr wenig, um ein guter Vater zu sein. Und es braucht ebenfalls sehr wenig, um eine schlechte Mutter zu sein.“
Hochzeit, Haus und die Coolness-Hierarchie
Besonders brisant ist das Kapitel Hochzeit, das die Institution Ehe als einen Vertrag entlarvt, dessen Kleingedrucktes (Ehegattensplitting, Güterrecht und Co.) kaum jemand liest. Die Kritik ist messerscharf: Die Tatsache, dass bei einer gemeinsamen Steuererklärung die Frau oft an zweiter Stelle als „Ehefrau“ genannt wird, selbst wenn sie die Hauptverdienende ist, entlarvt die kleinen, aber strukturellen Ungleichheiten, die trotz der formalen Gleichberechtigung bestehen bleiben. Die Forderung, den Scheidungssatz des Amtsgericht „Die Ehe der Beteiligten ist gescheitert“ durch ein neutrales „Die Ehe ist beendet“ zu ersetzen, ist nur einer von vielen progressiven Vorschlägen, die neben einer kleinen Prise Humor doch recht viel Wahrheit enthalten.
Auch die Themen Karriere, Haus und Körper werden unmissverständlich seziert. Die Illusion der Selbstoptimierung wird als eine Milliardenindustrie und lediglich eine „Illusion von Kontrolle“ entlarvt. Im Kapitel Haus findet sich der Satz, der das Dilemma der Generation perfekt auf den Punkt bringt: „Sondertilgung statt Mexikoreise, das klingt vernünftig, aber nicht nach einer Entscheidung, die ich gerne treffen würde.“
Im finalen Kapitel Statussymbole zeigen die Autorinnen, dass auch Hobbys und kulturelle Vorlieben einer Coolness-Hierarchie unterliegen, die oft zur sozialen Abgrenzung dient. Sie plädieren dafür, diese Hierarchien abzulegen und Hobbys als das zu sehen, was sie sind – ein Privileg – und sich von Ansprüchen zu lösen, dass Freizeitbeschäftigungen kompliziert oder „interessant“ sein müssen. Ihre Forderung: „Ich finde, Kultur muss uns Spaß machen und sollte kein Klassenkampf sein. Wenn alle es verstehen, darf es auch Kunst sein.“ Und wenn man kein gesellschaftlich anerkanntes Hobby hat, ist das auch okay.
Fazit:
30 Dinge, die du mit 30 NICHT erreicht haben musst ist kein Buch für jene, die eine Checkliste abarbeiten wollen. Es ist ein Buch für alle, die auf die Dreißig zugehen oder bereits mittendrin stecken und sich von den lebensverändernden Entscheidungen überfordert fühlen und auch für diejenigen, die denken, dass sie schon alles super im Griff haben. Es bietet die willkommene Erlaubnis, den gesellschaftlich akzeptierten Plan zu hinterfragen und den eigenen Lebensentwurf zu feiern – egal, wie unkonventionell er ist.
Es ist eine uneingeschränkte, absolute Kaufempfehlung. Ein wichtiger, humorvoller und unverzichtbarer Begleiter für die Rushhour des Lebens.
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