Der Verschwundene von Lot Vekemans war eine Überraschung für mich. Ich hatte das Buch schon vor einiger Zeit lesen wollen, und deswegen eine Vorstellung davon, worum es gehen würde. Über NetGalley wurde mir nun freundlicher Weise ein Leseexemplar zur Verfügung gestellt - und es war alles anders.
Zuerst hatte ich Probleme, in das Buch hinein zu kommen. Die ersten Seiten lesen sich zäh, der Stil (vielleicht auch die Übersetzung?) war spröde und unzugänglich. Die Person, die mir auf den Seiten begegnete, versprach wenig Unterhaltung. Doch je länger ich las, desto größer wurde der Sog der Handlung. Der Protagonist Simon, ein Mann mittleren Alters, der schon vor Jahrzehnten nach Kanada ausgewandert ist und dort ein geordnetes, eintöniges und halbgewollt einsames Leben führt, bekommt mit kurzer Vorwarnung und wenig Lust Besuch von seinem 16-Jährigen Neffen, den er nur "den Jungen" nennt. Der hat, wie wir feststellen, Probleme zu Hause, und soll nun wieder auf die gerade Bahn kommen. Unklar ist allerdings, wie das in Kanada passieren und was er dort eigentlich den ganzen Tag machen soll. Und so gibt es, in enervierender nicht- oder wenig-Kommunikation, fast nur Schweigen, Missverständnisse und Konflikte.
Den Neffen interessiert eigentlich nichts, nicht die neue Stadt, nicht der Onkel, vielleicht ein bisschen der Job den Simon ihm bei einer Freundin besorgt. Doch eines will er unbedingt: In die Rocky Mountains. Blöd nur, dass Simon eine Beinwunde hat, und deswegen nicht wandern kann. Nach einigem hin- und her fahren sie aber doch ein Wochenende hin - und damit verändert sich die Dynamik zwischen dem Jungen und seinem Onkel erneut. Denn dort treffen sie einen Mann mit Sohn, der kann, was Simon nicht kann, und nach einem großen Streit sind der Junge und die zwei Unbekannten wie vom Erdboden verschwunden.
Simon ist ein schwieriger Charakter, eingefahren, inflexibel; selbst in Gesprächen mit der Polizei und der Mutter des Jungen ist sein Verhalten schwer zu verstehen. Wir erfahren einiges über die Familiengeschichte, über alte Wunden und was es heißt, sich von der Welt zu isolieren. Nicht alles funktioniert immer - eine Romanze, beispielsweise, scheint doch etwas arg konstruiert - aber vieles funktioniert sehr oft. Die Autorin beobachtet genau, und hat keine Angst davor, uns mit fragwürdigen Entscheidungen ihres Protagonisten zu konfrontieren, Ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen, und habe dabei ein differenziertes Verständnis für die unterschiedlichen Charaktere gewonnen. Spannend, intelligent und ungewöhnlich - auf jeden Fall eine Empfehlung.