Rezension zu TALKING TO THE MOON
EDIT 03/04/2024: Da mich das Thema echt nicht losgelassen hat, wollte ich nach einiger Überlegung hinzufügen, dass, Leser*innen keine *halal-romance* erwarten sollten und es auch nie so vermarktet wurde. Das waren meine eigenen Erwartungen an das Buch, da es sich um zwei muslimische Protas handelte. Wer nicht mit diesen Erwartungen rangeht, wird sehr wahrscheinlich ein besseres Lese-Erlebnis als ich haben 🙌
Also, vorab: Ich bin so happy, dass immer mehr muslimischen Frauen, welche Kopftuch trage, die Möglichkeit gegeben wird, ihre Bücher zu veröffentlichen, in denen die Protagonistinnen ebenfalls Kopftuch tragen und der Protagonist sogar ebenfalls Muslim. Ich BRAUCHE HALAL ROMANCES AUF DEUTSCH, bitte. Danke.
Ich möchte zuerst die Dinge erwähnen, die ich am Buch mochte bzw. die mir beim Lesen gefallen haben:
- Das Verhältnis zwischen Judy und ihrer Zwillingsschwester Reham fand ich sehr innig und generell schön zu lesen
- Es hat mir gefallen, wie über die Musik geredet, nicht zu viel und nicht zu wenig, und die selbstgeschriebenen Songtexte waren ganz nett und nicht cringe wie bei so 99% in anderen Büchern
- Die Verarbeitung von Rassismus und Empowerment ist größtenteils gelungen
Nun zu den eher nicht so guten Sachen, zumindest in meinen Augen:
Es ist so, dass es im Islam bestimmte Regeln gibt was Romantik bzw. eher romantische Beziehungen angeht und die sind wie folgt: Kein Sex vor der Ehe, kein körperlicher Kontakt vor der Ehe (wirklich gar keiner, hier und da vielleicht mal die Hand berühren, das war es, vor der Ehe darf gar nix passieren im körperlich intimen Sinne) und die gegenseitigen Familien müssen/sollten Teilhabe am Prozess haben, bedeutet, islamisch gesehen läuft es so ab, dass der Mann die Frau sieht oder umgekehrt, vielleicht kennt man sich auch schon über mehrere Ecken und irgendwann merkt man, hm da könnte was sein, etwas romantisches. Man fasst also den Entschluss, die andere Person näher kennenlernen zu wollen und heutzutage ist es etwas “lockerer” geworden, aber traditionell ist es so, dass der Mann dann Kontakt zum Vater bzw. dem Famlienoberhaupt der Familie der Frau aufnimmt und sich selbst sowie seine Intentionen (nämlich Kennenlernen und dann hoffentlich, wenn alles passt, Heirat) vorstellt. Danach kommt die Kennenlernphase, man kommt miteinander ins Gespräch (man ist traditonell nie allein; bedeutet also wenn Mann und Frau sich treffen wollen, muss jemand Weiteres, am besten aus der gegenseitigen Familie, dabei sein, um zu versichern, dass alles jugendfrei bleibt) und dann Verlobung, Heirat und bam, thats it. Dies ist der traditionelle islamische Prozess, und heutzutage gibt es Paare bzw. Familien, die gehen diesen etwas lockerer an, da wird sich auch mal allein getroffen oder man hatte schon vorher eine Liebesbeziehung, etc. Das gibt es, keine Frage. Jedoch, und das ist leider Fakt, ist dies haram, also verboten im Islam. Das kann man als Außenstehende finden wie mag, respektieren sollte man es sowieso. Dies nur als kurzer Exkurs.
In Talking to the Moon sind beide Protagonisten praktizierende Muslime, bedeutet also, beide verüben die Pflichtgebete, lesen den Koran öfters, bedecken sich (beide) in der Öffentlichkeit, essen halal, etc. all solche Dinge eben und sind sich vor allem den meisten Regeln des Islams bewusst.
Kommen wir zu meiner eigentlichen Kritik: Ich finde, dass die Repräsentation der muslimischen Charaktere, einer muslimischen Liebesgeschichte nicht gelungen ist. Tut weh zu sagen, besonders weil es so wenig davon in Deutschland gibt, aber ist leider wahr in diesem Fall. Es gibt mehrere Stellen, in denen Jaad, der männliche Protagonist, Judy als “sexy” beschreibt. Ganze Absätze darüber, dass er unter ihrer Kleidung (deren Absicht es ist zu verdecken aus religiöser Überzeugung) die “Rundungen ihres Körpers” sehen kann und wie er sich “[vorstellt] wie es wäre mit Judy zu schlafen” und ne, sorry, aber einfach Nein. Here’s the thing: Es ist als Muslim/als Muslima das NORMALSTE ÜBERHAUPT, andere attraktiv zu finden und Lust zu verspüren, das ist okay. Was nicht okay ist, ist das ein muslimischer Mann eine muslimische Frau so beschreibt und dies STÄNDIG. Jaad muss immer wieder Judy’s Äußerliches erwähnen und da frage ich mich, warum???? Warum muss das sein? Es ist normal solche Gedanken zu haben, jedoch muss man sich als Muslim in Erinnerung rufen, dass es einen Grund gibt, warum wir uns bedecken. Es wäre in Ordnung gewesen, hätte Jaad sich immer mal wieder ebenfalls klar gemacht, dass er vielleicht mehr auf Judy’s Charakter statt auf ihren BH, den er durch ihr Oberteil sehen kann, achten kann und sollte. Judy war da jedoch nicht besser, denn die Gute musste nicht nur einmal, nicht zweimal, sondern drei ganze Male die Brustwarzen von Jaad beschreiben und das in nur einem Kapitel (die Beschreibung mit “zwei kleinen harten Punkte” fand ich besonders gut) und ich habe es nicht verstanden. Warum so häufig die Körper des anderen beschreiben? Ich bin nicht die Moralpolizei oder so, noch bin ich prüde. Wer sich die Bücher anschaut, die ich öfters lese, weiß, dass ich gerne und viel Smut lese, bin also selbst keine “perfekte” Muslima und stelle mich auch nicht als eine auf UND die Personen, die diese Bücher schreiben und über denen geschrieben wird, gehören nie einer Religion an. Jedoch finde ich es schwierig in einem Roman, den Nicht-Muslime lesen, in welchem es um die Liebe zwischen zwei Muslimen geht, sowas zu haben. Dann wird auch sich auch einmal in der Küche von Judys Familie heimlich geküsst, und es wäre islamisch richtig gewesen ein Gespräch danach zu haben, wie man diese momentane “Haram-Beziehung” halal, also richtig und im Sinne des Islams, richtet. Das kam aber nicht, stattdessen kam es noch zu einem zweiten Kuss oder eher einer Rummach-Session, in der auch Judys Kopftuch verrutscht und Jaad so ihren Hals sehen und küssen konnte. Supi. Mich stört nicht, dass es passiert. Mich stört, dass es nicht aufgearbeitet wird und es erst danach zum Gedanken kommt oh moment irgendwie haram. Charaktere machen Fehler, ob sie muslimisch sind oder nicht, aber gute Repräsentation ist das nicht, denn das, was Judy und Jaad machen, ist islamisch nicht richtig und es dauert eine ganze Weile, bis beide das halbwegs realisieren und das ist zu lang. Diese ganzen Szenen haben das Buch nicht bereichert und ich weiß nicht, wieso sie überhaupt drin waren oder warum gedacht wurde, sie kämen nicht ohne aus. Es ist so schade, denn die Liebesgeschichte hätte so viel schöner sein können.
Dazu: Judy sagt einmal, Jaad sähe “nicht arabisch” aus, dann sieht sie ihn etwas später mit Dreitagebart und denkt, er sieht “in meinen Augen zum ersten Mal ein bisschen arabisch aus”. Ich finde diese Aussagen problematisch. Es gibt kein arabisches Aussehen. Es gibt, wenn überhaupt, bestimmte äußerliche Attribute, die eine hohe Prozentzahl von Arabern und Araberinnen gemeinsam hat, wie bspw. dunklere Attribute, wie Haare, Haut und Augen. Es gibt dazu auch Personen arabischer Herkunft, welche hellere Attribute aufweisen, und das macht sie nicht weniger oder mehr arabisch. In einem Buch, wo es unter anderem um Vorurteile und Rassismus geht, muss diese Differenzierung vorhanden sein. Warum wird Judy nicht damit konfrontiert, dass es “in [ihren] Augen” ein bestimmtes arabisches Aussehen gibt? Warum sieht ein Mann mit Bart für sie arabischer aus? Zu einer bewussten Auseinandersetzung mit diesem Teil von Judy’s Weltbild kommt es jedoch nie und auch das ist sehr schade. Auch Jaad hört von seinen Freunden Aussagen über Judy wie “verschleierte Jasmin” und sagt nichts dagegen. Jaad erlebt selbst, dass Judy Rassismus erfährt und steht daneben wie bestellt und nicht abgeholt. Äh, wie wäre es mal mit menschlich reagieren und dagegen was sagen? Schätze nicht, das kommt erst, nachdem Jaad selbst bemerkt, dass er für sein Aussehen rassistisch behandelt werden könnte. Viel zu flache und oberflächliche Ausarbeitung bei Themen mit extrem hoher Wichtigkeit, besonders heutzutage.
Ich bin für Diskussion offen, denn mir ist bewusst, es gibt nicht DIE eine richtige Art zu repräsentieren, für mich persönlich (und auch die Muslima mit denen ich über das Buch und die Szenen detaillierter gesprochen habe, um andere Perspektiven zu hören) ist diese in diesem Buch hier jedoch nicht gelungen und kann im schlimmsten Fall zu einem falschen Bild führen, dass Nicht-Muslime, welche das Buch lesen, dann haben könnten.