Murad, im Grenzgebiet zu Syrien, wandert, durch der Türkei zugehörige, zerklüftete Felslandschaften, riecht und schmeckt den Staub. Nur er, seine Gedanken, die Einsamkeit, die nächtliche Kälte und das Vorhaben, seine Tochter zu finden.
„Ich hätte Naima davon erzählen sollen, wie sehr ich diese Müdigkeit in mit bekämpft habe. Nicht weil ich ein Streber war, der sich unbedingt anpassen wollte. Nein, es ging mir darum, diese Kraft nicht zu verlieren, anders sein zu wollen als die vielen, die ich seit meiner Ankunft in Deutschland sahn Berlin, in Mannheim, in Köln, wo auch immer. In den unübersehbaren, überbevölkerten Stadtvierteln saßen sie in den immer gleichen Cafes vor ihrem Glas Tee und ihrem Handy. Vermutlich erinnerten sie sich nicht einmal an die Hoffnungen, die sie hierher begleitet hatten. Sie waren einfach nur, jeder für sich, an seinem Platz, genau dort, wohin man sie verwiesen hatte, weil sich auch in ihnen irgendwann die Müdigkeit breit gemacht hatte, weil auch sie die Spannkraft verließ und nur Ernüchterung zurückblieb. Für mich wollte ich das nicht, dachte Murad. Dass jene Müdigkeit aber Naima mit solcher Gewalt zurückreißen würde in ein anderes Leben, von dem sie keine Vorstellung hatte, hätte er im Traum nicht für möglich gehalten.“
Die ersten 100 Seiten hat mich die Sprachfreude, die Leichtfüßigkeit, das schelmische Erzählen und Hineinziehen meiner Person, alles zu fühlen, mitzuerleben, stark an Umberto Eco erinnert und insbesondere an Baudolino. Begeisterung.
Er hält dieses Niveau jedoch nicht. Die Sprache wandert hin zur Alltagssprache. Nur hier und da, bei Überlegungen über die Spinne, die Maulwurfsgrille, das Empfinden von Vergehen der Zeit, blitzt diese Sprachlust wieder auf.
Je nach dem, mit welcher Erwartung man das Buch beginnt, könnte man es auch als Mogelpackung begreifen. Die Fragestellung: „Was führt dazu, dass die Tochter Murads sich einem Gotteskrieger anschließt und nach Syrien geht?, spielt nur eine untergeordnete Rolle. Sie wird lediglich durch Überlegungen und Audiotagebücher behandelt, die redundant und oberflächlich bleiben. Sie führen zu nichts. Für mich der enttäuschendste Teil des Buches.
Es geht um Murad, sein Verhältnis zu seiner entfremdeten Tochter, sein Verhältnis zu seiner Exfrau, sein Verhältnis zu Freunden, als Migrant in 2. Generation und eigentlich um Fortschrittsgesellschaft, um „Minima Moralia“, in vollem Fokus als Migrant die Spannkraft nicht zu verlieren und nicht mitzubekommen, dass die kapitalistische, westliche Gesellschaft, das Individuum, durch Entfremdung und Unauthentizität ebenfalls in den Sumpf der Passivität zieht. Kämpfe an 2 Fronten.
Murads Passivität ist durch eine unfassbare Naivität, einem Freiheitsgedanken, der das Gegenüber glauben macht, es sei ihm alles egal, der, obwohl er im Bereich der Kriegsdokus arbeitet, nichts von gesellschaftspolitischen Strukturen und Zusammenhängen mitbekommt, gekennzeichnet. Der ein Versager ist, die Beobachtungen seiner Umwelt, die gewonnenen Eindrücke und Erkenntnisse, zu nutzen. Als wolle er sich nicht verhalten müssen. Dabei ist er ein absolut liebenswürdiger Charakter, der sich selbst ständig hinterfragt und versucht zu verstehen.
Das macht seine Figur so unendlich tragisch.
Leider wird diese Ambiguität überhaupt nicht gewinnbringend ausgeschöpft.
Die Einsamkeit in seiner Hütte, das karge Leben, sein Baum unter dem er sitzt – eine großartige Anlage, um in die Abgründe, den Schmerz, die Suche nach Antworten und Verstehen hinunterzusteigen. Der Autor macht es nur nicht. Immer wieder wird dieser Ansatz, durch beliebige Erinnerungen gebrochen. Das Einstreuen von langweiligen, völlig nutzlosen Sequenzen mit den Boten.
Es wird klar, Murads Warten hat nichts von Herman Hesses Siddharta: "… ich bin ein Stein, ich tue nichts, ich ziehe die Dinge an mich".
Er ist nicht die Spinne, die Jägerin, die wartet und nichts tut.
Das Buch hat mich zunächst, durch das Eingangszitat und die ersten Szenen im Glauben zurückgelassen, dass wir es hier nur mit scheinbarer Passivität zu tun haben. Einer Person, die den anpackenden Pragmatismus seiner Exfrau und den ständigen Tatendrang seines Freundes Aziz, kritisch in Relation zu seiner Einkehr, dem Fokussieren auf Ziele und das darüber nachsinnen stellt. Denken erfordert Zeit. Nee, diese These würgt das Buch durch Murads Persönlichkeit immer weiter ab. Es bleibt traurige Passivität, die im Vergleich zu „Tasmanien“ zwar keiner Desillusionierung erliegt, dennoch als Dämpfer fungiert. Der Autor vermag es nicht wie Fosse, einen limitierten, in sich kreisenden Menschen, sprachlich und stilistisch zur Explosion zu bringen.
Was bleibt: Murad, du warst als Vater ein Versager.
Das reicht mir nicht, um das Buch mehr als durchschnittlich und gut zu finden. Eigentlich bin ich sogar verärgert, weil ich das Potential sehe.