Miryam ist dreißig Jahre alt und vor einigen Monaten Mutter geworden. Auf der Party einer alten Bekannten strahlt sie mit ihrem weißen T-Shirt um die Wette. Aber ist wirklich alles gut?
Seit der Geburt ihres Kindes ist Miryam von Selbstzweifeln geplagt. Sie kann nicht stillen, leidet an postnatalen Depressionen und versucht trotzdem alles richtig zu machen. Getrieben von der Scham über ihre Herkunftsfamilie und aus Angst, ihre gewaltvolle Kindheit zu wiederholen, tut sie alles, um so heil zu wirken wie die Mütter aus ihrem Umfeld und Instagram-Feed. Sie postet weichgefilterte Selfies von sich und ihrem Kind, informiert sich zu bedürfnisorientierter Erziehung und gesunden Beikost-Snacks. Doch Miryam zieht sich immer mehr zurück. Auch online findet sie keinen richtigen Austausch. In den sozialen Medien wird zwar vieles besprochen, nicht aber die eigenen Familientraumata, die möglicherweise wieder auftauchen, sobald man selbst Mutter wird. Sie fühlt sich immer stärker überfordert, auch ihre Partnerschaft geht zu Bruch, doch schließlich findet sie ihren ganz eigenen Weg aus der Krise - und damit doch noch zu sich selbst. Dem Roman gelingt es, mit ironisch-humorvollem Ton die Emanzipation einer jungen Mutter von familiär erlernten, destruktiven Mustern zu erzählen und ihren Weg in die Selbstbestimmtheit aufzuzeigen. Der Roman widmet sich den wichtigen Themen Mutterschaft und familiäre Gewalt mit viel Ironie und Eindringlichkeit.
Zwischen Fläschchen und Instagram-Filtern: Im Prinzip ist alles okay zeichnet ein Porträt einer jungen Mutter, die Elternrollen und ihre eigene Kindheit hinterfragt.
Zum Ende des Jahres habe ich noch ein persönlichen Favoriten und ein Lebenshighlight gefunden!💜
»Im Prinzip ist alles okay« ist sprunghaft, ehrlich, wütend, wohlwollend und legt den Finger in die Wunde. Ich sag euch ehrlich: Es hat wehgetan und mir war an manchen Stellen echt schlecht ABER ich habe das gebraucht!
Miryam wird wahrscheinlich für viele ein schwieriger Mensch sein. Möglicherweise werden sie einige nicht mögen oder als „anstrengend“ empfinden. Sie hat mein ganzes Herz. Die Frau, die kämpft, für sich einsteht und am Ende des Tages alleine da steht.
Schaut euch bitte die TW vorher an, aber zieht in Betracht dieses Meisterwerk zu lesen! Ich bin hin und weg und es schmerzt noch immer sehr.
"Im Prinzip ist alles okay" von Yasmin Polat: Uff, dieses Buch hat sich in mich hieingegraben und einen körperlichen Abdruck hinterlassen. Ich spüre es immer noch und so sehr es schmerzt, es hat einen sehr besonderen Platz in meinem Herzen.
Erzählt wird hier von Miryam. Sie ist um die 30, hat ein kleines Kind und einen Partner, der ein liebevoller Vater ist. Also im Prinzip alles okay, oder?
Ganz und gar nicht. Miryam (und auch ihr Partner, den ich trotzdem mehrfach an die Wand klatschen wollte) hatte eine von Gewalt geprägte Kindheit und kämpft noch immer mit den Symptomen der daraus entstandenen Traumata. Obwohl sie eine Therapie absolviert hat und sich einigermaßen stabil fühlte, holt die Mutterschaft viele vergrabenen Themen wieder hoch. Während Miryam nun darum kämpft, nicht wie ihre Eltern zu werden, muss sie sich genau von denen auch noch distanzieren und allgemeim entscheiden, welchen Weg sie einschlagen möchte.
Yasmin Polat hat mit "Im Prinzip ist alles okay" ein so wichtiges und eindringliches Buch geschrieben, das ich allen ans Herz lege, die verstehen möchten, warum transgenerationale Traumata nicht mit ein paar Therapie-Sessions erledigt sind. Die verstehen möchten, dass ihnen "die paar Klapse" sehr wohl geschadet haben und das Circle-Breaker nicht "zu sensibel", sondern verdammte Kämpfer:innen sind - und trotzdem Teile ihres Traumas weitergeben können.
Meine Geschichte ist nicht die von Miryam und trotzdem habe ich so viel von mir, so viel von meinen Schwestern, meinen Brüdern in ihr gesehen. Die Beklemmung, die ich beim Lesen gespürt habe, war alt und aktuell zugleich und ja, ich habe mehr als einmal geweint.
Abgesehen davon mochte ich den Stil des Romans sehr. Die klare Sprache, die Ich-Perspektive Miryams, die uns ungeschönt in ihren Kopf schauen lässt und die Rückblicke, die ihre Geschichte nach und nach zusammensetzen.
Auch bei mir ist im Prinzip alles okay. ❤️🔥 So schön und schmerzvoll geschrieben. So nah an meinen eigenen Erfahrungen. Vielen Dank für dieses großartige Buch!
„[…] ich könnte Papa verzeihen, […] und endlich eine Familie werden. […] Und er hat ja nicht nur schlechte Seiten. Er hat sogar echt viele gute Eigenschaften: Er ist zum Beispiel großzügig. Er hat mir eine Wohnung besorgt und mir geholfen, von meinem schlimmen Exfreund freizukommen. Er will mich eigentlich immer vor allem Übel beschützen (bis auf vor sich selbst). […]“ (S. 128)
Im Prinzip ist NIX ok. Miryam wurde gerade ungeplant Mutter und lebt mit Baby und Freund Robert nun gemeinsam als kleine Familie. Nix ok ist, weil sie an einer postnatalen Depression leidet, weil sie an einer traumatisch erlebten Kindheit leidet, weil sie daran leidet nicht ernst genommen zu werden und weil sie daran leidet, dass sie nicht perfekt für ihr Kind ist. Sie möchte es besser machen. Ihr Vater: Gewalttäter gegenüber der Mutter, arbeitete seinen Narzissmus und Minderwertigkeitsgefühle an ihr ab. Heute will er davon nix mehr wissen. Darüber sprechen, es nur anzusprechen oder auszusprechen, sich zu entschuldigen, endet immer in einer Katastrophe. Ihre Mutter ließ dies über sich ergehen; als Schutz für die Kinder, konstatiert sie heute, um sich nicht ihrem minderen Selbstwertgefühl stellen zu müssen; romantisiert immer wieder. Miryam schlittert in jungen Jahren in eine Beziehung mit einem gewalttätigen Partner und landet irgendwann in einer Psychotherapie. Ihr einziger Leuchtturm ist ihr Bruder. Lebenspartner Robert scheint DER verständnisvolle Mensch zu sein, den Miryam zur eigenen Rettung (was im Grunde ja nicht möglich ist) benötigt. Und doch zieht er irgendwann ihr Verhalten mit Vorwürfen und eingelassenen Bädern mit Badesalz ins Lächerliche. Und die Schwiegermutter, ja die ist ja ein ganz besonders übles Geschenk.
„Robert sei doch auch nur fertig gewesen, weil ich es ihm mit meinen Launen, meiner Depression so schwer gemacht habe. Sein „Handeln“ sei nur ein Hilfeschrei gewesen, den ich hätte erhören müssen. Es gehe so vielen Frauen auf der Welt so viel schlechter als mir.“ (S. 323)
Und da sind wir nun, meine Lieben. In der Realität. Wie oft ist uns so etwas schon untergekommen?? Vermutlich in anderer Konstellation, mit anderen Themen.
Was alle Personen in diesem Roman vereint: ein klassisches Generationentrauma und Epigenetik! Beschönigung und Romantisierung, schönreden. Sehr gruselig! Dies alles gepaart mit Depressionen, massiver Gewalterfahrung (egal ob körperlich oder verbal) oder Ignoranz. Persönliche Übergriffigkeiten formen das Geschehen(e). Doch was Miryam unterscheidet ist ihr Wille dies zu ändern. Sich aus diesen toxischen Mustern zu befreien und es anders zu machen. Dieser Stress, den sie sich selbst auferlegt, gepaart mit Perfektionismus, lässt sie gefühlt immer scheitern und mehr verzweifeln. In regelmäßigen und kurzen Abständen, wird Miryam alles abgesprochen, was sie fühlt, was sie psychisch niederringt. Sie ist verbal übergriffigen Gesprächen ausgesetzt und reagiert dann in erlernter „Normalität“ darauf. Ihre Schuldgefühle dehnen sich immer mehr aus, ihr Selbstwert rauscht zum Erdmittelpunkt, und dies alles versucht sie mit gefilterten Social-Media-Bildern zu übertünchen, um sich kurzfristig eine heile Welt vorzugaukeln.
„Sie war ein Opfer, ja. Aber meist wirkt sie eher traurig auf mich, dass ihre Ehe vorbei ist, nicht darüber, was in der Ehe passiert ist. Ihr schleppendes Siechtum kommt mir oft vor wie eine Trauer um eine verlorene Identität.“ (S. 215)
Ja, auch Robert ist so einer, den ich gerne mal in der Wanne in den Schaum getunkt hätte. Auch eine Person, die nie zu reflektieren gelernt hat. Vogelstraußpolitik regelt Dinge, das ist sein Motto. Und wenn das nicht hilft, ja dann geht’s mit Wahrheit(en) passend machen, Demütigung oder Vorwürfen. Im Grunde auch eine arme Haut.
„Ich würde Robert in diesen Momenten so gern so richtig eine aufs Maul geben. Und dass ich das gern tun würde, macht mir Angst. […] Mein gesamter Zustand beschämt mich.“ (S. 149) „Und Robert ist gut im Lügen. Jeder andere Mensch würde ihm glauben. Aber ich habe nicht nur Traumata, sondern auch Skills aus meiner Kindheit mitgenommen.“ (S. 164)
Diese Beklemmung habe ich beim Lesen gespürt, diese Angst, was als Nächstes geschehen wird. Auch ihre „Skills“ Menschen zu lesen, konnte ich so gut nachvollziehen.
Ich möchte diese junge Frau einfach nur in den Arm nehmen, drücken und ihr ein Quäntchen Halt geben. Ihr sagen, dass sie auf einem guten Weg ist und es besser werden wird. Yasmin Polat bildet in nicht chronologischen Rückblenden das Leben von Miryam ab und fügt die Geschichte wie ein Puzzle nach und nach zusammen. Die eingearbeiteten Themen wie Generationentraumata, Depression, Mutterschaft, Partner*innenschaft, Erwartungen, Narzissmus, dysfunktionale Familien, Täter*innen, Opfer, Selbstliebe, Grenzen (ich könnte noch weiter schreiben …) kommen ganz heimtückisch daher und sind in die Geschichte nahtlos verwoben. Nichts davon ist zu viel oder zu wenig. Und im Grunde sind auch die anderen Personen gefangen in sich selbst; haben alle nicht die Kompetenz (und auch nicht den Willen!) über ihre eigenen Handlungen und Aussagen zu reflektieren oder Fehler zuzugeben. Schuld sind ja, bekanntlich, meist „die Anderen“.
Trotz der Schwere der Themen schafft es die Autorin an vielen Stellen einen humorvollen Ton zu bewahren. Sie vermittelt die Geschichte in einer direkten und authentischen Sprache, die die emotionalen und psychologischen Aspekte des Romans stark zum Ausdruck bringt.
Toller #Debütroman und von mir eine fette #leseempfehlung und viele Leser*innen!
Miryam hat in ihrem Leben schon viel durchgemacht. Doch auch als frischgebackene Mutter ist es schwer für sie, ihr Glück zu finden. Im Roman werden, aus der Perspektive der Protagonistin, verschiedene Momente ihres verkorksten Lebens aufgegriffen. Wir erfahren, wie sie von einem schwierigen Elternhaus in die nächste toxische Beziehung torkelt und schließlich bei dem Vater ihres Kindes landet. Wenn man den so reden hört, kann man auch hier nicht auf ein respekt- oder gar liebevolles Miteinander schließen: „Nur weil dein Vater scheiße war, nervst du jetzt alle. Geh mal lieber in die Wanne, Miryam, du musst mal deine Psychosen einweichen und uns hier in Ruhe frühstücken lassen.“ Ich habe mich von der anfänglichen Eloquenz der Ich-Erzählerin einwickeln lassen und war schnell von den niveaulosen Dialogen genervt. Sie wird beispielsweise als „Du Opfer“ angesprochen und lässt das ohne weitere Gedanken oder Reaktionen so stehen. Es wird klar, dass sie es im Leben schwerhatte, und ich verstehe, dass sie daran zu knabbern hat. Doch, wie dies vermittelt wird, ist übertrieben (alle Menschen sind fies zu ihr, sogar die Chefin, die gar nichts zur Sache tut) oder realitätsfern (selbst ein Psychologe verurteilt sie beim ersten Gespräch). „Im Prinzip ist alles okay“, aber ein Lesegenuss wollte sich bei mir nicht einstellen.
die letzten 10% waren das beste vom buch. es wird immer die schlimme variante gewählt, dadurch schwermütig zu lesen. alle personen werden sehr negativ dargestellt. der gesundungsprozess dann wiederum sprunghaft erzählt, dass was ich eigentlich interessant gefunden hätte. das ende scheint die schwere und ernsthaftigkeit von trauma und psychischer krankheit zu unterwandern in dem zuspruch auf social media, tiktok und eine fernfreundschaft “genügen“ um psychisch wieder stabil zu werden
Erstens, es ist schrecklich anstrengend, die ganze Zeit im Kopf einer depressiven, traumatisierten Person zu sein, die auch ihrerseits nur von anderen Personen mit schwierigen Persönlichkeiten umgeben ist. Ich verstehe schon, dass das gewollt ist, aber es gibt einem wirklich kaum Atem beim Lesen, immer nur Selbstvorwürfe zu lesen und keinerlei Empathie dafür wahrzunehmen. Ich wollte alle Beteiligten schütteln und zur Vernunft bringen. Effektiv immerhin: Wenn dann am Ende des Buchs ein Lichtstrahl durch die Wolken bricht, habe ich das als Leser richtiggehend mitgespürt. Die gefundene Lösung ist eine so einfache wie starke. Und es ist gut, dass jemand dafür Partei ergreift.
Zweitens, ich komme mit dieser Art von Autofiktion nicht gut klar. Wenn die Hauptfigur entscheidende biographische Details mit der Autorin gemein hat, der Name nur eine leichte Abweichung des Autorinnennamens ist und es den Instagram-Account, den die Protagonistin am Ende des Buchs anlegt, wirklich gibt, dann bringt mich das durcheinander. Was ist Fiktion, was ist Erinnerung? Es sollte mir egal sein, aber ich kann mich davon nicht lösen, darüber nachzudenken, zumal die Autorin nach wie vor eine öffentliche Persönlichkeit ist. Und ich frage mich: Warum ein Roman? Warum nicht "Memoir" oder Personal Essay? So viel Plot hat das Buch nicht, und eine reflektierende Ebene hätte ihm vielleicht sogar gut getan. Der Stil ist ohnehin sehr persönlich-bloggerisch. Ist die Fiktionalisierung ein Schutz? Es wird sicher einen Grund dafür geben, aber das Ergebnis passte nicht zu mir. Ich kann es respektieren, aber es fällt mir schwer, es wirklich zu mögen.
Was ein deprimierendes Buch! Bleibt sicherlich nicht aus, wenn aus der Perspektive einer schwer traumatisierten und depressiven Person geschrieben wird, aber mir fehlte schlichtweg ein wenig Leichtigkeit. Und ein Abschluss ohne die zahlreichen offenen Enden! Darüber hinaus hat mir auch der Stil nicht durchweg gefallen - teilweise deutlich zu jugendlich und flapsig, was für mich bei dem Thema eher unpassend war, mag es auch Absicht gewesen sein. Insgesamt (nur) zwischen zwei und drei Sternen, schade!
'In Prinzip ist alles okay'...da ist die Grundessenz des Romans von der Autorin Yasmin Polat 'eigentlich' schon im Titel enthalten. Es muss alles okay sein, alle denken es ist okay, es darf nicht nicht okay sein... Miryam Topal schlägt sich genau damit rum. Ihr wird suggeriert, mal mehr mal weniger direkt, das Sie sich nicht so anstellen soll. Die Traumatische Kindheit vergessen, noch besser vergeben. Den brutalen und übergriffigen Ex Freund, die toxische Ehe mit einem notorischen Lügner. Miryam ist nun schließlich mittlerweile schon dreißig Jahre alt und Mutter. Blöd nur wenn zu allen anderen schweren Päckchen, den Selbstzweifeln, der früheren Depression jetzt auch noch eine postnatale Depression dazukommt. Ein Roman der beim lesen weh tut und unterschiedliche Gefühle in einem weckt. Ich muss zugeben das ich Miri hin und wieder auch echt nervig fand und dann wiederum total mit ihr gelitten habe. Wie schwer es ist wenn von einem erwartet wird gefälligst glücklich zu sein oder wenigstens zufrieden. Aber jeder Augenblick fällt schwer und Tage kann man nur durchstehen, indem man sie einteilt und Schritt für Schritt 'abarbeitet'. Aber sicher auch nicht einfach mit jemanden zusammen zu leben der diese Probleme hat. Das wurde recht gut dargestellt, wobei Miris Partner nun nicht gerade das Paradebeispiel eines Ehemanns ist. Ich mochte dieses Buch wirklich gerne lesen und vorallem das Ende fand ich sehr gelungen. Wer also Lust auf ein forderndes Lesevergnügen hat, sollte gerne zu 'Im Prinzip ist alles okay' greifen.
Man sieht die Welt durch die Augen einer depressiven 30-Jährigen Mutter, die eine schwere Kindheit erlebt und ihren Platz in der Welt bzw. ihrem Umfeld noch nicht ganz gefunden hat. Es kann einen schon mal sehr runterziehen und ist definitiv keine leichte Kost! Der Schreibstil hat mir aber sehr gut gefallen und machte es leicht Empathie zu empfinden, obwohl der Hauptcharakter einem nicht immer sympathisch ist. Ich frage mich wie viel hier wirklich Fiktion ist oder ob die Autorin hiermit eher ihre eigenen Erfahrungen verarbeitet…
Endlich eine Protagonistin, die den Satz „Alles gut“ genauso hasst wie ich. Diesem Buch habe ich mehrmals den Mittelfinger gezeigt, weil es so viele der Charaktere verdient haben.
»So schlecht er auch mit mir umging - ein Teil von mir war überzeugt, ihn zu brauche. Es gab eine Art Sicherheit in seiner Gewalt für mich, die ich mir nicht erklären konnte.« (S.39) 💔
Miryam ist dreißig Jahre alt, Mutter einer kleinen Tochter und hat Depressionen. Diese hat sie nicht ernst seit der Geburt ihres Babys, wie im Verlaufe des Buches deutlich wird, aber werden dadurch erneut präsenter. Schnell wird deutlich, dass Miryam und ihr jüngerer Bruder Deniz in einem von Gewalt geprägten Elternhaus aufgewachsen sind und die Gewalt auch ihre eigenen Beziehungen prägte. Lange war sie in Therapie, um die familiär-erlernten destruktiven Muster und ihre Depression zu bearbeiten. Jetzt als Mutter will sie vor allem eins: Es besser machen als ihre Eltern. Doch in ihrer aktuellen Lage - isoliert durch Kontaktabbrüche von ihr wichtigen Menschen sowie beeinflusst durch die perfekte Instagram-Sicht von Momfluencern - redet sie sich ein, dass nicht einmal ihr Kind sie mögen würde und deswegen den Vater immer bevorzugen würde.
Durch den achronistischen Schreibstil setzt sich das Gesamtbild der Protagonistin mit jedem Kapitel wie bei einem Puzzle mehr und mehr zusammen, und es wird deutlich, warum das Leben für Miryam alles andere als OKAY ist. Zum Ende des Buches laufen die zeitlichen Abstände zwischen den Kapiteln immer stärker zusammen, so dass Lesende am Ende im ‚Jetzt‘ mit Miryam angekommen sind.
Der Autorin gelingt es hervorragend, Miryam’s unangenehmen Gefühle zu transportieren. Ich habe mich beim Lesen sehr unwohl gefühlt und jedes Mal, wenn der jungen Frau Undankbarkeit vorgeworfen worden ist, sie aufgefordert wird die Vergangenheit einfach sein zu lassen oder das Patriachariat personifiziert durch ihren Partner, Eltern und Bruder (»Ich glaube nicht, dass ich dramatisch, zu sensibel bin oder sonst eine dieser Eigenschaften habe […]« (S.258) ) ihr einen weiteren Stoß versetzen, hätte ich sie am liebsten umarmt und ihr klargemacht, dass sie das nicht verdient hat. Dass sie sich - für mich als Lesende - zu wenig zur Wehr setzt ist als Ausdruck der Krankheit aber auch der weiblichen Sozialisation sehr gut geschrieben. Es tut nahezu weh, zu lesen, wie sehr Miryam struggelt. 💔 Ihr Scheitern fühlt sich so viel schlimmer an, weil man weiß, wie sehr sie es besser machen wollte
In ihren Debütroman »Im Prinzip ist alles okay« schreibt die Journalistin und Autorin Yasmin Polat über die Emanzipation einer jungen Mutter 💜, Gewalterfahrung innerhalb der Familie, Generationentraumata und Mutterschaft.
Ein emotionaler Roman, der die Gefühlslage und Situation einer jungen, depressiven und traumatisierten Mutter sehr eindrücklich vermittelt. Ich empfehle ihnen allen Personen, die sich mit Mutterschaft, Generationsttraumata und Selbstbestimmung aus einer dieser Perspektive auseinander setzen möchten und können. 💜
„‚Kinder warten immer auf ihre Eltern‘, habe ich irgendwo mal gelesen. Das stimmt. Ich warte momentan aber auch auf mich. Darauf, dass ich meine Kindheit verarbeitet habe, verzeihen kann und wir endlich eine Familie werden können.“
Dieses Buch hat mich in jeder Zeile abgeholt und den Finger in die schmerzende Wunde gelegt. Und gebohrt. Hab es so sehr gefühlt.
Interessant, dass Topal ein Anagramm von Polat ist, oder?
Die Hauptprotagonistin Miri beschreibt so unfassbar schmerzlich ehrlich ihr Leben als Mutter und wie ihr Generations übergreifendes Trauma sie belastet und einnimmt. Es tut weh zu lesen und trotzdem kann man nicht aufhören.
„Pain travels through families until someone is ready to feel it.“ -Stephi Wagner
Im einer dysfunktinalen Familie wird diejenige Person, die die Dynamik durchbrechen will, als störend empfunden. Die Protagonistin Miryam ist so eine Person.
Ich fand es dementsprechend an Täter-Opfer-Umkehr grenzend, Reviews zu lesen, die Myriam als nervig o.ä. betiteln.
Sie macht eindeutige Fehler, aber im Unterschied zu ihrem Umfeld arbeitet sie an sich und am Durchbrechen der traumatisierenden Handlungsmuster ihrer Familie. Ich finde daher ihr Umfeld deutlich nerviger.
Zu Beginn dachte ich, das Buch sei eine Romanversion von „Chllig mit Baby“ oder „Das Unwohlsein der modernen Mutter“. Aber es war so viel mehr.
Es geht neben Mutterschaft und Gewalt auch um Depressionen, Narzissmus, Partnerschaft, Suizidversuche und Schönheitsideale in Zeiten von Social Media… also keine leichte Kost und die TWs sollten definitiv beachtet werden. Trotzdem schafft es das Buch, kurzweilig zu sein, ohne oberflächlich zu werden. Der Tonfall war nicht meins, aber das ist Typsache.
„Er will kein Opfer mehr sein, sagt er. Ich glaube, er will Täter sein. Mir wird übel.“ Wer schon mal mit dem Lügengeflecht eines Narzissten in Berührung gekommen ist, kann vermutlich Myriams Schmerz nachvollziehen, angesichts der unterschiedlichen Strategien ihrer Familienmitglieder, mit der Situation umzugehen. Dabei ist Myriam wie gesagt auch viel weiter von einer Heiligen entfernt als z.B. die Protagonistin des Familiendramas „The Vegetarian“ von Han Kang, sonder wird als komplexer und unperfekter Mensch porträtiert.
Das Buch hat thematisch oft Unwohlsein bei mir ausgelöst, trotzdem gebe ich 5 Sterne, für diese vielschichtige Darstellung. Und wow, wie Yasmin Polat diese Art der Familiendynamik herausgearbeitet hat, lässt mich in Verbundenheit zurück. Mein tiefer Respekt dafür, sich mit dem Thema so produktiv auseinanderzusetzen. Die Sympathie, die man bei manchen Büchern für die Protagonist*innen empfindet, empfinde ich hier stattdessen für die Autorin.
Die Autorin hat mich seit der ersten Zeile voll in ihren Bann, in ihre Geschichte gezogen. Sie erzählt in einer so leichten, aufgeräumten Art, obwohl das Leben der Protagonistin Miryam alles andere als leicht und aufgeräumt ist. Im Prinzip ist nämlich gar nichts okay. Man begleitet die Protagonistin in verschiedenen Zeitebenen auf ihrer Reise zu sich selbst. Mir hat der Roman vor Augen geführt, wie wenig selbstverständlich ein gewalt- und angstfreies Leben ist. Wie zerbrechlich ein Leben und eine Zukunft sein kann. Wie schwer es sein muss, seine (Herkunfts-)familie hinter sich zu lassen und den Kreislauf der Gewalt zu beenden. Ich hoffe, Yasmin Polat schreibt ein weiteres Buch, denn das hier ist ihr sehr gelungen.
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Wow, ich habs als Hörbuch gehört und es hat mich krass berührt! Ich habe so mitgefiebert mit der Hauptperson in ihrem Ringen für ein gutes Leben, ihr Charakterisierung wirkt so ehrlich und ich finde sie so stark! Meiner Meinung nach ist auch die Repräsentation von Depressionen mit teilweise begleitenden Zwangsgedanken extrem gut gelungen. Wenn einem die Themen nicht gerade zu viel sind eine große Leseempfehlung!
wie kann sie denken, dass sie das problem ist, wobei ihr ganzes umfeld einfach eine maximale krise ist… ich habe ihre wut gespürt, die sie sich nicht erlaubt zu fühlen
Eines der besten Bücher die ich gelesen habe über Narzissten. Das ständige hin und her. Dir Hoffnung, dass es doch irgendwann besser wird und die fast mirakulöse Art und Weise wie Narzissten sich immer wieder zurück ein ins Leben wurmen. Den größten Vorteil im Vergleich zur Protagonistin den ich habe ist, dass ich ‚nur‘ einen narzisstischen ‚Vater‘ habe und nicht auch eine narzisstische Mutter… Und, dass ich schon vor eine paar Jahren verstanden habe, dass nur schlechtes von Kontakt kommen kann. Wenn ihr FreundInnen habt die narzisstische Misshandlung von Eltern erfahren haben dann liest dieses Buch um es etwas besser zu verstehen. Für eine Beispiel Liebesbeziehungen kann ich Kairos von Jenny Erpenbeck empfehlen.
Ähnlich, aber doch anders als die Schönste Version, lässt mich dieses Buch mit einem autsch Gefühl zurück. Obwohl es höchst unangenehm war der Innenwelt der Protagonistin zu folgen, konnte ich nicht aufhören und hatte so viel Mitgefühl für sie. Die Veränderung am Ende kam mir nur etwas zu schnell und daher wenig überzeugend. 3.5.
eher 3,5 Ich mochte den Schreibstil sehr gerne, dennoch inhaltlich sehr doll und anstrengend - ein ganzes Buch voll mit Negativität TWs: Depression, häusliche Gewalt, Kindheitstrauma,… alles im Kontext Familie und Schwangerschaft. Uff!!
Ein sehr starkes Debüt, aber keine leichte Kost. Ich habe sehr stark mit der Protagonistin mitgefühlt und diese ganze Ungerechtigkeit hat mich wirklich wütend gemacht.