»Angry Cripples« werden behinderte Menschen abfällig genannt, denen vorgeworfen wird, aufgrund ihrer Behinderung verbittert zu sein. Dieses Buch fordert den Begriff zurück und besetzt ihn neu. Es kommen ausschließlich behinderte Menschen zu Wort – und viele von ihnen sind wütend darüber, wie die Gesellschaft mit ihnen umgeht. Zu Recht. Hier verschaffen sie sich Gehör, um eine inklusive Gesellschaft mitzuprägen. Sie schreiben unter anderem über Pränataldiagnostik, selbstbestimmte Sexualität, Sichtbarkeit und Social Media. Die Beiträge bilden die große Vielfalt behinderter Lebensrealität in unserer Gesellschaft ab: es gibt fiktive Texte, wissenschaftliche Beiträge, Zeich-nungen, Interviews und Brandreden. Ein beispielloses Projekt, das den hohen Wert der Selbstbestimmung zeigt und Lust macht auf eine wirklich inklusive Gesellschaft. Mit Beiträgen von: Kübra Sekin, Luk Bornhak, Natalie Dedreux, Tanja Kollodzieyski, Nadine Rokstein, Senami Hotse, Amie Savage, Irina Angerer, Jasmin Dickerson, Janina Nagel, Lisa-Marie Lehner, Lela Finkbeiner, Chris Kiermeier, Lukas Krämer, Alina Buschmann
Angry Cripples ist eine Empowerment-Plattform von behinderten Menschen für behinderte Menschen, die von den Herausgeberinnen ins Leben gerufen wurde.
Gehört dank Netgalley, Interesse als Betroffene (GDB90, PG3)
Nach den ersten Berichten habe ich überlegt, ob ich das Buch zur Seite lege und habe mich gefragt: Wer ist die Zielgruppe?
Inhaltlich ist das Buch vielseitig angelegt, sehr viele verschiedene Personen erzählen von ihren Ableismus-Erfahrungen. Am Stärksten berührt hat mich die Geschichte vom Cocktailabend, weil ich da der Erzählenden wirklich nah gekommen bin.
Bei fast allen anderen Beiträgen hatte ich ein sprachliches Problem. Einerseits fordert das Buch Inklusion, wirkliche Inklusion als das gleichwertige Auftreten behinderter Menschen in allen Lebenssituationen durch den Abbau aller Arten von Barrieren. Andererseits ist das Buch sprachlich so gehalten, dass es streckenweise nur für Insider verständlich ist. Statt der geforderten "Leichten Sprache" wird durchgehend mit den Schlagworten und Fachbezeichnungen, mit Formulierungen, Fremdwörtern und dergleichen agiert, dass gefühlt Akademiker:Innen, Social-Media-Natives u.ä. die einzigen Empfänger:Innen sind, die die Texte in kompletter Bandbreite verstehen können.
Bin ich zu alt (59) und unflexibel als potentielle Leser:In?
Ist die Art sich auszudrücken von den Autor:Innen ausgegangen oder vom Verlag? Ich hätte mir gewünscht, dass die Stimmen sich unterschiedlicher lesen - gerade in Wortwahl und Ausdruck und hätte mich dann stärker in die starken Texte hineingefunden. Im Verlauf des Buches wurde es nach meinem Empfinden besser - gerade die Kurzzitate und die danach folgenden Texte waren für mich weitere Highlights.
Das Hörbuch hatte für mich das zusätzliche Problem, dass die Verweise auf die Onlinepräsenzen und SocialMediaProfile der Autor:Innen bei meiner typischen Hörbuchnutzung (unterwegs oder während ich etwas Anderes tue) für mich schlechter notierbar waren als bei einem Buch. Hier würde ich mir vom Verlag eine Liste der Adressen wünschen, die herunterzuladen und leicht zu finden ist.
Bei der Bewertung tue ich mich ein wenig schwer:
5* für das Anliegen, 4-5* für die Inhalte, Eher 3* für die Sprache Weniger als 4* möchte ich nicht geben
Super wichtiges Buch. Mochte auch sehr das Konzept wobei die verschiedenen Perspektiven von betroffenen Menschen, das große Spektrum von Menschen mit Behinderung aufzeigen. Sehr informativ und lehrreich. Ich komme nur einfach nicht drauf klar, dass in einem Buch über Ableismus, einige Beiträge Bilder hatten oder nur aus Bildern bestanden und niemand auf die Idee gekommen ist, diese kurz zu beschreiben. Honestly, hab mich als blinde Person ausgeschlossen gefühlt, in einem Buch über Ableismus.
Falls jemand eine andere, ähnliche Empfehlung brauch, kann ich seeeehr Disability Visibility von Alice Wond empfehlen!!
Ich fange ja gerade erst an, mich mit Behinderung zu befassen, aber nachdem ich Behindert und stolz: Warum meine Identität politisch ist und Ableismus uns alle etwas angeht von Luisa L'Audace gelesen habe und ich da schon unglaublich viel gelernt habe, war dieses Buch eine richtig gute Ergänzung, um von noch mehr Perspektiven und Themen zu lesen. Es bietet definitiv gute Ansatzpunkte, um sich weiter zu informieren!
"Wir sind schon laut. Ihr müsst nur anfangen, uns endlich zuzuhören."
15 richtig tolle Essays, Kunstwerke und Anderes von Behinderten über Behinderung. Von ADHS im Uni-Alltag bis zum Trisomie-Test, wodurch mehr Menschen mit Behinderung abgetrieben werden.
In dieser Anthologie mit Beiträgen von 15 BeHinderten Stimmen vom Deutschen Instagram Space, kommen verschiedene Perspektiven zum Zuge in Form von Visueller Kunst, Interview, Aufsatz oder Schilderung.
Meine Lieblings Beiträge:
• Warum Ich Keine Motivational Speakerin Bin ~ Alina Buschmann “Ich verstehe den Wunsch, als »gute Menschen« wahrgenommen werden zu wollen. Immerhin sehen und hören wir an allen Ecken: »Sei ein guter Mensch«, »Sei großzü-gig«, »Sei nett.. Diese Eigenschaften gelten in unserer Gesellschaft als erstrebenswert. Soziale Gerechtigkeit entsteht nur leider nicht durch ein nettes Lächeln oder eine gut gemeinte Geste. Tatsächlicher sozialer Gerechtigkeit geht die Auseinandersetzung mit unseren diskriminierenden Strukturen und den eigenen Privilegien voraus.”
• Einsamkeit ~ Jasmin Dickerson “Denn Einsamkeit ist nicht etwa Alleinsein, das bin ich zuweilen sehr gerne.Nein, es ist das Gefühl, von allem und jedem abgeschnitten zu sein und nirgends dazuzugehören. Und das wünsche ich keiner Person...Denn wir brauchen kein Mitleid, wir brauchen Inklusion.”
• Unsicht-Bar ~ Irina Angerer
• Visuelle Künste Mit Ohne Visuellen Sinn ~ Nadine Rokstein “Menschen in meinem Umfeld würden mich mit Schmetterlingen und Eulen in Verbindung bringen. Dies liegt daran, dass ich sie in verschiedenen Variationen als Tattoos auf meinem Körper trage. Tattoos sind für mich eine Ausdrucksweise von Geschichten, Gefühlen und Leidenschaften. Mit jedem einzelnen Kunstwerk auf meinem Körper verbinde ich etwas. Sie verleihen mir Selbstbewusstsein und eine positive Beziehung zu meinem Kör-per. Dennoch muss ich mich oftmals für meine Entscheidung, mich tätowieren zu lassen, rechtfertigen. Abgesehen von der Debatte, ob man sich tätowieren lassen sollte, muss ich mich für die Entscheidung rechtferti-gen, mich als blinde Person tätowieren zu lassen. »Wieso hast du denn Tattoos, wenn du die gar nicht sehen kannst?«, ist eine Frage, die ich oft gestellt bekomme und übergriffig finde. Denn der Grund ist simpel: Weil ich sie schön finde. Ich kenne meine Tattoos, weil ich meine Wünsche mit den Künstler*innen abspreche und Zeichnungen per Zoom und Bildbeschreibungen näherge-bracht bekomme.”
• Bilder von Lisa-Marie Lehner
• Der Falsche Schutz von Chris Lily Kiermeier “Ableismus. Durch das Vor-urteil, dass Menschen mit Behinderung kein sexuelles Verlangen verspüren, kommt natürlich auch kein Bedarf auf, über dieses Thema zu sprechen. Die Folge ist, dass die Menschen mit ihren Bedürfnissen alleine gelassen werden und es wenig bis keine Aufklärung gibt. So wird die Entwicklung hin zu einer selbstbestimmten Sexualität blockiert und gegebenenfalls nötige Hilfen, wie eine Se-xualbegleitung, werden ignoriert.”
Ein sehr wichtiges Buch für den politischen und gesellschaftlichen Diskurs im deutschsprachigen Raum, dem ich aus diesem Grund auch keine Sternebewertung verleihen will.
Anders als bei anderen -ismen scheint unsere Gesellschaft, wenn es um Ableismus geht, noch einen weiten Weg vor sich zu haben. Deshalb ist diese Lektüre, in denen 15 Menschen mit behinderten Lebensrealitäten zu Wort kommen und ihre Kunst teilen ein sehr wichtiger Start, jene zu Wort kommen zu lassen, die bisher aus dem deutschsprachigen öffentlichen Raum eher verdrängt werden. Viele der Schreibenden und Zeichnenden sind verständlicherweise wütend, sind durch sichtbare Behinderungen (teilweise unfreiwillig) im Mittelpunkt, andere versuchen durch Aktivismus, teilweise Unsichtbares sichtbar und mehr Repräsentation zu schaffen. Ein sehr wichtiger Einstieg also, um entweder als Person, die selbst von einer bestimmten Behinderung betroffen ist, Erfahrungsberichte anderer zu lesen - oder, um als nicht betroffene Person mehr Bewusstsein über den eigenen Tellerrand, aus der meist privilegierten Position zu erlangen.
Schön finde ich vor allem, dass nicht vorausgesetzt wird, manche Begrifflichkeiten zu kennen, sondern diese direkt im Anschluss daran erklärt werden. Und dass über die 15 konkreten Stimmen / Kunstwerke hinaus noch weitere Zitate behinderter Menschen hinzugezogen werden, um Lücken zu schließen.
Daher von mir eine definitive Lese- / Hörempfehlung für jede Person.
(Danke an dieser Stelle an Netgalley und JUMBO Verlag | GOYALiT für das Audio-Rezensionsexamplar.)
Ich habe das Buch sehr gerne gelesen, viele Situationen wieder erkannt und obwohl ich mich schon öfter mit Ableismus befasst habe, einige neue Begriffe und Konzepte kennengelernt. Es sollte viel mehr Bücher geben, in denen behinderte Menschen zu Wort kommen. Das ist so wichtig! Ich finde, dass jede Bücherei dieses Buch vor Ort haben sollte, damit es viele Menschen erreicht. Nicht behinderte Menschen sollten das lesen, um über Ableismus zu lernen und ihn besser zu verstehen. Für behinderte Menschen kann es empowernd sein, sich in den Texten wiederzufinden (so habe ich es empfunden). Mit einem kleinen Aber: Das Buch ist leider nicht ganz barrierefrei, es fehlen z.B. Bildbeschreibungen für sehbehinderte und blinde Menschen. Für Menschen, die auf Einfache oder Leichte Sprache angewiesen sind, schätze ich es als nicht verständlich ein. Bei der nächsten Auflage wäre es toll, wenn die Bildbeschreibungen ergänzt werden könnten und zumindest einige Texte in Einfache oder Leichte Sprache übersetzt werden könnten.
Ich würde jedem dieses Buch empfehlen, weil es eine große Bandbreite an Perspektiven behinderter Menschen beinhaltet. Man hat häufig nur die Diskriminierung von wegen „keine Rampen und Aufzüge" im Kopf, dabei ist Ableismus so viel mehr als das! Die systemische Komponente kommt sehr gut durch, wenn man Erfahrungen unterschiedlich behinderter Menschen anschaut. Ableismus ist ein Problem und trotzdem wissen die meisten Menschen nicht mal, was das ist. Nicht jede behinderte Person hat jede beschriebene Art von Diskriminierung erlebt, weil die Erfahrung behinderter Menschen sehr unterschiedlich sein kann. Deswegen sind so viele Perspektiven gesammelt wertvoll. Als Autistin finde ich es spannend, meinen Erfahrungen jetzt einen Namen geben zu können.
Ich habe diese Sammlung an persönlichen Geschichten, schlauen Analysen und Illustrationen sehr genossen und total verschlungen. Ein tolles Buch, die allermeisten Texte haben mich sehr abgeholt. Einiges wusste ich schon und war für mich eher eine Wiederholung, anderes Vertiefung oder völlig neu und eine wichtige Anregung zum Nachdenken und weiter reflektieren.
[Das Kapitel von Lukas Krämer habe ich bewusst nicht gelesen und bin aber auch immer noch unsicher, ob das die „richtige“ Entscheidung ist.]
Eine schöne Sammlung verschiedener Stimmen. Mir war zwar das meiste bekannt, es gab aber auch Neues für mich. Bei manchen Sichtweisen hätte ich mir noch etwas mehr gewünscht, aber das ist oft so bei kurzen Texten.
Eine Essaysammlung, die sich zwar darum bemüht, ein breites Spektrum an Stimmen abzubilden, die aber am Ende alle sehr ähnliche Aussagen treffen. Das ist vollkommen okay, aber so mit Abstand betrachtet etwas einseitig. Vielleicht liegt das auch daran, dass einige der Essays Fragen in mir aufgerufen haben, die ich gern gestellt hätte. Sie haben viel in mir bewegt und ich wollte mich darüber austauschen, aber mit einem (Hör)buch bin ich am Ende nun mal doch immer erst mal allein mit meinen Gedanken (und dafür kann dieses Sammlung nichts, Lesen ist eben ein isoliertes Hobby).
Dieselbe Problematik trat auf, wenn ich die ein oder andere Schilderungen nicht gut nachvollziehen konnte und mich gleichzeitig fragen musste, ob das jetzt mein eigener Ableismus ist oder berechtigte Kritik. Wo verläuft da die Grenze? Darf ich als nicht-behinderte Person solche Erfahrungsberichte hinterfragen? Das macht mir direkt ein schlechtes Gewissen und ein ungutes Gefühl und deshalb wäre gerade hier ein Austausch so wertvoll. Natürlich spricht das auch für die Wirkung des Buches und es liegt auch an mir selbst, diese Gedankengänge im Austausch mit anderen zu vertiefen. Von daher würde ich das Buch vor allem als Buddy Read oder Buchclublektüre empfehlen.
Das Sammelwerk „Angry Cripples“ gibt 16 behinderten Menschen die einzigartige Chance, endlich für sich selbst zu sprechen. Dabei geben sie Einblicke in ihre Lebensgeschichte, reflektieren über den Wert menschlichen Lebens und zeigen auf, wie Diskriminierung sie persönlich betrifft. Dabei eint sie alle ein Empfinden: In unserer Gesellschaft ist kein Platz für sie. Dabei sind die beitragenden Personen so divers wie ihre Behinderungen selbst – mit der Absicht, dass sich jeder behinderte Mensch in diesem Buch wiederfinden kann und ein möglichst akkurates Panorama vom Begriff „Behinderung“ entsteht.
Ein starkes Werk voller intersektionalem Aktivismus, konkreten Lösungsansätzen und der lautstarken Weigerung, nicht-behinderte Menschen weiterhin das Narrativ bestimmen zu lassen. Behinderte Leser*innen finden hier Repräsentation, Trost und Mut, ihren Platz in der Gesellschaft bestimmt einzunehmen und ihre Rechte einzufordern. Nicht-behinderte Leser*innen erwarten fundierte Erklärungen, Perspektiven fern ihrer eigenen Lebensrealität und vielfältige Handlungsimpulse.
Ein Buch, das nachdrücklich zum Umdenken und Umstrukturieren unserer Gesellschaft aufruft und erklärt, warum „rollstuhlgerecht“ und „barrierefrei“ keine Synonyme sind, „besondere Bedürfnisse“ ein diskriminierender Ausdruck ist und Ableismus ein riesiges Problem darstellt, das uns alle betrifft.