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192 pages, Hardcover
Published September 4, 2023
Ich möchte vorweg sagen, dass dieses Review für mich eines der kniffligeren darstellt, da es sich nicht um einen klassischen Roman handelt, sondern um ein Sachbuch, das eine sehr spezifische Zielgruppe anspricht: Menschen, die mit Ängsten oder Angststörungen zu kämpfen haben. Eine rein literarische Bewertung wäre diesem Werk daher nicht gerecht, denn es will nicht unterhalten, sondern helfen. Besonders wichtig: jede Form von Angststörung ist eine psychische Erkrankung und sollte auch genauso ernst genommen werden.
Ich denke, dass eine "unbetroffene" Person das Buch womöglich schwächer bewerten würde, während es für jemanden, der tagtäglich mit Ängsten lebt, eine enorme Wirkung entfalten kann. Genau deswegen ist eine differenzierte Betrachtung hier entscheidend.
Als selbst von Ängsten betroffener Mensch (seit meiner Jugend) möchte ich eine klare Empfehlung aussprechen: Jeder, der mit Ängsten zu tun hat, sollte dieses Buch gelesen haben! Schon die allererste Botschaft, die das Buch vermittelt, ist unglaublich stark:
Vielleicht fragst du dich: "Ist das nicht selbstverständlich?" – Leider nein. Betroffene fühlen sich häufig isoliert, komisch, sonderbar, anders. Viele schämen sich für ihre Gedanken und Gefühle und sprechen ungern darüber. Genau deshalb wirkt diese Botschaft wie Balsam auf die Seele: zu verstehen, dass man nicht allein ist und dass Angststörungen genauso eine Krankheit sind wie beispielsweise "Diabetes mellitus".
Der Aufbau des Buches ist sehr gelungen. Es erklärt verständlich, wie die drei Bereiche Körper, Emotionen und Gedanken zusammenspielen und Ängste auslösen können. Dazu legt die Autorin 24 praktische Tools vor, klar gegliedert nach diesen drei Bereichen. So kann jede*r Betroffene individuell ausprobieren, was am besten passt – denn wir alle sind verschieden. Diese Vielfalt an "Angeboten" stärkt das Gefühl von Autonomie und Selbstwirksamkeit.
Besonders spannend fand ich die Erklärungen, was eigentlich "hinter der Bühne" im Gehirn passiert, wenn Angst aufkommt. Die Amygdala wird bildhaft als Alarm-Sirene beschrieben – eine Metapher, die es leicht macht, den Vorgang zu verstehen und gleichzeitig mehr Abstand dazu zu gewinnen. Das Buch verzichtet weitgehend auf Fachjargon und erklärt komplexe Vorgänge anhand von eingängigen Beispielen. Genau das macht es so wertvoll: Betroffene können die Inhalte sofort nachvollziehen und für sich anwenden.
Allerdings möchte ich auch ehrlich sagen: Für mich war dieses Buch nicht leicht zu lesen, teilweise sogar hart. Warum? Weil ich mich in so vielem wiederfinden konnte. Das kann traurig machen, weil es einem die eigene Realität so deutlich vor Augen führt. Gleichzeitig liegt darin aber auch eine große Stärke: Es zeigt, dass man eben nicht allein ist. Und genau deswegen möchte ich allen Mut machen: Lies dieses Buch in deinem Tempo und bleib dran. Es lohnt sich!
Schwierig war es für mich auch deshalb, weil das Buch sehr viele konkrete Vorschläge liefert, wie man in Angstsituationen anders reagieren kann. Für die Angst selbst ist das natürlich ein rotes Tuch – sie schlägt sofort Alarm, sobald man davon liest. Das ist völlig normal. Wichtig ist nur, sich davon nicht entmutigen zu lassen. Man darf den Widerstand der Angst nicht als Zeichen werten, aufzuhören, sondern im Gegenteil als Hinweis, dass man hier etwas berührt, was wirklich relevant ist. Schritt für Schritt, im eigenen Tempo, wird das Buch dann zu einem wertvollen Begleiter.
Ja, literarisch betrachtet mag es Wiederholungen geben – manche Beispiele wie der "Tiger vor uns, der uns fressen will" tauchen öfter auf. Doch ich empfinde das nicht als Schwäche, sondern als Stärke. Gerade wir Betroffenen müssen Dinge mehrfach hören oder lesen, um sie wirklich zu verinnerlichen. Wiederholung schafft Sicherheit und Verständnis, dass unsere Körperreaktionen eigentlich natürlich und sogar sinnvoll sind – auch wenn sie in Alltagssituationen unpassend erscheinen. Diese Erkenntnis kann ein absoluter Gamechanger sein: zu wissen, dass Angstreaktionen zwar unangenehm, aber reversibel sind, öffnet den Weg zu mehr Akzeptanz und Heilung.
Fazit: Dieses Buch ist ein mutmachender, praxisnaher Begleiter, der erklärt, was in uns passiert, und konkrete Wege aufzeigt, wie wir lernen können, besser mit Ängsten umzugehen. Für Betroffene kann es ein echter Wendepunkt sein. Klare Leseempfehlung!