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Brust: Geschichte eines politischen Körperteils

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Obwohl als »sekundäres Geschlechtsmerkmal« bezeichnet, ist die weibliche Brust von primärem Interesse. Sie nährt, aber verführt auch, gilt als heilig oder verderbt – je nach Zeitalter und Kulturkreis, Kontext und Blickrichtung. An ihrer Einhegung und Tabuisierung wird der männliche Anspruch auf Kontrolle über den weiblichen Körper in vielfältiger Weise augenfällig. Frauenbrüste sind bis heute ein Politikum, wenn sie abseits von Sauna und FKK-Strand öffentlich gezeigt werden, und selbst ihre »haltlose« Sichtbarkeit unter der Kleidung wird als unziemliche Provokation empfunden.

Anja Zimmermann untersucht diesen vieldeutig-vielseitigen Körperteil aus verschiedenen Perspektiven, immer aber mit politischer Fragestellung. Es geht um Kunst und Pornografie, um Moden und Geschlechternormen, um Mutterideal und Heteronormativität, um Body Positivity und Selbstbestimmung, Sexismus und Protest.

Eine intensive Betrachtung der Bilder und Bedeutungen weiblicher Büsten, und tatsä eine Befreiung!

377 pages, Kindle Edition

Published September 21, 2023

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Displaying 1 - 6 of 6 reviews
Profile Image for Jule.
454 reviews23 followers
October 17, 2025
Umfassendes Buch über die Brust und die widersprüchlichen Zuschreibungen sowie Symbolik, natürlichen und politischen Dimensionen. Gut gegliedert, viele Abbildungen und Referenzen, die die Bedeutung der Brust über den Lauf der Jahrhunderte Menschheitsgeschichte plastisch machen. Besonders anschaulich beschrieben fand ich die Einordnung und Zusammenhänge der jeweiligen Zeit.
777 reviews1 follower
January 11, 2025
Obwohl als «sekundäres Geschlechtsmerkmal» bezeichnet, ist die weibliche Brust von primärem Interesse. Sie nährt, aber verführt auch, gilt als heilig oder verderbt - je nach Zeitalter und Kulturkreis, Kontext und Blickrichtung. Schaut man sich die Bedeutung an und vergleicht, wird der männliche Anspruch auf Kontrolle über den weiblichen Körper in vielfältiger Weise augenfällig. Frauenbrüste sind bis heute ein Politikum, wenn sie abseits von Sauna und FKK-Strand öffentlich gezeigt werden, und selbst ihre «haltlose» Sichtbarkeit unter der Kleidung wird als unziemliche Provokation empfunden, wo hingegen der Mann mit nacktem Oberkörper kein Aufsehen erregt.

«Die Frau und der Mann ziehen beide ihr Oberteil aus und sonnen sich mit nacktem Oberkörper. Doch nach kurzer Zeit fordern Sicherheitskräfte die Frau auf, ihren Busen zu bedecken. Der Park sei schließlich kein FKK-Bereich. Sie weigert sich, die Polizei wird gerufen, die kleine Gruppe verlässt mit den verängstigten Kindern den Park. So geschehen im Sommer 2021 im Berlin. Doch die Frau, der das Entblößen ihres Oberkörpers verboten wurde, die Architektin Gabrielle Lebreton, wollte sich mit dieser Ungleichbehandlung nicht abfinden und klagte vor dem Berliner Landgericht auf Schadensersatz.»

Anja Zimmermann untersucht diesen vieldeutig-vielseitigen Körperteil aus verschiedenen Perspektiven, aber immer mit politischer Fragestellung. Wer darf seine Brust zeigen? Die Klage der Architektin Gabrielle Lebreton wurde in erster Instanz mit der aberwitzigen Begründung abgewiesen, «eine Diskriminierung sei nicht zu erkennen». Immerhin änderte Berlin die Nutzungsordnung des Wasserspielplatzes, so dass nun jede:r mit unbekleidetem Oberkörper sich dort aufhalten darf, wie es auch auf den Münchner Isarwiesen Usus ist. Es gab auch Klagen gegen Schwimmbäder, die das Obenohnebaden den Frauen verboten hatten. So unsere heutige Auffassung. Die weibliche Brust stand stets im Focus der Aufmerksamkeit. Anja Zimmermann beleuchtet den Busen durch die Zeiten, Steinzeit, Antike, Mittelalter bis in die heutige Zeit. Das Korsett quetschte die Brüste flach, um sie «nahezu unsichtbar werden zu lassen». Später wurden die Brüste durch das Korsett noch oben geschoben, «um den Eindruck von Jugendlichkeit zu erwecken und zugleich seinen oberen Teil über den Rand des Dekolletés zu schieben und so teilweise sichtbar werden zu lassen.» Die Autorin schreibt, dass die Venus von der Antike bis heute die ideale Weiblichkeit darstellt, den idealen Busen. «Der Busen wird zum Auslöser erotisierender und sexualisierender Blicke auf den Frauenkörper, weil es (meist) nicht erlaubt ist, die Vulva in der westlichen Kunst sehen zu lassen». Botticellis verdeckte seiner Venus die Vulva mit ihren langen Haaren, zeigt die unbedeckte Brust, die damit erotisch wird.

«Die großen Brüste der steinzeitlichen Frauenfiguren wurden von den Betrachter*innen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts als Zeichen für ›Nicht-Kunst‹ wahrgenommen. Auch deswegen werden diese Figuren bis heute in der Regel in naturhistorischen und nicht in Kunstmuseen gezeigt.»

Die freie Brust als Schamlosigkeit! Auf der anderen Seite steht die Frauenbrust als die Lebensgebende, die Stillende. Im Laufe der Jahrhunderte wurden die Frauen immer weiter aus dem öffentlichen politischen Leben herausgedrängt, «nach der eine Ausdehnung der Menschenrechte auf die Frauen undenkbar erschien». Die Aufgabe der Frau wurde auf ihre biologischen Körperfunktionen reduziert. Die Huldigung der Brust, ihre Erotisierung; oft aggressiv, als Mittel des Protests eingesetzt; Brustaufbau nach Krebsoperationen, der Schönheitswahn mit Silikon-Brustvergrößerungen, bis hin zum Aufblasen im Sex Business – Anja Zimmermann nimmt sich akribisch alles vor. Bis in den Fußball spielt die Brust hinein: 1955 hat der Deutsche Fußball-Bund den Frauenfußball verboten, u.a. wegen der Busen. «Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden, und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand.» Einen solchen Anblick wolle man den Menschen nicht antun. Nun stelle man sich vor, die Damen würden nun auch noch nach dem Spiel auf dem Feld die Trikots tauschen! Etwas, was die Frauen sich bis heute nicht trauen.

«Mittlerweile ist die operative Entfernung von Brustgewebe bei Männern ein Routineeingriff der modernen Schönheitschirurgie und rangiert unter den Top 3 der Behandlungswünsche von Männern. Während es bei Frauen aber darum geht, Weiblichkeit zu erhalten, wiederherzustellen oder zu optimieren, ist das Ziel der Brustveränderung bei Männern, weibliche Eigenschaften zu verhindern.»

Gut strukturiert wird hier sehr ausführlich alles zum Thema weibliche Brust aufgearbeitet. In einer isländischen Sage aus dem 13. Jahrhundert greift eine Frau mit Hilfe ihrer Brust aktiv in einen Kampf ein, die Amazonen der griechischen Mythologie schneiden sich die Brüste ab. Es wurde behauptet, dass der berühmte Philosoph Adorno durch das sogenannte «Busenattentat» starb – ein tödlicher Herzinfarkt wenige Monate danach als Spätfolge. Was war passiert? Adorno hatte das besetzte Institut für Sozialforschung von der Polizei räumen lassen. In seinem Hörsaal waren Flugblätter verteilt worden, auf denen zu lesen war: «Adorno als Institution ist tot». Mit Vorlesungsbeginn umringten drei Frauen Adorno, entblößten ihre Brüste und bewarfen ihn mit Blumen. Ja, ja, und darum erlitt er später einen Herzinfarkt … BH-Verbrennungen in den USA durch Feministinnen, als «Symbol der Unterdrückung». Es geht um Kunst und Pornografie, um Moden und Geschlechternormen, um Mutterideal und Heteronormativität, um Body Positivity und Selbstbestimmung, Sexismus und Protest. Eine Betrachtung der Bilder und Bedeutungen weiblicher Büsten, und tatsächlich: eine Befreiung! Ein interessantes, wirklich sehr ausführliches Sachbuch! Empfehlung!


Anja Zimmermann, geboren 1968, ist habilitierte Kunsthistorikerin. Sie lehrte als Heisenbergstipendiatin der DFG und als Vertretungsprofessorin unter anderem an den Universitäten Hamburg, Oldenburg, München und Zürich und ist Mitherausgeberin von 'FKW', der einzigen deutschsprachigen Zeitschrift zu Geschlechterforschung und visueller Kultur. Sie lebt mit ihrer Familie südlich von Frankfurt am Main.

Profile Image for Jodi.
2,415 reviews43 followers
December 8, 2023
Eigentlich sollten alle Menschen frei über sich selbst und ihren Körper bestimmen können. Dass das nicht wirklich möglich ist, ist uns allen aber durchaus bewusst. Dabei müssen wir nicht gleich an andere Kulturen denken, denn es fängt bereits bei uns an.

Dabei ist kein Körperteil so politisch aufgeladen wie der Busen. Wir werden mit konträren Botschaften bombardiert: Zeig mehr Brust! Bedecke dich! Manche Menschen dürfen Brüste haben, manche nicht. Manche dürfen sie zeigen, manche nicht.

Woher kommen all diese Assoziationen? Anja Zimmermann macht sich auf die Suche und bringt so einiges zutage. Dabei ist dieses Buch keine chronologisch geordnete Geschichte, sondern nach Themen aufgebaut. So greift Zimmermann immer wieder auf unterschiedliche Zeiten oder auch auf vorgängig Erwähntes zurück.

Wir reisen tief in die Grundstrukturen unserer Gesellschaft und erfahren, wieso sie funktioniert, wie sie funktioniert. Bis zurück zu den Griechen und Römern führt uns diese Reise manchmal und sehr oft zu deren Mythologien. Von Kunstwerken und Symbolen ist die Rede und davon, welche Auswirkungen dies auf echte, reale Frauen hat.

Aber auch zeitgenössische Themen sind Zimmermann wichtig. Sie spricht über Trans*Menschen und deren Stellung in der aktuellen Zeit. Nimmt auch einige feministische Tendenzen kritisch unter die Lupe. Erklärt dann aber auch ihre Standpunkte, die ich gut nachvollziehen konnte und mehr als einmal stimmte ich der Autorin zu.

Es ist ein augenöffnendes Buch, das eine grosse Wirkung auf mich hat. Ich sehe nun einiges klarer. Dinge, die mir bisher unverständlich waren, und auf die niemand eine Antwort hatte. Deshalb, weil manche Strukturen so weit zurückreichen, dass erst einmal viel recherchiert werden muss.

Zum Glück hat Anja Zimmermann dies für uns übernommen und aus den Ergebnissen ein aufschlussreiches Buch geschrieben.
Profile Image for Diana Ilhuicatzi.
180 reviews
July 15, 2026
Trovato effettivamente leggero e informativo, un gran bel saggio per capire una delle parti del corpo che mi hanno sempre affascinato di più, considerando la totale pace con cui lo vivo in confronto alla sofferenza che ci vede mia madre. Mi ha colpito tanto l'utilizzo di capre per allattare i bimbi, come poi solo recentemente l'allattamento sia diventato simbolo di maternità e come la figura delle amazzoni venisse utilizzata dai nazisti "la via del popolo è femminile, anonima, impersonale, che produce inconsciamente, che agisce ancora come la natura"(1926, Baeumler). Dio abbi pietà del corpo femminile come matrice invisibile.
Profile Image for Minnie.
1,316 reviews45 followers
October 25, 2023
Nach langer Zeit habe ich mal wieder ein politisches Sachbuch in die Hand genommen und es war großartig. Wirklich jeder kann aus diesem Buch etwas mitnehmen.
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