Was macht Amerika aus? Karl Schlögels besonderer Blick auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts: die großen Jahre der USA
Karl Schlögel hat als Historiker den Osten nach Europa zurückgebracht. Er hat aber auch intensiv die USA bereist, wo ihn die Weite des Landes genauso faszinierte wie in Russland. „American Matrix“ erzählt, wie Nordamerika von Eisenbahn und Highway erschlossen wurde, Städte und Industrien aus dem Nichts entstanden, Wolkenkratzer in den Himmel schossen – Errungenschaften einer Gesellschaft, die sich frei von allen Traditionen fühlte. Das Versprechen des American Way of Life veränderte die Welt genauso wie das sozialistische Experiment. Karl Schlögels großes Buch beschreibt die USA aus einer einmaligen, überraschenden Perspektive – und erzählt eine Geschichte des 20. Jahrhunderts, wie sie noch nicht zu lesen war.
Karl Schlögel (born 7 March 1948 in Hawangen, Bavaria, Germany) is a noted German historian of Eastern Europe who specialises in modern Russia, the history of Stalinism, the Russian diaspora and dissident movements, Eastern European cultural history and theoretical problems of historical narration.
Nach Jahrzehnten der fachhistorischen Beschäftigung mit russischer und osteuropäischer Geschichte hat Schlögel einem essayistischen Band über die USA vorgelegt.
Wie in seinen Büchern zu Osteuropa widmet er Räumen, speziell Raumerfahrungen viel Aufmerksamkeis: Hotels und Motels, Stadien und Malls, Brückem, Wolkenkratzer und Frank Lloyd Wrights Opposition gegen die amerikanische Stadt, neue Verkehrsmittel wie Eisenbahn und Flugzeug. Ein anderes wichtiges Thema ist die Wahrnehmung der USA durch Europäer, Weber, Tocqueville, deutsche Emigranten. Die interessantesten Kapitel sind jene, in denen er beschreibt welche Anziehugskraft das amerikanische Modell auf Technokraten der jungen Sowjetunion ausübte, eine Faszination, die sich in der Faszination nicht weniger Amerikaner der Zwischenkriegszeit - keienswegs nur linke Intellektuelle - widerspiegelte. Selbst wenn man von diesen Beziehungen vorher wusste, sind erscheinen sie jemanden, der in der Endphase des Kalten Krieges erwachsen wurde, doch immer wieder neu und paradox. Schlögel stützt sich vorwiegend auf Sekundärliteratur. Im schwächsten Kapitel dem über die Indianer, leider nicht auf aktuelle Forschung. Die Indianer waren nicht einfach "immer schon" da, welche Nationen wo lebten, hatte sich of erst kurz vor oder parallel zur angloamerikanischen Expansion ergeben. Die auf dern Büffeljagd basierende Plains-Kultur war ja überhaupt erst durch die Einführung des Pferdes entstanden. Und die Expansion der Comanchen, die der amerianischen Expandion jahrzehntelang EInhalt geboten, war selbst mit Vertreibung, ja Genozid einhergegangen.* Sehr wichtig hingegen, wie er an die wenig bekannte Vernichtung der kalifornischen Indianer, meist Jäger und Sammler, erinnert.
Mit “American Matrix” ist Karl Schlögel ein Panoptikum an Blickwinkeln zur Geschichte und Kultur der US-amerikanischen Gesellschaft sowie die “Besichtigung einer Epoche” gelungen. Der international angesehene Historiker hat sich vor allem durch seine zahlreichen Arbeiten zur Geschichte Osteuropas einen Namen gemacht. Er hat für seine Herangehensweise eigene theoretische Grundlagen geschaffen und fokussierte entsprechend auf die Geschichte von (Infra-)Strukturen, Technik(en) und deren Einflüsse auf Gesellschaften. Sein Œuvre wurde auch zum Gegenstand mancher Seminare während meines Studiums.
Umso mehr erstaunt es vormalig, dass er ein 800-seitiges Werk zu prägenden Ereignissen der Technik- und Infrastrukturgeschichte der USA vorgelegt hat - gerade weil es nicht seinen Forschungsschwerpunkten entsprach. Doch bereits bei dem genaueren Studium des Inhaltsverzeichnisses, lässt sich zumindest die Art und Weise wie Schlögel seinen Fokus legt, erkennen: Seine Geschichte orientiert sich weniger anhand Gesellschaften und deren Einfluss auf Strukturen, sondern umgekehrt. Schlögels Herangehensweise rückt vor allem die Infrastruktur öffentlicher Räume ins Zentrum. So ist es der geographische oder soziale Raum und dessen Implikationen für die Menschen, der ihn interessiert. Diese Beharrlichkeit auf dem Raum als Untersuchungsgegenstand wird durch den Titel des Buches “American Matrix” weiter im Text erläutert. Schlögel schreibt: “Die Geschichte der amerikanischen Gesellschafts- und Nationsbildung lässt sich […] entlang der Transformation des kontinentalen Raums beschreiben. Diese räumliche Prägung, die sich nicht nur in den Grundrissen von Städten und Kartenbildern von Landschaften niedergeschlagen hat, bezeichne ich als American Matrix.” (Schlögel, American Matrix, S. 14)
Der Hoover Damm, Baseballstadien, Museen, Malls usw. werden Ausgangspunkt seiner Untersuchungen und innerhalb 28 Kapiteln umreisst er einen Einblick in die bewegungsvolle, emotionale, anziehende aber auch widersprüchliche Geschichte einer grossen Nation. Gekonnt verbindet er diese Strukturen und Räume mit der Nutzung und Ergänzung des bzw. durch den Menschen. Dieser bevölkert die Strukturen und verändert diese - im gegebenen Falle - auch. In der Formel “Natur vs. Kultur” legt Schlögel entsprechend einen Fokus auf die Kultur: Die Gestaltung des Raumes durch den Menschen. Gleichzeitig belässt er es nicht bei dieser Tatsache, sondern gibt ebenfalls der Natur ihren “Raum”. Gerade wenn er z. B. ein Kapitel dem Grand Canyon und seiner späteren Erschliessung widmet (vgl. ebd. S. 325ff).
Die Abhandlung Schlögels ist nicht nur ein fesselndes erzählerisches Meisterwerk, sondern überzeugt auch durch die inhaltliche Vielfalt (stets im Hinblick auf einen Fokus der Technik-, Mentalitäts- und Infrastrukturgeschichte). Es zeigt die extremen, folgenschweren (und auch tragischen) Entscheidungen und Prozesse einer grossen Nation anhand spezifischer Kapiteln in ihrer Geschichte. Es bietet für interessierte Laien, eingefleischte Amerika-Kenner:innen wie auch fachlichen Expert:innen eine weitere, erfrischende Blickweise und feine Nuancen auf die Geschichte der Widersprüche und Gemeinsamkeiten der Vereinigten Staaten, einer der wichtigsten und bedeutungsvollsten Nationen der Erde.
Quelle: Schlögel, Karl: American Matrix. Besichtigung einer Epoche, München 2023.