“Dieser Almanach stellt das vielfältige Programm des Carcosa Verlages vor und präsentiert unsere Autor:innen in ihrer ganzen Einzigartigkeit.” So heißt es auf dem Klappentext und dem kann ich nur zustimmen. Ich habe mich sehr auf diesen neuen Verlag gefreut und das erste Programm, die schöne Gestaltung der Bücher und auch der Ausblick auf die weiteren Bücher bestätigen die Erwartungen voll und ganz.
Nach einer kurzen Vorrede und der Geschichte von Ambrose Bierce, aus der der Titel des Verlages stammt, führt Helmut W. Pesch mit “Leigh Brackett - Die Königin der Space Opera” in Leben und Werk von Leigh Brackett ein: vom Pulp Magazin bis zum Star Wars Drehbuch, also irgendwie im Kreis.
Dann kommt der erste Schwerpunkt, nämlich ein Ursula K. Le Guin “Block”. Er wird eingeleitet durch einen sehr interessanten biographischen Artikel von Julie Phillips: “Über die Grenzen hinaus - Die phantastische Ursula K. Le Guin”. In der Einleitung erfahren wir noch, dass Julie Phillips, die ja schon die große Tiptree-Biografie geschrieben hatte (auf Deutsch bei Septime), nun an einer Le Guin Biografie arbeitet. Diese wird auf Deutsch - natürlich - bei Carcosa erscheinen. Na, wenn das kein Grund zur Freude ist.
Es folgen drei Kurzgeschichten von Le Guin, z.B. eine ungewöhnliche Geschichte mit dem Titel “Die Verfasserin der Akaziensamen und weitere Auszüge aus der Zeitschrift der Gesellschaft für Therolinguistik”. In drei kurzen, in wissenschaftlichem Duktus geschriebenen, Abschnitten geht es um die Schrift der Ameisen, die Sprache der Pinguine und die Dichtung der Steine, also um das Verständnis von völlig Anderem.
“Der Tag vor der Revolution” ist sicher bekannter: Diese Geschichte spielt zeitlich vor der Handlung von The Dispossessed und schildert einen Tag aus dem Leben von Odo, der Begründerin der Gesellschaft von Anarres. Wir erleben sie als alte Frau, die nach einem Schlaganfall etwas verwirrt ist, körperliche und geistige Schwierigkeiten hat. Eine großartige Charakterisierung, die der Figur sehr nahe kommt, ihren körperlichen Gebrechen und ihrer geistigen Verwirrtheit.
Der nächste Beitrag ist von Christopher Ecker und es geht im Gene Wolfe: “Die Verwandtschaft von Klonen und Kolonisieren - Ein Blick in den Rätselspiegel von Gene Wolfes Der fünfte Kopf des Zerberus”. Ein sehr guter Artikel, der mir einiges zum Buch, das ich parallel gelesen habe, erklärt und auch, warum ich nicht alles verstanden habe, denn: “So [...] bleibt die Prosa Wolfes ein verkapseltes Geheimnis, das wir nie lösen werden, dem wir uns aber durch wiederholte und gründliche Lektüre ein wenig zu nähern vermögen" (S. 99). Unbedingt lesen, wenn man den “Zerberus” gelesen hat. Allerdings hat mich der Artikel ein wenig frustriert, denn es wird mir ja erklärt, dass ich den “Zerberus” nie wirklich verstehen werde.
“Zorn lesen - Das Vermächtnis von Joanna Russ”, ein Essay von Alec Pollak, machte mir klar, dass ich viel zu wenig von Joanna Russ kenne und dies ändern sollte. Das ist ja auch der Sinn des ganzen Almanachs: Werbung machen fürs tolle Carcosa Programm.
Den nächsten Schwerpunkt im Almanach bildet Samuel R. Delany. Zuerst folgt ein Essay von Clemens J. Setz: “Pestilenz und Karneval - Bemerkungen über Samuel R. Delany”. Dieser macht mir klar, dass ich endlich noch einmal etwas von Delany lesen sollte. Er hat mir aber auch bestätigt, dass ich "Hogg" nicht lesen will, falls er bei Carcosa erscheinen sollte.
Ich konnte Delany gleich ausprobieren, denn jetzt folgt die Erzählung “Imperiumsstern” eben von Samuel R. Delany. An dieser Geschichte, die durchaus eine gewisse Faszination ausübte, bin ich gescheitert. Ich habe nach etwa dreißig Seiten beschlossen, ans Ende ("zwölf") zu springen, wo mir vom Ich-Erzähler erklärt wird, dass die Geschichte "zyklisch und selbsterklärend" sei und mir empfohlen wird, meine Wahrnehmungen "multiplex" zu ordnen. Anscheinend ergibt es dann mehr Sinn. Leider ist mir die "multiplexe Anordnung" nicht gelungen.
Es folgen noch zwei kürzere Essays. Karlheinz Steinmüller gibt eine Einführung in das Leben und Werk von Erik Simon und macht damit Werbung für die Simon-Werkausgabe bei Memoranda. Danach berichtet Dietmar Dath über “Arbeit in und an der Ewigkeit - Über Alan Moore und seinen Roman Jerusalem” und ich habe beschlossen, dass ich diesen 1600 Seiten Roman wahrscheinlich doch nicht lesen werde, damit ich Zeit habe z.B. für die beiden Becky Chambers Bücher, die Carcosa nächste Jahr herausbringt.
Ich schätze das Carcosa Programm jetzt schon sehr, bin aber dem einen oder anderen Titel auch sicher, dass sie nichts für mich sind.