Frau. Leben. Freiheit. Jin. Jiyan. Azadi.
,, Auf den Straßen Teherans" ist keine schlichte Erzählung, Nacherzählung oder Biographie.
Es ist ein Zeugnis, ein Brief, eine Wissensweitergabe, eine Ablegung von Zeugenschaft.
Das Elend, das Leid, die Angst, die Verbrechen, die Gewalt, der Hass.
Die Mut, die Stärke, die Kraft. Gemeinschaft, die eint und sich gegenseitig stützt, die sich trägt und ermutigt.
Die mutigen, protestierenden Iraner*innen selbst auf der einen Seite, das korruptbereite, gewalttätige islamistische Regime auf der anderen Seite.
Nach dem Lesen dieses Buches sind wir selbst Mitzeug*innen geworden. Wir haben das Leid mitgelesen, die Angst der anonymen Nila mitgefühlt, und aller Iranerinnen, wir haben ihren Schmerz gefühlt, der seit Jahrtausenden aufrechterhalten wird.
Nila legt nicht nur einen Bericht über das vor, was sie miterlebt hat, was sie gesehen, gefühlt, gedacht und gefürchtet hat auf den Straßen Teherans, nein, sie nimmt uns mit in jahrhundertealte iranische Entrechtungsgeschichte von Frauen und in ihren Widerstand dagegen.
,,Frau.Leben.Freiheit." ist das revolutiönäre Resultat einer Vorgeschichte unzähliger Frauen, die ihre Hijabs abnahmen, die hinter Vorhängen hervortraten, die Heiratsanträge ablehnten, die dem Patriarchat den Mittelfinger ins Gesicht hielten.
,,Hier sind Frauen, die ihre Uniformen missachten und sich damit gegen Männer stellen, deren Identität durch Uniformen definiert wird."
In Nilas Worten steckt Hoffnung und Angst, beides gleichermaßen, Kraft und Furcht, Gemeinschaft und schweigsame Einsamkeit.
Wir haben alle 2022 die Berichte gehört.
Doch wir haben wohl kaum eine Iranerin darüber sprechen hören, ungefiltert, ehrlich, wahr - darin liegt die schmerzliche Kraft und Stärke dieses Werkes, das noch sehr lange in mir nachklingen wird.
,,Ich bin eine echte Zeugin, anwesend am Schauplatz des Verbrechens. Mein ganzes Leben lang schon. Ich, eine Frau, deren Aussage nur halb so viel wert ist wie die eines Mannes.
Wenn ich bei Tageslicht das Haus verlasse, dann deshalb, weil ich alles in seiner Klarheit sehen will - auch so etwas. Damit ich eine vollwertige Zeugin meiner Zeit sein kann.
Leben kann passiv sein. Etwas zu bezeugen ist nicht passiv.
Das sind die Worte, die ich in die Zukunft senden möchte, nachdem ich durch Blut gegangen bin. Für diejenigen, die nach uns kommen und im Strudel unserer Geschichte nach uns suchen werden. Falls sie nach uns suchen werden."