Adelina, Tochter italienischer Einwanderer, arbeitet in einer Zürcher Fabrik, als sie nach kurzem Liebesglück mit einem Kind allein dasteht. Sie verliert die Stelle, die Wohnung, kämpft ums Überleben. In der größten Not lernt sie Emil kennen, einen erfolgreichen Grafiker, der ihre Schulden bezahlt und Adelina mit der kleinen Emma bei sich aufnimmt. Außer an der Liebe fehlt es an nichts. Emil kauft ein Anwesen in den Bergen des Piemont und scheint auf gemeinsames Glück zu hoffen. Aber dann verschwindet das Kind, spurlos.
Adelina macht sich auf die Suche, begleitet von einem schweigsamen Unbekannten. Er bringt sie nach Mailand, in eine Kommune, zu Menschen, die an die Revolution glauben und Adelina versprechen, die verlorene Tochter zu finden; sie muss nur bereit sein, sich dem Kampf anzuschließen, und mit ihren Schweizer Papieren über die Grenze gehen, auf eine gefährliche Mission.
Lukas Bärfuß, der vielfach preisgekrönte, u.a. 2019 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnete Schriftsteller, beschäftigt sich in seinem neuesten Roman „Die Krume Brot“ wortgewandt mit dem Prekariat. Im Vordergrund steht die Geschichte Adelinas, die sich in den 1960er und 1970er Jahren in Zürich mehr schlecht als recht durchschlägt und vom Regen in die Traufe kommt:
„Ist das gerecht, Adelina? Die Welt ist ein Brandofen, eine Mühle, ein Häcksler, sie hackt die Menschen klein, tötet sie auf tausendundeine Art und Weise, das Universum kennt keine Grenzen, wenn es darum geht, das Leben zu vernichten, durch Gift, durch Feuer, durch Aufprall, durch krankhafte Zellteilung, durch Entzündung, auch deines wird der Tod holen.“
Adelina kommt aus einfachen Verhältnissen, der Vater verschuldet, die Mutter verblendet, belasten ihren Lebensweg von Anfang mit einer schweren Hypothek. Bevor ihr Leben anfängt, sie eine Lehre abschließen kann, wird sie schwanger. Bevor sie eine richtige Arbeit findet, ist sie schon verschuldet, und bevor ihr sie Lesen und Schreiben lernt, muss sie sich bereits um die Erziehung ihrer Tochter Emma kümmern. In aneinandergereihten Appositionen, in Kaskaden von Gedanken, Beschreibungen, in einer Flut von Problemen inszeniert Bärfuß in „Die Krume Brot“ die radikale Überforderung seiner Protagonistin, mit dem Verhängnis und Unbill ihrer Existenz zurechtzukommen:
„Ihr Geist sucht verzweifelt einen Ausweg aus dieser Panik und heftet seine Aufmerksamkeit an die seltsamsten, nebensächlichsten Dinge: eine verlauste Taube, eine Zeitung, die über die Straße weht, eine Kühlerfigur. Zu jedem Bild formuliert der Geist einige Worte: arme Taube, schmutzige Stadt, schönes Auto, als wolle er sich ablenken, als wolle er sich zwingen, nicht in diesen Mahlgang zu rutschen, nicht zwischen die Steine zu geraten, die jede Vernunft und jede Hoffnung zerreiben und zermalmen, und der nächste Gedanke verschwindet im gleichen Wirbel, kippt in die Not, stürzt in Adelinas Magen, dessen Wände sich konvulsivisch bewegen.“
Gekonnt, verdichtet, fast wie einen hymnischer Singsang beschreibt Bärfuß den von Anfang an als unaufhaltsam bezeichneten Niedergang Adelinas. Personal erzählt, aus ihrer Sicht, schaltet sich ab und zu ein Erzähler aus dem Hintergrund ein und prophezeit ihr Unglück, das Pech, die kommenden Verletzungen, die drohenden, bereits hinter den Kulissen entschiedenen Niederschläge und Niederlagen, ganz wie ein Chor in antiken Tragödien. Inhalt und Stil geraten in Schieflage. Adelina, immerhin Erfindung des Erzählers, wird sprachlich einfallsreich von Schritt zu Schritt vorgeführt. Sie macht alles falsch. Sie ist nicht gegen die Komplexität dieser Welt gewappnet. Im Gegenteil, sie fällt auf jeden Trick, jede Fall herein:
„Sie fürchtete sich vor ihm und bewunderte Renato gleichzeitig für seine Klugheit, wie er ihren Gedanken zuvorkam und jeden Widerspruch, den sie innerlich formulierte, in Worte fasste und wieder einfing. Wie ein Pferd an einer Longe führte er sie, er ließ sie Kapriolen machen, bevor er die Leine straffte. Adelina merkte es, sie revoltierte, aber sie wehrte sich nicht lange und ließ sich zügeln.“
Erbarmungslos, im Eiltempo, rattert die Lebensgeschichte Adelinas an einem vorüber. Die Fahrt ins Verderben lässt sich nicht aufhalten. Überlegen legt der Autor ihr die Karten und lässt sie dezidiert an sich selbst und ihren Entscheidungen zugrunde gehen (u.a. Annahme des väterlichen Erbes, ein Kind in äußerster finanzieller Not, Unterzeichnung von Knebelverträgen). „Die Krume Brot“ beschreibt, wie Adelina langsam ins offene Messer rennt, bis sie nichts mehr zu verlieren hat.
Rahmen und Erzählposition wirken unempathisch, die Einbettung in den historischen Kontext aufgesetzt, die schlecht verpackte sozioökonomische Erklärung konstruiert, bis gewollt und altbacken, und steht im äußersten Widerspruch zu der bis ins letzte Detail beschriebene Eigenverantwortlichkeit Adelinas, die, so der Tenor von Lukas Bärfuß‘ Roman, einfach zu unvorsichtig, leicht- und gutgläubig, und kurzsichtig durchs Leben gegangen ist. Sprachlich versiert, dicht und abwechslungsreich bleibt ein fader Geschmack übrig, wenn nämlich Sprachfreude in Weltverzweiflung umgemünzt wird.
Herr und Knecht in einer extrem zügigen Story erzählt, die mal eben durch 3 Generationen spurtet und mit Adelina, der 3. Generationen das Thema zu Ende führt. Bis zum letzten Viertel hab ich das Buch sehr gemocht. Dicht, tief, stimmig. Im letzten Viertel ereignen sich Dinge, die ich nicht nachvollziehbar fand. Der Bogen der gespannt wird, wirkte nicht mehr glaubwürdig, konstruiert. Dann diese Erklärbäransprache…. Dem Schlussteil schadet die geraffte Erzählweise. Er wirkt übereilt und gehetzt. Auf mich wirkt das unfertig. Zusammenfassend kann man sagen: „Der Junge auf dem weißen Pferd, der kommt nicht mehr“ (Westernhagen)
Wspaniała. To o kobietach jest ta książka, o tym, jak od niepamiętnych czasów stają się zakładniczkami własnej płci, niezdolne do wyrwania się z zaklętego kręgu zależności od mężczyzn, z dziedziczonego z matki na córkę prekariatu. I o bolesnej próbie przerwania tego kręgu, kosztem najwyższym z możliwych. A wszystko to opowiedziane w oszczędny, nader kompaktowy sposób, a jednak z wielkim ładunkiem emocji. Tu siła tekstu leży w niedopowiedzeniu i prostocie, a nie w piętrowych metaforach. Wielka, pozytywna niespodzianka.
Das Buch selbst ist gut geschrieben, teils sehr lyrisch in seiner Erzählweise.
Vom Klappentext hatte ich eine andere Geschichte erwartet, da die dort beschriebene Handlung sich ausschließlich auf das letzte Drittel/ Viertel des Buches bezieht. Soweit, so gut.
Eines der Hautthemen, die Armut der Protagonistin, wirkt sehr „aufgesetzt“, schlecht erzählt und dadurch zu weilen unglaubwürdig. Zwar sind die Ursachen in sich stimmig erklärt, und es werden Erfahrungen von Armut durchlebt, doch wirken sie manchmal einfach sehr stereotypisch. An sich muss das nichts negatives sein, aber es liest sich sehr gekünstelt zu Weilen, als ob diese Frau im jeden Preis arm zu sein hat.
Ähnlich steht es mit der allgegenwärtigen Leichtsinnigkeit der Protagonistin. Es wirkt, als würde der Autor keine Entwicklung des Charakters zulassen, was gewollt ist. Das führt jedoch dazu, dass die Protagonistin dann dich eher eindimensional ist, welches nur noch dadurch verstärkt wird, weil sie durchweg nur von ihren Emotionen und Fehleinschätzungen getrieben wird. Alles in Allem also ein eher abgedroschenes, einfältiges und eher fragwürdiges Frauenbild, welches hier abgebildet wird.
Im Nachhinein mochte ich die erste Hälfte des Buches deutlich mehr, da organischer und nachvollziehbarer erzählt wird. Hier hatte ich als Leser noch deutlich mehr die Möglichkeit, Zusammenhänge selber zu erahnen. Zum Schluss wurde es dann doch zu belehrend, während gleichzeitig zu viel Inhalt—konkret: Schicksalsschläge—auf zu wenige Seiten gepackt wurde. Es wirkte etwas unfertig trotz spannendem Ende, welches in sich nicht schlecht war, aber durch das Crescendo des Erzähltempos jedoch dramaturgisch zu gekünstelt wirkte. Da wollte jemand um jeden Preis mit einem Großen Paukenschlag enden. Oder in anderen Worten: Lukas thought he ate but the palate’s still full.
Der Anfang: «Niemand weiß, wo Adelinas Unglück seinen Anfang nahm, aber vielleicht begann es lange vor ihrer Geburt, fünfundvierzig Jahre vorher, um genau zu sein, an der Universität in Graz. Dort hatte ihr Großvater, ein Mann namens Angelo Mazzerini, während seines Studiums der Rechtswissenschaften die verbotenen Schriften von Cesare Battisti gelesen, und von da an verehrte er die Karstlandschaft Istriens als heiligen Boden, hasste er das Imperium, den österreichischen Kaiser und seine Henker. Für den Studenten aus Triest fand jede Frage ihre Antwort in der Geschichte, und mit Barzini sah er seine Heimatstadt als Bollwerk der römischen Zivilisation. Ohne den Abwehrkampf an der Adria hätten die Slawen längst das Abendland überrannt. Die Habsburger, deren Untertan er war, stützten diese Horden mit ihrem Geld, ihren Waffen und ihren Gerichten. Italiener wie er, Abkömmlinge eines Weltreichs, hatten im Himmel einen Verbündeten, auf Erden standen sie seit fünfzehnhundert Jahren alleine im Kampf gegen die Vernichtung.»
Man könnte den Roman mit einem Satz zusammenfassen: Das unglückliche Leben der Adelina und die Sprachlosigkeit der Väter. Die Tochter italienischer Einwanderer arbeitet in einer Zürcher Fabrik, als sie Toto kennenlernt, der sie schwanger sitzen lässt. Sie kämpft ums Überleben und arbeitet hart, hat viele Jobs, alles unterbezahlt – es reicht gerade dazu, nicht verhungern zu müssen. Als sie ihre Stelle und die Wohnung verliert, lernt sie Emil kennen, einen erfolgreichen Grafiker, der ihre Schulden bezahlt und Adelina mit der kleinen Emma bei sich aufnimmt. Es ist ein Abkommen – denn Liebe verspürt Adelina für Emil nicht. Er kauft ein Anwesen in den Bergen des Piemont, einen Rückzugsort, um neu anzufangen, was Adelina so gar nicht gefällt. Doch mit diesem heruntergekommenen Haus wird das Leben von Adelina noch einmal völlig durcheinandergeraten.
«Sie verstehe die Sorgen der Eltern, aber man dürfe einen Menschen nicht nach seinen Schwächen beurteilen, es seien die Stärken, die man fördern müsse, und sie wolle keine Prognose wagen, aber in der Kleinen schlummere eine Künstlerin, die der Entfaltung harre.»
Ein Roman über die Zeit im Zürich der 1960er- und 1970er-Jahre, wobei Lukas Bärfuss zu Beginn des Romans geschichtlich zurückschreitet zu den Großeltern und Eltern Adelinas. Der Großvater verehrt den italienischen Nationalisten Cesare Battisti, beginnt durch ihn alles Slawische zu hassen und zieht mit Stolz in den Krieg. Später ist er ein Anhänger Mussolinis, schickt den vermeintlich schwachen Sohn Mario in den Krieg, hofft, dass er sterben wird. Später bereut er alles, auch seine Einstellung zu den Faschisten. Er schämt sich, kann seine Fehler vor dem Sohn nicht eingestehen, und zieht sich zurück. Mario, Ingenieur der Landvermessung, lässt sich mit seiner Frau in die Schweiz locken, wo man überall nach Arbeitskräften sucht. Doch der Mann, der ihn vermitteln wollte, lässt ihn hängen, und das Arbeitsamt hat für Mario nur Aushilfsjobs als Arbeiter. Er ist eben einer dieser Italiener. Dann wird er arbeitslos, fängt an zu schreiben, zu recherchieren in historischen Dingen, kann sich damit über Wasser halten. Die kleine Adelina zeigt sich als intelligent, aber mit dem Lesen und Schreiben bekommt sie es nicht auf die Reihe. Der Vater ist grantig – schreiben, das muss man lernen! Eine Grundschullehrerin versteht Adelina, ermahnt die Eltern, sie nach ihren Stärken zu beurteilen. Doch die geht bald in Rente. Der Vater zieht sich enttäuscht vom Leben weiter ins Innere zurück, zu seinen geliebten Büchern. «Die Blödheit seiner Tochter war dabei die schlimmste Strafe. … Ein Mensch ohne Buchstaben konnte nicht denken … er nahm es persönlich, er glaubte, seine Tochter wolle ihn bestrafen.» Er verstirbt verbittert mit mehr als 9000 Franken Schulden. Die Mutter lässt die junge Adelina mit den Verbindlichkeiten hängen, haut mit ihrem Liebhaber nach Italien ab.
«Die Monate gingen dahin, der Sommer wich dem Herbst, und als die Tage kürzer, aber noch warm waren, mittags das Licht brüchig und golden wurde, als die Morgenluft das Gesicht kühlte und ihr die Ahnung und die Hoffnung auf ein anderes Leben ins Herz legte, da unterlief Adelina ein Fehler, für den sie ihr Leben lang bezahlen sollte.»
Adelina muss die Schuld abbezahlen. Und darum muss sie nun die Ausbildung zur Flickschusterin abbrechen. In der Suppenfabrik kann sie Geld verdienen. Es reicht gerade so zum Überleben. Doch dann wird sie schwanger. Die Krume Brot – wo soll sie herkommen? Als Analphabetin und Italienerin (auch wenn sie in Zürich geboren wurde) hat sie kaum die Chance, einen halbwegs gut bezahlten Job zu erhalten. Herkunft und Bildung zählen in unserer Gesellschaft – ein kapitalistisches System, das den Einstieg und den Aufstieg nach oben permanent verhindert. Wenn beides bereits mit einem roten Stempel im Lebenslauf versehen ist, wird es schwierig. Und wenn zusätzlich eine falsche Entscheidung zu einem weiteren «Makel» führt, dann ist alles vorbei. Aber was sind falsche Entscheidungen? Adelina wird im Verlauf noch ein paar Mal ins Fettnäpfchen treten. Genau das macht den Roman so spannend.
«Die Akquisitionsgespräche ödeten ihn an, dieser ganze Affentanz, den er um die Kleingewerbler zu vollführen hatte, die Spießbürger, die nur in Franken und Rappen dachten, ausschließlich, ein Volk von Sparfüchsen und Rabattjägern …»
Schauen wir zurück in die Schweizer Geschichte und vergleichen wir mit dem Jetzt. In den 50-ern und 60-ern benötigte die Schweiz viele Arbeitskräfte, die sie selbst nicht hatte – besonders in den Fabriken und einfachen Arbeiten. So kamen die Italiener zu Hauff ins Land. Die Nationalisten schrien auf! 1963 wurde von Albert Stocker in Zürich eine «Anti-Italiener-Partei», die Schweizerische überparteiliche Bewegung zur Verstärkung der Volksrechte und der direkten Demokratie, gegründet. 1970 folgte die Schwarzenbach-Initiative, ein Gesetz, dass die Schweiz vor «Überfremdung» schützen sollte, indem der Anteil ausländischer Bevölkerung in jedem einzelnen Kanton die 10-%-Hürde nicht hätte überschreiten dürfen. Das wurde vom Volk mit 54 Prozent Nein abgelehnt. Und heute haben wir die SVP, die unermüdlich mit Initiativen zu verhindern sucht, dass Arbeitskräfte ins Land kommen. Arbeitskräfte, die gebraucht werden. Da hat sich nichts geändert. Das Schicksal von Adelinas Familie steht als Beispiel für die Migration. Der Migrant steht ganz unten auf der Leiter der zur Verfügung stehenden Arbeitsplätze – besonders die Frauen; noch schlimmer, soweit sie alleinerziehend sind. Armut kann ein Leben ruinieren. Was macht das mit einem Menschen. Was macht das mit ihm, wenn er in Not gerät? Aber der Autor will es uns Lesende nicht einfach machen. Die Herkunft allein verantwortlich zu machen für das Leben, das wäre zu billig. Adelina wird an manchen Kreuzungen des Lebens Entscheidungen treffen müssen. Welche trifft sie rational – und welche, wenn eine Verlockung die Wege kreuzt? An welcher Stelle ist sie falsch abgebogen? Wo trifft uns selbst die «Schuld» in unserem Leben – und hätte man ahnen können, was darauf folgt?
«Unglücke geschahen keine, das Leben war das Unglück, es floss dahin und kannte nur eine Richtung, hin zur allmählichen Zermürbung.»
Bereits der erste Satz des Romans leitet das Drama ein. Sprachlich nuanciert und mit absoluter Empathie für seine Figuren schildert Lukas Bärfuss die Geschichte von Adelina, die ihrer Familie. Hier ist kein Satz zu viel. Die Erzählung beginnt geruhsam mit der Familiengeschichte, nimmt immer mehr Tempo auf und reitet zum Ende im Galopp, so dass der Lesende berauscht das Buch nicht mehr aus der Hand legen mag. Authentisch, sprachlich eine Perle, ein kraftvoller Text mit Nachhall. Ich verrate nicht mehr als der Klappentext, nur so viel noch: Adelina wird mit Italiens Linksextremisten in Kontakt kommen. Es ist der Auftakt zu einer Trilogie – und ich bin gespannt, wie diese Geschichte weitergeht!
Lukas Bärfuss, geb. 1971 in Thun, ist Dramatiker, Romancier und streitbarer Publizist. Seine Stücke werden weltweit gespielt, die Romane sind in zwanzig Sprachen übersetzt. Lukas Bärfuss ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und lebt in Zürich. Für seine Werke wurde er u. a. mit dem Berliner Literaturpreis, dem Schweizer Buchpreis und dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet.
Ein weiteres sozialkritisches Buch welches Armut, Bildung und Sexismus thematisiert birgt eine spannende Handlung, die jedoch sehr enttäuschend exekutiert wird. Das Buch beschreibt schnell mal mehrere Jahre in zwei Seiten und widmet dann ein ganzes Kapitel dem Verlauf eines Tages. Die Erzählung könnte einen vermuten lassen, dass wir gerade eine Papierknappheit erleben, denn fast zum Schluss des Romans wird nochmals eine Handlung geöffnet, die thematisch ein weiteres Buch füllen könnte.
Zudem scheint sich Adelina (die Protagonistin) als Charakter nie weiter zu entwickeln. Nicht dass sie nur schlechte Entscheidungen treffen würde, sondern auch ihre Denkweise ist stets die Gleiche.
Um sozial kritisch zu sein ist dieses Buch einfach viel zu unrealistisch. Als ein Streuner in das Haus ihres Freundes einbricht erschliesst sich Adelina es sei die logischste Entscheidung ihm einen Drink anzubieten und dann mit ihm zu schlafen? Und als ihr Kind verloren geht meint sie, die Lösung wäre einer kommunistischen Gruppe beizutreten und Sprengstoff nach Italien zu schmuggeln? Da einem im Buch der Sinn nach Logik ganz verloren geht hilft es vielleicht die Handlung kurz zusammenzufassen, um zu bemerken, dass die Handlung sinnloser sind als Adelinas Entscheidungen selbst.
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I was told I might love this book, and I really, really did. Just to get it out of the way, some things I didn't like or I found cumbersome: first of all, the blurb spoils a solid 3/4 of the book's plot. The plot is not the only important thing, the focus of the book is its critical commentary, but I was a bit peeved nonetheless. Bärfuss is an incredibly talented author, but there were some paragraphs in the book I found too abstract and poetic, almost to the point it brought me out of the flow of the story (a memorable example is on p.129), because the passage didn't feel like it fit the style the rest of the book was written in. The writing style is very interesting. The most prominent feature are the run-on sentences, which, when I was starting the book, annoyed me. I had to keep reading the same sentences over and over again because I struggled to follow them, and I'm sure my lower German level didn't help. After a while I got into the writing style, the sentences became more understandable, and I even appreciated the way the run-on sentences gave texture and sense to the story (like on p.61-62, a huge, page and a half sentence that makes perfect sense in context!). After reading more of the book, a feature I didn't like became one I acknowledged as important for the feel of the story, the texture. Adelina, the main character, is a real person. Bärfuss doesn't forget her passions, hobbies, he always writes in her head, he understands exactly how she would react to any situation, understands her subconscious thought processes that only appear in subtext. I actually really felt for her, could always empathize with her, even when she did things I didn't agree with. Because she felt real, in some ways, was incredibly real. The way she experiences love, the way she is hyperaware of her responsibility, her family history and how it affects her, everything was laid out in a captivating, very deep way. The final twists were maybe a bit sudden, the social commentary was however very poignant despite that. And the last chapter made me go into emotional shock. I waited for multiple days to write this review because I was so overwhelmed. The last three pages were perfect.
Die krume Brot wurde mir während einer für mich schwierigen Zeit von einem Fremden geschenkt. Ein Buch, gewidmet von jemandem ausserhalb meines familiären oder freundschaftlichen Kreises. Mein erstes Geschenk dieser Art! :) Ein Geschenk, das mich, unabhängig vom Inhalt, ein Leben lang begleiten wird, vor allem wegen der schönen Zeile der Widmung. & gerade deshalb habe ich mit dem Lesen und dem Schreiben des Reviews bewusst gewartet. Ich wollte dem Buch mit der nötigen Distanz begegnen und eine möglichst ehrliche, objektive Einschätzung zulassen - auch wenn ich mir bewusst bin, dass volle Objektivität hier kaum möglich ist. Nichtsdestotrotz:
Das Buch ist mMn. sehr gut geschrieben und fesselnd. Der Anfang erinnert mich in seiner Klarheit und Schwere an den von Anna Karenina. Der Verlauf der Geschichte zieht einen stetig tiefer hinein & man erlebt Adelinas Geschichte emotional.
Für mich ist Adelina eine junge Frau, die es nicht besser weiss. Ein unglückliches Schicksal, das sie nicht nur erleidet, sondern das sie, fast zwangsläufig und destruktiv, immer wieder selbst anzieht. Die Geschichte verzichtet auf ein klassisches happy end, aber vllt. endet etwas doch - ein Generationstrauma - & zwar durch eine selbstlose, schmerzhafte und sehr rationale Entscheidung.
Für mich persönlich liegt die Kernbotschaft des Buches in der Darstellung, wie ein Leben aussehen kann, wenn Autonomie und Selbstbestimmung fehlen & welche Konsequenzen das nach sich zieht.
Der Schreibstil von Lukas Bärfuss ist klar und nüchtern. Er erklärt Gefühle und teilweise auch Charaktere kaum und lässt vieles offen, sodass man sich als lesende Person vieles selbst erschliessen muss. Das finde ich einerseits stark, und andererseits kann es auch distanziert wirken, z. B. der Streuner, der big boss mit dem Koffer, dessen Namen ich schon vergessen habe mit der erleuchtenden Rede bleiben irgendwie unklar, was irritieren kann.
Summa summarum ist die krume Brot ein gut geschriebenes, forderndes Buch, das mich zum Nachdenken gezwungen hat.
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This is not a real review, just some thoughts I like to write down. Das ist keine richtige Bewertung, nur ein paar Gedanken, die ich aufschreiben wollte.
Berührende und wütend machende Geschichte über den Teufelskreis von Armut und wie es oft kaum eine Chance gibt, aus eigenen Kräften rauszukommen. Der Schreibstil fand ich sehr toll, zügig, mit einer gewissen Rhythmik, ironischem Touch und wundervoll sanfte, verwaschene Perspektivwechsel zwischen auktorialem Erzähler und innerer Rede. Leider waren nebst Adelina die restlichen Charaktere nur Beiwerk, gerade bei Emil wüsste man gerne mehr über seine Beweggründe, Geschichte etc. So bleiben die Handlungen (gerade am Ende deutlich und im Zusammenhang mit der Rolle von Adelina als Mutter) oft nicht ganz nachvollziehbar und plausibel. Zudem war das Ende zu gehetzt und es wirkte, als müsse die Hauptperson jetzt noch rasch an einen spezifischen Ort geschoben werden, an den sie von sich auch nicht selbst gefunden hätte.
1 Teil von 3 Teilen; wieso ist man arm und kommt dann zu einer Gruppe Terroisten, etwas wirre Story aber mit ganz fantastischen Details und wunderbar erzählt, bin gespannt mit was Bärfuss in den weiteren Teilen kommen wird
Die Geschichte Adelinas, die als Tochter von italienischen Immigranten in Zürich geboren wird, mit allen Weichen, die schlecht gestellt sind für sie. Ein vielschichtiges Werk, das in einem sehr poetischen Sprachrythmus geschrieben ist. Sehr empathisch und nachvollziehbar wird die Geschichte einer Frau beschrieben, die nichts hat und täglich um die Krume Brot kämpft. Die Thematik ist hart, es ist keine leichte Lektüre, aber es ist ein wichtiges und hochpolitisches Thema.