Der Gelehrte Johannes Wachholder unterbricht die Arbeit an seinem Werk "De vanitate hominum", um während eines Winters und Frühlings die Begebenheiten in der Berliner Sperlingsgasse aufzuzeichnen, in der er wohnt. Raabes frühe Großstadterzählung entwirft ein realistisches Bild der politischen und sozialen Situation in Deutschland um die Mitte des 19. Jahrhunderts.
Zu viel Jean Paul, zu wenig Wilhelm Raabe, vielleicht hat auch der junge Charles Dickens hier und da Pate gestanden. An Helden, der bei der geliebten Frau immer zweiter Sieger bleibt, hat sich auch Dostojewski gerne abgearbeitet, Raabe sogar lebenslänglich. Ds Erstling Arme Leute ist vielleicht auch noch die passende Vergleichsgröße, auch wenn beim Russen das Elend ohne den reichlich Zuckerguss präsentiert wird, mit dem Jakob Corvinus seine Chronik verziert. Der eigenwillige Erzähler, zu dem sich Wilhelm Raabe noch entwickeln sollte, ist allerdings eine tödliche Vergleichgröße für den Erstling, auch wenn knapp 5% auf spätere Werke Hinweisen. Neben dem Erzähler, der zweiter Sieger geblieben ist, finden sich (wie auch im Horn von Wanza) Eltern, die ihre Kinder zu Beginn der französischen Besetzung als Opfer des späteren Befreiungskampfes auf der Liste haben. Im Horn war es noch ein Waisenkind, das schon das Sterben für eine gute Sache als Sinn des Lebens für sich entdeckt hatte, hier sind es zwei eigenen Söhne. Eine dieser irgendwie hingenommenen Grausamkeiten, die Raabe auch später gern in viel alltägliches Geschwätz einwickeln wird. Trotzdem ist die Hommage an Willibald Alexis großartigen Roman Ruhe ist die erste Bürgerpflicht* für mich einer der beiden Höhepunkte. In der Geschichte von der in kriegsbedingter Abwesenheit vom Grafen verführten Schwester des besten Freundes, erzählt der junge Raabe seine Reverenz an Goethes Campagne in Frankreich auch konzentriert. Der Rest ist banaler Kitsch, Gartenlaube und Co, die Synthese aus in der Konversation en passant erzählten Katastrophe wird ihm erst zwanzig Jahre später gelingen, wenn auch auf eine Art, die spätere Leser vor hohe Hürden stellen sollte. Bin nicht gerade ein politisch korrekter Wüterich, der an alles und jedes den aktuell bevorzugten moralischen Maßstab anlegen muss, aber selbst wenn früher mehr innerhalb der näheren Verwandtschaft geheiratet wurde, hat das glückliche Ende einen seltsamen Beigeschmack. Der aus Berlin ausgewiesene Onkel Wimmer heiratet in München seine dicke Nichte, die ihm wie ein verjüngtes Ebenbild der Mutter vorkommt und kuriert aus familiären Rücksichten seinen politischen Schnupfen aus. Sein Freund und Erzähler Johannes Wacholder freut sich indessen darüber, das zwei Halbenkel, die er großgezogen hat, zueinander finden und sich das Jawort geben. Vielleicht war das Anno 1850+X ja wirklich so, aber ein Gschmäckle haben diese glücklichen Enden schon, auch wenn es natürlich nett ist, wenn die Tochter des Bastards den talentierten Sohn der verarmten Gräfin heiratet. Und der Mann sich anschließend als Maler in Italien den Lebenstraum des früh verstorbenen Vaters von Elise erfüllen kann.
* Auch auf Wiedervorlage
Editorische Notiz
Die Papierversion des Erstdurchgangs ist bei einem Wasserrohrbruch ersoffen, der Rest meiner Raabe-Sammlung von Leipzig/Einundleipzig und Reclam in Fraktur und Antiqua ging ebenfalls verloren, nur die im Insel-Regal stehenden Bände wurden gerettet, tauchen hier aber auch als musaicum ebooks wieder auf. Habe mir das Komplettpaket von musaicum (https://www.goodreads.com/book/show/3...) gekauft, schon wegen der unbekannten Größen. Pflege aber alles als Einzelausgaben ein, die Neuanschaffung vermittelt der Sperlingsgasse sogar eine zweite Chance. Allerdings vor den vernichtenden Vergleichsgrößen von Wilhelm Raabe.
Ein sehr schön geschriebenes Buch, das mich leider ziemlich kalt ließ und nicht wirklich nah an mich herankam. Obwohl es dem poetischen Realismus entstammt, liest es sich für mich ähnlich wie "Die Leiden des jungen Werther". Vielleicht ist die Epoche aber auch der Grund, warum ich mir mit dem Roman so schwertue, "Effi Briest" war da nicht besser. Der Aufbau war streckenweise etwas chaotisch und verwirrend, weil mehrere Erzählstränge aus verschiedenen Zeiten gleichzeitig verfolgt werden. Der Ich-Erzähler sagt selbst: "Eine Chronik aber nenne ich diese Bogen, weil ihr Inhalt, was den Zusammenhang betrifft, gar sehr jenen alten naiven Aufzeichnungen gleichen wird, die in bunter Folge die Begebenheiten aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erzählen". Vermutlich ist es ein Roman, der einem mit jedem Mal, das man ihn liest, besser gefällt. Historisches Wissen zum damaligen Zeitgeschehen und philosophische Grundkenntnisse sind beim Lesen mit Sicherheit von Vorteil.
Ein niedliches, süßes Büchlein, auch wenn manche der Geschichten echt traurig sind. Die ganze Chronik soll einen eher melancholischen Eindruck machen, irgendwie klappt das aber nicht; "niedlich" und "lieb" sind echt die ersten Adjektive, die mir einfallen, wenn ich versuche es zu beschreiben. Ich las es lange und langsam - besonders spannend ist es nicht, das muss ich gestehen - aber mit Vergnügen. Sogar an den uralten Font habe ich mich mittlerweile gewöhnt (was mir hoffentlich in der Zukunft das Leben erleichtern wird, denn ich habe noch ein paar recht unmoderne Texte auf meinem Wunschzettel...).
Der Poetische Realismus ist doch etwas Schönes, und Raabe kann man da wohl wohlgetrost neben Fontane einordnen. Ein schönes Bild aus der damaligen Gesellschaft, auch wenn, wie es bei diesen Autoren gern üblich ist, nicht viel passiert. Und eine Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Personen, die sich einen Großvater teilen, hat immer eine wunderlichen Beigeschmack.
„Wir sprachen an jenem Tage nicht viel! Das Glück ist stumm, und was die Liebe - die wahre Offenbarung Gottes - sich zuflüstert, hat noch kein Dichter auf Papyrus, Pergament oder Papier festgehalten.“
Wilhelm Raabe lässt in 'Die Chronik der Sperlingsgasse' einen älteren Mann von seinem Leben und dem der Menschen die ihn in dieser Gasse umgaben, erzählen, während er zeitgleich aktuelle Erlebnisse miteinbezieht. Es ist keine chronologisch verlaufende Geschichte, von der hier berichtet wird, stattdessen lässt sich Wachholder (so sein Name) vom Moment inspirieren, etwa beim Blick aus dem Fenster auf die Sperlingsgasse oder wenn er alte Aufzeichnungen durchsieht. Das Geschehen, sowohl vergangen wie auch gegenwärtig, ist nichts Aufsehenerregendes. Es geht um eine unglückliche Jugendliebe, eine dennoch fortdauernde Freundschaft, ein Kind, das Wachholder anvertraut wird und dessen Erwachsenwerden er begleitet. Naturerlebnisse werden beschrieben wie auch Ereignisse bei der Arbeit und in seiner Umgebung. Nun mögen Manche fragen, ob es sich überhaupt lohnt diese Chronik zu lesen. Ich kann nur schreiben: Ja! Denn Raabe gelingt es, in diese so alltäglichen Geschichten das ganze Weltgeschehen miteinfließen zu lassen, ohne dass man sich dessen groß bewusst wird. Für seine Zeitgenossen mag dies offensichtlicher gewesen sein als für uns, mehr als 150 Jahre später. Doch die recht umfangreichen Erläuterungen und insbesondere das schöne Nachwort von Joachim Bark helfen hierbei weiter, wobei ich persönlich Manches aus dem Nachwort noch lieber in den Erläuterungen vorgefunden hätte. Sei's drum, in jedem Fall erhält man durch das Lesen dieses Büchleins einen weitaus tieferen Einblick in die Verhältnisse dieser damaligen Gesellschaft als man das auf den ersten Blick vermuten würde. Und nicht ganz unerheblich: Gut geschrieben ist es zudem. Zu Beginn mag es für unsere heutigen Ohren etwas ungewöhnlich klingen, doch ich war bald mit Wachholders bzw. Raabes Erzählstil vertraut und freute mich an seinen bildhaften Beschreibungen ebenso wie an seinen humorvollen und auch selbstironischen Sätzen. Gelegentlich geraten sie vielleicht etwas ausschweifend, sodass ich Manches zweimal lesen musste, doch es ist der Mühe wert. Schade, dass dieser Klassiker fast schon vergessen scheint und deshalb ist es umso schöner, dass der Alfred Kröner Verlag dieses Frühwerk in einer kleinen und feinen Ausgabe mit blauem Leineneinband herausgebracht hat. Neben den Erläuterungen und dem Nachwort ist das Ganze noch mit diversen Zeichnungen von Raabe versehen - eine wirklich schöne Ausgabe, die auch noch lesenswert ist ;-)
In den besten Momenten sind die Geschichten drollig und amüsant zu lesen, allzu oft aber geschwätzig und langatmig und umständlich und unoriginell. Raabe protzt mit Querverweisen auf die Weltliteratur, sein Humor ist im Ganzen doch sehr altbacken und bieder. Ein Stück Biedermeier, das sich heute nur noch sperrig liest.
+ Fenomenalne opisy przyrody, bardzo rzadko spotyka się takie porównania, tak celnie opisujące miesiące, okresy w roku, wychwytujące ich niepowtarzalność. Ponadto, świetnie uchwycony klimat Wróblego Zaułka - zażyłość sąsiadów, ówczesny styl życia, relacje międzyludzkie.
+ Książka to kopalnia wiedzy, mnóstwo odniesień do niemieckiej, francuskiej, rzymskiej kultury. Tu też widać kunszt tłumacza objaśniającego wszystkie aluzje i XIX-wieczne konteksty. Chapeau bas!
- Niestety, książkę momentami się bardzo trudno czyta, zmienia miejsce akcji i czas mówiąc o wspomnieniach, historiach z dzieciństwa. Co ciekawe, autor krytykuje sam siebie za to, otwarcie pisząc to w pewnym momencie.
An interesting read and wild array of storylines. Considering the author was 26 when he wrote this and his main character is an old man, this is a very mature account of the "Sperlingsgasse".