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Scheiß auf Selflove, gib mir Klassenkampf: Eine neue Kapitalismuskritik

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Selflove? Warum? Wenn jeder nur an sich denkt, ist an niemanden gedacht. Wir müssen das individuelle Wohl wieder stärker in Beziehung zum Wohl der Allgemeinheit setzen und Armut, Glück, Klimakrise und Demokratie mehr denn je zu politischen Kampfzonen erklären. Für ein gutes Leben für alle.

Jean-Philippe Kindler ist auf der Suche nach neuen gesellschaftlichen Konzepten. Er geht mit sich, seiner Generation und den Linken genauso hart ins Gericht wie mit den Konservativen und dem Kapitalismus – ein wütendes, inspirierendes, langersehntes Hörbuch.

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Published October 30, 2023

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Jean-Philippe Kindler

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Community Reviews

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15 (<1%)
Displaying 1 - 30 of 208 reviews
Profile Image for heinzgandolfmerlin.
4 reviews10 followers
March 26, 2024
Klassenkampf? - Ohja, aber bitte nicht so!
Eine "neue Kapitalismuskritik" ist das ganze keineswegs.

Kindler sieht Identitätspolitik als Feindbild von "wahrer" Kapitalismuskritik und "echtem" Klassenkampf und versteht leider nicht so viel davon, wie einzelne (als von ihm verstandene) identitätspolitische Themen wie z.B intersektionaler Queer-Feminismus oder Anti-Rassismus & Anti-Kolonialismus überhaupt erst erklären, warum und wie genau Kapitalismus und Klassenverhältnisse aufrecht erhalten werden. Patriarchale, koloniale und rassistische Re/Produktionsverhältnisse stellen aber eben nicht nur einen Nebenwiderspruch dar, sondern sind als Hauptwiderspruch zu verstehen! Ich möchte diesbezüglich den neuen Band von Friederike Beier ("Materialistischer Queer-Feminismus") empfehlen.


Weitere Anmerkungen:

S. 28: Monopoly wurde übrigens nicht 1930 von Darrow erfunden, sondern bereits 1902 von Elisabeth "Lizzie" Magie Philipps unter dem Namen "The Landlord's Game" als antikapitalistisches Spiel entworfen.

S. 104: "Ich liebe Amazon und ich finde es wahnsinnig albern, wenn Linke versuchen, Menschen davon zu überzeugen, dass Amazon boykottiert gehört." - Bro, wie kannst du Klassenkampf fordern und dann moderne Sklaverei ausblenden?!?!

S. 126: Gefühle sind materiell wahrnehmbar, aber auch politisch und gesellschaftlich organisiert und inhärent in patriarchale Geschlechterverhältnisse und kapitalistische Re/Produktionsverhältnisse verankert. Hierzu kann ich Sara Ahmeds Werke "The cultural politics of emotion" oder "Feminist Killjoy" empfehlen.

Kap. 6: Ich habe ehrlicherweise keine Kraft mehr mich über Kindlers mono-heteronormative Sichtweise auf Liebesbeziehungen aufzuregen.
Profile Image for Berit.
110 reviews23 followers
October 29, 2023
Ich habe wahrlich nicht wenig (populärwissenschaftliche) Literatur zu diesem und verwandten Themen gelesen. Dennoch hat mich lange kein Buch derart beeindruckt wie dieses: Jean -Philippe Kindler schreibt hart, manchmal zynisch, oftmals hörbar erbost, aber dabei unglaublich pointiert und lakonisch über eine entpolitisierte Gesellschaft, die den neoliberalen Glauben an sozialen Aufstieg durch Leistung verinnerlicht hat und die gerade zu stoisch festhält an einer Politik der Individualisierung, die die Schuld beim Einzelnen sieht und sucht (etwa im Kontext Klimapolitik), ohne dabei auf eine nötige Systemkritik einzugehen.

Kindler brilliert nicht nur mit einer gestochen scharfen Kapitalismuskritik, durch gut gesetzte Vergleiche ("Am Ende gibt es nämlich eine große Gemeinsamkeit zwischen den Versprechen der liberalen Demokratie und Sanifair-Gutscheinen auf Autobahntoiletten: Beides basiert im Kern darauf, nicht eingelöst zu sein werden." ), sondern auch mit der treffenden Verortung
dieser immerwährenden ermüdenden linken Grabenkämpfe, die sich nicht nur auf europäischer, Bundes- und Landesebene beobachten lassen, sondern die ich selbst auch im eigen Mikrokosmos auf etwa hochschulpolitischer Ebene oder im aktivistischen Bereich bei linken Plenar in welcher Form auch immer erlebe.
Kindler hält "den Linken" , und damit auch sich und seiner Generation, gekonnt den Spiegel vor. Und ehrlicher Weise habe auch ich das ein oder andere Mal ertappt beim Lesen aufgeschaut und erstmal eine Weile über das Geschriebene (und vor allem ganz viel über mich selbst) nachgedacht.

"Es ist Ausdruck einer unsäglichen Arroganz, dass mittlerweile in vielen linken Kreisen die Auffassung herrscht, die deutsche Boomer-Bevölkerung habe erst mal alle neuen sprachlichen Codes zu lernen, bevor man sie in die eigenen Kämpfe mit einbezieht. Wenn Linke großen Wert auf Verbündetenschaft legen, dann muss die intellektuelle Leistung erbracht werden, dass man sich auch mit denjenigen zu verbünden hat, die einem vielleicht nicht jeden Dienstag im Judith-Butler-Seminar begegnen oder das Geld haben, sich im Coworking Space den großen Hafermilch-Cappuccino für fünf Euro zu leisten."

Ich nehme ganz viel mit. Vor allem viel Stoff für Selbstreflektion und auch ein neues Quäntchen Hoffnung und Motivation, "eine massentaugliche Staatskritik zu entwickeln und sich nicht länger damit zufrieden zu geben, sich ACAB auf die Wade zu tätowieren oder bierschwanger in der linken Stammkneipe die Internationale zu singen". ;)

Ein differenziertes und kluges Plädoyer für mehr Klassenbewusstsein, das ich rundum empfehlen kann.
Profile Image for Elzapallo.
56 reviews2 followers
March 23, 2024
Joa naja. Also bei einigen Aspekten war ich definitiv dabei a la mehr Klassenkampf etc. Jedoch fällt er in ein altes Loch in dem er "klassische Kapitalismuskritik" gegen "Identitätspolitik" ausspielt. Bei richtig verstandener Identitätspolitik geht es eben nicht darum, einzelne Identitäten auseinanderzumanövrieren, sondern Klasse ist ein essenzieller Bestandteil dieser Kritik. Man kann Klasse nur verstehen, in dem man Rassismus etc versteht und eben genauso auch umgekehrt. Man muss dazu sagen, dass Identitätspolitik tatsächlich absolut verwässert wurde und sich von der bürgerlichen Linksmitte angeeignet, um sie auf individuelle Probleme zu reduzieren. Da bin ich ganz bei ihm, nur sind da nicht das Problem "die Linken" und die Identitätspolitik an sich, wie er es schön über einen Kamm schert, sondern eine individualistisch orientierte bürgerliche Linksmitte. Mir wäre es doch sehr lieb, wenn Identitätspolitik mal richtig verstanden würde, als die Kapitalismuskritik, die sie eigentlich inherent in sich trägt, die aber von vielen Seiten ausgeblendet wird. Auch der Rant über Hafermilch etc fällt in so ne Kategorie von, lass mal die Dekadenten flamen, eine Kritik, so alt wie die Welt selbst, anstatt sie auf jene zu richten, die tatsächlich Probleme machen. Das ist mir zu Sarah Wagenknecht mäßig. Wie gesagt, bei vielen Sachen bin ich ganz bei ihm und stimme auch zu (weniger Individualismus, mehr Streik, mehr Klassenkampf), aber die Kritik ist mal wieder so merkwürdig geframed. Anstatt "die Linken" als Monolith anzugehen, wäre es sehr viel sinnvoller, die Strömungen zu verstehen. Denn es gibt definitiv die Strömung, die er beschreibt und sie ist auch sehr präsent und nervig. Das ist aber nicht "die Linke" und auch nicht "Identitätspolitik".
Profile Image for Anka.
1,115 reviews65 followers
September 11, 2024
Auf jeden Fall viele streitbare Meinungen auf relativ wenigen Seiten. Teilweise ist es zu kurz gedacht und mich nervt, dass Kindler Identitätspolitik als unvereinbar mit fundamentaler linker Politik ansieht. Klar ist es nicht sinnvoll, sich in Diskussionen über Identität zu verlieren, sodass andere Themen auf der Strecke bleiben. Aber Intersektionalität is a thing, you know? Und sind wir nicht alle schon weiter? White Feminism, choice Feminism... das haben wir doch eigentlich schon hinter uns gelassen, oder? Meiner Meinung nach funktioniert Klassenkampf nur, wenn er gleichzeitig feministische, antirassistische und pro LGBTQIA+ Werte vertritt.

Kleine Meckereien:
- Was Kindler mit seinem Plädoyer für Paarbeziehungen bezwecken wollte, ist mir unbegreiflich. Und das sage ich, für die eine poly Beziehung auch nicht infrage käme... Was hat das in einem Buch über Klassenkampf verloren? Ich finde ja den Gedanken gut und richtig, dass Frauen die sexuelle Revolution oft als Befreiung verkauft wird, obwohl sie sich für Frauen auch (unter anderem) nachteilig ausgewirkt hat. Aber insgesamt war der Abschnitt sehr wirr, viel zu kurz und gerade im Bezug auf soziale Ungerechtigkeit könnte man eine klassische Beziehung ja eher wieder als Korsett für Frauen werten.. Es war mMn einfach ein unnötiger und wenig durchdachter Abschnitt.
- Die Sprache. Können wir bitte aufhören, so geschwollen daher zu reden? Insbesondere, und gerade, wenn es um Klasse geht? Ich fand es unfreiwillig komisch, wie Kindler einerseits intellektuelle "Lifestyle Linke" (diesen Begriff hasse ich übrigens aus tiefster Seele) angreifen will, aber andererseits keinen Satz in einfacher Sprache schreiben kann oder will... Es ist eine Kunst, komplexe Sachverhalte in einer verständlichen Sprache wiederzugeben.

Insgesamt fand ich dieses Büchlein interessant und viele seiner Punkte würde ich genauso unterschreiben. In Erinnerung bleiben wird es mir aber nicht.
Profile Image for Aniya.
340 reviews37 followers
December 21, 2024
Da sind gute Sätze drin, aber er sieht halt auch ganz viel nicht. Im letzten Kapitel habe ich mich gefragt, wer ihm das Hirn zerschossen hat.
Er kritisiert Polyamorie als Auswuchs des Kapitalismus, obwohl es diese Lebensform schon so lange gibt, wie Menschen existieren. Dabei übersieht er, dass die heterosexuelle Kleinfamilie (aus der es im "besten" Fall kein Entkommen gibt) DIE Säule des Kapitalismus ist, denn Frauen leisten in dieser Konstellation meist unbezahlte Reproduktions-, Sorge- und Hausarbeit. Darauf fußt der Kapitalismus!
Seinen paternalistischen Rat an Frauen, doch möglichst nicht so viele One-Night-Stands und Affären zu haben, tarnt er als Gutmütigkeit und begründet das Ganze mit der Orgasmus-Lücke. Frauen hätten ja gar nichts davon. Dass diese Lücke auch in festen, monogamen Konstellationen besteht, lässt er weg. Nach seiner Logik sollten Frauen also am besten gar nicht mehr mit Männern schlafen: es lohnt sich einfach nicht. (Wäre das wirklich seine Schlussfolgerung, würde ich ihm als Sapphic vielleicht sogar zustimmen.)
Ich hab einfach die Nase voll von linken Männern, die denken, sie hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen, es dabei aber nicht über ihren eigenen Tellerrand hinaus schaffen und andere Lebensrealitäten nicht sehen.
Profile Image for Pascal.
47 reviews2 followers
February 12, 2024
Fünf Kapitel begeisternde, prägnante Argumente für eine bessere Idee von Linkssein, von sozialer Gerechtigkeit und Kämpfen, die es sich zu kämpfen lohnt, gefolgt von einem Absturz im letzten Teil, wo der Autor eine Idee vom guten Leben fast ausschliesslich an eigenen Auffassung von zwischenmenschlicher Romantik fest macht und alternative, nicht-monogame Beziehungsmodelle als neoliberale Auswüchse deklariert. Who hurt you, buddy?
33 reviews2 followers
October 18, 2023
Jean-Philippe Kindler als den größten Linken Social Media Star zu bezeichnen, mag durchaus kontrovers sein. Einer der hellsichtigsten ist er aber mit Sicherheit.
In seinem Buch schafft er es, Kritik an der heutigen Linken und zugleich am kapitalistischen System sehr gut verständlich zu formulieren. Natürlich sind es nur gute 130 Seiten, aber für das, was es sein soll (eine Art modernes Manifest), ist es überaus einsichtsreich.
Das geschieht in 6 Kapiteln, die er der Repolitisierung diverser (linker) Themen widmet. Dabei stellt er sich u.a. in eine Reihe mit Mark Fisher und widmet sich der Aufgabe, die vermeintliche naturgesetzliche Gesellschaftsform des neoliberalen Kapitalismus als eben das zu entlarven, was sie ist: Ideologie und keineswegs Naturgesetz.
Meiner Meinung nach gelingt ihm das auch außerordentlich gut. Man kann nur hoffen, dass viele Linke (und die, die es werden wollen) dieses Buch lesen und die Einsichten in ihre Praxis tragen werden.
Profile Image for Clarissa.
705 reviews21 followers
April 11, 2024
Mit Abstrichen fand ich das sehr bereichernd und eine gute Erinnerung, was man mit den Klassenkampf eigentlich erreichen will. Allein schon die Erwähnung, dass „Die Tafel“ ursprünglich ins Leben gerufen wurde, um nicht verkaufte Lebensmittel zu retten und aber inzwischen für viele arme und armutsgefährdete Menschen essenziell ist, um etwas zu essen zu haben und die Politik da seit Jahren nichts gegen macht, hat schon gereicht, mich wieder ordentlich zu radikalisieren.
Trotzdem, und auch wenn der Autor mir jetzt zu 100% meine Identitätspolitik zum Vorwurf machen kann, hat mich gestört aus was für einer komplett weißen männlichen Sicht das Buch kommt. In einer Kritik unseres Wirtschaftssystems nicht über Kolonialvergangenheit und Wohlstand durch sogenannte Gastarbeiter*innen und moderne Ausbeutung von migrantischen Arbeiter*innen in Deutschland zu sprechen, zeugt für mich von einem blinden Fleck.
Profile Image for Lara.
600 reviews37 followers
January 24, 2024
Irgendwie scheine ich hier ein bisschen in der Minderheit zu sein, aber dieses Buch konnte mich irgendwie so gar nicht überzeugen.

Ich empfand den Schreibstil als arg polemisch, die inhaltliche Tiefe als sehr oberflächlich und die Argumentation wenig überzeugend. Einzelne Kritikpunkte an der deutschen Linken nahm ich als sehr treffend beobachtet war, allerdings missfiel mir die Haltung Kindlers, der sich hier ein wenig ausklammerte und als die Person mit der einzig richtigen Lösung präsentierte.
Manche Kapitel waren zwar etwas besser als andere, z.B. das zu Linkssein wirkte als wäre Kindler hier in seinem Element. Ich fand es dann nur schade, dass viele Themen viel zu kurz kamen. Vielleicht, weil sich ein bisschen viel vorgenommen wurde ohne wirklich einen klaren roten Faden zu haben. Mir hätte eine klarere Fokussierung auf weniger Themen vielleicht besser gefallen. Andere Kapitel wie etwa das zum Thema Klimakrise fand ich einfach nur enttäuschend; eine Aneinanderreihung von Zitaten ohne wirklich irgendwas auch nur ansatzweise Neues beizutragen. Mit Aussagen wie "Niemand wirklich niemand braucht SUVs" werden Bedürfnisse verschiedener Menschen einfach übergangen und mit diesem Schwarz-weiß-denken ist die Klimakrise auch nicht gelöst. Ich glaube wir müssen hier ein bisschen tiefer gehen.
Generell hätte ich mir ein bisschen mehr Tiefe und Reflektion gewünscht und insgesamt stehe ich der Aussage, dass Selbstliebe und Introspektion nur schädlich und individualistisch sind kritisch gegenüber (Again, alles bis zu einem bestimmten Punkt und es gibt mehrere Seiten). Vielmehr denke ich, dass es wichtig ist auch sich selbst besser zu kennen und nach sich zu schauen, um auch für andere da sein zu können und in Verbindung gehen zu können.
Profile Image for Jakob Palmer.
92 reviews10 followers
January 29, 2024
"Am ende gibt es eine große Gemeinsamkeit zwischen der liberalen Demokratie und Sanifair-Gutscheinen auf Autobahntoiletten: Beides basiert im Kern darauf, nicht eingelöst zu werden." 117

Das buch ist relativ kurz und teilweise bisschen schwach, gerade was seine, meiner Meinung nach bisschen undifferenzierte und überzogene Kritik an positiver Psychologie und auch mit Identitätspolitik angeht.
Ansonsten aber einfach nen nices Plädoyer für konsequente Kapitalismuskritik jenseits der "lifestyle-linken"
er wirbt für eine konsequente Re-Politisierung von Armut (Reichtum), Glück, Klimakrise (nur sehr kurzes Kapitel), Demokratie (und die Kombi mit Neoliberalismus) und Linkssein an sich
ihm gehts im kern da drum, Linkssein besser kommunizierbar zu machen, einer Klasse ihre eigene Ausbeutung bewusst machen und die Überindividualisierung neoliberalistischer Entwürfe konsequent zu dekonstruieren und eine breitere Partizipation zu ermöglichen
bockt auf jeden fall, teilweise echt witzig, bisschen zynisch, Kapitel 1, 2 und 4 aber definitiv am stärksten, der rest eher bisschen schwächer, weil auch einfach bisschen kurz und dadurch undifferenziert
Profile Image for Neele.
145 reviews2 followers
April 6, 2025
Oh man

Ich finde, das Buch enthält viele smarte Gedankengänge, die gut auf den Punkt gebracht sind, zum Beispiel das Kalkül hinter dem Aufhetzen von Armen gegen Arme, das Framing von "Gratismentalität" während Erbschaften als legitim angesehen werden, der Take von wegen "wer soll das denn bezahlen?" oder "jeder ist seines Glückes Schmied". Auch wichtig finde ich, dass viele Versuche, das eigene Leben zu verbessern, lediglich Symptombehandlung im Kapitalismus sind und die Verantwortung auf das Individuum verschieben, etwa Achtsamkeit und Meditation im Ausgeich zur 40-Stunden-Woche.

Aber was soll die ganze Polemik und das Linken-bashing? Ich finde es ja toll, dass er in der Einleitung schreibt, er möchte kein woke-bashing betreiben oder Identitätspolitik schlechtmachen, aber es fühlt sich trotzdem danach an. Auch zum Thema Selflove hat er Ansichten, die ich kritisch finde. Und was soll der Take zu Poly-Beziehungen (die es übrigens schon lange gab) und hookup culture?
Es gibt viele Dinge im Buch, denen ich nicht zustimme, manches fand ich nicht schlüssig, manches hat mich wütend gemacht. Mir fehlt die Energie, all die Gedanken und Kritikpunkte auszuformulieren, vieles wurde aber auch schon in anderen Reviews genannt.

Insgesamt hätte das Buch wie ich finde Potenzial gehabt, ein stärkeres Bewusstsein für Klasse und die schädlichen kapitalistischen Strukturen zu schaffen. Für mich hat es aber einen seltsamen Beigeschmack, was ich schade finde.

Ich möchte mit folgendem Zitat aus dem Buch abschließen, das mich sowohl verärgert als auch verwirrt hat und wie ich finde auch einen Eindruck über den Ton des Autors vermittelt:
"Nun eine vielleicht unerwartete Aussage meinerseits: Ich liebe Amazon und ich finde es wahnsinnig albern, wenn Linke versuchen, Menschen davon zu überzeugen, dass Amazon boykottiert gehört. Die kurzen Lieferzeiten, das Vorhandensein einer schier unglaublichen Anzahl an Waren sowie die unkomplizierte Zahlungsabwicklung erleichtern den Alltag von Millionen von Menschen. Ich habe persönlich noch keine stichhaltige und kluge Erklärung gehört, warum ein solcher Service nicht auch funktionieren würde, wenn Amazon ein staatliches Unternehmen wäre."
????
Profile Image for Rojda.
378 reviews4 followers
March 29, 2024
Alles schon mal (besser) gehört, vieles war zu oberflächlich, einige Punkte konnte ich nicht nachvollziehen und der ganze Vibe hat mich so gar nicht gepackt. 👀
Profile Image for dontbothermyname.
6 reviews
July 2, 2024
Weniger Klassenkampf als erwartet.

Jean-Philippe Kindler regt mit Fragen wie "Wollen wir, statt die Herrschaft abzuschaffen, diese diverser gestalten? Eine divers zusammengesetzte Herrschende Klasse ist immer noch eine herrschende Klasse." zu einigen interessanten Denkanstößen an.
Nur leider verliert er sich Kapitel für Kapitel in den immer und immer wieder gleichen Schlussfolgerungen und Forderungen, egal zu welches Thema er dabei gerade bespricht.
Dabei zieht sich der Text stellenweise leider wie Kaugummi.

Denn dafür, dass der Autor hier zum Klassenkampf aufrufen will, ist das Buch sprachlich eher einseitig auf die im Text mehrfach adressierte und gleichzeitig kritisierte "Von Selflove besessene urbane, kosmopolitische und gebildete neue Mittelschicht die in den Hipster Bezirken der Großstädte lebt und nach Selbstentfaltung strebt." zugeschnitten.

Diese Umschreibung erinnert stark an Sahra Wagenknechts Abarbeitung an einer vermeintlich dekadent degenerierten Linken, welche die Sorgen und Nöte der einfachen Bevölkerung längst aus den Augen verloren hat.
Es nützt nichts, dass Jean-Philippe Kindler sich in anderen Formaten wie beispielsweise dem Podcast von Kollektiv Studio Rot regelmäßig von Frau Wagenknecht und ihren vertretenen Positionen distanziert, wenn er im Buch selbst immer wieder von "Hipster Linken mit sozialdemokratischen Anstrich" spricht.

Und weil die Überleitung gerade so gut passt, Fabio De Masi als Beispiel für einen vernünftigen, kompetenten Politiker zu benennen, welcher der Linken (Partei) und mit ihr der Politik als ganzes den Rücken gekehrt hat weil er die Debattenkultur der Partei und – auch hier wieder – ihre angebliche Entfernung von der Arbeiterbewegung kritisiert hat, ist spätestens mit dessen Beitritt in das Bündnis Sahra Wagenknecht im Januar 2024 schlecht gealtert.
Auch wenn der Autor dies zum Erscheinungszeitpunkt des Buches natürlich nicht ahnen konnte.

Kindler schreibt eingangs, Linke hätten ein Talent dafür entwickelt, bei jeder Gelegenheit lautstark zu benennen, was sie alles nicht gut finden, dafür aber verlernt haben ihren Mitmenschen zu vermitteln, was sie gut finden und für was sie stehen. Ehrlich gesagt trägt er in meinen Augen mit diesem Buch nicht wirklich zum Gegenteil bei.
Es wird zwar nach einem "Guten Leben für alle" verlangt, doch bleibt er konkrete Lösungsansätze, wie genau das von statten gehen soll schuldig. Vielleicht mit Ausnahme der allerletzten Seite, in der er eine Generalbestreikung verschiedener Branchen und Lebensbereiche vorschlägt.

Am Ende muss ich leider sagen, dass es nach den vielen überschwänglichen Rezensionen nicht die Kampfschrift ist, die ich mir erhofft hatte und ich kaum neue Erkenntnisse mitnehmen konnte.

*Ein abschließender Punkt noch zu dem Monopoly Absatz: Charles Darrow hat Monopoly nicht erfunden. Wikipedia dazu: Later research has shown that Lizzie Magie, Jesse Raiford, Ruth Hoskins, Louis and Ferdinand Thun, and Daniel Layman, among others, were responsible for many–or all– of the game's significant elements collectively. Darrow's contribution was the visual appearance of the game and the iconic cartoon-like illustrations on the corner spaces.
Profile Image for Ruben.
32 reviews2 followers
December 31, 2024
Warme Empfehlung es als Höhrbuch auf 1,5 facher Geschwindigkeit zu hören, das erweckt den Anschein, der Vorleser wäre sehr sauer, was dem Buch nur zu gute kommt.
178 reviews5 followers
December 8, 2025
Das Buch hat so viele von meinen Gedanken klug in Worte gefasst. I guess some men do have rights 😔
Profile Image for Dan.
110 reviews
January 8, 2024
Ich liebe kurze kluge Bücher, die schnell gelesen sind und nachhaltig meine Perspektive schärfen. Dieses Buch ist so eins.

Viele „Aha!“- und „Du hast es auf den Punkt gebracht“-Momente und einige neue Impulse. Besonders bereichernd war für mich die solidarische Kritik an Identitätspolitik sowie die Argumentation gegen #selflove-Diskurse.

Empfehle das Buch allen, die sich nach besseren gesellschaftlichen Verhältnisse sehnen.
Profile Image for Rita.
130 reviews25 followers
October 18, 2024
Glück wieder repolitisieren!
Wichtig!
Profile Image for Bücherwolf.
164 reviews11 followers
November 9, 2023
Das Buch ist unglaublich gut! Ein durchaus populärwissenschaftliches Buch, keine Frage, aber dennoch werden wichtige Fragestellungen dargelegt, die vorallem für die Linken in unserer Zeit von großer Bedeutung sind. Und das in einer Sprache, die für alle verständlich ist. Das Buch zeigt, wie sehr uns der Kapitalismus unterbewusst in allen unseren Denkweisen beeinflusst. Kurz zusammengefasst handelt das Buch unter anderem von Missverständnissen wie "Erfolg = Intelligenz" oder anderen Problematiken unserer Zeit, die ich wie folgt zusammengefasst habe: "Die Gesellschaft fokussiert sich darauf, inneren Frieden zur Bewältigung des Stresses im Arbeitsleben und Sozialleben zu bewältigen, anstatt die Ursache zu erkennen: Den Kapitalismus. Es kann doch nicht zur Normalität gehören, dass so viele junge Menschen wie noch nie psychische Erkrankungen aufweisen" oder "Die Auffassung einer Beziehung erinnert an die Freiheitsauffassung vieler bekannter Neoliberaler: "Freiheit ist, alles zu bekommen, was ich möchte." Dass kein Gefühl unbefriedigt bleibt und immer das Maximale erstrebt werden muss."
Ein sehr starkes, wachrüttelndes Buch, das zeigt, wie unfassbar tief die Wurzeln des kapitalistischen Denkens in unserer Psyche verankert sind.
Leseempfehlung für jeden!
Profile Image for Janina.
870 reviews80 followers
November 19, 2023
3.5 Sterne. Es gibt wahrscheinlich nie einen Menschen mit dem man politisch (in einer grundsätzlichen politischen Mentalität und einer politischen Umsetzungsstrategie) übereinstimmt, deshalb versuche ich immer auf den gemeinsamen Nenner und das große Ganze zu schauen. Und da gibt es hier drinnen einige gute Gedanken zu finden, vor allem im Angesicht des Sahra Wagenknecht-Debakels und dem Aufbruch/Abbruch (so oder so ein neues Kapitel) der Linksfraktion, der gerade stattfindet, betrachtet - u.a. weniger Individualismus, mehr Universalismus, Kapitalismuskritik, Antikapitalismus sowie der Aufruf für mehr Radikalität bei Umsetzungen von idealistischen Ideen und Konzepten, anstatt Scheindebatten zu führen.

Profile Image for Enya.
805 reviews44 followers
January 19, 2024
Einige gute Punkte (YES zu mehr class consciousness, mehr Kapitalismuskritik, mehr radikalem Widerstand, mehr Fokus auf die gesellschaftliche Verantwortung für Ungerechtigkeit und weniger Fokus auf individuelle Glücksfindung), und einige die mich sehr genervt haben. Ich kann nicht mit seiner Evaluation von Polyamorie und Hookup culture übereinstimmen, welche diese als Zeichen kapitalistischer Befriedigungsgier darstellt - ich glaube die Motivation und Gesellschaftsdynamiken hinter polyamorösen Beziehungen sind komplizierter als er es so darstellt, und auch hookup culture wurde mir hier viel zu sehr simplifiziert. Ich hatte auch mehrere Probleme mit anderen Punkten, und fand vieles nur sehr oberflächlich argumentiert.
Profile Image for Emma-Luna.
87 reviews10 followers
April 16, 2024
3.5 Sterne. Ich finde es schwierig, Identitätspolitik gegen Kapitalismuskritik auszuspielen. Ich finde es schwierig, polyamore Beziehungen pauschal als ein hedonistisches Sich-Bedienen an Menschen zur Bedürfnisbefriedigung zu bezeichnen. Beides hat Kindler vielleicht nicht wirklich getan oder gewollt, aber Tendenzen sind zu finden und er hätte sich präziser ausdrücken können. Es gibt sicherlich einiges an diesem Buch auszusetzen. Einiges fand ich zu vereinfacht erzählt oder zu spitz/polemisch, aber prinzipiell ist das Buch dafür, was es ist, gut: ein politisches Meinungsmanifest und Plädoyer für eine Vereinigung von Linken für Solidarität und einen Kampf für ein gutes Leben für alle. Und das gewohnt eloquent und auch klug. Und man merkt, dass es Kindler wirklich ein Herzensanliegen ist.
Profile Image for Tobias.
86 reviews9 followers
December 21, 2023
Eine Leseempfehlung für Menschen, welche sich mit linken Ideen und linker Politik auseinandersetzen wollen und diese versuchen zu verändern. Denn Veränderung benötigen wir und damit meine ich sehr explizit nicht eine BSW-Änderung, sondern ein neues Klassenbewusstsein und -Verständnis, sowie damit einhergehend einen neuen Klassenkampf. Wir müssen die entscheidenden Bereiche repolitisiere. Hierbei schreibe ich bewusst in der „Wir“-Form, denn es reicht nicht die*der Einzelne aus, sondern wir müssen es gesamtgesellschaftlich diskutieren, reflektieren und bearbeiten.
Profile Image for lea rothe.
129 reviews237 followers
April 22, 2024
"am ende gibt es nämlich eine große gemeinsamkeit zwischen den versprechen der liberalen demokratie und sanifair-gutscheinen auf autobahntoiletten: beides basiert im kern darauf, nicht eingelöst zu werden"

grundthese: gesellschaftliche probleme werden heute auf individuelle reduziert. kindler spielt das an mehreren beispielen durch:
in der klimakrise wird an den einzelnen appelliert, er solle sich ökologisch korrekt verhalten und damit die illusion geschürt, man könne auf diese Weise den klimawandel aufhalten, viele menschen besuchen burnoutseminare und versuchen individuell stressresistenter zu werden, aber stellen die arbeitsbedingungen, die ihnen den burnout bringen, nicht infrage. forderungen nach frauenquoten und gendergerechtigkeit werden zwar gestellt, aber das gesellschaftliche grundproblem bleibt die ausbeutung. ob mich "männer" oder "frauen" ausbeuten, ist doch egal.

ein kluges kurzes buch das sich, meiner meinung nach, gut für eine erste übersicht zum thema und einsteiger eignet.
284 reviews1 follower
December 17, 2024
Als Leser der der Idee eines antikapitalistischen Klassenkampfs durchaus nicht abgeneigt ist muss ich doch einiges erwähnen:

Lieber Autor, lass mich dir was sagen. So als Mitglied der queeren Community, als kleiner Reminder an den weißen straighten cis-Mann (der Leser beachte bitte dass dieser von mir gesetzte Pejorativ ein gezielt gesetztes rhetorisches Stilmittel ist): Als Befürworter einer rational geführten Identitätspolitik beanspruchen weder ich noch andere queere Menschen politische Deutungshoheit. Allerdings würde ein straighter Bias in fragen "gerechter" Politik wieder nur dazu führen dass wir weiter marginalisiert bleiben, wie dieses Buch nur leider wieder beweist. Wir sind uns durchaus bewusst dass Wokewashing eben NICHT für ein besseres Leben aller marginalisierten Demografien bedeutet. Dieser Ignoranz ggü. benachteiligten Identitäten liegt in meinen Augen eben mal wieder eine Form der Intoleranz zu Grunde. Nur so als kleiner Reminder 😘

Dann gibt es da noch eine Stelle im Buch an dem Frauen ihre Sexualität bzw. wie sie diese auszuleben haben mansplained. Ähm ja, nein sorry das ist nicht in Ordnung. Spätestens an dieser Stelle wird klar dass der Autor da wirklich das Ziel aus den Augen verloren hat. Eine Kritik am Kapitalismus wächst am Ende zu einem pseudo-autoritären Traktat gegen marginalisierte Gruppen die nicht dem cis-straigt-männlichem Bild der gesellschaftlichen Norm entsprechen.
Ironischerweise macht Herr Kindler damit genau das was er anfangs noch (grundlegend zu Recht) kritisiert: er beteiligt sich am "leftist infighting" und das spielt wieder nur dem ungerechten System (soll heißen die unheilige Mischung aus Kapitalismus und Patriarchat) in die Hände.

Fazit: gut angefangen und verdammt stark nachgelassen.
1 review
March 20, 2025
Dieses Buch ist ein ganz gutes Einstiegswerk ins Thema Kapitalismuskritik und wenn Kindler es als solches präsentiert hätte, würde meine Bewertung deutlich positiver ausfallen. Stattdessen gab er dem Buch den Untertitel “Eine neue Kapitalismuskritik” und das ist es faktisch einfach nicht.

Kein einziges seiner Argumente ist neu, die meisten seiner Kritikpunkte sind so alt wie das Konzept der Kapitalismuskritik selbst. Es wäre schön gewesen, wenn Kindler seine ja offenbar durchaus irgendwo vorhandene kritische Denkfähigkeit auch einmal auf sich selbst angewandt hätte.

Der Mann ist seit Jahren linker Influencer und ist als solcher deutlich stärker daran beteiligt gewesen, die linke Szene zu dem zu machen, was sie ist, als der Großteil seines Publikums. Trotzdem zeigt er sich ‘den deutschen Linken’ gegenüber nicht nur extrem überheblich, sondern auch regelrecht abwertend. Seine eigene Rolle innerhalb dieser Szene und der Fakt, dass er genau die Leute abwertet, von denen er seit Jahren finanziell (aka kapitalistisch) profitiert, bleiben unbeleuchtet.

Wer von sich selbst behauptet, eine neue Kapitalismuskritik zu verfassen, muss einfach mehr leisten, als die Ideen anderer Denker zusammenzufassen, aufs heutige Deutschland anzuwenden und dabei seinen eigenen Fans überheblich unreflektiert ans Bein zu pissen.
Profile Image for jana.
49 reviews1 follower
January 6, 2025
bin noch etwas unschlüssig, fands sehr gut aufgebaut und hatte gute ansätze aber manche sachen hätten meiner meinung nach etwas besser aufgeführt werden können. gibt auf jeden fall stärkere und schwächere kapitel. außerdem halte ich das nicht für einen wahnsinnig neuen ansatz.

bisschen schwierige amazon abzufeiern wenns um klassenkampf geht (falls sich jemand dran erinnern kann dass ein mitarbeiter da gestorben ist und einfach nur abgedeckt wurde, um weiterzuarbeiten ???)
ausserdem meiner meinung nach unnötig poly beziehungen zu kritisieren und frauen ons anzusprechen. das gibt halt leider wieder linke macker vibes. finds aber overall sehr verständlich geschrieben, ohne unnötig mit wissenschaftlichen begriffen rumzuwerfen.
Profile Image for SerenaBipan.
10 reviews2 followers
May 1, 2025
Wie einige schon vor mir anmerkten: Kindlers Kritik an „Identitätspolitiken“ schien sehr von seinen eigenen negativen Erfahrungen, weniger von einer wohlwollenden Auseinandersetzung mit diesen geprägt zu sein. Allein ein Blick auf einige queere, BIPOC, dis/ability Movements und Kämpfe der letzten Jahre hätte gezeigt, wie zentral class dort verhandelt und in dessen inhärenten Kompliz*innenschaft mit race/gender/able_bodies verstanden wird. Klar, medial-dominierende Diskurse und populistische Kacke fokussier(t)en Gendersensible/AntiRacism-Sprache als hauptsächliche Ziele von „Identitätspolitiken“, und verschleierten damit die aaandereeen Themen, die immer schon „co“-existierten. Kindler schien mir also für seine Kritik nur auf eine bestimmte (elitäre) Ecke des identitätspolitischen Spektrums zu blicken, dies aber selbst nicht reflektiert zu haben oder kenntlich zu machen.
Hier fehlt mir aus seiner mehrfach-privilegierten Position her mehr Auseinandersetzung, Recherche, Arbeit etc mit den Forderungen & Kämpfen derjenigen Marginalisierten, deren „Identitätspolitik“ er mit seiner Unterstellung, die Klassenperspektive wäre dort nicht mitbedacht, unfair/ignorant begegnet und abwertet.

Seine Erläuterungen zu Gefühlen als (gefährliches) Politikum schienen mir schlecht recherchiert; da sein Argument und dessen Implikationen easily als Gefühle marginalisierter Menschen als Motor für politische Bewegungen (inklusive aus (verletzten) Gefühlen motivierten Zielen) entmächtigend verstanden werden kann, halte ich es, aus zB solidarischen Gründen, für verantwortungslos mit solch einer Kritik ohne weitere sichtbare Auseinandersetzungen mit Gegenentwürfen daherzukommen.

Last but not least: Kindler und seine Annahme, dass Menschen, die mehrere Beziehungspersonen haben/suchen (aka poly sind), das deswegen tun, weil sie meinen, eine einzige Person könne deren Bedürfnisse etc nicht befriedigen; I mean wtf???

Letztlich fiel es mir schwer von meinem Eindruck zu lassen, dass Kindler am Ende halt doch „nur“ ein euro-weißer cis Dude ist, der sich seiner gesellschaftlichen Positionierung für manche seiner Kritiken nicht hinreichend bewusst ist, und der nicht verstehen will, dass die Auseinandersetzung, ob „Frauenkampftag“ oder „Feministischer Kampftag“, halt doch einen Unterschied für Menschen wie mich (&andere) macht, den es zu diskutieren lohnt; Begriffsauseinandersetzungen aber längst nicht die einzigen/wichtigsten Kämpfe auf meiner/unserer politischen Agenda sind. Schade!

Da ich seine sonstigen Punkte, gewählten Beispiele etc eindrücklich fand und Spaß am Lesen hatte: 4 Sterne🤙🏼
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May 22, 2024
Wenn ihr diesen Blog lest, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ihr ähnlich denkt wie ich, und in der ersten Sekunde total verwirrt von diesem Titel sind. Wie sollen denn bitte Selflove und Klassenkampf zusammenhängen? Aber naja, um uns diesen Zusammenhang zu erklären, dafür ist ja Jean-Philippe Kindler da. Er erklärt hier, warum der aktuelle Trend rund um Selflove ein Zeichen dafür ist, dass der Klassenkampf schon lange überfällig ist. Anschließend geht er auch noch auf andere Bereiche unseres Lebens ein und stellt die Frage: Wo zeigt sich das noch? Dabei geht er auf viele interessante Punkte ein und zeigt so, wie ein neuer Klassenkampf die Situation für uns alle verbessern würde.

Ich persönlich war bis zum Ende etwas verwirrt, wie ein Klassenkampf denn nun wirklich aussehen würde. Ich höre dieses Schlagwort aktuell immer und immer wieder - aber weiß bis heute nicht, was ich mir darunter vorstellen kann. Auch dieses Buch konnte diese Frage leider nicht klären.

Ich stimme dem Autoren sicher nicht in jedem Detail seiner Argumentation zu. Aber: Er spricht viele wichtige Punkte an, argumentiert gut und ich kann seine große Message unterstützen. Ich kann mir zwar (wie so viele von uns) keine Alternative zum Kapitalismus vorstellen, aber das hängt wahrscheinlich eher damit zusammen, dass ich halt in diesem System aufgewachsen bin und darin lebe. Das geht sicher den meisten von uns so. Trotzdem kann der Kapitalismus nicht unsere beste oder sogar unsere einzige Option sein. Dieses System basiert auf der Ausbeutung von Menschen und der Natur. Das darf nicht unsere beste Option sein. Daran will ich einfach nicht glauben.

Mein Fazit? Ein interessanter Essay, den ich gerne gehört habe.
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