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Dunkelblum

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Jeder schweigt von etwas anderem.

Auf den ersten Blick ist Dunkelblum eine Kleinstadt wie jede andere. Doch hinter der Fassade der österreichischen Gemeinde verbirgt sich die Geschichte eines furchtbaren Verbrechens. Ihr Wissen um das Ereignis verbindet die älteren Dunkelblumer seit Jahrzehnten – genauso wie ihr Schweigen über Tat und Täter. In den Spätsommertagen des Jahres 1989, während hinter der nahegelegenen Grenze zu Ungarn bereits Hunderte DDR-Flüchtlinge warten, trifft ein rätselhafter Besucher in der Stadt ein. Da geraten die Dinge plötzlich in Bewegung: Auf einer Wiese am Stadtrand wird ein Skelett ausgegraben und eine junge Frau verschwindet. Wie in einem Spuk tauchen Spuren des alten Verbrechens auf – und konfrontieren die Dunkelblumer mit einer Vergangenheit, die sie längst für erledigt hielten. In ihrem neuen Roman entwirft Eva Menasse ein großes Geschichtspanorama am Beispiel einer kleinen Stadt, die immer wieder zum Schauplatz der Weltpolitik wird, und erzählt vom Umgang der Bewohner mit einer historischen Schuld. »Dunkelblum« ist ein schaurig-komisches Epos über die Wunden in der Landschaft und den Seelen der Menschen, die, anders als die Erinnerung, nicht vergehen.

»Die ganze Wahrheit wird, wie der Name schon sagt, von allen Beteiligten gemeinsam gewusst. Deshalb kriegt man sie nachher nie mehr richtig zusammen. Denn von jenen, die ein Stück von ihr besessen haben, sind dann immer gleich ein paar schon tot. Oder sie lügen, oder sie haben ein schlechtes Gedächtnis.«

528 pages, Paperback

First published August 19, 2021

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About the author

Eva Menasse

22 books77 followers
Eva Menasse (born 11 May 1970 in Vienna) is an Austrian author and journalist. She has studied history and German literature. Menasse had a successful career as a journalist, writing for the Frankfurter Allgemeine Zeitung in Frankfurt and as a correspondent from Prague and Berlin. She left the paper to write her first novel, Vienna,[1] and now lives and works in Berlin as a freelance author.

In 2005, she received the Corine Literature Prize. The English translation of her novel Vienna was shortlisted for the 2007 Independent Foreign Fiction Prize in the UK.

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Displaying 1 - 30 of 280 reviews
Profile Image for Alexandra .
936 reviews361 followers
September 6, 2021
Ich bin ein bisschen zwiegespalten, denn ich mochte die Geschichte fast bis zum Schluss sehr gerne, wenn ich auch jeden verstehen kann, der auf diesem steinigen Weg zwischendurch entnervt abgebrochen hat. Der Roman von Eva Menasse fordert die Leserschaft heraus: eine sehr anspruchsvolle, manchmal auch ein bisschen zu spröde, komplexe Sprache, viel zu viel Personal, viele falsche Identitäten, viele Rückblenden, viel Vertuschung und Verwirrung, viele Lügen und Verdrängung, aber das ist exakt das Programm der Kleinstadt namens Dunkelblum und seiner Bewohner.

Schon seit dem Debüt-Roman Vienna bin ich ein Fan der Sprachfabulierkunst der Autorin und ihrer verzwickten, ausufernd konzipierten Familienbeziehungen, aber ich muss doch eingestehen, ihre Werke sind gewöhnungsbedürftig.

Eva Menasse beschreibt uns ziemlich perfekt den Mikrokosmos Dunkelblum, fast vergessen, genau vor der Demarkationslinie Eiserner Vorhang im österreichischen Burgenland an der Grenze zu Ungarn positioniert. Die Handlung des Romans setzt im Jahr 1989 ein, ein paar Wochen vor dem Beginn des Ostblockzusammenbruchs und der Durchtrennung des österreichisch-ungarischen Grenzzauns.

Diese Art Orte kenne ich von meiner Oma, die in Altmanns bei Heidenreichstein in Niederösterreich im Grenzland lebte. Nur dass bei meiner Oma halt Tschechien statt Ungarn hinter dem Stacheldrahtzaun und der Todeszone lauerte, aber für uns Kinder war das ohnehin egal, weil alles Terra incognita war. In solchen Gegenden stand das Leben überall bis 1989 still, und man befand sich tatsächlich irgendwie am Rand der Welt, was einen besonderen Menschenschlag hervorbrachte. Alle, die über die Grenze gingen, tauchten lange nicht mehr auf. Sogar harmlose Pilz-Sammler, die sich im Wald verirrt hatten, kehrten Wochen bis Monate nicht mehr zurück. Als Leserin konnte ich diese Stimmung, die ich auch bei der Oma erlebt habe, regelrecht greifen. Das schafft Menasse wirklich sensationell, diese Atmosphäre einzufangen, mit Worten zu erzeugen und sie auch in den LeserInnen zu verankern.

Ein enorme Anzahl an ProtagonistInnen, die Angst vor Fremdem und Misstrauen gegenüber Fremden, viel Nazi-Vergangenheit und Verdrängung derselben kennzeichnen die beschriebene Gesellschaft im Roman. Durch ein bisschen Lüftung des Vorhangs und Andeutung von ein paar Gräueltaten, leichteren Verbrechen und Mitläuferbiografien in der Stadt-Geschichte zur Nazizeit wird einfach viel zu viel Personal gleichzeitig in die Story eingeführt. So entsteht ein unentwirrbares Wimmelbild, das sich noch potenziert, weil auch noch Figuren aus der Vergangenheit unter falschem Namen heute unerkannt leben oder sich durch Heirat und Namensänderung ebenso ihrer Vergangenheit entledigt haben. Alles ist in Dunkelblum unter der Tuchent (Bettdecke), wie man in Österreich so schön sagt, und wenn man diese nur ein kleines bisschen lüftet, um die Wahrheit zu erfahren, dann wimmelt es darunter vor Schaben, Maden, Gewürm und anderen Grauslichkeiten (personell und charakterlich gemeint).

Das Einstiegsszenario stellt sich wie folgt dar: Eine Gruppe von Wiener Studenten hat den Auftrag, den überwucherten und verfallenen jüdischen Friedhof von Dunkelblum aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken, die von Brombeersträuchern überwucherten Gräber freizulegen und die Toten zu ehren. Im Rahmen der Erhaltungsarbeiten wird ein Grab freigelegt, das genauso heißt wie das Hotel des Ortes, die Angestellten wundern sich, denn die Hotelbesitzerin ist keine Jüdin. Zudem wird im Zuge eines Streites um die Wasserversorgung der Stadt bei Probebohrungen auf einer Wiese eine alte Leiche ausgegraben, wahrscheinlich aus 1945. Das Setting mit den Verdrängungen erinnert mich ein bisschen an Das flüssige Land von Raphaela Edelbauer.

Ein Fremder, möglicherweise aus Übersee stammend, der den meisten Stadtbewohnern recht sympathisch ist, schnüffelt neuerdings in den Geschichten und der Vergangenheit herum, wenn er auch sehr subtil und nicht aggressiv vorgeht. Zudem hat ein nach Wien ausgewanderter Sohn namens Lowetz, dessen Mutter gerade gestorben ist, den Weg zurück in den Schoß der Gemeinschaft gefunden. Zusammen mit Flocke, einer jungen Frau, die als Außenseiterin in der Kleinstadt wohnend, nie Respekt vor der Vergangenheit gezeigt hat – die Respektlosigkeit manifestiert sich darin, dass sie die Vergangenheit aufdecken möchte – wühlen die beiden in Sachen, die vielen Leuten sehr, sehr unangenehm sind. Der wenig integrierte und den Dunkelblumern unsympathische Tourismusbeauftragte und Reisebürobesitzer Rehberg, der im Übrigen homosexuell ist, was auch die Ressentiments der Einwohner hinlänglich erklärt, hat auch nichts dagegen, wenn einige Geheimnisse der Vergangenheit gelüftet werden. Diese vier Protagonisten bilden die progressiven Kräfte der Kleinstadt ab und werden von den ganz Alten, von den Verbrechern und Opfern der Nazizeit, von den Mitläufern und eigentlich fast vom ganzen Rest der Gesellschaft blockiert und verhindert, sodass sie zu Beginn der Geschichte gegen Gummiwände laufen. Dennoch poppen nach und nach immer wieder, durch die neuen Umstände verursacht und durch manche Mittäter und Mitläufer, die ihr Gewissen erleichtern wollen, beziehungsweise durch Opfer, bei denen Traumata auftauchen, die sich nicht mehr unterdrücken lassen, ein paar der Geheimnisse an die Oberfläche.

Fast jede einzelne der unzähligen Figuren ist extrem gut konzipiert und mit spitzer Feder gezeichnet, auch wenn die ProtagonistInnen uns ihre Abgründe, ihre Verbrechen und manchmal sogar ihren Namen und ihre Herkunft verheimlichen. Menasse seziert manchmal mit sehr viel Bösartigkeit – da kommt bei mir immer Freude auf – unzählige Prototypen einer kleinstädtischen Gesellschaft, auch wenn sich diese nachträglich mehrheitlich vielschichtiger erweisen, als erwartet. Das verhindert auch eine Klischee- und Schablonenhaftigkeit des Romans und seiner handelnden Personen.

"Die Dunkelblumer alterten regulär vor sich hin, aber weil sie reichlich tranken, bemerkte man ihr Altern lange kaum, die Äuglein blitzend, die Wangen rosarot, bis Freund Flüssigmut und -trost schließlich schnell und erbarmungslos zuschlug. Er war ein Profikiller: Der, den er sich aussuchte, begann morgens beim Aufstehen bloß ein bisschen zu husten, beim Frühstück spuckte er die erste von den vielen, immer schneller aufeinanderfolgenden Portionen Blut und nach höchstens einer Viertelstunde und einer beeindruckenden Sauerei, die den Hinterbliebenen zwar hinterblieb, aber so gut wie nie zur Mahnung gereichte, war die Angelegenheit auch schon vorüber."

Was für eine Wortfabulierkunst! „…die den Hinterbliebenen zwar hinterblieb, aber so gut wie nie zur Mahnung gereichte“, mit dem Saufen aufzuhören. Das ist sprachlich großartig.

Bei all dem nicht einfachen Aufwand, die gesamte Geschichte von Dunkelblum und alle Figuren zu entschlüsseln, war ich dennoch jede einzelne Seite gespannt wie ein Flitzebogen, was noch alles unter dem Teppich versteckt wurde, nach und nach offenbart wird und wie die Geschichte weitergeht. Die Autorin und ihr Mikrokosmos Dunkelblum haben mich gepackt und mitgerissen, ich konnte einfach nicht zu lesen aufhören, obwohl ich manchmal verdutzt und irritiert nur Bahnhof verstand. In der Hoffnung, auf den letzten Seiten dann das ganze Puzzle zusammensetzen zu können, habe ich wissbegierig weitergemacht. Sehr oft habe ich in vielen anderen Büchern schon so ein Verwirrspiel mit den Figuren angeprangert, weil ich den Bezug zu den Protagonisten verloren hatte, und mir das Gewimmel einfach irgendwann zu mühsam wurde. Hier ist mir das ausnahmsweise nicht passiert, wahrscheinlich auch, weil eben das Setting, die Aussage des Romans und die Vertuschung genauso wie das Programm von Dunkelblum sind. Diese unsägliche Kleinstadt-DNA wird zum Leitfaden für den Plot. Ich kann aber jeden verstehen, der so etwas zu anstrengend findet, denn es ist anstrengend, das muss ich zugeben

Leider folgt Eva Menasse im für mich überhaupt nicht befriedigenden Finale des Romans dem eigenen Zitat:

"Die ganze Wahrheit wird wie der Name schon sagt, von allen Beteiligten gemeinsam gewusst. Deshalb kriegt man sie nachher nie mehr richtig zusammen. Denn von jenen, die ein Stück von ihr besessen haben, sind dann immer gleich ein paar schon tot. Oder sie lügen, oder sie haben ein schlechtes Gedächtnis."

Sie löst daher einfach sehr, sehr wenig auf. Enorm viele Fragen blieben für mich unbeantwortet, oder ich habe die Hinweise bei dem Figurengewusel im Dornengestrüpp der Vertuschung und der Lügen der ProtagonistInnen einfach nicht mitbekommen. Da wären zum Beispiel einige: Ist die Leiche wirklich ein Soldat oder ist es eine Frau und wenn ja, welche? Wer hat den Stahlhelm gestohlen, um ihn bei der Leiche zu deponieren, damit es so aussieht, als sei die Leiche ein Soldat, oder hat sich Loewetz mit seiner Beobachtung getäuscht? Wer war wirklich für die Schüsse an der Grenze verantwortlich und wie wurde diese Intrige konzipiert? … Fragen über Fragen.

Ich bin ja eher von der Fraktion: „Nichts ist so fein gesponnen, dass es nicht kommt an die Sonnen“. Also in meinem kindlichen Sinn für Gerechtigkeit habe ich auch in der Realität die Hoffnung, dass irgendwann einfach alles ans Licht kommt, auch wenn es Jahrzehnte oder Jahrhunderte lang dauern mag. Insofern hat für mich die Autorin als letzte Instanz die Wahrheit ihrer Geschichte einfach nicht abgeliefert, obwohl ich natürlich ihre Intention auch verstehen kann, alles offen zu lassen. In der Fiktion, insbesondere bei Kriminalfällen, will ich aber einfach Ordnung haben, da kommt bei mir der Monk heraus, wenn nicht alles aufgeklärt wird. Offene unbestimmte Enden habe ich schon immer gehasst. Ich fühlte mich ein bisschen geleimt, weil ich fiebernd drangeblieben bin und mir dennoch meine Fragen nicht beantwortet wurden.

Fazit: Ein in vielerlei Hinsicht sehr anstrengender Roman ohne erfolgreiches Finale, fast so wie ein Langstreckenorientierungslauf ohne Karte. Ein geniales Stimmungsbild, ein sehr spannendes Verwirrspiel nur teilweise mit Auflösung. Und trotzdem, bis auf das Ende mochte ich ihn sehr und habe die Reise in die Vergangenheit genossen.
Profile Image for Markus.
270 reviews93 followers
January 12, 2022
Die Aussicht aus unserem Küchenfenster wird in etwa 30km Luftlinie durch eine sanfte Hügelkette begrenzt. Bei klarem Wetter sieht man deutlich den Turm auf dem Geschriebenstein, der genau an der österreichisch-ungarischen Grenze liegt. Am Fuß des Geschriebensteins liegt die Marktgemeinde Rechnitz.

Geschriebenstein
[Aussichtswarte auf dem Geschriebenstein, Rechnitz]

Kurz vor Kriegsende wurden Zehntausende “Leihjuden” aus Ungarn für den Bau des Südostwalls an diese Grenze transportiert, einem letzten, sinnlosen Versuch der Reichsführung, den Vormarsch der Roten Armee aufzuhalten. Viele dieser Unglücklichen waren bereits so geschwächt oder krank, sodass sie für die Schanzarbeit nicht mehr zu gebrauchen waren. Sie wurden kurzerhand erschossen und in Massengräbern verscharrt, so in Eisenstadt, Donnerskirchen, St. Margarethen, Deutsch Schützen, Jennersdorf, Krottendorf ... und eben auch in Rechnitz.

Das Massaker in Rechnitz fand anlässlich eines Festes statt, das die Gräfin Batthyány in ihrem Schloss zur Belustigung der lokalen Naziprominenz gab. Warum von den Überresten der etwa 180 Opfer trotz jahrelanger Suche bis heute nur ein Bruchteil gefunden werden konnte, wird wohl im Dunkeln bleiben. Das Bundesdenkmalamt hat die jahrelangen Grabungen - sehr zur Erleichterung der Bevölkerung - Anfang dieses Jahres (2021) eingestellt. Der Verbleib so vieler Leichen ist rätselhaft - wurden die Gräber noch von den Russen gefunden und dokumentiert. Auch die genaue Rolle der Gräfin und die Namen der Hauptverantwortlichen konnten nie ermittelt werden. Margareta von Batthyány, geborene Thyssen-Bornemisza setzte sich in die Schweiz ab, zwei Kronzeugen wurden 1946 vor den Gerichtsverfahren ermordet, der Lageplan der Russen zu den Fundstellen verschwand aus dem Bezirksgericht Oberwart. Der britische Journalist David R.L. Litchfield schreibt in The Thyssen Art Macabre, dass auch die Familie Thyssen in die Vertuschungen maßgeblich involviert ist. Bemerkenswert sind auch die Gnadengesuche der beiden Verurteilten Muralter und Groll, die von ÖVP und SPÖ in Begleitschreiben unterstützt wurden, hier im Detail nachzulesen. Soweit und kurz die historischen Fakten, auf denen der Roman beruht.

Kreuzstadel
[Die Reste des Kreuzstadels, in dem das Massaker stattfand, heute Mahnmahl]

Der Urtopos österreichischer Nachkriegsliteratur, die Provinz mit den - hier ganz wörtlichen - Leichen im Keller, das dazugehörige Schweigen, Vertuschen und Verdrängen in einer Atmosphäre aus Kleingeist und Verschlagenheit, das Lauern hinter den Vorhängen in Missgunst und Bosheit, womöglich taucht noch ein Fremder oder Heimkehrer auf und stellt peinliche Fragen. All das wurde schon in unzähligen literarischen Varianten abgehandelt und hat ein eigenes Genre, den Anti-Heimatroman, gebildet, dessen unerreichtes Vorbild Hans Leberts Roman Die Wolfshaut ist - “the eternal peak of austrian post war literature” - wie es ein GR-Rezensent treffend nennt. Speziell die Causa Rechnitz wurde jahrelang in sämtlichen Medien breitgetreten und auch mehrfach künstlerisch bearbeitet, u.a. in dem sehr sehenswerten Film von Eduard Erne und Margaretha Heinrich "Totschweigen" und ganz prominent in dem Teaterstück "Rechnitz (Der Würgeengel)" von Elfriede Jelinek. So war ich äußerst skeptisch, ob man zu dem heiklen Thema noch etwas Neues beitragen kann.

Zwar will der Roman nicht historisch sein, wie die Autorin sagt, die Hintergründe dazu sind jedoch gründlich recherchiert und überraschend viele Details authentisch. Rechnitz wird zum fiktiven Ort Dunkelblum (die Straßennamen dagegen sind gar nicht so fiktiv), der Geschriebenstein ist der Hazug (ungarisch Lügner) und Steinamanger, das ungarische Szombathely, heißt Stoßimhimmel. Die Konstruktion des Romans ist gefinkelt. Fakten werden durch leichte Abwandlung zur Fiktion und fiktionale Handlungsstränge spiegeln sich in historischen Begebenheiten. Nur der Kern, die Ereignisse um 1944, sind absolut historisch. Andere Elemente wie Zitate oder Stellen aus oben erwähntem Film werden montageartig in den Text integriert. Der Roman wirkt in seiner Machart raffiniert und auch sehr zeitgemäß.

Die Pestsäule von Deutschkreutz und die Batthyánysche Familiengruft in Güssing wurden von Eva Menasse nach Dunkelblum übersiedelt. Andere Lokalitäten und/oder Personen sind wieder eindeutig wie in einem Schlüsselroman. Nur zwei davon seien exemplarisch erwähnt: Der Jude Leo Blau, der 1945 nach Rechnitz zurückkehrte und den Laden seines von den Nazis ermordeten Onkels Victor Engel wieder aufsperrte, ist wohl das Vorbild für den Greisler Antal Grün aus Dunkelblum und Dr. Alois Ferbenz aus dem Buch ist eindeutig das Abbild des ehemaligen Gauleiterstellvertreter Dr. Tobias Portschy.

“Das waren hinsiechende, unheilbar typhuskranke Juden. Wir konnten sie nicht ernähren.” rechtfertigte Tobias Portschy 1988 in einem Interview mit der Zeitschrift Wiener (Nr 97/Juni 88) das Massaker. Portschy wurde seine Haftstrafe schon 1957 erlassen. Er verbrachte seinen Lebensabend als angesehener Bürger in Rechnitz, war im Aufsichtsrat der lokalen Sparkasse, Obmann des Fremdenverkehrsverbands und des Kameradschaftsbundes und bekannte sich bis zu seinem Tod 1996 ganz offen zu seiner menschenverachtenden Überzeugung. Er ist nicht der einzige der lokalen Honoratioren, die an einer Aufklärung der Geschehnisse kein Interesse hatten.

Rechnitz-Synagoge
[Vorne links der Greislerladen, das Blau-Haus, Mitte links die Synagoge, (c) Gemeindearchiv Rechnitz]

Mir ist das Buch natürlich besonders nahegegangen, weil ich als Hiesiger die vielen Elemente, die Eva Menasse neu zusammensetzt, aus direkter Anschauung kenne: die Reste des Kreuzstadels und des abgebrannten Batthyány Schlosses genauso wie die ungarischen und kroatischen Familiennamen wie Koreny und Stipsits, auch das Schweigen, das Wegschauen und ganz besonders, das Starren - wie man als Fremdkörper ungeniert angestarrt wird. Ein greiser Nachbar erzählt mir immer wieder und unaufgefordert von den Gräueltaten der Russen (sogar in den Keller unseres heutigen Hauses "habn’s die Weiber verzaht"), aber kein Wort über die Nazis, ein Umstand, der mir im Buch treffend bestätigt wird. Die Angst sitzt der älteren Generation heute noch im Nacken und beim Aussprechen des Wortes Herrschaft ziehen sie reflexhaft den Kopf ein (mehr dazu bei Illjes Gulya, Die Puszta).

Schloss-Rechnitz
[das ehemalige Schloss der Grafen Batthyány, (c) Gemeindearchiv Rechnitz]

Die Rahmenhandlung des Romans spielt im Jahr 1989. In dieser Zeit begann man in Österreich doch noch, sich ausführlicher mit der Zeit vor 45 zu beschäftigen und die bislang liebevoll gepflegte Opferrolle in Frage zu stellen. Auch der damalige Bundespräsident Kurt Waldheim konnte seine Vergangenheit nicht mehr leugnen, betonte aber, er hätte ja nur seine Pflicht getan. Auch ihm widmet Eva Menasse immer wieder treffende Bemerkungen.

Wir wohnten damals noch nicht in den Bergen (wie man 300m hohe Hügel hier nennt) mit Sicht auf den Geschriebenstein, sondern an der Bundesstraße kurz vor der Grenze. Wir staunten damals nicht schlecht über die Kolonnen von hochbeladenen Trabis, die nach der Öffnung plötzlich Richtung Westen an unserem Haus vorbeirollten, genauso wie umgekehrt die Ungarn mit ihren Moskwitschs Tonnen von Waschmaschinen, Fernseher und Stereoanlagen aus Graz und Fürstenfeld Richtung Osten karrten. Der Exodus aus der DDR über Ungarn in die vermeintliche Freiheit spielt auch eine tragende Rolle im Buch.

Der Hauptfaden der Story spinnt sich jedoch um die Ereignisse, als plötzlich Historiker und anderes Stadtvolk die ländliche Ruhe aufstörten, in der Vergangenheit stocherten, in Gemeindearchiven stöberten, Äcker und Wiesen umgruben und bald die ersten Knochen fanden. Es ist keine Überraschung, dass die Nachforschungen in der Bevölkerung nicht auf Begeisterung stießen, waren doch zu viele noch lebende Persönlichkeiten involviert. Trotzdem war gerade diese Zeit des Um- und Aufbruchs der Beginn einer neuen Sichtweise auf die österreichische Geschichte, wahrscheinlich der Grund, warum die Autorin den Fokus ihrer Erzählung in diesem Jahr ansiedelt.

Die Darstellung dieser Stimmung, der Verhältnisse und der dazugehörigen sozialen Mechanismen gelingt Eva Menasse hervorragend. Es sind die bewegenden Figuren und ihre Einzelschicksale, die in Summe das zeittypische Bild ergeben und das ganze Spektrum an unterschiedlichen Gefühlen, Interessen und Konflikten vorführen. So wächst der Roman über das historische Beispiel Rechnitz hinaus und bekommt eine übergeordnete Bedeutung. Der Text mäandert zwischen Anekdoten und Episoden dahin, die Haupthandlung scheint fast ein Nebenprodukt der vielen persönlichen Geschichten zu sein, was mir sehr gefällt. Trotzdem bildet das grauenhafte Verbrechen den Kern der Handlung, die bekannten Bruchstücke werden über Rückblenden und Erinnerungen rekonstruiert. Während die vielen kleinen Geheimnisse alle gelöst werden, bleibt die zentralen Fragen offen, was nur konsequent ist, ja eigentlich alternativlos. Schließlich ist auch der Fall Rechnitz bis heute offen und jede Auflösung wäre ein Krampf, wenn nicht sogar ein geschmackloser.

grabungen-rechnitz-c-refugius [erfolglose Suche nach den Opfern des Massakers in Rechnitz]

Sprachlich war ich sehr angetan und habe das Buch mit großem Vergnügen und flott gelesen. Dass Herr Mangold in der Zeit von einer Kunstsprache spricht, halte ich für Unsinn. So reden wir hier, ganz ungekünstelt und frei von der Leber weg. Eva Menasse mischt ihrer frischen und lebendigen Stimme noch eine gute Portion österreichische Umgangssprache bei. Sie erzählt sehr persönlich und pointiert mit eben diesem typischen, mit reichlich Austriazismen angereicherten Schmäh. Mir ist dieses Idiom allerdings von Natur aus vertraut, sodass ich es kaum bemerke.

Der Einfluss der Murmeljagd, dem erklärten Lieblingsbuch der Autorin, ist erkennbar, allerdings ganz dezent und ohne die grellen Töne Ulrich Bechers. Auch den Vergleich mit Hans Lebert muss sich Eva Menasse gefallen lassen und vielleicht sind ihr die Schuhe noch um‘s Aizerl zu groß. Das sei keinesfalls als Kritik zu verstehen, sondern als Kompliment, man sollte ja im Zweifelsfall eine Nummer größer nehmen.

Alles in allem also eine aufregende und bedeutsame Geschichte, gut recherchiert, virtuos und sehr eigenständig neu erzählt. Ein rundum gelungenes Buch, das mich durch die persönliche Nähe zum Geschehen ganz besonders beeindruckt hat. Und falls ich der Meinung war, das Thema wäre literarisch erledigt, muss ich das wohl revidieren.

Lesenswert dazu: 87. Anklageschrift der Staatanwaltschaft Wien
Profile Image for nettebuecherkiste.
676 reviews175 followers
February 10, 2022
Ein Mantel des Schweigens liegt über dem burgenländischen Städtchen Dunkelblum. Kurz vor Ende des 2. Weltkrieges wurden in dem Ort, der in Wirklichkeit Rechnitz heißt, Dutzende ungarische Juden erschossen, die als Zwangsarbeiter eingesetzt worden waren. Und zwar in einer Nacht, als im örtlichen Schloss eine letzte Party gefeiert wurde, deren entsetzlicher Höhepunkt der Mord an den Juden war. 1989 sind noch etliche Dunkelblumer am Leben, die etwas über die Mordnacht wissen, aber nicht darüber sprechen. Eva Menasse erzählt in ihrem Roman von Versuchen, die Dunkelblumer zum Reden zu bewegen. Von Opfern, Mitläufern und Altnazis, die relativ unbehelligt ihr Leben weiterlebten. Das macht sie mit viel österreichischem Humor und Sprachwitz, der die Lektüre zum Vergnügen macht. Es werden zahlreiche Charaktere eingeführt und Hinweise und Fäden zusammengeführt, doch am Ende ist längst nicht alles geklärt. Hat mir sehr gefallen.
Profile Image for Cynnamon.
784 reviews129 followers
January 21, 2022
Erschreckend, beklemmend, aber auch immer wieder amüsant

Zu diesem Buch gibt es schon so viele ganz ausgezeichnete Rezensionen, dass ich gar nicht den Versuch machen will eine weitere zu verfassen, sondern mich mit einer ganz kurzen Lesermeinung begnüge.

Menasse beschreibt die Atmosphäre im Dorf Dunkelblum erschreckend gut. Auch in den 90ern haben die, die in der Nazizeit die Macht hatten, immer noch die Macht, wenn auch nicht gar so offensichtlich (auch wenn ein paar der übelsten Kerle verschwunden sind). Die gesamte Dorfbevölkerung bemüht sich jedoch mit allen Mitteln, die wirklich schlimmen Ereignisse der Vergangenheit unter dem Teppich zu halten, sei es weil viele etwas zu verlieren haben, sei es weil man Angst vor den damals Beteiligten bzw. deren Familien hat.

Die Autorin beschreibt die engstirnige, rückwärtsgewandte und nationalistisch eingefärbte Mentalität der meisten Einheimischen mit einer solchen Präzision und Feinfühligkeit, dass ich des Öfteren nach Luft schnappen musste. Andererseits hat das Buch auch viele amüsante Passagen, die den Leser dann auch wieder durchatmen lassen.

Ein bisschen beeinträchtigt war ich anfangs durch die vielen handelnden Personen. Auch das sehr umfangreiche Personenregister am Ende des Buches war keine echte Hilfe, weil es einfach zu viele waren.

Insgesamt hat mir das Buch sehr gefallen. Die wunderbar ausgefallene Sprache mit den so treffenden Wortspielereien machten die Lektüre zu einem wahren Vergnügen.
Ich möchte daher mit 4,5 Sternen, aufgerundet auf 5 bewerten.
Profile Image for Jin.
833 reviews145 followers
August 20, 2021
Zugegeben, ich hatte bei dem Cover und der Kurzbeschreibung ein anderes Buch erwartet, aber es war trotzdem ein ganz besonderes und unterhaltsames Leseerlebnis. Was ich bei diesem Buch besonders finde, ist auf jeden Fall der Erzählstil von Eva Menasse. Sie hat mit ihrer Sprache Leben und Farbe in die Bewohner vom kleinen verstaubten Dorf Dunkelblum und deren Geschichte gebracht.
In diesem Dorf an der Grenze scheinen Dinge parallel abzulaufen, aber ohne dass Dinge wirklich verarbeitet werden. Es ist ein Ort, wo die Vergangenheit immer noch in der Gegenwart schlummert und die Zukunft noch keinen Platz in der Gegenwart gefunden hat. Von der Grafschaft über die Nazivergangenheit bis hin zur aktuellen Vergangenheitsbewältigung kommt hier alles vor, ohne dass dabei die Dorfbewohner verschont werden. Jeder Charakter hat seine eigene Last zu tragen und jeder bekommt Platz um seine eigene Geschichte zu erzählen, sei es der Bürgermeister wider Willen, die Frauen, die unglaublich stark waren, der Doktor und sein Handlanger, und und und. Das Buch kam mir nicht lang vor und es war unglaublich unterhaltsam durch jeden Kapitel zu gehen, wo man auch unerwartete Seitenhiebe kassiert. Das Dorf und diese Geschichte sind keinesfalls so harmlos wie man es am Anfang vermutet hätte.

Insgesamt hat mir das Buch gefallen und ich hatte sehr viel Spaß beim Lesen. Zwischen den Charakteren und Szenen gab es auch überraschend tiefgründige Passagen sowie spannende Auseinandersetzungen, die mich immer auf Trab gehalten haben. Auch wenn die Grundstimmung sehr düster ist, sieht man hier und da Hoffnungsschimmer, sodass es nicht zu depressiv wird. Das Buch landet irgendwo zwischen 4 und 5 Sternen.

** Dieses Buch wurde mir über NetGalley als E-Book zur Verfügung gestellt **
Profile Image for Steffi.
1,117 reviews270 followers
January 21, 2022
Das Thema ist alles anderes als leicht: In einem kleinen Ort an der österreichisch-ungarischen Grenze, in dem 1945 eine große Anzahl jüdischer Zwangsarbeiter ermordet und in einem Massengrab verscharrt wurde, muss sich Anfang der 1990er Jahre der Vergangenheit stellen. Was die Lektüre noch düsterer macht: Es handelt sich zwar um Fiktionalisierung, aber es gibt ein konkretes historisches „Vorbild“: Rechnitz.


Mehr als 500 Seiten schlägt man sich also beim Lesen mit all den Lebenslügen herum, die sich Täter, Mitläufer, Beobachter und Opfer zurechtgelegt haben. Nicht nur lernt man etwas über ein historisches Ereignis und die Psychologie des Verdrängens, sondern überhaupt über die Geschichte und Mentalität in einer Region, die immer schon von verschiedenen Kulturen und Sprachen geprägt war.

Der Roman liest sich trotz des deprimierenden Themas sehr gut, ja fast sogar leicht, weil der wunderbare, österreichisch-schwarzhumorige Stil Menasses einerseits oft der Demaskierung der Protagonisten dient, gleichzeitig aber auch das Lesen erträglich, gar angenehm macht, ohne jemals das Grauen zu relativieren.


Leseempfehlung!
Profile Image for Lese lust.
563 reviews36 followers
October 12, 2021
Puh. Ich tue mich sehr schwer in der Beurteilung dieses Buches... es gibt so tolle Passagen, die eigentliche Geschichte ist wichtig, hochinteressant... aber als Roman zerfranst das total in 1000 Nebenfiguren- und Geschichten, die irgendwann nur noch ermüden...
Profile Image for Andrea.
913 reviews44 followers
April 20, 2023
" Wenn die Träume groß sind, werden es auch die Enttäuschungen."

Ein Tourist kommt in die Stadt und stellt Fragen, eine Leiche wird gefunden, ein jüdischer Friedhof wird restauriert, eine junge Frau verschwindet. Und die Dunkelblumer schützen ihre Geheimnisse, um jeden Preis.

Ich liebe den Schreibstil von Eva Menasse. Sie kann mit ihren Worte Bilder malen, Gefühle lebendig werden lassen. Ihre Metaphern sind sehr oft großartig, ihre Vergleich treffend und oft wunderbar bissig. Mit viel östereichischem Lokalkolorit (für den es glücklicherweise ein Wörterbuch gibt) und einem tiefsinnigen scharfzüngigem Humor erzählt uns die Autorin von Dunkelblum, einem vermeintlich harmlosen kleinen Städtchen kurz an der Grenze zu Ungarn. Das Buch ist überladen von vielen verschiedenen Personen und ihren Geschichten ... und vor Allem ihren Geheimnissen. Zum Glück gibt es in den neuen Auflagen ein Personenregister, das ich regelmäßig zu Rate ziehen konnte ohne mich zu spoilern. Wir wechseln zwischen verschiedenen Erzählperspektiven und verschiedenen Zeitebenen, all dies erfordert eine hohe Konzentration beim Lesen. Und ein Mitdenken, was mich besonders begeistert hat. Ich hatte das Glück, das Buch mit zwei Mitleser*innen zu lesen und durch den regelmäßigen Austausch konnten wir gemeinsam miträtseln und Verbindungen ziehen, Menschen und Ereignisse verknüpfen und Vermutungen anstellen. Die Ereignisse im fiktiven Dunkelblum sind u.a. an ein reales östereichisches Dorf angelehnt und man merkt dem Buch in seiner Detailverliebtheit die große historische Recherche an. Bis zurück in die dunklen Zeiten des 2.Weltkrieges reichen die Wurzeln dieser Geschichte. Und Eva Menasse präsentiert uns mit der anstehenden Wende in der DDR im Sommer 1989 noch ein weiteres historisches Ereignis.
Die Personen sind vielschichtig, und auch wenn man eindeutige Verbrecher und einige "Scheinheilige" ausmachen kann, so sind doch viele Charaktere nicht eindeutig "gut" und "böse" was mir ziemlich gut gefällt. Und bei der Vielzahl der Personen gibt es nicht den einen Hauptcharakter, im Mittelpunkt steht die Kleinstadt Dunkelblum als Ganzes.
Viele Fragen werden aufgeworfen, viele lose Ende warten darauf, verknüpft zu werden und sobald man einen Hinweis entdeckt stellen sich direkt wieder neue Fragen. Und nicht alle Fragen werden am Ende beantwortet, so viel sei verraten. Denn im Roman geht es eher um die Geheimnisse, um das Schweigen, um ungesühnte Verbrechen, um Schuld und um Rache.
Die Autorin lässt die Charaktere selber erzählen, wie man in Dunkelblum mit Geheimnissen umgeht: "Dass dieses Gespräch niemals stattgefunden hatte, war klar, keine musste das aussprechen. Das war hier alte Tradition, damit waren sie bisher immer gut gefahren."
Ein paar Szenen sind nichts für zarte Gemüter wobei die Autorin niemals übertreibt in irgendwelchen Gewaltdarstellungen. Durch die vielen Rätsel gab es für mich im Roman eine dauerhaft anhaltende Spannung, die mich durch die Seiten gezogen hat. Das Ende kommt mit einem Knall und nach einem ersten Schrecken und dann großer Begeisterung, hätte ich das Buch am Liebsten direkt wieder von vorne begonnen. Wenn denn nicht noch so viele andere Bücher darauf warten würden, gelesen zu werden.
Man muss sich auf diesen Roman einlassen, man muss sich hineinfallen lassen in eine Geschichte, die Fragen aufwirft, in einen großen Mischtopf aus Menschen und Meinungen, aus Geheimnissen und Lügen. Nicht ganz einfach, man sollte aufmerksam lesen um nichts zu verpassen, um den Überblick zu behalten. Und man wird belohnt mit einer ganz besonderen Geschichte, die mich sicherlich noch lange beschäftigen wird.
Profile Image for Gavin Armour.
609 reviews126 followers
October 7, 2021
Das Dorf, ergo die Provinz, hat seit einiger Zeit Hochkonjunktur in der deutschsprachigen Literatur. Entweder es gilt als Fixpunkt der Kindheit, wird also sentimental aufgeladen, manchmal verklärt, manchmal als Hölle dargestellt, oder es dient als Projektionsfläche moderner Gesellschaftsprobleme – wenn müde Städter auf Alteingesessene treffen, Progression auf Konservatismus, enges Denken auf vermeintlich weites – , gelegentlich ist es auch der Hort historischen Schreckens. Immer aber muß es ein Geheimnis geben.

Eva Menasse nutzt ebenfalls das Dorf DUNKELBLUM (2021) als Projektionsfläche und Ort des Geheimnisses, einmal mehr ist das Geheimnis historisch bedingt, letztlich ist es auch kein wirkliches Geheimnis, sondern etwas Totgeschwiegenes, und dieses kleine vergessene Kaff an der österreichisch-ungarischen Grenze wird zu einem Symbol all des Verdrängten, das irgendwann doch ans Tageslicht, an die Oberfläche drängt. Zudem beruht Menasses Geschichte auf einer sehr genauen Recherche eines historisch verbürgten Ereignisses, eines der schrecklichsten der letzten Kriegstage in Österreich – dem Massaker von Rechnitz.

Als einige Studenten aus Wien, in Dunkelblum nur „die Hauptstadt“ genannt, beginnen, den jüdischen Friedhof freizulegen, der Jahrzehnte im wahrsten Sinne des Wortes in einem Dornröschenschlaf lag, von Ranken überzogen die Grabsteine und Mausoleen, kaum zugänglich der Eingang, werden einige der älteren Bewohner des Ortes aufmerksam – und unruhig. Daß einige Dunkelblumer neuerdings an der Aufarbeitung der Historie des Dorfes interessiert sind und eine „Stadtchronik“ erstellen wollen, stört die Alteingesessenen sowieso. Einer der Winzer des Ortes beginnt, auf einem Acker, nah der Grenze gelegen, die Erde umzugraben, keiner weiß genau warum. Im Dorf herrscht Uneinigkeit über die zukünftige Wasserversorgung: Soll man sich den Wasservertrieben anschließen und zukünftig mehr zahlen oder soll Dunkelblum weiterhin auf seine eigene Versorgung setzen, wozu man die Wasseradern unter dem Dorf genauestens bestimmen muß? Gleich, ob der Nachbar also aus diesem Grunde die Wiese umpflügt oder aus einem ganz anderen – auch sein Wirken stört vor allem ältere Bewohner Dunkelblums auf. Erst recht, als da ein Skelett freigelegt wird. Und als dann auch noch am gleichen Tag ein fremder älterer Herr und ein verlorener Sohn des Orts auftauchen, werden die Dinge erst recht kompliziert. Und es ist das Jahr 1989, ein schöner Sommer, der jenen, die sehen können und wollen, einige Zeichen dessen gibt, was da im Herbst aus dem Osten kommen wird…

Menasse unterteilt diesen über 500 Seiten langen Text in drei große Abschnitte. Im ersten wird dem Leser zunächst das Personal näher- und der Leser wird nahezu um den Verstand gebracht, bis es ihm halbwegs gelingt, diesen Haufen an Personal halbwegs zu ordnen und in Bezug zueinander zu setzen. Das mag den Effekt erzielen wollen, den Leser wie einen Fremden in einem kleinen Ort ankommen zu lassen, wo er die Beziehungen, die Verhältnisse und erst recht nicht die Menschen kennt, nicht weiß, wer mit wem was zu tun hat und wer welchen Spitznamen trägt. So gesehen eine gute Idee, denn die Wirrnis ist groß. Unter Aspekten der Lesefreundlichkeit allerdings eine mittlere Katastrophe, die sich in der folgenden Rezeption des Romans eher hinderlich auswirkt.

Im zweiten Teil erfährt der Leser langsam mehr über die Hintergründe all des Raunens des ersten Teils, Menasse führt ihn tief in die Geschichte des Dorfes zurück, teils bis in die Ausläufer des 19. Jahrhunderts, und spürt tiefliegenden, sozusagen subkutanen Erinnerungen an dunkle Zeiten vorm, während und nach dem Krieg nach. Wie sehr das Dorf beherrscht wurde von einer Adelsfamilie und deren Schloß, welches in den letzten Kriegstagen in Grund und Boden gemörsert wurde, wie abhängig die Menschen in dieser Region – das namentlich nie genannte, aber durchaus gemeinte Burgenland, nicht die schönste Gegend des Landes, wie mehrfach im Text herausgestellt wird – waren, wie eindeutig die sozialen Gefälle und wie hinterwäldlerisch teils der Umgang miteinander. Eine Gegend, die gern mitmachte, als Hitler einmarschierte und Österreich „wieder“ anschloß an das Deutsche Reich. Und wo vielleicht noch etwas schneller als anderswo die Opportunisten, die besonders Brutalen und Verschlagenen, die Skrupellosen und Gnadenlosen ihr Spiel spielen konnten unter dem Deckmantel der neuen Ordnung und ihrer Organe.

Der dritte und abschließende Teil des Buchs führt zurück in die Gegenwart (eine Bewegung – ein kleiner formaler Bruch – die das letzte Drittel des zweiten Teils bereits vollführt) und berichtet von den Auswirkungen des plötzlichen Interesses an den Toten, die man hier so gern vergessen und verdrängen will. Was die vergangenen vierzig Jahre ja schon ganz gut gelungen war. Es ist letztlich dieser dritte Teil, der den Leser verstört zurücklässt. Denn hier kulminiert vergangene Schuld mit solcher, die nicht vergehen will und nicht vergehen wird, hier spürt man die Eiseskälte, die es braucht, um Geschehnisse – Verbrechen, um genauer zu sein – von denen alle wissen, zu tabuisieren und in Geheimnisse zu verwandeln. Und der Leser spürt (und lernt), wie sich die Verkrustungen, die dabei in der Gemeinschaft und den meisten Menschen vor Ort entstehen, festsetzen, immer mehr verhärten, manchmal von Generation zu Generation weitergegeben werden und vielleicht nicht weiteres Unrecht generieren (worüber zu streiten wäre), aber das Schweigen verfestigen, vertiefen und das Erinnern – vielleicht auch das heilsame Erinnern, das für Schuld, Scham und Reue und letztlich auch zur Gesundung der Täter so bitter notwendig ist – nahezu unmöglich machen.

Die Geschichte hinter jener des Romans gehört zu den dunkelsten der österreichischen Geschichte des 2. Weltkriegs. Als längst bekannt war, daß der Krieg verloren wird, als den Menschen längst bewusst war, daß es zuende geht und sie wahrscheinlich demnächst unter fremder Besatzung leben werden, begann die Wehrmacht auf Hitlers Befehl, den Südostwall zu bauen – ein Projekt, welches die Rote Armee aufhalten sollte und dem Westwall nachempfunden war, den man entlang der westlichen Grenzen des Reichs schon Jahre zuvor zumindest in Teilen erbaut hatte. Wie meist wurden für den Bau Zwangsarbeiter – KZ-Häftlinge ebenso wie sowjetische Kriegsgefangene – herangezogen, die die Arbeit verrichten sollten. Rechnitz lag unmittelbar an der Grenze und wurde damit zu einer Art Frontstadt. Von den hier zusammengezogenen Kräften befanden sich Ende März 200 in Rechnitz selbst, da sie krankheitsbedingt nicht mehr an den Bauarbeiten teilnehmen konnten. Während eines Festes auf dem Schloß der Familie von Batthyány in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 wurden ca. 180 dieser Menschen von Gästen erschossen, die letzten 18 Überlebenden mussten die Leichen verscharren und wurden später ihrerseits hingerichtet.

Festbelustigung? Töten als Sport? Kollektiver Blutrausch? Ist es wirklich von Belang, was die Mörder zu ihrer Tat getrieben haben mag? Die achtzehn letzten Opfer wurden schließlich entdeckt und auf dem jüdischen Friedhof bestattet, die von ihnen begrabenen 180 restlichen Opfer konnten bis heute nicht gefunden werden.

Das also ist der Ausgangspunkt für Menasses Geschichte. Und in ihrer – natürlich fiktionalisierten – Erzählung spürt sie den oben beschriebenen Deformationen nach, die das Wissen – oder auch die Mittäterschaft – im Einzelnen und in der Gemeinschaft anrichten. Verheerend. Die innere Kälte, die Sprachlosigkeit, die Sprachtabus, die Angst vor denen, die das Sagen im Dorf haben, teils seit Jahrzehnten, und die Angst davor, daß alles, vielleicht nur durch Zufall, doch noch ans Licht kommt und es dann unbequem werden kann. Denn auch das spielt hier eine Rolle: Selbstgerechtigkeit und Selbstverleugnung, Opportunismus und Kaltschnäuzigkeit. Viele in Dunkelblum haben seinerzeit profitiert. Und viele hatten auch schon zuvor am System partizipiert. Hatten es zu nutzen gewusst, daß Juden den Ort, den Kreis, die Region, verlassen mussten, während andere, vormalige Außenseiter, plötzlich die Berechtigung hatten, ihren dunkelsten Trieben – dunklen Blumen – nachzugeben. Machtgeile, Sadisten und Opportunisten – ein gefährliches Gebräu. Und doch auch allzu menschlich.

Das ist das Erschreckende an Menasses Roman. Durch die Fiktionalisierung und den Verzicht auf jedwede Kolportage, nicht verifizierte und nicht verifizierbare Darstellung und eine Sprache, die Distanz übt auf vielerlei Art, wird diese Geschichte zur Parabel. Auch dies kein unübliches Verfahren, um sich dem Schrecken des Unfassbaren und doch Geschehenen, den Schrecken der Shoah und des 2. Weltkriegs, anzunähern. Hermann Broch bedient sich in seinem Roman DIE VERZAUBERUNG/BERGROMAN (1967) der Metapher des Dorfes als Spiegel der Gesellschaft en miniature, Max Frisch gleich eines ganzen Kleinstaates in dem Drama ANDORRA (1961), um der Verführbarkeit und dem Wahn, dem ihrer Meinung nach erliegen muß, wer den großen Verführern folgt, nachzuspüren. Menasse, deren Roman man da durchaus in eine Reihe stellen darf, gibt jedoch andere Antworten, als einst die alten Meister – die näher an und enger mit dem, was sie beschrieben, verflochten und selbst davon betroffen waren.

Menasse bedient sich eines komplizierten Stils, sie windet Sätze und erschafft einen Kunstdialekt, der es ihr ermöglicht, die Figuren zu entfremden. Wir verstehen sie gelegentlich einfach nicht und müssen uns des Glossars am Ende des Buchs bedienen. Das unterbricht den Lesefluß und zwingt uns, das eben Aufgenommene zu rekapitulieren. Auch dies eine Distanzierung. Durch die Wirrnis des ersten Teils des Romans, kommt dem Leser aber kaum eine Figur nah, weder im Positiven noch im Negativen. Wir sehen ein Personentableau, das für uns teils fremd, teils funktional bleibt. Nur in den Heimkehrer Lowetz gewährt die Autorin tiefere Einblicke, dringt in das Innenleben anderer Figuren ein, bleiben die Beschreibungen seltsam standardisiert. Und all dem liegt eine böse Ironie zugrunde, ein Schmäh´ gelegentlich, der, wie Eva Menasse ihn anwendet, den Abwehrreflex offenlegt und desavouiert, der in dieser Art Humor immer auch angelegt ist. Was trivialisiert wird, kann so schlimm nicht sein. Auch auf dieser Ebene geht DUNKELBLUM auf, funktioniert die Konstruktion, das Spiel zwischen Form und Inhalt. Das ist, literarisch betrachtet, große Kunst, die allerdings ein wenig die emotionale Betroffenheit des Lesers abstumpft. Ein schmaler Grat, den die Autorin Eva Menasse da betritt. Aber sie hält ihn und man kann ihrer Herangehensweise ebenso folgen, wie man sie kritisieren könnte. Fakt ist: Es gelingt ihr, uns ein historisches Geschehen so darzulegen, daß wir eben begreifen, daß dies wahrscheinlich immer und überall möglich ist, wenn die äußeren Prämissen stimmen.

Es wurde Menasse vereinzelt vorgeworfen, das Massaker auszusparen, es nicht zu beschreiben, dadurch entstünde eine Leerstelle genau im Mittelpunkt der Erzählung. Man kann das so sehen. Doch zum einen wäre eine Beschreibung des Unbeschreiblichen, vor allem, wenn man Vergleichbares nicht kennt, nie erlebt hat, eben reine Kolportage, es hätte etwas Sensationslüsternes. Zum andern aber geht es Menasse offenkundig gar nicht darum, hier historische Tatsachen akkurat aufzubereiten. Vielmehr ist es ihr Anliegen, zu untersuchen, was kollektives Wissen, kollektiv unterdrücktes Wissen zumal, mit einer Gemeinschaft anrichtet, wie es das Weiter-Leben dieser Gemeinschaft und jedes Einzelnen darin bestimmt und beherrscht. Und genau das gelingt hier großartig.

DUNKELBLUM ist sicher einer der Romane der Saison. Welchen Wert ein Buch wie dieses wirklich hat, wird wahrscheinlich erst die Zukunft zeigen. So oder so hat der Leser es hier aber mit einem ebenso brillanten wie abgründigen Stück Literatur zu tun, das lange nachhallt und nachwirkt.
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January 12, 2022
Das Jahr beginnt mit einem Lesehighlight! Ob das noch zu toppen sein wird?

Ich bin völlig begeistert von diesem Buch, das eigentlich von einem Verbrechen ausgeht, das am Kriegsende im Burgenland tatsächlich so verübt wurde. Manchmal denke ich, schon so oft vom Nationalsozialismus gelesen zu haben, dass es keine neue Sicht mehr geben kann. Aber Eva Menasse stellt das Verbrechen, den Mord an etwa 180 jüdischen Zwangsarbeitern nach einer Party im gräflichen Schloss, nicht in den Mittelpunkt, sondern erzählt von der Ortsgemeinschaft, die bis heute schweigt. Ein allwissender Erzähler folgt in den Kapiteln jeweils anderen Personen zu anderen Zeiten – es kommt eine stattliche Anzahl an unterschiedlichen Lebensläufen zusammen. Jede und jeder ging seinen ganz eigenen Weg, der durch eigene Erfahrung, Lebensverhältnisse und Elternhaus geprägt war. So werden Handlungen und vor allem das langandauernde Schweigen nachvollziehbar. Die jugendlichen Mittäter wurden bestraft, die kamen ungeschoren davon. Manche Zeugen verschwanden, manche Täter auch, andere, die gewiss nicht unschuldig waren, kamen zurück und man musste im Ort irgendwie zusammenleben. Dieses Miteinander, das das Schweigen hervorgebracht hat, stellt die Autorin sehr überzeugend da. Dabei gefiel mir besonders, dass bestimmte Grundhaltungen und alltägliche Sprüche, die zeigen wie sich diskriminierende Überzeugungen in den Köpfen festgesetzt haben, allgemeingültig sind und nicht auf einen fiktiven Ort Dunkelblum oder das Burgenland begrenzt bleiben. Manches kann ich hier an den Stammtischen der Dorfkneipen genauso hören. „Sobald sie etwas bemerken, missbilligen sie es. Aber damit hätten sie ruhig einmal früher anfangen sollen, sagen wir vor fünfzig Jahren…“
Eva Menasse zeigt auch, dass die Jugend neue Wege geht und manche alte Gewohnheit hinterfragt, das stimmt hoffnungsvoll.

Das Buch lebt von einer wunderbaren Sprache, die manchmal in schönen Bildern erzählt, oft einen ironischen Unterton hat, aber an den entscheidenden Stellen die Ironie beiseite lässt und ernsthafte Themen nicht veralbert. Die Ausdrücke und Sätze im Dialekt, für den es glücklicherweise ein Glossar gibt, machen das Buch lebendig und realistisch (auch wenn es nicht der Dialekt der Grenzregion sein soll).

Manche Rezensionen hier auf GR bemängeln das unbefriedigende Ende, weil die offenen Fragen nicht geklärt wurden. Ich fand auch den Schluss vollkommen gelungen, denn für mich wurden fast alle Fragen geklärt. Wer aufmerksam liest, kann feststellen, dass sich die Fäden der Geschichten verbinden lassen. Das ist der Vorteil des allwissenden Erzählers, die einzelnen Personen können die Informationen nicht mehr verknüpfen und stehen wegen des Schweigens ihrer Eltern, Ehefrauen und -männer, Geschwister oder Verwandten am Schluss vor lauter Rätseln. „Wer nicht dabei war, hat ja keine Ahnung“ heißt es im Buch, durch das wir ein Stück dabei sein konnten.

Absolute Leseempfehlung.
Profile Image for Ellinor.
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December 15, 2021
Dunkelblum ist eine kleine Stadt im Burgenland, unweit der österreich-ungarischen Grenze. Man schreibt das Jahr 1989. Gerade fand ein paneuropäisches Picknick statt, das einige zur Flucht in den Westen genutzt haben. Zunächst scheint es also, als wäre dies ein typischer Roman über die Wendezeit.
Doch es geht eigentlich um etwas ganz anderes: In Dunkelblum wurde - wie an so vielen anderen Orten - die NS-Vergangenheit nie wirklich aufgearbeitet, sondern lediglich verdrängt. Nun beginnt eine Gruppe Studenten, den alten jüdischen Friedhof wieder auf Vordermann zu bringen. Am Ortsrand wird ein Skelett ausgegraben und ein Besucher der Stadt stellt viele neugierige Fragen. Zusätzlich verschwindet eine junge Frau.
Das sind viele Ereignisse, die in diesem vermeintlich beschaulichen Städtchen auf einmal geschehen - und es sind auch sehr viele Personen. Viele von ihnen leben unter falscher Identität oder man weiß durch Heirat nicht mehr, wie sie früher hießen. Diese Unübersichtlichkeit ist von der Autorin sicher gewollt, macht das Lesen aber nicht einfacher. Hinzukommt, das ein Großteil der Geschichte auch am Ende des Buches noch im Dunkeln bleibt und vermutlich nie aufgeklärt werden wird. Dies entspricht häufig durchaus der Realität, ist aber nicht das, was ich in einem Buch gerne lese. Ich bin keine Freundin unaufgeklärter Rätsel.
Sprachlich fand ich das Buch sehr gelungen. Die österreichischen Begriffe haben mich wenig gestört, das Bayerische ist dem Österreichischen ja sehr ähnlich.
Vielleicht ist Dunkelblum ja auch eines jener Bücher, die man zweimal lesen muss, um mehr zu verstehen.
Ich kann es dennoch empfehlen, auch wenn man beim Lesen einiges an Sitzfleisch braucht.
Profile Image for yexxo.
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October 23, 2021
Und schon wieder ein Buch über die Nazivergangenheit - hat man doch bereits -zigmal gelesen, mag so Manche/r denken.
Aber dieses Buch ist etwas Besonderes und unbedingt lesenswert, auch wenn der Inhalt vielleicht nicht ganz so überraschend sein mag.

Dunkelblum ist eine fiktive Kleinstadt in unmittelbarer Nähe der Grenze zu Ungarn, dort "wissen die Einheimischen alles voneinander, und die paar Winzigkeiten, die sie nicht wissen, die sie nicht hinzuerfinden können und auch nicht einfach weglassen, die sind nicht egal, sondern spielen die allergrößte Rolle: Das was nicht allseits bekannt ist, regiert wie ein Fluch."
Meist sind es Dinge aus der Vergangenheit, damals als der Horka der Schrecken des Ortes war. Während der Naziherrschaft konnte dieser ohne Folgen seinen sadistischen Neigungen nachgehen und als die Russen das Sagen hatten, brachte er es sogar zum Polizeichef. Doch nun, es ist 1989, beginnt die junge Generation sich für längst Vergangenes zu interessieren: Die jüngste Tochter des Biobauern plant mit dem Dorfchronisten ein Heimatmuseum und beginnt, unangenehme Fragen zu stellen. Und aus der Hauptstadt reisen Studierende an, um den örtlichen jüdischen Friedhof zu restaurieren. Als auf einer Wiese ein Skelett gefunden wird und die Presse davon Wind bekommt, wird das Interesse an Dunkelblums Vergangenheit immer größer, die wider Willen der BewohnerInnen deutlich bis in die Gegenwart reicht.

Eva Menasse präsentiert uns hier eine Vielzahl von Menschen eines Ortes, die aufgrund ihrer Herkunft alle miteinander verbunden sind, im Guten wie im Schlechten. Einen solchen Mikrokosmos zu entwerfen haben bereits Andere vor ihr gemacht (beispielsweise Juli Zeh in Unterleuten oder Raphaela Edelbauer in Das flüssige Land), doch nicht mit derart feinen Verflechtungen innerhalb eines sozialen Netzes und ebenso wenig mit diesem wundervoll schwarzhumorig-ironischen Tonfall.
"Unserer Frau Balaskó hat sie gesagt, sie sucht nach Dunkelblumer Kriegsverbrechern, stell dir das vor, Kriegsverbrecher, bei uns! Das Mädel ist Anfang zwanzig, früher haben sich die jungen Leute für was anderes interessiert, für Tanzen und Flirten . . .".

Auch wenn die Geschichte auf der des realen Ortes Rechnitz beruht, ist es keine Aufarbeitung der dortigen Geschehnisse. Es geht um den Umgang mit der Vergangenheit Jahrzehnte danach: Verdrängung, Rechtfertigung, Verleugnung ... Und was mit den Menschen geschehen ist und geschieht, wenn sich die Wahrheit ans Licht drängt. Ein grandioses Buch!
Profile Image for Charlotte.
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April 1, 2024
Absolutes Lese-Highlight 2024 und wohl generell eins der für mich besten Bücher seit langem. So eine schlaue Struktur, ein toller Schreibstil, krasse Subtilität, viele Charaktere über viele viele Jahre. Geschichten, die unfassbar clever miteinander interagieren und verwoben sind. Beschreibungen und Analysen, die einfach ins Schwarze treffen. Teilweise läuft es einem kalt den Nacken herunter, es ist spannend, subtil, fordernd, teilweise bitter böse und grauslich. Ein schwieriges, trauriges und komplexes Thema, dem Menasse meines Erachtens alle Ehre gebietet.

Bin gespannt auf unsere Buchbesprechung am 24.04.
561 reviews
August 19, 2021
Die gebürtige Wienerin, und Wahlberlinerin, Eva Menasse begann ihre Karriere als Journalistin, bis sie im Jahr 2000 ihren ersten Roman veröffentlichte und seither viele Preise für ihre Arbeiten erhalten hat. Mir, als Wiener Original, ist Frau Menasse natürlich ein Begriff und ich freue mich umso mehr, dass ich „Dunkelblum“ in die Finger bekommen haben. Denn eines ist klar: Eva Menasse weiß genau, was sie tut – und das auch noch richtig gut.

Dunkelblum, das ist ein kleiner Ort in Grenznähe, der viele Geheimnisse birgt. Benannt nach dem Grafengeschlecht Dunkelblum, die einst dort lebten, den Ort allerdings längst verlassen haben, sind hier viele Dinge geschehen. Die Alten wissen ganz genau Bescheid, doch wird hier systematisch geschwiegen. Erst als bei Recherchen für die Wasserversorgung ein Skelett ausgegraben wird und kurze Zeit später eine junge Frau verschwindet, lichtet sich allmählich der Schleier, der großzügig über der Vergangenheit ausgebreitet lag.

Ich möchte gar nicht zu viel verraten, deshalb ist das auch schon meine komplette Zusammenfassung des Romans gewesen, aber ich war absolut begeistert. Die Geschichte spielt über einen längeren Zeitraum, man erfährt was vor, während und nach dem Krieg passiert ist und bekommt dadurch einen Einblick in die kleine Gemeinde und ihrer Bewohner. In Dunkelblum werden ländliche Klischees absolut bedient, aber nicht abgedroschen oder gar ins Lächerliche gezogen. Wie in jedem kleinen (oder auch größeren) Ort gibt es auch hier diese gängigen Typen: die Alteingesessenen, die jeden kennen, alles wissen, aber ja nichts verraten. Es gibt die dorfeigene Säuferin, die Dorfschönheit, den Deppen, die Reichen, den Revolutionär und die übriggebliebenen Gestrigen (Nazis, Realitätsverweigerer….) und die, die trotz ihrer fragwürdigen Vergangenheit immer noch hohe Ämter besetzen.

Der Schreibstil von Eva Menasse hat mir sehr gut gefallen. Die Geschichte ist sehr aufgefächert, man muss sich beim Lesen wirklich konzentrieren und komplett auf das Buch einlassen (vor allem wegen der vielen Zeit- und Personenwechsel). Eva Menasse schafft es auch den größtenteils ernsten Themen einen ganz eigenen Stempel aufzudrücken – einen etwas boshaften manchmal, aber dennoch sind die Worte immer perfekt gewählt und wahr, und verlieren nie ihre Wichtigkeit und Dramatik. Die Geschichte ist stark und anspruchsvoll und lässt die Gehirnzellen nur so rattern. Die Sprache ist malerisch und poetisch und hat etwas Mystisches. Ganz oft kommt auch der österreichische Dialekt vor, das hat mir besonders gut gefallen, weil UNSERE Sprache ja leider schon am Aussterben ist.

Großartig und empfehlenswert, auch wenn diese starke Geschichte gegen Ende hin ein wenig abflacht. Ich kann „Dunkelblum“ nur empfehlen.
Profile Image for Japan Connect (Fabienne).
98 reviews98 followers
May 6, 2022
Die Thematik und die Sprachgewalt von Eva Menasses neuem Roman haben mich absolut begeistert. Gekonnt schafft sie neue Bilder ohne sich althergebrachter Stereotypen zu bedienen. Chapeau!

Die Geschichte der Gräueltaten, die zu Ende des 2. Weltkrieges in dem österreichischen Dörfchen Dunkelbum an der Grenze zu Ungarn begannen wurden, lassen den Leser betroffen schlucken. Vor allem nach der Lektüre des Nachwortes, in dem Menasse erklärt, dass sie sich von der Geschichte des realen Dorfes Rechtens zu diesem Roman hat inspirieren lassen.

Der Roman hat mein Interesse an der Rolle Österreichs zur Zeit des 2. Weltkrieges geweckt. Eine Thematik, über die ich als Schweizerin leider (noch) fast nichts weiss.

Mehr zu der Thematik und meinem Unwissen darüber, erfahrt Ihr hier:
https://youtu.be/i3ilBnlyKIQ

Viel Spass beim Lesen!
Profile Image for Leonie.
56 reviews3 followers
April 12, 2024
„Dunkelblum“ erzählt eine Geschichte, die es wahrscheinlich in der Nachkriegszeit in vielen von den Nazis besetzten Orten gegeben hat. Es handelt sich zwar um einen Roman, allerdings beruht dieser auf echten Begebenheiten. Die Geschichte spielt Ende der Achtziger in einem kleinen österreichischen Dorf nahe der ungarischen Grenze. Der Erzählstrang ist nicht chronologisch, es wird immer wieder bis an den Anfang des 20. Jahrhunderts zurückgesprungen. Aus verschiedenen Perspektiven, teilweise in Erinnerungen, teilweise in Zeitsprünge, werden Ereignisse in und um das Dorf Dunkelblumen erzählt, die auf den ersten Blick nicht wirklich zusammenhängen. Es gibt zwar Hauptcharaktere, allerdings springen auch die Erzähler:innen immer wieder, und teilweise liest man die gleiche Situation aus verschiedenen Perspektiven. Ich empfehle hier sich eine Übersücht über alle Dorfbewohner:innen ins Buch zu legen. Im Laufe der fast 500 Seiten spitzen sich alle Erinnerungen und Erzählungen zu. Und plötzlich sieht man Verbindungen, die vielleicht da sind, vielleicht aber auch nicht. Der Schreibstil hat das Buch und die Leseerfahrung für mich sehr spannend gemacht. Nachdem ich etwas gebraucht habe um reinzukommen, war ich in den Bann gezogen. Thematische geht es um Kriegsverbrechen und um falsche oder unvollständige Verurteilungen. Es geht darum, wie man sich an die Vergangenheit, die man teilweise sehr aktiv mit erlebte, erinnert. Es geht um die Fragilität von Erinnerungen und wie schnell sie verzerrt werden können. Und es geht darum, wie man mit der Vergangenheit heute umgeht und wie man dazu steht. Schuld, Mitschuld, Unschuld. Wie werden Geschichten erzählt und welche Teile werden dabei (un)bewusst ausgelassen?
Profile Image for Camille.
62 reviews5 followers
April 21, 2024
Ich habe schon lange nichts vergleichbares mehr gelesen! Dunkelblum ist eine so ausgeklügelte, weit durchdachte, tief verzweigte, kluge und detailreiche Geschichte - gekoppelt mit unzählbar vielen wunderschöne Formulierungen und Ausdrücken.
Profile Image for Kath26.
238 reviews15 followers
August 2, 2022
Wow! Was für ein tolles Buch! „Dunkelblum“ war zwar das erste Buch der österreichischen Autorin Eva Menasse für mich, aber sicherlich nicht das letzte. Sie hat mich mit ihrer vom ersten Satz an in ihren Bann gezogen und ich habe sowohl die Sprache und Geschichte als auch die tolle Leserunde total genießen können!

Dunkelblum ist ein fiktiver Ort in Österreich, kurz vor der ungarischen Grenze. Angelehnt ist der Ort an die österreichischen Gemeinde Rechnitz, in der im Jahr 1945 von dort stationierten SS-Leuten ein Massaker an etwa 200 jüdischen Zwangsarbeitern verübt wurde. Aber auch andere Begebenheiten aus der Zeit des zweiten Weltkrieges in Österreich webt die Autorin in die Geschichte ein, was zusammen mit der großen Anzahl an Dunkelblumern zu eine unglaubliche komplexe Geschichte ergibt, bei der ich all meine Sinne und Konzentration zusammennehmen musste, um den Durchblick nicht zu verlieren.

Die eigentliche Geschichte spielt im Sommer 1989. Mehrere Fremde sind in Dunkelblum, darunter eine Gruppe Studierende, die den jüdischen Friedhof sanieren wollen und ein rätselhafter Besucher, der mit seinen unermüdlichen Fragen etliche Dunkelblumer aufschreckt. Es gibt keine klare Hauptfigur in dem Buch, dafür umso mehr Figuren, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird … oder auch nicht erzählt wird. Denn was die Dunkelblumer eint, ist ihr „tosendes Schweigen“ über Dinge – große und auch kleine individuelle Geheimnisse, die teilweise schon lange zurückliegen. Mal wird hier ein Spotlight hingerichtet, mal dort, mal sind wir in der Vergangenheit im zweiten Weltkrieg, mal bei den DDR-Flüchtlingen, die hinter der nahgelegenen Grenze in Ungarn auf die Weiterreise warten. Es wirkt wie ein großer bunter Wandteppich, der sich aus vielen kleinen Bildern zusammensetzt und eine große, spannende Geschichte erzählt.

Ich habe die Sprache der Autorin als bildgewaltig und ehrlich empfunden. Mit einem bissigen, feinen Humor fängt sie so grandios gut ein, wie so eine Kleinstadt mit ihren so unterschiedlichen Bewohner funktioniert und tickt, wer mit wem oder gegen wen und die vielen Andeutungen, die sie macht, die großen und kleinen Geheimnisse, die unter der Oberfläche aufblitzen, haben eine absolute Sogwirkung auf mich gehabt. Sie fängt den Zeitgeist so gut ein, stellt tolle Vergleiche an und hat so viele tolle Szenen und einzelne Sätze in ihren Roman gepackt, dass evtl. kleinere Kritikpunkte – zumindest für mich – nicht ins Gewicht fallen. Ein Kritikpunkt war z.B. ein wenig Schwafelei um Dinge, die nicht wirklich was für die Geschichte tun und die mich weniger interessierten oder auch das Ende, das man wirklich mögen muss. Auch ich musste erstmal schlucken, aber inzwischen feiere ich das Ende, genau so wie es ist. Da ich leider noch eine „alte“ Ausgabe ohne Personenregister habe, bin ich mitunter ein wenig ins Schwimmen geraten. Ohne meine Notizen und die Leserunde hätte ich in der Geschichte durchaus auch verloren gehen können.

Alles in allem war es ein wirklich grandioses Buch mit einer tollen Geschichte und Sprache, mit sperrigen, mit liebenswerten aber auch mit absolut hassenswerten Figuren und einer Kleinstadt, die so echt wirkt und aus der ich gar nicht auftauchen wollte.
539 reviews36 followers
July 20, 2022
Wat een miskoop! Chaotisch geschreven, veel te veel personages die amper een rol van betekenis spelen en die vaak ook nog met verschillende namen worden vernoemd om het geheel nog wat ingewikkelder te maken (voornaam, familienaam, afkorting van de voornaam...), veel te uitgebreid, aanzienlijk veel bladvulling en een "ontknoping" in mineur.
Ik begrijp niet dat dit boek ten eerste niet beter geredigeerd is en ten tweede dat het zo de hemel in wordt geprezen.
Voor mij geen Eva Menasse meer vrees ik.
Profile Image for Elena.
1,023 reviews408 followers
December 12, 2021
"Da, lange zurück, gibt es eine reiche und stolze Geschichte von Dunkelblum. Aber dann, hoppala, ist die Geschichte irgendwie gestolpert und hat sich nur mit einem beherzten Sprung aufrecht erhalten können." - Eva Menasse, "Dunkelblum"

Dunkelblum, eine fiktive Kleinstadt im österreichischen Burgenland zur Zeit des Mauerfalls: Ein Raunen, ein Zittern geht durch die Bewohner*innen Dunkelblums - denn ein Fremder mietet sich im Hotel im Ortskern ein und stellt Fragen. Fragen zu einem düsteren Verbrechen, das 1945 verübt wurde und seither von allen verschwiegen wird. Und nicht nur das: Einige Menschen in Dunkelblum wollen gar eine Ortschronik schreiben und ein Heimatmuseum errichten! Dabei wollen die Ortsansässigen doch eigentlich nur eins: Vergessen. Doch es liegt ein Aufbruch in der Luft und gegen das Wühlen in der Vergangenheit kann sich irgendwann niemand mehr wehren - vor allem nicht mehr, als "Einer ausgegraben" wird und eine junge Frau verschwindet...

Eva Menasse hat mit ihrem Roman "Dunkelblum" ein Buch über das Schweigen geschrieben. Sie skizziert ein furchtbares Verbrechen im zweiten Weltkrieg und schlägt die Brücke fast bis zur Gegenwart. Sie schildert, was passieren kann, wenn man sich der Vergangenheit nicht stellt, sondern sie lieber "totschweigt". Und auch wenn das alles auf den ersten Blick sehr schwer und bedrückend klingt, bringt Eva Menasse durch ihren ganz besonderen Schreibstil - inklusive österreichischem Slang - und ihren schwarzen Humor eine gewisse Leichtigkeit in den Roman - mit der man bei diesem Thema aber auch umgehen können muss.

Was die Autorin jedenfalls nicht tut, ist Gründe zu suchen. Sie stellt viele Fragen, wühlt tief in vergangenen Verbrechen und in den zuweilen vertrackten Verhältnissen der Kleinstädter*innen. Es geht ihr aber nicht darum, nach dem "Warum" zu fragen. Vielmehr liegt der Fokus tatsächlich auf dem Verschweigen, dem Dicht machen, dem Geheim halten. Mit der humorvollen Note bin ich dabei sehr gut zurecht gekommen, ich hatte mich schnell in die Art Witz der Autorin eingefunden. Mit was ich vielmehr zu kämpfen hatte, waren die vielen Personen im Buch. Ich habe wirklich überhaupt nichts gegen eine Fülle an Charakteren - hier wurde es mir dann aber tatsächlich etwas zu viel, ich habe stellenweise den Überblick verloren und musste einige Seiten mehrfach lesen, um die Verbindungen zwischen den Figuren zu erfassen beziehungsweise mich daran zu erinnern, wer die Person hier eigentlich gerade ist. Mit einem Personenregister wäre mir das sicherlich leichter gefallen. Kleinere Schwierigkeiten hatte ich auch mit dem Fortgang der Geschichte. Sie war mir oft zu durcheinander, ich musste den roten Faden zu häufig irgendwo wieder aufsammeln - daher kann ich es durchaus verstehen, wenn andere Lesende schreiben, sie hätten irgendwann in der Geschichte aufgegeben.

Ich kann euch aber sagen: Es lohnt sich, dranzubleiben und sich durch die Lektüre durchzubeißen. Eva Menasses Puzzleteile passen am Ende hervorragend zusammen und man kann es nicht anders sagen: Dieses Buch ist wichtig. Es prangert die österreichische Erinnerungskultur an, die ganz easy auf die deutsche übertragen werden kann. Und es beruht auf wahren Begebenheiten, ist unglaublich gut recherchiert, schockiert auch gerade deshalb so sehr. "Dunkelblum" ist ein harter Brocken von einem Buch, den es zu knacken gilt - ist er aber erst einmal angebrochen, helfen viele Zuspitzungen und spannende Momente dabei, die Spitzhacke immer etwas tiefer in die Bruchstücke zu schlagen. Von mir gibt es eine Empfehlung für alle, die auf dicke historische Romane mit Tiefgang und Humor stehen und Durchhaltevermögen beweisen können. Ich hab's - mit Abstrichen - gerne gelesen.

Hinweis: Im Buch wird das N- und Z-Wort benutzt.
Profile Image for Christina.
925 reviews40 followers
July 24, 2025
Dieses Buch ist sicherlich nicht einfach zu lesen. Für Freunde klarer Geschichten oder sympathischer Protagonisten ist es sicher nichts. Es ist ein Mosaik von Perspektiven, durch das die Geschichte des Dorfes und seiner Vergangenheit entsteht.

Mir hat der verworrene Erzählstil mit Dialekteinschlag gut gefallen. Mich stört es auch nicht, dass es keiner einzelnen Person folgt und vieles nur angedeutet wird. Das machte die Lektüre spannend und vielschichtig.
Profile Image for Anna Carina.
676 reviews334 followers
abgebrochen
July 23, 2022
Komme mit der Sprache und der ganzen Art wie die Geschichte erzählt wird überhaupt nicht zurecht.
Passt net zu mir.
Profile Image for Havers.
894 reviews21 followers
October 27, 2021
Dorfromane fluten bereits seit einiger Zeit den Büchermarkt, und spätestens seit Juli Zeehs „Unterleuten“ zeigen sie auch jenseits der Heimeligkeit die Untiefen, die in diesem geschlossenen Mikrokosmos lauern. Seit Generationen schwelende Streitigkeiten, aber auch gravierende Ereignisse, deren Einfluss auf das Miteinander im Endeffekt für das Zusammengehörigkeitsgefühl gegenüber allem Fremden verantwortlich ist.

Eva Menasses neuer Roman hat einen realen Hintergrund, auch wenn Dunkelblum ein fiktiver Ort ist (steht stellvertretend für Rechnitz). Aber die Ereignisse in dieser Gemeinde im Burgenland, unweit der ungarischen Grenze, fungieren als Beispiel für eine geografischen Region, die sich als das letzte westliche Bollwerk versteht und in der in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs unzählige Massaker an Zwangsarbeitern verübt wurden. Verscharrt in eilig ausgehobenen Massengräbern. Totgeschwiegen. Aus der kollektiven Erinnerung gestrichen. Verleugnet, verschwiegen und vergessen. Und dennoch eingegraben in die Biografie jedes Einzelnen.

Aber die Zeiten ändern sich, 1989 fällt der eiserne Vorhang, die Grenzen nach Osten sind offen, die Vergangenheit hält Einzug in das Leben der Dörfler. Flüchtlinge aus der ehemaligen DDR drängen in die Freiheit, werden mit Tritten und nicht mit offenen Armen empfangen. Eine Studentengruppe aus Wien kümmert sich um den verwahrlosten jüdischen Friedhof, stellt unangenehme Fragen, wie der Besucher aus Übersee. Und plötzlich ist die Vergangenheit wieder präsent.

Eine Unzahl von Personen, Stimmen und Meinungen sowie wechselnde Erzählperspektiven stellen hohe Anforderungen an die Leser*in, machen die Lektüre zu Beginn sperrig und verwirrend. Aber je tiefer man in diesen dörflichen Kosmos eintaucht, desto klarer wird die Dynamik innerhalb der Gruppe, der Umgang jedes Einzelnen mit der Schuld, die dieses Dorf in dunklen Zeiten auf sich geladen hat und die bis in die heutige Zeit hineinreicht. Vergangenheitsbewältigung? Fehlanzeige.

Dunkelblum ist überall, nicht nur im österreichischen Burgenland.
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August 5, 2022
De geschiedenis van Dunkelblum

Dunkelblum is een plaatsje in de verre zuid-oost hoek van Oostenrijk. Een slaperige plek, maar toch: ‘… hebben de muren oren, de bloemen in de tuinen hebben ogen, ze draaien hun kopjes alle kanten uit om maar niets te missen, en het gras registreert met zijn snorharen elke stap die wordt gezet.’ (2022: 11).
En als dat al voor bloemen, muren en gras zo is, dan beleven de Dunkelblumse mensen het al helemaal zo. Nou ja, ik hoef die metafoor natuurlijk niet uit te leggen.

Er hangt altijd een zekere dreiging in de lucht; een dreiging die stamt uit het verleden. Die maakt mensen voorzichtig en zelfs wantrouwig. Dat verleden is niet heel duidelijk aanwezig. De twee wereldoorlogen hebben er natuurlijk mee te maken. En de grens met Hongarije, die om de hoek is. Er is een herinnering aan dat grote Rijk, waar Oostenrijk en Hongarije eens hand in hand gingen. Nou ja, dat hand-in-hand-gaan, daar valt wel wat op af te dingen. Wie de Sissi-films met Romy Schneider heeft gezien, weet dat het Oostenrijk was die in de Donau-monarchie de dienst uitmaakte en dat Hongarije het achtergestelde broertje was. Feitelijk bestond de dubbelmonarchie uit het hedendaagse Oostenrijk, Hongarije, Bosnië en Herzegovina, Kroatië, Tsjechië, Slowakije, Slovenië en delen van Italië, Montenegro, Polen, Roemenië, Servië en Oekraïne.
In ieder geval was er dat grootse verleden, maar ook de twee wereldoorlogen die voor de dubbelmonarchie bepaald niet goed uitpakten, en dat is natuurlijk een understatement.

Dit verhaal begint in de zomer van 1989. De grens met Hongarije en de hele communistische wereld begint scheuren te vertonen. Sinds het einde van WOII verandert er van alles, te veel wellicht.
Verschillende gebeurtenissen beginnen de Dunkelblumse suffe en bedompte boel op te schudden. Zo wordt er op een hoger gelegen weide een geraamte gevonden. Is het een nazi, een soldaat uit WOI, een vluchteling, een Jood, of een verdwenen Dunkelblumse vrouw? De verwaarloosde Joodse begraafplaats in het stadje - toch eerder een stadje dan een dorp - wordt opgeknapt door een groep progressieve jonge mensen, die niet uit Dunkelblum komen. Meer vreemdelingen doen Dunkelblum aan. Daarbij zijn een paar autochtone Dunkelblumers, onder wie een jonge vrouw en een oude gay reisbureau-houder, bezig de plaatselijke geschiedenis te ontrafelen. Het nazi-verleden is alomtegenwoordig, maar veelal onderhuids, al blijven zwakke plekken in het zwijgen daarover niet onopgemerkt. Een dementerende winkelier begint op te geven van zijn voormalige nazipraktijken.

Is het wel mogelijk dé geschiedenis van Dunkelblum te schrijven? Is het mogelijk het verleden überhaupt te ontrafelen? Dat zijn twee verschillende zaken, maar ik ga daar verder niet op in. Eén ding wordt duidelijk: dé geschiedenis bestaat niet. Er bestaan verschillende geschiedenissen: van families, van sociale groepen, van de rangen en standen, van verschillende ‘ethnische’ en culturele groepen, van individuen. Maar zelfs die micro-geschiedenissen laten zich feitelijk niet schrijven. Alle pogingen daartoe mislukken. Blijkbaar moeten we leven met een duister verleden. Dunkelblum staat natuurlijk in zeker opzicht voor ons allemaal. Dunkelblum is ‘elckerlijc’.

De Oostenrijkse auteur Eva Menasse maakt voortdurende omtrekkende bewegingen in de vertelling. Om de beurt met meanderende omwegen en heen en weer slingerend tussen verleden en heden, komen de verschillende bewoners en voormalige bewoners voor het voetlicht. Er is een opmerkelijk landkaartje voorin het boek geplaatst met de woningen en hun bewoners. Dat moet je vooral veel raadplegen tijdens het lezen, want ik raakte de draad nog wel eens kwijt.

Al die omtrekkende manoeuvres en duistere doolhof-paden zijn uitingen van het feit dat de Dunkelblumse geschiedenis niet bestaat en ook nooit zal kunnen bestaan, en dus ook niet beschreven en opgeschreven kan worden. Wat dat betreft is Menasse uiterst consistent in deze roman met betrekking tot haar opvatting over de geschiedenis die niet bestaat. In die zin is deze roman een ideeënroman. Dat betekent ook - en ook daarin is Menasse wederom consistent - dat er niet echt een einde is aan het verhaal.
Anderzijds betekent dat dat de lezer op de proef gesteld wordt - en dat is zeer legitiem, maar toch voldeed het mij niet helemaal. Mijn Vlaamse boekenvrienden noemen het dat ‘je als lezer op je honger blijft zitten.’ Je verwacht van een roman, van een verhaal dat er een min of meer duidelijke handeling is en dat personages en motieven daarin fijn samengaan en er iets moois ontstaat. Iets lelijks of iets iets verdrietigs kan natuurlijk ook mooi zijn.
Wat ook wel apart is dat Menasse tamelijk ironisch schrijft. Niet heel overdreven, maar wel met een ironische distantie. Dat heeft ook voordelen. De geschiedenis van Oostenrijk tijdens WOI en WOII is niet niet iets waar je als Oostenrijker trots op kan zijn. Bovendien hebben veel Oostenrijkers zich schuldig gemaakt aan wat je als ‘oorlogsmisdaden’ zou kunnen beschouwen. En wat blijkt natuurlijk, veel van die opvattingen bestaan nog steeds. Denk aan: antisemitisme, niet de minst ‘foute’ opvatting.
Ik ben geen Oostenrijker, en daarom mis ik, denk ik, heel veel aan verwijzingen en dergelijke in de tekst. Voor Oostenrijkers zal deze roman confronterender zijn dan voor mij.

Zeker is dit een roman die het waard is om te lezen, maar helemaal enthousiast ben ik toch niet. Ik snap het concept, maar voel me toch een beetje ‘in de steek’ gelaten door de auteur.

Overigens krijgt deze roman enorm veel positieve kritieken.





Over de auteur:


Eva Menasse (Wenen, 1970) studeerde geschiedenis en Duitse literatuur. Ze werkte onder andere bij het Oostenrijkse tijdschrift Profil en bij de Frankfurter Allgemeine Zeitung en ontving eerder de Heinrich-Böll-Preis. Haar roman Quasikristallen (2014) stond maandenlang op de Spiegel-bestsellerlijst. Eerder verschenen ook Vienna en de verhalenbundel Dagelijkse zonden. Haar boek Dieren voor gevorderden verscheen in september 2018 en werd bekroond met de Österreichischer Buchpreis. Eva Menasse woont in Berlijn.





Bibliografie:

Titel: Dunkelblum zwijgt
Auteur: Eva Menasse
Vertaler: Annemarie Vlaming
Uitgever: Atlas Contact
Jaar: 2022
Aantal pagina’s: 524
ISBN: 9 789025 472269
Profile Image for Markus Amadeus Cosma.
43 reviews14 followers
February 23, 2025
SPONTANE IMPULSE [fortlaufender Posten]:

Unfassbar. Dieses Buch ist ein Nicht-Buch, ein Nicht-Roman, die totale Versinnbildlichung des Nicht-Erzählens, des Nicht-Erzählen-Könnens. Frau Menasse ist derart talentfrei, dass es schmerzt. Ab in den Müll, just hinein in das Schwarze Loch der texterarischen Geschichte...
Profile Image for Bianca | biancs.books.
113 reviews35 followers
December 22, 2022
Dit is Literatuur met een hoofdletter L. Een boek vol mooie zinnen en rake observaties. Niet alles wordt ingevuld en dat vraagt wel wat van de lezer. Van deze lezer althans wel. Er komen heel veel personages voorbij en op een zeker moment vroeg ik me af of er niet ergens een lijst van was. Die blijkt er te zijn, helemaal achterin het boek staat een zinnetje met een verwijzing naar het personenregister! Ik heb er vaak en dankbaar gebruik van gemaakt.
Hulde aan de vertaling trouwens, echt heel mooi gedaan!

“Ze zouden een perfect koppel zijn geweest, nieuwsgierig, vol doorzettingsvermogen, creatief, als er nog wat meer zoals zij waren geweest. Aangezien die er niet waren hadden ze elkaar ook als tegenstander nodig. Ruziemaken had nu eenmaal alleen zin als je het samen deed.”
Profile Image for Alexander Carmele.
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July 2, 2023
Ein heilloses Durcheinander ohne Fokus. Ein gähnender Abgrund. Viel zu lang.
Ausführlicher, vielleicht begründeter auf kommunikativeslesen.com

Eva Menasse hat einen sehr langen Roman geschrieben. Wer viel liest, liest auch gerne lange Texte. Lange Texte haben den Vorteil, dass sie Figuren entwickeln, Parallelisierungen anbahnen, wie eine Sinfonie Melodien andeuten, ankündigen und erahnen lassen, um dann zum großen Finale zu gelangen. Alles löst sich ein. Brahms Erste. Beethovens Neunte. Aber nicht „Dunkelblum“. In Dörfchen Dunkelblum löst sich nichts ein. Alles bleibt beim alten. Es bleibt im Ungefähren.

„Rund um Dunkelblum übersteigt die Anzahl der Geheimnisse seit jeher die der aufgeklärten Fälle um ein Vielfaches. Es ist, als ob die Landschaft, die hier erst noch wie eine saftiggrün bestickte Samtborte aufgeschoppt und gekräuselt wurde, bevor sie abstürzt ins Flache, Gelbe und Endlose, sich grundsätzlich verwahrt gegen das Durchschautwerden.“

Ich war dem Buch sehr wohlgesonnen und habe die ersten fünfzig Seiten mit Wonne gelesen. Viel Witz. Viel Thomas Bernhard, die österreichische Mundart, der Elan im Geschwätzigen, im Kaffeeklatsch, Tratschen und Schwadronieren. Ein Mix Böses à la Elfriede Jelinek. Aber: Nichts davon hat sich aufrechterhalten können. Das Material ging nicht auf. Es entglitt. Es zerbröckelte. Das Kartenhaus brach bereits nach ein paar Karten zusammen und trotzdem bestand die Autorin darauf, so zu tun, als könnte man weiter auf Bodenlosem bauen. Die Figuren sind alle matt. Es sind zu viele. Selbst ein Panorama besitzt eine Perspektive. Nicht so in „Dunkelblum“. Die Pestsäule ist hässlich. Das Schloss ist weg. Die Gräfin verbrämt, und alle sind peinlich berührt.

„Nur ein bisschen Phantasie und es pickte zusammen, Phantasie funktionierte offenbar wie Mörtel oder Montagekleber, sogar das Abgelegenste fügte sich ein.“

Nur was sich mit Gewalt, d.h. mit Beliebigkeit fügt, schließt sich noch lange nicht zusammen, ergibt kein Ganzes. Wer Soßen zubereitet, kocht, weiß dies. Leider begriff dies die Autorin wohl auch selbst und versucht durch Kunstgriffe die Spannung künstlich zu erhöhen. Sie bemühte den Fix-Soßenbinder, indem sie ständig Cliffhanger einbaut, die sie sich dann als falscher Alarm erweisen. Große Geheimnisse werden nicht nur nicht aufgeklärt. Manchmal hat sie es sie auch plötzlich nicht gegeben, und selbst nach vierhundert Seiten werden noch neue Figuren eingeführt, als hätte man nicht bereits den Kopf voll mit all den Trivialitäten, die man sich vorher zu Gemüte gezogen hat.

„Vor Koreny [dem amtierenden Bürgermeister Dunkelblums] auf dem Schreibtisch lag ein Blatt Papier, er hatte es quer gelegt und vier Spalten gemacht: Wasserversorgung / histor. Fund Rotensteinwiese / F. Malnitz, abgängig / allgem. Fragen zur Geschichte, Klammer auf, Kriegsverbrechen, Fragezeichen, Klammer zu. An den Rand hatte er mit dünnem Strich, nur für sich, geschrieben: Grenzsicherheit, polit. Entwicklung Ungarn.“

Das subsumiert den Roman sehr gut. Mehr hätte es eigentlich nicht bedurft. „Dunkelblum“ scheitert am eigenen Vorhaben wie Christoph Hein in „Guldenberg“, Steffen Kopetzky in „Monschau“, und Daniela Krien mit „Der Brand“. Die Beschreibung des ländlichen Lebens gerät langweilig, rückwärtsgewandt, glossenhaft und beliebig. Versatzstücke flüchtiger Gedanke hangeln sich lieblos von Seite zu Seite. „Dunkelblum“ ist eine Montage aus Christian Krachts „Eurotrash“ vermengt mit Christoph Heins „Guldenberg“ und garniert mit einer Prise Thomas Bernhards „Die Auslöschung“ und Elfriede Jelineks „Die Kinder der Toten“.

Schade um die Mühen. Schade um die Zeit. Die gelungene Umsetzung der Idee findet man in Hermann Brochs „Der Versucher“ und in den besagten Romanen von Jelinek und Bernhard.
Profile Image for MaggyGray.
671 reviews31 followers
January 24, 2022
Dunkelblum ist ein typischer "Hintlerwälder-Dorf-Roman", bei dem genüsslich verschiedene Charaktere und Spleens von vermeintlich gestrigen, konservativen, wenig gebildeten und leicht rückständigen Personen breitgetreten werden. Es gibt den oberüblen Bösewicht, die kluge Dorfschönheit, den Rückkehrer, den patriarchalisch-königlich regierenden Dorfoberen und einen Schatten-Bürgermeister. Konservative Werte, die längst nicht für alle gelten, werden hochgelhalten, die Dorfgemeinschaft scharrt sich gegen äussere Einflüsse zusammen, gegenseitig ist man sich aber alles andere als grün. Die Wunden der Vergangenheit möchte keiner aufreissen, das Gras, das über bestimmte Vorfälle gewachsen ist, soll auch weiter schön vor sich hinwachsen, und am besten bleibt alles so wie es ist. Was es aber natürlich nicht tut.

Es fällt mir ein bisschen schwer, den Roman als solches - also die Geschichte - zu bewerten, denn eigentlich gibt es keine solche. Eher viele kleine Geschichten, die, zusammen gesehen, ein großes Ganzes ergibt, und das seine Wurzeln in einem schrecklichen Verbrechen am Ende des Zweiten Weltkrieges hat. Gleichzeitig drängen DDR-Flüchtlinge von Ungarn her an die Grenzen, ein vergessener jüdischer Friedhof soll wieder hergerichtet werden, und auf einer Wiese wird ein Skelett gefunden, das die Pläne einiger weniger durchkreuzt, sich mit dem Wasserwirtschaftsverband zu verbandeln. Oder eben auch nicht.

Etwa ab der Mitte des Buches habe ich auf Grund der vielen Namen, Schauplätzen und Querverweisen den Faden verloren und bin sozusagen "blind" durch die Geschichte gesegelt. Ab und an war das etwas störend, weil ich immer das Gefühl hatte, hier wird gerade etwas aufgeklärt und/oder entwirrt, und ich begreife es nicht. Und so war es wohl auch oft. Bei der Stange gehalten hat mich der wunderschöne Schreibstil von Eva Menasse, den fand ich stellenweise herrlich! Auch ihre genaue Beschreibung der Menschen, der Stimmung und der Landschaft ist sehr beeindruckend.
Deshalb habe ich dieses Buch sehr gerne gelesen, auch wenn sich viele Fragen zum Schluss für mich zumindest dann doch nicht geklärt haben. Vielleicht müsste ich es nocheinmal lesen, aber dafür habe ich zu viele Bücher hier herumliegen, die ebenfalls gelesen werden möchten.
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