Langsam entsteht ein »Aiki–Mira–Kosmos«: Einige von Aikis Kurzgeschichten spielen in dieser Welt und nach »Neongrau« jetzt auch der neue Roman »Neurobiest«. War der Schauplatz bei »Neongrau« die von der Klimakatastrophe veränderte Stadt Hamburg im Jahre 2112, so ist es nun unter anderem das Berlin des Jahres 2100. Ein verbindendes Element dabei ist das »Neurosubstrat« aus »Neongrau«, um dessen Entstehungsgeschichte es hier unter anderem geht.
Dafür erzählt Mira die Geschichte eines Experiments, das synthetisches Leben in einer von der Klimakrise gezeichneten Welt erschaffen soll. Es wird erzählt von Menschen, die verändert werden und ihr Bewusstsein mit anderen Menschen und auch mit Tieren teilen können. Dabei werden Grenzen überschritten, es verwischt sich, wo Körper anfangen und aufhören. Durch Symbiose entsteht etwas Neues und wir kommen zur Erkenntnis: »Erst durch die Augen einer anderen Spezies können wir sehen, wer wir wirklich sind«.
Der Roman hat zwei zeitlich und räumlich versetzte Handlungsebenen, die gegen Ende geschickt verknüpft werden. Die erste Ebene spielt im Berlin des Jahres 2100. Auf »Dach TN7«, also auf dem Dach eines Hochhauses, lebt dort Aruke seit etwa fünf Jahren in einer Gemeinschaft, die sich die »Unerschütterlichen« nennt. Dieses Berlin ist ein faszinierender Ort mit Flugrollern und Ziergiraffen. »Wiesen wachsen entlang polierter Häuserfassaden, Nutzpflanzen sprießen auf Balkonen, ganze Wälder erheben sich von Flachdächern.« Es gibt große Partys – »Kalypse« genannt – und über ihr Headset sind die Menschen immer ein wenig in virtuellen Welten: »Wir leben in einer übernatürlichen Welt. Dauernd sind wir umgeben von Geistern. Niemand ist vollkommen da, alle sind dauernd woanders«. Das größte Kompliment, das ein Mensch über die natürliche Welt machen kann ist: »Das kommt virtueller Realität ziemlich nahe«.
Aruke hat einen seltsamen Körper, mit dem auch seltsame Dinge geschehen. Sie denkt manchmal, halb Mensch und halb Tier zu sein. Dies hängt mit den Eiern zusammen, die aus ihr hervorspringen, denn »Welches Lebewesen auch immer die Eier nach ihr verschluckt, wird zu einem Teil von Arukes Bewusstsein«. Die Handlungsebene enthält viele Details und faszinierende Schilderungen des neuen Berlin und erklärt dabei das Beziehungsgeflecht der Figuren. Darunter ist auch Riva Lux, eine »Mega Celebrity«, die ihr Bewusstsein mit Tieren teilt und unter Solastalgie leidet – einem von der Klimakrise verursachten Verlustgefühl. Es entsteht, wenn jemand die Veränderung oder Zerstörung der eigenen Heimat bzw. des eigenen Lebensraums direkt miterlebt. Rivas Vergangenheit ist mit Arukes verbunden und gemeinsam entdecken sie etwas, das die Zukunft prägen wird…
Die andere Ebene spielt zehn Jahre früher im ehemaligen Amazonasgebiet. Es wird früh klar, dass hier teilweise die gleichen Figuren vorkommen wie in Berlin, allerdings unter anderen Namen. Die junge Prima kommt mit ihrer Mutter Helen und deren Ehefrau Vera ins sogenannte »SynBiom«. Dies ist ein synthetisches Biom, also ein riesiges Ökosystem aus biosynthetischen Zellen. Helen will dort bei Dr. Cabral arbeiten, der Leiterin der Forschungsstation. Prima trifft auf das Mädchen Tanun, die das Ergebnis eines Experiments ist und deren Existenz von den Erwachsenen bestritten wird. Prima hat große Probleme mit ihrer Mutter, mit ihrer Stiefmutter und auch mit Dr. Cabral, die unangenehm und skrupellos ist und andere Menschen als Versuchsobjekte missbraucht. Prima und Tanun entwickeln eine besondere Beziehung: »Sie halten sich an den Händen und atmen den Wald und müssen nichts mehr sagen. Sie lauschen. […] Wenn sie sich lang genug an den Händen halten, kann sie ihre Hand nicht mehr von Tanuns unterscheiden, kann die eigene Haut nicht mehr spüren – die Grenze, wo Körper anfangen und aufhören.« Im SynBiom entsteht etwas Besonderes… und dann kommt es zur Katastrophe.
Besonders im letzten Drittel hat mir der Roman sehr gut gefallen. Hier finden sich auch viele sehr gut geschriebene Stellen, die Wechsel zwischen den Handlungsebenen werden immer schneller und schließlich werden beide Ebenen großartig verknüpft.
Das Buch endet mit Ausblicken in eine utopische postanthropozäne Zukunft: »Zusammen sind sie der schönste Anblick auf dieser Welt. Das Heute und das Morgen, die ungehindert davonziehen«.
Und so endet, was als Climate Fiction begann, als positiver Solarpunk.