Das Buch ist nur bedingt mit dem Tolstois zu vergleichen. Es hat dieselbe Thematik und den selben Titel, spielt aber im 20sten Jahrhundert. Die Gespräche zwischen van Vlooten und dem jungen Zuhörer erstrecken sich nicht auf die Zeitdauer einer Zugfahrt, sondern über mehrere Jahre. Sie treffen sich immer mal wieder auf einem Flughafen und benützen aus beruflichen Gründen dieselbe Maschine. Der Ich-Erzähler erzählt van Vlootens Geschichte.
Auch hier geht es um eine Liebe, eine Ehe, die in Eifersucht endet. Aber die Hauptperson "van Vlooten" ist nicht mit P. zu vergleichen, finde ich. Van Vlooten hat eine ganz andere Geschichte, als er Suzanna Flier begegnet. Er ist blind, weil er sich wegen einer unerfüllten Liebe selbst umbringen wollte, dies allerdings misslang, er gerettet wurde und lebenslange Blindheit zurückbehält.
Der Charakter van Vlootens ist meines Erachtens auch ein anderer, er wirkt trotz der negativen Beschreibungen auf mich sympathischer. Wirkt P. doch sehr grobschlächtig, brutal, kantig und egoistisch, so ist van Vlooten trotz allem eher feinfühlig, gebildet, schöngeistig und eher bemitleidenswert.
Stellenweise wirkt seine beschriebene Bosheit und "Brutalität" auf mich sehr aufgesetzt. Es passt nicht zu ihm und der Situation, in der sie stattfindet. Seine Stimme scheint trotz allem eher milde.
Man merkt auch, dass das Buch von einer Frau geschrieben wurde. Das Frauenbild ist weitaus sicherer, selbständiger, selbstbewusster und weniger hilflos, als das Tolstois. Die Beschreibungen darüber, wie die Frauen die Männer betören oder im Griff haben, hören sich hier weitaus weniger negativ an.
Das Buch ist auch nicht so extrem aufgebaut. Es gibt nicht nur schwarz und weiß, sondern auch Überlegungen, die ein Grau zulassen könnten. Es handelt sich auch nicht um einen Monolog van Vlootens (im Vergleich zu den Monologen P.). Hier ist alles aus der Sicht des Mitreisenden erzählt, der sehr viel aus seiner Sicht beiträgt und einfließen lässt.
Leider kann ich nicht so ins Detail gehen, ohne Spoiler zu produzieren. Aber mit diesem Buch konnte ich „mehr anfangen“, weil es vielleicht einerseits neuere, gemeint sind modernere Gedanken zum Ausdruck bringt, die nicht so absolut und extrem sind und die Hauptperson und alle anderen Figuren zugänglicher für mich sind, aber….
Andererseits zeigte mir dieses Buch aber auch, wie „genial“ Tolstoi geschrieben hat. Er hat es mit seiner Sprache und Darstellung viel besser geschafft, die Menschen, wie auch uns, dazu zu bewegen Stellung zu beziehen. Dabei soll es erst mal egal sein, welche Art dieser Stellungsbezug ist. Moor schafft das mit ihrem Buch nicht. Zumindest nicht bei mir. So paradox es klingt: Tolstois Kreutzersonate fand ich ausdrucksstärker. Wie ich oben bereits meinen Eindruck bezüglich des „russischen Volkes“ beschrieb, passt die Art und Weise w i e Tolstoi seine Geschichte aufbaut und wiedergibt sehr gut dazu. Ein weichherziger und bemitleidenswerter P. wäre irgendwie lächerlich in dieser Geschichte. Dabei spreche ich allerdings bewusst nicht von dem, w a s er schreibt. Ich glaube darüber haben wir auch schon genug gesprochen.
Moors Kreutzersonate liest man, denkt noch ein wenig daran und das war es. Tolstoi dagegen, wird mir und ich schätze allen, die das Buch hier gelesen haben in der einen oder anderen Form immer irgendwie im Gedächtnis bleiben. Moors Schreibstil wirkt auf mich oberflächlicher und weniger emotional. War es laut Klappentext scheinbar auch beabsichtigt „distanziert“ zu schreiben, so finde ich es bei dieser Thematik nicht so angebracht.