Aufgewachsen in einer ADHS-geprägten Kindheit (und hier rede ich nicht von meiner Diagnose) bin ich immer schon auf der Suche gewesen, wie sich das anfühlen muss. Doch ich habe mich nie ganz getraut, mich intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen, wahrscheinlich weil es doch viel Leid erzeugt hat. Klar habe ich mich reingelesen, was es konkret heißt, was die Symptome sind und wie man damit umgeht. Doch meine Bezugsperson wollte bzw. konnte nicht direkt darüber reden - was ich auch akzeptiert habe. So ist es dazu gekommen, dass ADHS immer präsent in meinem Leben gewesen ist und gleichzeitig irgendwie auch nicht. Vor kurzem - und das ist wahrscheinlich auch Social Media geschuldet - hat ADHS nochmal einen ganz anderen Stellenwert in meinem Leben eingenommen. Der Zeitpunkt, mich detailliert und exzessiv mit der Thematik auseinanderzusetzen, ist gekommen. Man kann schon fast sagen, mein Hyperfokus wurde aktiviert. Umso dankbarer bin ich, auf Angelinas Buch gestoßen zu sein, denn es liefert einen vielfältigen und wirklich aufschlussreichen Blick!
Das Buch von Angelina Boerger (bekannt von ihrem Instagram-Kanal @kirmesimkopf) beleuchtet von allen Seiten das Thema ADHS. Über das erste Aufkommen des Begriffs bis hin zur Symptomatik und eigener Erfahrung - es bietet einen umfangreichen Austausch über diese Thematik. Die Anlaufstelle für Quellen ist hierbei nicht nur Fachliteratur, sondern auch Statements sowie Anekdoten von ADHSler*innen sowie Angelina selbst. Die meisten fachlichen Erklärungen werden auch mit anschaulichen Beispielen unterstrichen, sodass es keine trockene Lektüre ist - im Gegenteil, trotz Sachbuch habe ich das Buch in einem Zug weggelesen.
Zitate werde ich ausnahmsweise keine wiedergeben, denn ich habe beinahe das gesamte Buch unterstrichen. Lest es selbst und ihr werdet mich in diesem Punkt gut verstehen.
Ja, umso mehr ich mich mit ADHS befasse, desto eher sehe ich mich darin. Und bin mir sicher: In meiner Kindheit war vieles verdreht, das Buch erklärt aber auch exakt warum. Warum vor über 25 Jahren ein paar Symptome als ADHS eingestuft worden sind, ohne zu überlegen, ob etwas Anderes dahinterstecken könnte. Und warum andere Symptome hingegen ignoriert worden sind. Warum ich mich einerseits gefragt habe, wie sich das anfühlt und andererseits dachte: eigentlich weiß ich das ganz genau. Nein, ich möchte mich selbst nicht diagnostizieren (oder wen anderen), aber das Buch bekräftigt mich in dem, was ich mir denke und den nächsten Schritt zu wagen: Zu einer professionellen Anlaufstelle zu gehen und meine Vermutungen zu äußern. Das ist schon vor diesem Buch mein Jahresziel 2023 gewesen und Angelinas Buch hat mich dazu motiviert, endlich die dafür ausstehende Mail abzuschicken (Danke an dieser Stelle für den ausführlichen Bericht darüber, wie es sich anfühlt, eine solche E-Mail zu verfassen! Mit jener Beschreibung habe ich mich - wie mit so viel in diesem Buch - eindeutig identifizieren können).
“Kirmes im Kopf” hat mir das Gefühl gegeben, endlich verstanden zu werden! In nur wenigen Sachbüchern habe ich so viele Seiten markiert mit dicken, fetten JAAA’s! und THAT’S SO ME!’s daneben. Selten habe ich so viele Zitate meinem Freund geschickt und gesagt: “Schau, so meine ich das!” oder “Endlich versteht mich jemand”. Ja, ich fühle mich endlich verstanden! Und nicht nur das: Unzählige Male habe ich WÄHREND des Lesens dieser Lektüre Dinge getan, die in diesem Buch als typisches ADHS-Merkmal beschrieben werden. Was mich und meine Buddy-Read-Partnerin zum Schmunzeln gebracht hat, denn wir haben beide gemerkt, dass wir manches in der Minute, in der wir darüber lesen, ausüben. Beziehungsweise eben viele Situationen aus unserem alltäglichen Leben kennen. Der Austausch mit meinem Buddy hat noch einmal sehr geholfen, das Buch wirklich zu verarbeiten und noch einmal eine anderen Eindruck davon zu erhalten (wobei es uns doch oft gleich ging). Tatsächlich traue ich mich sogar zu behaupten, dass uns das Buch gleichermaßen gefesselt und seinen Dienst erfüllt hat: Sich mit dem Thema detailliert auseinanderzusetzen.
Ich brauche noch nicht einmal die Diagnose ADHS (bzw. kann es sich natürlich auch als falsch herausstellen), denn mir reicht es zu wissen, dass ich mit meinen Gefühlen und meinem Empfinden nicht alleine bin. Dass es anderen Menschen genauso geht wie mir und dass ich auch nicht verstecken muss, wer oder wie ich bin. An dieser Stelle muss ich sagen, dass ich froh bin über solche “Trends”, denn es nimmt einem das Gefühl, dass etwas falsch mit einem sei und sie brechen Stigmen auf. Wobei natürlich die negativen Seiten nicht außer Acht gelassen werden können, wie beispielsweise Selbstdiagnostik und einhergehende Selbsttherapie.
Gerade jetzt ist es wichtig, das Psycholog*innen das nicht als Modetrend hinnehmen, sondern Vermutungen ernsthaft nachgehen bzw. ggf. ausreichend und aufklärend widerlegen können.
Über die Aufklärungsarbeit von Angelina bin ich unendlich dankbar, denn ich musste (und muss teils immer noch) mein lebenlang zusehen, wie ADHS geprägt von Vorurteilen ist. Es bedeutet nicht, dass du ein hyperaktiver Zappelphilipp (oder Zappelphilippa) bist. Es steckt so viel mehr dahinter. Und ich bin mir sicher, dass sich viele - auch ohne der Diagnose ADHS - in einigen Symptomen wiedererkennen. Das ist auch wichtig, um Menschen nicht auszugrenzen, sondern sie zu verstehen.
Das Buch ist eine große Empfehlung für all jene, die sich mit ADHS näher auseinandersetzen wollen. Sei es, weil sie selbst ADHS haben, jemanden kennen oder sich einfach informieren möchten. Meine Empfehlung ist es, es innerhalb eines Buddy-Read zu lesen! Das hilft, die Eindrücke zu verarbeiten und sich gleich darüber austauschen zu können. Zumindest hat es mir stark geholfen (Danke, Buddy!).
Es mag vielleicht mein erstes Buch zu diesem Thema sein, aber ich traue mich zu behaupten, dass es hier an nichts fehlt. Vor allem die Inklusion von weiblicher (Erwachsenen-)ADHS ist ein ausschlaggebender und wichtiger Punkt dieses Buches. Denn schätzungsweise 4,5% aller Erwachsenen hat ADHS, die Hälfte davon (noch) nicht diagnostiziert. Unerkannt und unbehandelt kann es - muss es aber nicht - zu Einschränkungen und Problemen im Leben führen. Mit der richtigen Diagnose kann dagegen gesteuert werden. Und ich persönlich denke, dass eine Einordnung und Diagnose vielen Menschen weiterhelfen wird, im positiven Sinn.
Danke auch an Netgalley und Kiepenheuer & Witsch für die Bereitstellung eines kostenlosen digitalen Exemplars im Gegenzug zu einer ehrlichen Rezension! Ich denke, viel ehrlicher hätte ich sie nicht verfassen können. Das Buch ist umgehend als physisches Exemplar bestellt worden und bekommt auf jeden Fall einen guten Platz in meinem Regal. Außerdem werde ich es jeder*m in meinem Umfeld als Pflichtlektüre in die Hand drücken!