Nicht, dass ihn das Flüchtlingsschicksal seiner Eltern bis jetzt sonderlich interessiert hätte. Das Wühlen im Gestern, das Hegen zarter Familienbande, zählt nicht zu seinen Lieblingsfächern. Andere, eigene Sorgen sind es, die Stephan an den Vater denken lassen. Den Akademischen Rat mit dem beziehungsreichen Fachbereich „Deutsch als Fremdsprache“ plagen diffuse Herzbeschwerden. Sein zweiundfünfzigster Geburtstag nähert sich und der Vater war mit vierundfünfzig an einem Herzinfarkt verstorben. Das Gefühl der eigenen Endlichkeit umfängt den Sohn. Stephan beginnt, die tief verborgenen Wurzeln namens Herkunft zu spüren, die ihn zu erreichen suchen. Treichels Erfolgsroman Der Verlorene kreiste bereits um die Frage nach dem vermissten Bruder, den die Eltern auf ihrer Flucht im Januar 1945 im Osten als kleines Kind zurücklassen mussten. Als Fortsetzung dieser „Erinnerungsarbeit“ (ein Begriff, den Stephan vermutlich verabscheuen würde), schuf Treichel nun eine Variation desselben Themas. In einem geschickten Rollentausch lässt er dabei seinen Protagonisten als Autor des eigenen Werkes auftreten. Schon damals konnte Stephan nach einem Leseabend den aufdringlichen Wilhelm, der sich partout als der vermisste Bruder fühlte, kaum mehr loswerden. Damals bekam Stephan eine Ahnung, wie lastvoll Vergangenheit werden konnte. Dass sein Vorschlag, eine einjährige Familienauszeit, von den Töchtern und Helen, einer erfolgreichen Psychoanalytikerin, die auch zu Hause den streng milden Therapeutenton pflegt, regelrecht begeistert aufgenommen wird, irritiert den Ich-schwachen Stephan nicht wenig. „Selbstfindung“ lautet das Stichwort, ausgerechnet für ihn, den Verweigerer allen gängigen Psycho-Vokabulars. Auf seinem Trip nach Ägypten ("sechzig Seiten TUI-Prosa in einem Flüchtlingsdrama", höhnte der Rezensent der Süddeutschen ), findet Stephan Läuterung in der Affäre mit einer älteren Archäologin. Nachhause zurückgekehrt, beginnt er, dem Geflecht seiner Familiengeschichte ins Wurzelwerk zu leuchten. Als ihm schließlich aber die Geister, die er rief, gegenüberstehen, empfindet Stephan nichts als -- Ernüchterung! Sich von den Fesseln der Vergangenheit lösen zu können, dazu bedarf es des Menschenflugs. Während sich die allermeisten Amazon-Leser durch dieses Stück Vergangenheitsbewältigung mehr als bereichert fühlten, reagierte die professionelle Kritikerkaste fast durchweg ablehnend. "Satt und lächerlich überkonstruiert", "matt und leidenschaftslos", ein „Midlife-Crisis-Roman“, so lauteten die Kommentare. Wie froh man für einen Moment ist, kein Profi zu sein. --Ravi Unger
Hans-Ulrich Treichel has quickly developed a literary reputation in Germany for writing which is readable, humorous and yet challenging. He enjoyed huge popular and critical success with the publication of his first major prose work, Der Verlorene (translated into English as Lost), in 1998. This work is a poignant re-working of an experience through which Treichel’s own family went towards the end of the Second World War. Since Der Verlorene his career has developed through a series of prose works and novels which combine an acute sense of time and place with appealing comic irony (Tristanakkord, Der irdische Amor, Heimatkunde, among others). It was as a poet that he first began to write, however, and his anthologies of poetry have enjoyed renewed success as a result of his rise to fame as one of Germany’s leading prose writers. Hans-Ulrich Treichel is also an academic and has published widely on German literature of the modern period. He is currently director of the Deutsche Literaturinstitut in Leipzig.
3-4 Sterne dies war das erste Buch von Hans-Ulrich Treichel welches ich las, vom Schreibstil her war es sicher auch nicht das letzte. Auch das Thema fand ich grundsätzlich Interesant, nur von der Umsätzung hätte ich mir vielleicht ein wenig mehr erhofft.