“Nein, es gibt für den Großteil der Menschen keine gute Lohnarbeit, weil sie dabei ihre Autonomie und ihre Würde verlieren und nicht frei über ihren eigenen Körper verfügen können.”
Ich stimme vielen Gedanken, Tatsachen und Lösungsansätzen zum Thema Anti-Arbeit in Potenziell furchtbare Tage zu. Als armutsbetroffene Frau, die gerade um die Anerkennung ihrer Arbeitsunfähigkeit kämpft und fast am Dasein im Niedriglohnsektor zerbrochen wäre, beschäftige ich mich schon länger damit.
Leider ist dieses Buch aber auch voll von unnötigen, langweiligen Anekdoten. Die Autorin schreibt als unzufriedene Akademikerin, die von einem Luxusjob in den nächsten schlittert, oft von zuhause aus arbeiten, sich ihre Zeit frei einteilen und schreiben kann… und als alle Stricke reißen, studiert sie eben wieder. Immerhin (und da ist sie vielen Kolleginnen voraus) sieht sie ein, dass die meisten Menschen einen anderen Arbeitsalltag haben.
Sie wirkt leider dennoch maximal unsympathisch und ich frage mich, was dieser ganze “ich lasse alles raus, bin schonungslos ehrlich, beschönige nichts, mache mich nackig” Quatsch soll. Er hilft nicht, trägt nichts zur Debatte bei, sondern schadet sogar noch der Sache, weil sie wirklich jedes Klischee einer gelangweilten und völlig unreflektierten Akademikerin/Autorin erfüllt.
Ich will mehr Fakten, Forschung und Lösungen, dafür weniger immer gleiche Anekdoten von toxischen Großstadt-Frauen. Jedes Symptom von Erkrankungen der Autorin, ihre Gefühle zur Schwangerschaft, ihr Meltdown im Yogastudio, eine endende Freundschaft, ihre Aversion gegen saubere Recherche und das Akzeptieren von Grenzen… Nichts davon interessiert mich, weil es auserzählt ist.
Ich bin dafür, dass Akademis jetzt erstmal die Klappe halten, bis wir genauso viele Bücher mit Anekdoten von Menschen im Niedriglohnsektor und in Arbeitslosigkeit haben.
Und was hatte es eigentlich mit dem Vorwort und dieser ekligen Pick-up-Artist-mäßigen Mischung aus Komplimenten und Sticheleien gegen Teresa Bücker und ihr Buch (Alle_Zeit) auf sich?
Trotz meiner Kritik: Es gibt sehr, sehr gute Passagen, die ganz viele Menschen lesen sollten. Ist eben nicht immer alles so einfach oder schwarz und weiß.
“Nämlich, dass es keine einfache Heilung psychischer Störungen und Erkrankungen in einem Leistungssystem gibt, das uns psychisch krank macht.”
Gutes Cover, toller Titel, schönes Design. Meistens kurze Abschnitte, grundsätzlich zugänglich und ehrlich geschrieben. Thematisch dem Zeitgeist entsprechend, aber da ich schon einige Sachbücher mit ähnlicher Thematik gelesen habe, teilweise für mich wiederholend (gecancelt im Yogastudio; Erbschaften; The Great Resignation; Menstrual Leave; 4-Tage-Woche etc.). Die Teilabschnitte ‘Dysphoria County’, ‘Your therapist can’t end capitalism’, ‘Mein Zyklus ist nicht meine Superpower’, ‘Du, bitte wein leise’, ‘Aliens’ und ‘Intimacy’ haben mir sehr gefallen. Hier habe ich das erste Mal die Verletzlichkeit ehrlich gespürt. Ich mag, dass Jankovska andere Medien erwähnt, die sie auch u.a. konsumiert hat und diese mit einbringt. Auch gefällt mir gut, dass das Buch nicht hyperfokussiert ist, sondern etwas sprunghafter als sonst bei Sachbüchern, wie man halt wirklich denkt u.a. mit assoziativen oder gefühlten Zusammenhängen, die hier auch aufgenommen werden anstatt sich nur thematisch strukturiert abzuarbeiten. Leider hat Jankovska für mich nicht immer den richtigen Ton getroffen. Einige ihrer Formulierungen können sehr resolut und streng sein. Auch der Aufbau des Buches hätte mir anders besser gefallen. Die Struktur nach den drei Untertiteln des Buches (Menstrual Health; Anti-Work; das gute Leben) hätte für mich mehr Sinn ergeben als nach Gefühlen (Wut; Scham, Schmerz, Hoffnung etc.) und das FAQ zu PMDS hätte ich nach vorne gepackt.
Dank Netgalley und dem Verlag hatte ich die Möglichkeit, dieses E-Book zu lesen – und es hat definitiv einige Denkanstöße geliefert.
Bereits der Titel führte bei mir und anderen zu einem kleinen Lesefehler: Immer wieder lasen wir potenziell "fruchtbare" Tage statt "furchtbare" Tage. Ironischerweise passt das aber in gewisser Weise auch zum Thema, da das Buch sich intensiv mit Menstrual Health und dem Aussteigen aus der Lohnarbeitswelt beschäftigt.
Besonders wohltuend empfand ich die Kritik an der Leistungsgesellschaft. Endlich spricht jemand aus, wie wenig Raum Trauer, körperliche und psychische Belastungen oder schlichtweg menschliche Bedürfnisse in der modernen Arbeitswelt haben. Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Hinweis auf die Umweltbelastung, die durch unser Arbeiten als kleine Rädchen im kapitalistischen System entsteht. Diese Perspektiven haben mir besonders gefallen, da sie verdeutlichen, dass es nicht nur um individuelle Erschöpfung, sondern um eine systemische Problematik geht.
Allerdings hatte ich stellenweise Schwierigkeiten, mit der Autorin warm zu werden. Ihre persönlichen Erfahrungen wirkten auf mich nicht immer greifbar oder nachvollziehbar. Gerade im Bereich Menstrual Health hätte ich mir etwas mehr inhaltliche Tiefe gewünscht. Die Abschnitte zu PMDS und die Kritik an der Verallgemeinerung von Zyklusphasen waren interessant, aber insgesamt hätte das Thema noch ausführlicher behandelt werden können.
Ein weiterer Wermutstropfen ist die geografische Begrenzung der Analyse. Während die Perspektiven aus Deutschland und Österreich ausführlich beleuchtet werden, fehlt eine Auseinandersetzung mit der Situation in der Schweiz. Das ist schade, denn wenn schon mehrere deutschsprachige Länder beleuchten, dann doch gerne gleich DACH.
Trotzdem: Wer sich für eine fundierte Kritik an unserem heutigen Arbeitsmodell interessiert und sich von der feministischen Anti-Work-Bewegung inspirieren lassen möchte, findet hier viele spannende Impulse. Das Buch bietet eine Mischung aus persönlichen Anekdoten und strukturellen Analysen – und auch wenn mir nicht alles zugesagt hat, bleibt es ein wichtiges und lesenswertes Werk.
Es muss sich etwas ändern an unserer Arbeitswelt, schreibt Journalistin und Autorin Bianca Jankovska in ihrem Buch „Potenziell furchtbare Tage“. Acht Jahre lang musste sie sich mit der Diagnose Prämenstruelle Dysphorische Störung (PMDS) durch ein Arbeitsleben quälen, das auf ihre persönliche Situation keine Rücksicht nahm. Emotionale Zusammenbrüche und Jobwechsel folgten aufeinander, bis sie bewusst aus den Zwängen der Leistungsgesellschaft ausstieg und einige Monate in Schweden verbrachte.
In insgesamt 5 thematischen Kapiteln, einem Vorwort sowie einem Intro und Outro setzt sich Bianca Jankovska mit unserer Arbeitswelt auseinander, analysiert die Ist-Situation und stellt Überlegungen an, wie es auch anders gehen könnte. Dabei geht sie stets sehr persönlich von sich selbst aus und gibt Einblicke in ihr eigenes (Gefühls-)Leben. Es geht um Ideen wie die 4-Tage-Woche, Menstruationsurlaub und generell das Thema Anti-Work, also den Gedanken, sich von Arbeitszwängen zu lösen ein gesünderes Verhältnis zur Arbeit zu finden.
Eines vorab: Ich bin grundsätzlich mit vielem einverstanden, was Bianca Jankovska vorbringt. Andere europäische Länder machen beispielsweise vor, dass sich die Leistungsfähigkeit sogar steigern lässt, wenn bei gleicher Bezahlung auf eine 4-Tage-Woche umgestellt wird. Was mir bei der Autorin jedoch fehlt, ist eine Vorstellung davon, wie das in bestimmten Bereichen ablaufen soll. Es mag in einem klassischen Büro einfach sein, auf ein solches Modell zu wechseln oder sich als Individuum einfach mal ein paar Menstrual oder Mental Health-Tage zu nehmen. Wie sieht das aber in prekären Arbeitsverhältnissen aus? Oder in Jobs, bei denen tägliche geplante Anwesenheit essentiell ist? Wer betreut dann unsere Kinder, versorgt uns medizinisch oder räumt unseren Müll weg?
Die Autorin schreibt es am Ende des Buches selbst: sie ist privilegiert. Und das wird auch deutlich, wenn man ihre Lösungsvorschläge sieht: einfach mal ein paar Monate ins Ausland oder sich ein „böses“ Unternehmen suchen, um dieses dann finanziell auszunutzen, ohne richtig zu arbeiten. Schade, hier hatte ich mir mehr erwartet.