Ich hab mich an sehr vielen Stellen sprachlos wiedererkannt und ja, auch meine Sprachlosigkeit gegenüber meiner eigenen "Unterklassigkeit"! Einiges hat mich tief berührt, bis zu Schmerz und Tränen. Manchmal fühlte es sich an, als läse ich die Worte eines Bruders, den ich nie hatte und nach dem ich mich umsomehr sehne, je älter und reflektierter ich werde. Es gab Impulse, Olivier sofort zu schreiben (vielleicht werde ich das auch noch...).
Ein verdammt wichtiges Buch genau zur richtigen Zeit, immer um hohen Reflexionsgrad bemüht. Auch da, wo es um die überbordenden, die unmittelbaren, die unangenehm schmerzhaften Gefühlslagen geht. Die kritische Hereinnahme der Kolleg*Innen und ihrer Werke, die sich verwandten Sujets (was ein absurdes Wort in dem Zusammenhang) widmen, halte ich für eine sehr gute (und auch notwendige) Idee. Sicher, es gab auch Widerspruch gegenüber der ein oder anderen "Thesenführung" (bzw. gegenüber der für Olivier sich daraus ergebenden "Conclusio"). Aber genau dieses tiefe Empfinden von Zuspruch, Widerspruch, Diskussionslust macht den Mehrwert dieses Buches aus und steht für einen überaus gelungenen Text, der, im Kontext einer selbstwirksam werdenden Selbstermächtigung, Diskurse der Freiheit und Gerechtigkeit befeuern will, statt sich lediglich in selbstmitleidigen Lamenti und billiger Schuldzuweisung pädagogisierend zu ergehen.
© Andreas Richartz for phenomenon_productions 11/2024