hab’s im urlaub zusammen mit einer freundin gelesen und viel geweint, weil ich mich viel wiederentdeckt hab in den beschreibungen des autors. trostlos und gleichzeitig tröstlich.
„Es braucht einen gemeinsamen Nenner, der nicht den Herrschenden dient. Einen, der die Verantwortung für Ungerechtigkeiten nicht auf Individuen verschiebt oder entpolitisierte Lösungen vorschlägt. Einen, der erlaubt, dass unterschiedliche Ausgrenzungserfahrungen unterschiedlich bekämpft werden müssen, und der trotzdem ein Wir konstituiert, das nicht in Singularitäten zerfällt, die politisch leicht gegeneinander auszuspielen sind.“ (Seite 82)
Olivier David liefert mit „von der namenlosen Menge“ einen sehr privaten, essayistischen Text über Klassismus, Herkunft und Ausschluss. Er erzählt persönlich und messerscharf von seinen Beobachtungen und Erfahrungen über sein Aufwachsen in der Unterschicht. Besonders berührt hat mich seine Analyse über seinen Vater Michel.
David zeigt auf, wie tief sich soziale Herkunft in Körper und Biografie einschreibt und wie wenig Platz dafür im gesellschaftlichen Diskurs ist. Auch fand ich schön, im Buch Referenzen von Didier Eribon, Edouard Louis und Annie Ernaux zu finden.
Der Text ist kompakt, wichtig und lesenswert. Einmal mehr muss ich einsehen, wie wichtig es ist, Klassenzugehörigkeiten- und Standpunkte mitzudenken, wenn wir wirklich über Gerechtigkeit sprechen wollen.
"Das sind nur die unmittelbar körperlichen Folgen von Klassenzugehörigkeit für die Körper meiner Leute. [...] ob der arme Körper im Straßenbau [...] oder an der Supermarktkasse arbeitet [...] Die Erfahrung, dass sich das Leben und die Arbeit gegen den eigenen Körper richtet, und die daraus resultierende Ohnmacht kompensieren manche, indem sie das erfahrene Leid durch ein eigens zugeführtes Leid überschreiben. Das gibt ihnen die Chance, sich als handelndes Subjekt zu begreifen."
"Es reicht ein Funke eines Verdachts, um sich in den Augen der Macht vom Subjekt mit Persönlichkeitsrechten zum beherrschten Objekt im öffentlichen Raum zu verwandeln"
"Und das war es, was wir machten, wenn wir unseren Namen oder den unserer Crew an die Wände malten. Wir versuchten die Deutungshoheit über unser Leben und über das Viertel, in dem es sich abspielte zu erlangen."
"Die entfremdete Weltanschauung (den Ausländern die Schuld geben) verdrängt den politischen Begriff (gegen die Herrschenden ankämpfen) - Didier Eribon"
"Nicht der Stein ist das Problem, die Verzweiflung ist es, in ihm ein Werkzeug der Gerechtigkeit zu sehen"
Ich hab mich an sehr vielen Stellen sprachlos wiedererkannt und ja, auch meine Sprachlosigkeit gegenüber meiner eigenen "Unterklassigkeit"! Einiges hat mich tief berührt, bis zu Schmerz und Tränen. Manchmal fühlte es sich an, als läse ich die Worte eines Bruders, den ich nie hatte und nach dem ich mich umsomehr sehne, je älter und reflektierter ich werde. Es gab Impulse, Olivier sofort zu schreiben (vielleicht werde ich das auch noch...).
Ein verdammt wichtiges Buch genau zur richtigen Zeit, immer um hohen Reflexionsgrad bemüht. Auch da, wo es um die überbordenden, die unmittelbaren, die unangenehm schmerzhaften Gefühlslagen geht. Die kritische Hereinnahme der Kolleg*Innen und ihrer Werke, die sich verwandten Sujets (was ein absurdes Wort in dem Zusammenhang) widmen, halte ich für eine sehr gute (und auch notwendige) Idee. Sicher, es gab auch Widerspruch gegenüber der ein oder anderen "Thesenführung" (bzw. gegenüber der für Olivier sich daraus ergebenden "Conclusio"). Aber genau dieses tiefe Empfinden von Zuspruch, Widerspruch, Diskussionslust macht den Mehrwert dieses Buches aus und steht für einen überaus gelungenen Text, der, im Kontext einer selbstwirksam werdenden Selbstermächtigung, Diskurse der Freiheit und Gerechtigkeit befeuern will, statt sich lediglich in selbstmitleidigen Lamenti und billiger Schuldzuweisung pädagogisierend zu ergehen.
Sehr nachvollziehbar geschrieben, nahbar und persönlich. Olivier David geht von seiner persönlichen Geschichte aus immer wieder auf die Metaebene. Ganz besonders spannend der Teil über funktionale/ dysfunktionale Literatur und einhergehende Verantwortung.