Valerie hat nicht die einfachste Beziehung zu ihrer Mutter. Am besten klappt es, wenn die beiden einander nur selten sehen. Doch eine Krebsdiagnose schafft neue Tatsachen - vom einen Tag auf den anderen muss Valerie für ihre Mutter da sein, ganz gleich, wie schwer ihr das fällt. Und sie bekommt es mit der Angst zu Was, wenn dies tatsächlich das Ende ist? Als zeitgleich Valeries Sohn beschließt, ein Schuljahr im Ausland zu verbringen, droht ihre Welt vollends aus den Fugen zu geraten.
»Ein kluger, vielschichtiger Roman, der traurig-schön davon erzählt, was Familie mit uns macht.« CAROLINE WAHL
Es beeindruckt mich immer wieder, wie talentiert Menschen sind und was sie für wunderschöne (Debüt)-Romane schreiben können. »Wir sitzen im Dickicht und weinen« ist ein Roman über das Mutter-sein. Es geht um starke Frauen, Traumata, Grenzen setzen und für sich einstehen. Dieses Buch hat einen wunderschön melancholischen Schreibstil. Es ist spannend, wie intensiv 200 Seiten sein können und wie die Geschichte dich voll und ganz mitnimmt.
Die Geschichte bekommt von mir 3,5/5🌟, weil ich manchmal extrem durcheinander gekommen bin mit mehreren Charakteren und ich so manche Zusammenhänge bis zum Schluss nicht verstanden habe. Dennoch eine Weiterempfehlung!💘
Für Valerie Steinberg ist es keine leichte Zeit: Bei ihrer Mutter Christina Kerner wird Krebs diagnostiziert. Obwohl ihre Beziehung zueinander nicht die beste ist, muss Valerie sich plötzlich um sie kümmern. Und ihr 16-jähriger Sohn Tobias will unbedingt ein Auslandsjahr in England verbringen und wird für ihren Geschmack zu früh flügge.
„Wir sitzen im Dickicht und weinen“ ist der Debütroman von Felicitas Prokopetz.
Meine Meinung: Aus 48 kurzen Kapiteln setzt sich der Roman zusammen. Erzählt wird im Präsens auf zwei Zeitebenen: einmal in der Gegenwart in personaler Perspektive, einmal in der Vergangenheit in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Valerie.
Den Schreibstil empfinde ich als gelungen. Die Kombination aus einer reduzierten, aber pointierten Syntax und starken Bildern ist beeindruckend. Dialektale Sätze werden in Fußnoten übersetzt. So wirkt die Sprache gleichermaßen authentisch und bleibt verständlich. Die eingefügten Trauerreden haben sich mir allerdings nicht erschlossen.
Vier Frauen stehen im Mittelpunkt der Geschichte: Valerie, ihre Mutter Christina und ihre Großmütter Martha und Charlotte. Die Figuren muten realitätsnah an und sind psychologisch gut ausgefeilt.
Dysfunktionale Verbindungen innerhalb einer Familie sind das vorherrschende Thema des Romans. Anschaulich zeigt die Geschichte auf, wie sich problematische Erziehungsmethoden und Verhaltensweisen über Generationen fortsetzen, wie sich Muster vererben, wie uns die Familie prägt und wie frühe Erfahrungen das weitere Leben stark beeinflussen. Durch den Fokus auf weibliche Figuren werden die Zusammenhänge noch deutlicher.
Schon nach wenigen Kapiteln hat mich die rund 200 Seiten umfassende Geschichte für sich eingenommen.
Das farbenfrohe Cover ist optisch ansprechend, inhaltlich aber nur schwer zu entschlüsseln. Der Titel ist reizvoll formuliert und weckt Aufmerksamkeit.
Mein Fazit: Mit ihrem ersten Roman konnte mich Felicitas Prokopetz überzeugen. „Wir sitzen im Dickicht und weinen“ ist eine empfehlenswerte Lektüre mit viel psychologischem Tiefgang.
»Wir sitzen im Dickicht und weinen« hätte eines dieser Bücher für mich werden können, das noch lange nach dem Lesen in mir nachhallt. Was war es stattdessen? Ein interessantes Buch, mit einigen klugen Gedanken, aber darüber hinaus nicht weiter "besonders" für mich.
Die Aussage "nicht weiter besonders" klingt etwas negativ, aber dabei meine ich damit nur, dass es mich persönlich nicht sehr bewegt hat. Ich habe keine Verbindung zur Erzählung aufbauen oder mich in die Charaktere hineinversetzen können und es wird, wie oben bereits angedeutet, nicht lange in mir nachhallen. Es geht um sensible, familiäre Themen und doch hat mir etwas gefehlt. Das kleine Etwas, was es für mich zu etwas Besonderem gemacht hätte. Große Verwirrung haben bei mir übrigens die ganzen Zeitsprünge und Namen ausgelöst... wer war jetzt die Oma von wem?
Trotzdem kann ich das Buch denjenigen empfehlen, die über Mutter-Tochter-Verhältnisse, toxische Beziehungen zu Eltern und den Ausbruch daraus lesen möchten 💭
Fazit: Kluge, spannende Gedanken, aber nicht zu 100% "mein Buch" gewesen
Wie beinflusst uns die Erziehung der Ur-und Großeltern. Wie beeinflussen wir wiederum das Leben unserer Kinder mit unserer Erziehnung. Wie weit ist man seinen Eltern gegenüber verpflichtet und wieviel Verpflichtung haben die eigenen Kinder uns gegenüber.
"Warum ist es so klar, dass eine Verwandschaft ersten Grades im Krankheitsfall alles aufwiegt? Warum verklärt der drohende Tod die Dinge so stark, fragt niemand danach, was bisher geschah, darf nicht mehr logisch gedacht werden? Ich habe dafür, eine Tochter meiner Mutter zu sein, einen hohen Preis gezahlt. Nicht ich schulde meiner Mama was, sondern sie mir."
Und im Gegenzug dazu der Vorwurf der ehemals überfoderten Mutter: "habe ich nicht mein Leben für dich geändert, dich genährt, gekleidet, dir vorgelesen, dich in heißen Fiebernächten gesund gepflegt, verdiene ich dafür nicht Annerkennung und ist es daher etwa zuviel verlangt, dass du dich jetzt mal um mich kümmerst."
Die Figurenzeichnung klar stukturiert und das Aufzeigen der Konflikte über Jahrzehnte und Generationen psychologisch gut dargestellt. Ich habe das Buch gestern in unserer Leserunde vorgestellt und weiterempfohlen. Für mich ein Jahreshighlight und ich hoffe, diesem grandiosen Debüt folgen noch weiter gute Romane der Autorin.
„Wir sitzen im Dickicht und weinen“ hätte eines dieser Bücher für mich werden können, das noch lange nachklingt. Stattdessen bleibt es für mich ein interessanter Roman mit klugen Gedanken – aber eben nicht mehr.
Obwohl der Roman sensible Themen wie Mutter-Tochter-Verhältnisse, familiäre Traumata und das Weiterwirken von Erziehungsmustern über Generationen hinweg aufgreift, hat mir beim Lesen etwas gefehlt. Das gewisse Etwas, das eine Geschichte für mich besonders macht. Ich konnte keine Verbindung zu den Figuren.
Dennoch bleibt viel Positives: Die Sprache ist durchdacht, die Themen relevant, und der Fokus auf weibliche Erfahrungen überzeugt in seiner Ernsthaftigkeit. Wer sich für komplexe familiäre Beziehungen, toxische Eltern-Kind-Dynamiken und den Versuch des persönlichen Ausbruchs interessiert, wird hier sicher fündig.
Ein Roman mit klarem Anliegen und sensibler Sprache – klug, aber emotional nicht ganz bei mir angekommen.
PS: Diesmal hat mich die Bringschuld der Tochter gegenüber der Mutter nicht gestört, da sie diese tatsächlich hinterfragt, auszubrechen versucht, diese thematisiert.
„Wir sitzen im Dickicht und weinen“ (german title) could have been one of those books that lingers with me long after reading. Instead, it remains an interesting novel with intelligent reflections – but nothing more than that. Although the novel tackles sensitive themes such as mother-daughter relationships, familial trauma, and the transgenerational transmission of behavioral patterns, something was missing for me while reading. That certain something that makes a story truly special in my eyes. I wasn’t able to connect with the characters. Still, there’s a lot to appreciate: the language is thoughtful, the topics are relevant, and the focus on female experiences is convincing in its sincerity. Those interested in complex family dynamics, toxic parent-child relationships, and the struggle to break free will certainly find something valuable here. A novel with a clear purpose and a sensitive tone – clever, but emotionally it didn’t quite reach me. P.S.: This time, I wasn’t bothered by the daughter’s sense of obligation toward her mother, because she actively questions it, tries to break free, and addresses it openly.
Valerie ist Ende 30, Journalistin, alleinerziehend. Sie hat eine sehr enge Bindung zu ihrem sechzehnjährigen Sohn Tobi, der gerne ein Auslandsjahr in England machen möchte. Doch Valerie fällt es schwer, loszulassen. Zeitgleich erkrankt ihre Mutter Christina an Krebs. Obwohl das Verhältnis der beiden angespannt ist, versucht Valerie Christina zu unterstützen. Auch Valeries Omas Martha und Charlotte und deren Lebensgeschichten werden beleuchtet.
„Wir sitzen im Dickicht und weinen“ ist ein Text voller schöner Sätze und mit berührendem Inhalt. Es geht um Prägungen, darüber, was wir von der Familie mitbekommen und was wir weitergeben. Der Fokus liegt klar auf der weiblichen Perspektive. Valerie, Christina, Martha, Charlotte – sie alle leben in einer patriarchalen Welt, sind mit den gesellschaftlichen Erwartungen konfrontiert und plagen sich damit.
Ich habe dieses Buch sehr gerne gelesen und konnte vieles nachempfinden. Es ist ein Buch, das zum Nachdenken über die eigene Lebensgeschichte anregt. Ich hatte das Glück, in meiner Kindheit noch viel Zeit mit meiner Urgroßmutter zu verbringen, die 100 Jahre alt wurde. Während dem Lesen musste ich immer wieder an sie, meine Omas, meine Mama denken. Wie haben sie mich beeinflusst und geprägt? Und was gebe ich wiederum an meine Tochter weiter?
Die Lebensgeschichten der einzelnen Frauen werden nur schlaglichtartig erzählt, daher bleiben einige Leerstellen. Das Buch hätte gern noch ein paar Seiten mehr haben können, um an manchen Stellen noch tiefer in ihre Erfahrungen einzutauchen.
„Ich lebe so gern“, sagt Mama in die Stille. Die Tränen, die ich den ganzen Tag zurückgehalten habe, drängen nach draußen. Ich greife nach Mamas Hand und lege sie zwischen meine Handflächen. Wir sitzen im Dickicht und weinen.“ [Prokopetz, 2024, S. 16]
Valerie befindet sich in einer sehr schwierigen Situation, die für viele wohl ein absolutes Horrorszenario darstellen würde: ihre Mutter Christina hat die Diagnose Krebs erhalten. Zusätzlich wünscht sich Valeries Sohn aktuell nichts mehr, als ein Auslandsjahr in England zu verbringen und damit seine Mutter allein zu Hause zu lassen. Zwischen Angst vor Einsamkeit, Angst vor Verlust und dem Gefühl, als Mutter versagt zu haben, mischt sich auch eine weitere Emotion: Wut. Christina und Valerie hatten keine einfache Vergangenheit und plötzlich ist es an Valerie, ihre Mutter zu umsorgen und für sie dazu sein.
Die Autorin hat auf wenigen Seiten eine Familiengeschichte aus unterschiedlichen Sichtweisen geschrieben. Schnell wird einem als Leser*in klar, dass die Mutter-Tochter-Beziehung nicht rosig ist, an manchen Stellen sogar toxisch anmuten lässt. Während Valerie vielleicht zu wenig Liebe erfuhr, erhält ihr 16-jähriger Sohn zu viel davon, wenn das überhaupt möglich ist. Teilweise auf Dialekt (mit entsprechender Übersetzung in den Fußnoten) taucht man in eine Geschichte voll Schmerz und Trauer ein, die dennoch schön erzählt wird. Besonders Valerie ist mir ans Herz gewachsen, ich konnte sehr mit ihr mitfühlen und habe ihre Entwicklung gerne miterlebt. Am Ende blieben meine Augen definitiv nicht trocken und ich werde noch öfter an diese Geschichte zurückdenken müssen. Sie lässt mich meine eigenen Familienbeziehungen reflektieren und besonders eins: schätzen.
„Manchmal hat man vor etwas Angst, aber die Angst verirrt sich, und plötzlich glaubt man, vor etwas anderem Angst zu haben, das in echt gar nicht gefährlich ist.“ [Prokopetz, 2024, S. 186]
Rezension zu "Wir sitzen im Dickicht und weinen" von Felicitas Prokopetz.
Aufgrund vieler vieler positiver Stimmen war ich sehr gespannt auf die Geschichte und bin mit hohen Erwartungen an das Buch gegangen. Zu Beginn konnte ich die Euphorie auch spüren und miterleben. Aber dies legte sich recht bald, für mich fühlte sich die Geschichte etwas zäh an. Vielleicht bin ich mit zu hohen Erwartungen an das Buch gegangen, aber meiner Meinung nach hätte man viel mehr aus der Thematik herausholen können. Die unterschiedlichen Generationen und Ansichten kamen gut rüber, mit manchen konnte ich mehr anfangen als mit anderen. Sie ziehen sich doch aber recht häufig und viel durchs gesamte Buch.
Von mir gibts nur eine bedingte Leseempfehlung. Den Schreibstil von Prokopetz fand ich super und werde sicherlich auch weitere Bücher der Autorin lesen.
Buchdetails: erschienen am 26.01.2024 im Eichborn-Verlag - gelesen als Hardcover - 208 Seiten - 22,00 €
Wow, was ein Buch! „Wir sitzen im Dickicht und Weinen“ ist definitiv ein Jahreshighlight für mich, weil ich so sehr mit der Protagonistin Valerie mitfühlen konnte. Der Roman von Felicitas Prokopetz beschäftigt sich mit schwierigen Mutter-Tochter-Beziehungen, Familienstruktur und transgenerativem Trauma. Es spielt in Österreich und in der Schweiz (Dialekte werden übrigens in Fußnoten auf Hochdeutsch übersetzt, was ich genial fand, weil so nichts verloren geht!).
Valerie’s Mutter ist narzisstisch. In ihren Augen hat sie alles dafür getan, dass Valerie gleichberechtig zu ihrer besten Freundin herangewachsen ist. Das Valerie in ihrer Kindheit beinahe jedes Wochenende bei ihrer Oma verbracht hat und eigentlich permanent auf sich allein gestellt war, sieht sie nicht (ein). Valerie ist inzwischen selbst Mutter und hat bei ihrem Sohn Tobi alles anders gemacht. Doch dann wird bei Christina (Valeries Mutter) Krebs diagnostiziert und Tobi will auf einmal ein Auslandsjahr in England machen.
Valerie ist beinahe schon schmerzhaft bemüht, alles besser zu machen. Ihr Sohn Tobi hat sie noch nie weinen gesehen und auch bei ihrer Mutter nimmt sich sie aus der Situation, wenn ihr die abfälligen Kommentare zu viel werden. Doch so selbstreflektiert wie Valerie ist, sie bleibt ein Mensch mit Emotionen und sie kann nicht all ihre Handlungen bis ins Unendliche kontrollieren.
Ich habe das Buch so gerne gelesen! Auch die Kapitel über Charlotte (Valeries Oma väterlicherseits), Martha (Valeries Oma mütterlicherseits) und Christina. Jede Generation fühlt sich erhaben, vor allem im Bereich Erziehung. Riesengroße Leseempfehlung!
„Wir sitzen im Dickicht und weinen“ - was für ein schöner Titel. Und was für ein schönes Buch. Sprachlich ganz stark und wunderbar gezeichnet, diese Beziehung zur Mutter, die man irgendwie nicht ganz erklären kann, die mal so und dann mal so ist. Verschiedene Generationen lernen wir in verschiedenen Zeiten kennen, was dazu führt, dass wir jede Mutter ein bisschen mehr verstehen können. Und auch die Väter spielen eine kleine Rolle, denn wieso ist das Verhältnis einfacher und die Ansprüche an jene so viel geringer? Manchmal war mir der Geschehenswechsel ein wenig zu viel, und ich konnte nicht mehr einordnen, wer denn nun wer ist (in dem Stammbaum). Das fand ich ein wenig schade, weil der Überblick da finde ich schon wichtig ist, um auch die Verwandten besser zu verstehen. Vielleicht habe ich da aber auch einfach nicht so gut aufgepasst. Alles in allem ein sehr empfehlenswerter Debüt-Roman und ich freue mich auf alles, was noch folgt. Schön!
gut geschrieben, konnte mich aber trotzdem irgendwie nicht recht erreichen. die vielen verschiedenen POVs fand ich zum Teil verwirrend. Trotzdem ein gutes Buch über die Beziehung von Müttern und insbesondere Töchtern.
Die Mutter erhält eine Krebsdiagnose, der Sohn möchte ins Ausland. Abschied als ein emotionales Thema. Damit habe ich auch zu tun, das beschäftigt mich selbst in meinem Leben. Deshalb sprach mich die Inhaltsbeschreibung an. Deshalb interessierte ich mich für das Buch, trotz des sperrigen Titels und trotz des wenig aussagekräftigen Covers.
Ich habe es nicht bereut, denn dieses kurze Buch (nur 208 Seiten) ist reich an eindrücklichen Szenen und behandelt noch viel mehr große Fragen als nur die nach dem Umgang mit Abschied: Wie wird man, wer man ist, was macht mich zu mir? Wie entsteht, was man gemeinhin »Generationenkonflikt« nennt? Wie eng sind familiäre Bande, gibt es eine Pflicht zur Dankbarkeit?
Über die Kindheit meiner Eltern weiß ich wenig. Über die Kindheit meiner Großeltern eigentlich nichts. Dieser Roman erzählt die Leben und dabei die Charakterbildung der Eltern und Großeltern der Ich-Erzählerin. Es erzählt von Ereignissen, die diese Menschen prägten, die direkte und indirekte Auswirkungen auf die jeweils nächste Generation hatten; so wie alles was wir tun und wie wir zu wem sind Auswirkungen auf unsere Nächsten haben kann.
Ich brauchte anfangs einen Notizzettel, damit ich bei den vielen Personen und Zusammenhängen den Überblick behalten konnte. Die Kapitel sind kurz. Es finden ständige Wechsel zwischen den Erzählsträngen statt. Innerhalb der Stränge springen die Handlungen chronologisch Sprünge um mehrere Jahre. Das braucht Aufmerksamkeit, ist letztlich aber nicht zu kompliziert. Im Gegenteil hält es die Erzählung schnell, spannend.
Ich habe dieses Buch sehr gerne gelesen und wünschen ihm viele Leserinnen und Leser. Ich denke, ein weniger sperriger Titel und ein aussagekräftiges Cover hätte dazu noch beitragen können.
Die Erzählstränge sind ein bisschen verwirrend und man müsste sich eigentlich eine Mind Map zeichen, um nicht immer wieder mit den Charakteren durcheinander zu kommen! Trotzdem ein super schönes Buch, welches sich mit Mutter Kind Dynamiken auseinandersetzt und wie sie über Generationen weitergetragen werden können (wenn auch immer ein wenig anders).
„Wir sitzen im Dickicht und weinen“ ist ein gut gewähltes Motto für diesen Debütroman von Felicitas Prokopetz, denn ihre Hauptprotagonistin und in ihren Kapiteln Ich-Erzählerin des Romans ist eine unglaublich neurotische Person. Alles muss sie kontrollieren, ihr eigenes Leben, das des 16jährigen Sohnes, und alles zu einem Drama machen. Das hat sie scheinbar von ihrer Mutter, die an Krebs erkrankt ist und eine vollständige Ausrichtung ihrer Tochter auf sich einfordert. Um die Dynamik zwischen den beiden zu verstehen, wirft die Autorin mithilfe von Rückblenden immer wieder Schlaglichter auf die Vorfahren von Valerie (der Ich-Erzählerin) und das Leben von ihrer Mutter.
Insgesamt hat mich dieser Roman fast gar nicht angesprochen. Mutter-Tochter-Dynamiken sind eigentlich Ausgangspunkte, die mich in Romanen immer interessieren, hier konnte mich die Autorin allerdings nicht überzeugen. Die Ich-Erzählerin und ihr Mutter sind unglaublich nervige Figuren. Das darf es geben, aber dann möchte ich auch mal andere Facetten von ihnen sehen. Bis kurz vor Schluss gibt es diese aber nicht. Valerie ist so lehrbuch-neurotisch, was dann zu Stellen führt wie diese hier nach einer der vielen Auseinandersetzungen mit ihrem Sohn, da sie die absolute Helikopter-Mutter ist S. 90:
„‘Mir reicht‘s so mit dieser ganzen Mutterscheiße‘, sage ich zu mir selbst, und spüre, wie mir die Tränen in die Augen schießen. Ich ziehe die Decke enger um mich. Elend ist das alles, überhaupt nicht so, wie ich es will. Ich liebe Tobi doch so. Warum genügt das nicht?“
Das ständig auftauchende Selbstmitleid der Figur ist kaum auszuhalten. Ebenso wie die massive Bedürftigkeit ihrer Mutter. Kann man diese zunächst noch nachvollziehen, immerhin hat sie eine Krebserkrankung, denkt man aber selbst hier irgendwann: „Jetzt reiß dich aber mal zusammen.“
Unterbrochen wird dieses Leiden und Fordern durch Kapitel, in denen die Autorin in personaler Erzählweise bei den Großmüttern Valeries beginnt, die Geschichte der Frauen in der Familie zu erzählen. Hier muss ich zugeben, dass ich unglaublich Probleme hatte, die beiden Großmütter (also mütterlicher- und väterlicherseits) und deren Lebensgeschichten schlicht auseinanderzuhalten. Es werden immer nur kurze Schlaglichter geworfen, die Namen nicht immer genannt und selbst wenn ich mal in einem Kapitel schnell verstand, um wen es eigentlich ging, konnte ich nicht mehr aufrufen, ob das jetzt diejenige war mit dem Erster-Weltkrieg-Traumatisierten als Vater oder die mit der angespannten Beziehung zu wiederum ihrer Mutter etc. Das liegt neben der Sprache der Autorin meines Erachtens an der kürze der Texte. Auf 204 Seiten Gesamtvolumen wird hier ein ganzes Jahrhundert an Frauenschicksalen runtergerasselt, inklusive der eigentlich als intensiv angelegten Krebsgeschichte der Mutter von Valerie und die für Valerie unglaublich schwere Entscheidung, ihren Sohn zum Schulaustausch nach England zu lassen (Weltuntergang!).
Und ein letzter Aspekt des Romans stellen eingefügte Kapitel dar, in denen von Valerie ausgedachte Grabreden für ihren eigenen, noch lebenden Vater zitiert werden. Den hatte es nicht lang bei der Familie gehalten und nun malt sie sich mal besonders schöne Momente, mal Gewaltfantasien im Splatterniveau über ihn aus.
Das alles fügt sich für mich nicht richtig zusammen. Der Schluss wird fix irgendwie schnell inszeniert, mit ein bisschen Persönlichkeitsveränderung und Drama. Ich war froh, als ich das Buch zuklappen konnte. Allein weil ich zwar „nur“ genervt war, mich aber aufgrund der Kürze des Romans nicht das Gefühl hatte mich „durchkämpfen“ zu müssen, sondern das Elend dann auch schnell vorbei war, gebe ich noch 2 Sterne hierfür. Der Roman wirkt eher wie ein Romanentwurf und hätte meines Erachtens in mindestens doppelter Länge und mit weniger Neurotizismus besser funktioniert. Deshalb gibt es auch keine Leseempfehlung von meiner Seite. Andere Romane haben in den letzten Jahren besser und tiefgründiger Mutter-Tochter-Dynamiken darstellen können.
Valeries Beziehung zu ihrer Mutter ist von komplexen, komplizierten und dysfunktionalen Beziehungsgeflechten durchzogen und alles andere als einfach. Ihre Beziehung funktioniert nur halbwegs auf einer Basis von Distanz und wenig gemeinsamer Zeit. Selbst Mutter, möchte sie die Fehler, die ihre Mutter an mir begangen hat, nicht wiederholen. Gleichzeitig macht auch sie Fehler im Umgang mit ihrem 16-jährigen Sohn, den sie zu sehr an sich binden will. Er jedoch möchte sich los lösen, zunehmend eigenständig sein und das nächste Schuljahr in England verbringen. Dann erhält Valeries Mutter die Diagnose Krebs. So findet sich Valerie in zwei existenziellen Konflikten wieder, die alles von ihr verlangen: Ihr Sohn, der Mittelpunkt ihres Lebens, möchte mehr Distanz zwischen sich und seine Mutter bringen und Valerie weiß nicht, wie los lassen. Die Krankheit ihrer Mutter wiederum macht die fragile Beziehung kaputt, in dem ihre Mutter Valeries Nähe, Zuneigung und Anwesenheit einfordert, Dinge, die Valerie nicht geben kann und möchte. Zwei Konflikte, denen Valerie nicht ausweichen kann und Konfrontationen nach sich ziehen, die beide lange überfällig waren und deren Wurzeln sich bis in die Kindheit von Valeries Großmüttern zurückverfolgen lassen.
Zu Beginn erfordert »Wir sitzen im Dickicht und weinen« ein wenig Arbeit von den Lesenden. Ohne beigelegten Stammbaum brauchte es (zumindest für mich) Konzentration und das ein oder andere Vor- und Zurückblättern, um die drei Generationen an Frauen umfassenden Familienzusammenhänge zu verstehen. Doch sobald dieses Verständnis da war, eröffnete sich mir beim Lesen ein eindringlicher, feinfühliger und facettenreicher Blick auf Mutterschaft und Tochtersein, Generationsunterschiede und -konflikte. Auf wenigen Seiten erschafft die Autorin eine dichte Familiengeschichte, die berührt und mitnimmt. »Wir sitzen im Dickicht und weinen« ist ein vielschichtiger Roman, der sich im Großen mit überlieferten Rollenbildern einer patriarchalen Gesellschaft auseinandersetzt, und im Kleinen der Macht tiefverwurzelter, generationsübergreifender anerlernter Verhaltensmuster innerhalb einer Familie auf den Grund geht. Wie beeinflussen die Erfahrungen, Eindrücke und Erziehungsmuster unserer Kindheit und Jugend die Art und Weise, wie wir als Erwachsene selbst Beziehungen führen, egal ob zu Partner*innen oder in unserem Umgang mit eigenen Kindern? Es ist eine Geschichte von Festhalten und Loslassen, von Schweigen und Reden, von emotionalen Wunden, Narben und Heilung, Liebe und Pflichtgefühl. Über Generationen hinweg verfolgen wir das Erleben von Frauen, ihren Wechsel von Tochter zu Mutter, dabei doch immer auch Tochter bleibend. Wie verändern sich die Rollenerwartungen an Frauen im Laufe eines Jahrhunderts und welche Konflikte treten dabei zu tage? Wie komplex ist die Beziehung zwischen Eltern und Kindern und wie subjektiv ist unsere Wahrnehmung von uns selbst in den Beziehungen, die wir führen? Anhand von drei Generationen stellt die Autorin einfühlsam und differenziert die Frage, was Mutterschaft ausmacht, was Elternschaft darf und welche Forderungen Eltern an ihre Kinder stellen dürfen. Was schulden wir unseren Eltern? Wie viel rechtfertigt Liebe? An welchem Punkt dürfen und sollen wir zu unserem eigenen Schutz notwendige Grenzen ziehen? Wie frei können wir unsere eigene Geschichte schreiben?
Valeries Mutter Christina hat Krebs. Die Diagnose trifft die Familie schwer und Valerie bemüht sich, für ihre Mutter da zu sein. Aufgrund ihrer schwierigen Mutter-Tochter-Beziehung fällt ihr das aber alles andere als leicht, zudem macht ihr die Tatsache, dass ihr Sohn ein Jahr in Ausland gehen will, zu schaffen. Die Geschichte zeigt, dass schwierige Beziehungen schon seit Generationen in der Familie vorhanden sind und nimmt uns auf eine Entwicklungsreise verschiedener ihrer Frauenfiguren mit.
Felicitas Prokopetz hat ein unglaubliches Talent - sie kann nicht nur hervorragend und einnehmend schreiben, sondern sie hat eine spezielle, feinfühlige Beobachtungsgabe, die sie ins Unterbewusstsein ihrer Protagonistinnen transferiert. Alle beschriebenen Charaktere in "Wir sitzen im Dickicht und weinen" sind eigen, ecken an, gehen auf die Nerven - und wirken dadurch äußerst authentisch. Zudem spannt sie einen weiten Bogen der Entwicklung von weitergegebenen Rollen- und Charakterbildern, die ein Stück weit erklären, weshalb die Figuren zu dem geworden sind, was sie im Moment des Betrachtens sind.
Die einzelnen Kapitel sind kurz und prägnant, oft findet ein Wechsel der erzählten Zeitstränge statt. Es dauert etwas, bis klar ist, wie welche Protagonistin mit wem in direkter Linie verwandt ist, wer die Vorfahrin und Prägerin war. Hauptaugenmerk liegt auf weiblichen Personen, auch weil die Männer in der Geschichte ohnehin meist nur eine untergeordnete Rolle spielten. Die Charaktere sind Einzelkämpferinnen, starke Persönlichkeiten, auch wenn ihnen das selbst oft nicht bewusst ist. Am detailliertesten wird Valerie - die Protagonistin der Gegenwart - beschrieben, die sich offensichtlich bemüht, das Gegenteil ihrer Mutter zu werden, dadurch aber auch Zwänge entwickelt, die weder für ihren Sohn noch für sich selbst gesund sind. Oft habe ich mir beim Lesen gedacht: "bitte, tu das nicht!" oder "wie krass bist du, warum beharrst du so auf deinem Standpunkt?". Besonders am Schluss kann vermutet werden, dass sie einige ihrer Handlungen wohl bereuen wird.
Das Buch regt dazu an intensiv über das Erzählte nachzudenken, oft empfand ich es emotional so heftig, dass ich eine Lesepause einlegen musste, wenngleich ich aber trotzdem unbedingt weiter lesen wollte. Auch hat es mich dazu angeregt, meine eigenen Familienkonstellationen zu reflektieren. Ich fragte mich oft - wie hätte ich selbst in dieser oder jener Situation reagiert? Was hätte ich anders gemacht oder ist das Handeln der Figuren die logische Reaktion auf das Erlebte? Ich mache mir zwar grundsätzlich viele Gedanken zu verschiedensten Themen, kaum jedoch hat mich ein Roman zu einem solchen Gedankenfeuer angeregt. Was ich allerdings sehr schade fand: die Geschichte ist nur 205 Seiten kurz. Ich hatte nach Beendigung der Lektüre das Gefühl, dass so viel noch nicht erzählt ist. Nicht unbedingt über Valerie und Christina, ihre Geschichte wird rund portraitiert, sondern über die anderen Frauen der Familie, die uns nähergebracht wurden. Vielleicht war das nähere Eingehen auf die anderen Charaktere nicht so wichtig für den Ausgang der Geschichte, trotzdem blieb bei mir eine kleine ungeschlossene Lücke zurück. Das tut aber im Endeffekt nichts zur Sache, denn wie auch immer - "Wir sitzen im Dickicht und weinen" zu lesen war eine Bereicherung!
WIR SITZEN IM DICKICHT UND WEINEN Felicitas Prokopetz
Eigentlich hatte „Val“ Valerie mit ihrer Mutter schon seit frühester Kindheit Probleme: Mutter Christina nahm es nie genau mit der Erziehung. Da keiner sie weckte, kam Val selten pünktlich zur Schule und auch für die Zubereitung der Mahlzeiten fühlte sich Mutter Christina nicht verantwortlich. Was die Freunde von Val als „ cool“ bezeichneten, nervte sie. Sie liebte es, bei Oma zu sein. Regeln zu befolgen, aber auch Liebe zu erhalten. Oma hört ihr zu und sie beschäftigte sich mit ihr. Es wurden Spiele gespielt, vorgelesen und lange Spaziergänge gemacht.
Mutter Christina sieht das ganz anders: Immerhin war Val Schuld daran, dass sie es schwer hatte, einen Mann kennenzulernen. Wer wollte schon eine Frau mit so einem Anhängsel, wie sie es hat? Ihretwegen konnte sie nie ausgehen und auch ihr Studium musste sie abbrechen, weil sie mit Val schwanger war. Und auch diese Windeln, die immer gewechselt werden mussten! Warum hat sich die Tochter eigentlich nie dafür bedankt? Ihr ganzes Leben hat sie sich nur für ihre Tochter aufgerieben.
Es ist kompliziert, diese Mutter-Tochter-Beziehung und jetzt ist Christina an Krebs erkrankt.
In Rückblicken erfahren wir Vals Familiengeschichte: Beide Großmütter werden beleuchtet, dabei springt die Autorin nicht nur in der Zeit, sondern lässt auch unterschiedlichste Familienmitglieder zu Wort kommen. Vier Generationen dürfen wir als Leser begleiten und es wird nicht nur aufgezeigt, wie sich die Familienaufstellung innerhalb einer Familie in diesen fast hundert Jahren veränderte, sondern auch die Stellung der Frau im allgemeinen.
Ob die beiden Frauen es schaffen, sich aufgrund der Krankheit näher zu kommen, müsst ihr allerdings selber herausfinden.
Nachdem ich mich eingelesen hatte, gefiel mir die Geschichte gut. Hilfreich wäre es sicherlich gewesen, einen kleinen Familienstammbaum im Buch zu haben. Ich glaube, dass ich nicht erwähnen muss, wie sehr mich Christina genervt hat. Ich war absolut im Team Val! Trotzdem empfand ich das Buch als unglaublich authentisch. Leseempfehlung für alle, die schwierige Familienkonstellationen mögen. 4/ 5
Eine intergenerationale Geschichte über Mütter und Töchter
Sie sitzen im Dickicht und weinen. In einem Dickicht aus gegenseitigen Vorwürfen, die den ganzen Raum einnehmen, sich zwischen sie drängen, ihnen die Luft nehmen, in diesem Moment als Valerie am Krankenbett ihrer Mutter sitzt. Denn Christina hat Krebs. Eine neue Realität, die sich so plötzlich, so unwiderruflich in ihre Leben drängt, zu neuer, alter physischer Nähe zwingt und alte Verletzungen wieder aufreißen lässt. Denn Christina war keine fürsorgliche Mutter, war zu sehr mit ihren eigenen Träumen beschäftigt, um zu merken, wie sehr ihre Tochter darunter litt keine Bezugsperson zu haben, die sich um sie kümmerte, und welche Wunden das hinterließ.
„Hätte Mama auch mein Vater sein können, wäre jemand anderer dafür zuständig gewesen, mich zu versorgen, hätte sie unbehelligt von allen häuslichen und emotionalen Verpflichtungen einem Beruf ihrer Wahl nachgehen können, wäre sie wahrscheinlich stabiler gewesen; es hätte gereicht.“
Meisterlich verwebt Felicitas Prokopetz über mehrere Generationen hinweg den Kampf für mehr weibliche Selbstbestimmung mit dem gleichzeitigen gesellschaftlichen Anspruch an Mütter. Es ist nicht nur die Geschichte von Christina und Valerie, sondern auch die Geschichte von Christinas Mutter Martha, von Valeries anderer Oma Charlotte und die Geschichte von deren Müttern. Jede einzelne versucht in ihrer Rolle als Mutter zu bestehen. Jedes Scheitern verursacht Verletzungen. Jede Verletzung resultiert in dem Wunsch der Tochter es besser zu machen als ihre jeweilige Mutter.
Es ist ein wichtiges, ein großes Thema, das Felicitas Prokopetz hier aufmacht und wahnsinnig gut beobachtet beschreibt. Aber es ist auch ein fast zu großes Thema für die wenigen Seiten dieses Buches. Viele Charaktere bleiben skizzenhaft. Viel geschieht in den Zeilen, wenig dazwischen.
Vielleicht ist das der Grund dafür, dass die Autorin mich trotz der starken Message, nicht ganz abholen konnte, mich nicht so berührt hat, wie ich es mir gewünscht hätte. Dennoch ein schönes, leicht zu lesendes Buch, das sehr warmherzig von Müttern und Töchtern erzählt.
Die eigene Familie kann eine ganz schöne Heraus- forderung sein, das ist in Felicitas Prokopetz‘ Buch nicht anders. In ihrem Roman steht die Beziehung zwischen der alleinerziehenden Vali, ihrem 16jährigen Sohn Tobi und ihrer Mutter Christina im Vordergrund. Letztere erkrankt an Krebs und statt wie gewohnt auf Abstand zu gehen, verbringt Vali nun deutlich mehr Zeit mit ihr. Offen tritt zutage, wie sehr Valis Kindheit(serinnerungen) den Umgang mit dem eigenen Sohn und den Blick auf ihre Mutter bestimmen. Kümmerte sich Christina damals kaum um Vali, so scheint Vali Tobi zu übermuttern. Ganz viele Emotionen kommen hier zutage, die auch aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet werden. Hauptsächlich wird aus Valis Perspektive berichtet, doch auch die ihrer Mutter und Großmutter kommen beispielsweise zum Tragen. Dies soll sicherlich dazu beitragen, eine stimmigere, breiter angelegte Familiengeschichte zu erzählen. Für mich hätte es da allerdings mehr Erzählzeit als auf den 208 Seiten möglich war, gebraucht. So viele kurze Einblicke in Familien zu unterschiedlichen Zeiten, da musste ich immer wieder kurz sortieren, wer hier eigentlich zu wem gehört. Auf der anderen Seite wurde das Mutter- und (Ehe-)Frausein zu verschiedensten Zeiten in der Schweiz/Österreich beleuchtet. Die Kriegszeit, getauschte Rollen, die Rückkehr zu alten Traditionen, finanzielle Abhängigkeiten - das war durchaus interessant. Insgesamt habe ich das Buch gern gelesen, nur die Identifikation und das Mitfühlen mit den Charakteren fiel mir schwer - daher 3,5 Sterne für dieses Debut mit dem tollen Cover, dem pinken Einband und dem neongrünen Vorsatzpapier. Andere mit ähnlichen Biografien wird dieser Roman wahrscheinlich mehr als mich berühren.
zum Nachdenken „Wir sitzen im Dickicht und weinen „ist ein Buch, in dessen Mittelpunkt Valerie steht. Nach der Krebsdiagnose ihrer Mutter fühlt sie sich verpflichtet, sich um ihre Mutter zu kümmern, was ihr sehr schwer fällt,da das Verhältnis zu ihr sehr schwierig ist. Als Kind hat sie sich wenig um Valerie gekümmert, sie eigentlich vernachlässigt, was weitreichende psychische Konsequenzen bei ihr hervorgerufen hat. An ihrem Sohn versucht sie gut zu machen, was sie in ihrer Kindheit vermisst hat und merkt nicht, dass das der falsche Weg ist. Als er ihr eröffnet ein Schuljahr im Ausland verbringen zu wollen, zieht es ihr den Boden unter den Füßen weg. In Rückblicken erfahren wir etwas über die erschienenen Frauen der Familie, die in unterschiedlichen Zeiten gelebt haben und alle schwierige familiäre Beziehungen hatten.
Gerade hier setzt auch mein größter Kritikpunkt mit an. Beim Lesen gibt es keinerlei Struktur in den Kapiteln, ma springt in den Zeiten und zwischen so vielen Personen, bzw. Namen, dass man leicht den Überblick verliert und total irritiert ist, um wen es denn gerade geht und in welcher Beziehung die jeweilige Person zu anderen steht. Ein Glossar und Zeitangaben über den jeweiligen Kapitel wären da sehr hilfreich gewesen und hätten ein größeres Lesevergnügen garantiert. Die Autorin kann nämlich schreiben und fesselt durch ihre Geschichte. Man selbst kommt ins Nachdenken und überdenkt seine eigene Situation. Man verfolgt Valerie und ihr Handeln und schüttelt nicht selten den Kopf, andererseits fragt man sich, wie man selbst mit der Vorgeschichte reagiert hätte und hat Verständnis.
Ein interessantes und unterhaltsames Buch, dass mit etwas mehr Struktur ein echtes Highlight hätte werden können.
"Ihr war sofort klar, dass es ein Mann sein muss, jede Frau ist ja eine Tochter, wie sollte eine Mediatorin da in einem Mutter-Tochter-Konflikt unparteiisch sein?"
Valerias Verhältnis mit ihrer Mutter Christina ist seit jeher angespannt. Das ändert sich auch nicht, als Christina eine Krebsdiagnose bekommt und auf Valeria angewiesen ist. Auf ihre Zeit, ihre offenen Ohren, ihre Aufopferung. Dabei hatte Christina versucht, bei ihrer Tochter alles besser zu machen als ihre Mutter bei ihr. Ein Vorsatz, der die drei Frauen – und die Frauen aus der Familie von Valerias Vater – miteinander verbindet.
"Wir sitzen im Dickicht und weinen" von Felicitas Prokopetz schreibt über die Geschichte einer Familie. Genauer, über die Geschichte der Mütter und Töchter einer Familie. Der Roman umfasst vier Generationen, von Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts bis in die heutige Zeit und zeigt vor vor allem Eines: Das Wahlrecht, die Möglichkeit der Scheidung, ohne die Erlaubnis des Ehemannes arbeiten zu können sind zwar Errungenschaften des Feminismus, die Frauen eine gewisse Unabhängigkeit ermöglichen - von Gleichberechtigung der Elternteile kann aber noch immer keine Rede sein.
Die Sprache von Felicitas Prokopetz ist unprätentiös und geradlinig. Sie schafft es, Gefühle und Bilder bei den Leser:innen entstehen zu lassen. Dir kurzen Kapitel laden dazu ein, immer noch eines zu lesen, bis das Buch irgendwann zu Ende ist.
"Wir sitzen im Dickicht und weinen" lädt zum nachdenken ein. Es ist ein trauriges und verständnisvolles Buch und gehört für mich jetzt schon zu einem Lese-Highlight 2024.
Felicitas Prokopetz hat ein - trotz weniger Seiten - intensives Buch geschrieben, das die verschiedensten Probleme zwischen Müttern und Kindern schildert, aber auch generell schwierige Familienverhältnisse zeigt.
Wir begleiten hauptsächlich die alleinerziehende Valerie und ihren sechzehnjährigen Sohn, die kein gutes Verhältnis zu ihrer Mutter hat und gar keines zu ihrem Vater. Valeries Mutter war ebenfalls alleinerziehend, aus der Schweiz nach Wien gezogen, war immer konzentriert darauf ihr Studium nachzuholen und sich selbst zu verwirklichen. Immer auf der Suche nach einem neuen Mann, einem besseren Leben, hat sie Valerie vernachlässigt. So zumindest sieht es Valerie, ihre Mutter war immer stolz auf das eher freundschaftliche Verhältnis zwischen ihr und ihrer Tochter. Was Valerie zuwenig an Fürsorge bekam, gibt sie zuviel für ihren Sohn, der sich nun abnabeln möchte und ein Auslandsjahr in England anstrebt.
Wir lernen in der Geschichte aber auch die Großeltern Valeries kennen, vielmehr die Großmütter. Auch sie hatten es als Mütter nicht leicht, durch Herkunft und geschichtliche Ereignisse waren sie selbst eigentlich allein erziehend. Prokopetz zieht einen roten Faden durch die Familie und zeigt auf, wie sehr wir durch Angehörige und ihren Erfahrungen geprägt werden und ein Nichtdarüberreden Auswirkungen auf ganze Generationen hat.
Stellenweise tut dieses Buch ziemlich weh, vor allem wenn man selbst Erfahrungen innerhalb einer dysfunktionalen Familie gemacht hat. Der Schreibstil der Autorin ist schlicht und prägnant und ich habe den typisch wienerischen Klang sehr genossen, aber einfach war das Buch nicht. Ein schönes und schmerzhaftes Debüt, das ich gerne empfehle.