Inhalt 📖
Livia Hohenburg ist als Tochter des Bürgermeisters die Queen der High Society Wiens. Auf Instagram folgen ihr 400.000 Menschen, die ihr Idol in jeder Lebenslage sehen wollen. Doch seit ihre Mutter vor knapp einem Jahr verschwand, ist sie nicht mehr sie selbst. Unter dem Druck ihres Vaters scheint sie zu zerbrechen, während sie Zuflucht in Clubs, Partys und Drogen sucht. Als ihr Vater ihr eröffnet, sich neu verliebt zu haben, fällt ihr Leben endgültig auseinander. Tanja Steiner ist eine liebenswürdige, quirlige Person, die Livia einfach nur nervt, wie gerade fast alles (außer ihre kleine Schwester). Was aber noch anstrengender ist, ist ihr neuer Stiefbruder Nicolas, mit dem sie sich nun ein Dach teilen soll. Der Typ ist anstrengend, nervig und bevormundend, weiß alles besser und liefert sich mit Livia ein Duell ums andere. Doch da ist auch eine seltsame Anziehung zwischen ihnen, die das Hassen mit einem Mal schwierig macht …
Meinung
Seitdem die Dilogie von Carlsen angekündigt wurde, bin ich gespannt auf die Bücher. Wie oft kommt es vor, dass eine Reihe, und dann auch noch New Adult Romance, in Wien, Österreich, spielt? So gut wie nie. Daher habe ich mich enorm gefreut als Wienerin über meine eigene Stadt lesen zu dürfen. Doch die damit verbundene Erwartungen meinerseits waren definitiv zu hoch und konnten leider nicht ganz erfüllt werden.
Was mir gut gefiel:
- Der Schreibstil der Autorin war wirklich angenehm: Ich bin geradezu durch die Seiten gerauscht und hatte zu Beginn wirklich das Gefühl, dass mir das Buch gut gefallen würde. Livias Launen waren zwar schon da spürbar, aber irgendwie war alles recht stimmig. Vor allem schafft die Autorin es, auf wenigen Seiten die Familie mit all ihren Facetten und Gesichtern darzustellen, was mir sehr gut gefiel. Auch die ganze Patchwork-Thematik ist genau meins.
- Den Plottwist am Ende habe ich echt nicht kommen sehen. Zwar hat er sich bereits Seiten zuvor angekündigt, doch gerade das letzte Kapitel hat mich in Schock und Staunen zurückgelassen und den Wunsch erweckt, Band 2 zu lesen.
- Auch wenn Livia meiner Meinung nach ein wahnsinnig kindischer und anstrengender Charakter war, konnte ich merken, dass sie eine enorme Charakterentwicklung durchgemacht hat. Natürlich weiß ich, dass es ihr seit dem Verschwinden ihrer Mutter sehr schlecht geht, aber für mich relativiert das einfach nicht ihr Verhalten. Die Art, wie sie sich Tanja und Nicolas gegenüber verhalten hat, war einfach nur ekelhaft und zum Fremdschämen. Dass die beiden danach überhaupt noch mit ihr geredet haben, wundert mich ehrlich gesagt. Gerade die Szene in der Umkleide war für mich einfach schrecklich und so gemein, hatte fast schon Bully-Züge. Nichtsdestotrotz hatte ich den Eindruck, dass sie selbst über sich hinauswächst und das verbuche ich als Erfolg. Was ich auch hervorheben will, ist ihr Wunsch danach, Lehramt zu studieren. Das fand ich recht innovativ und schön, auch wenn er scheinbar im Buch eine sehr nebensächliche Rolle spielte.
Was mir nicht gut gefiel:
- Als Wienerin hatte ich den Eindruck, dass die Recherche hier kaum bzw. sehr schleißig betrieben wurde. Zudem hatte ich oft das Gefühl, dass zwanghaft „österreichische“ Elemente eingebaut wurden, um nochmal zu verdeutlichen, dass wir hier in Wien sind. Österreichisches Deutsch weist einige Ausdrücke auf, die in Deutschland und damit quasi in der Sprache, die wir in Büchern lesen, nicht zugange sind. So wurden zu Beginn Vanillekipferl gebacken, nur um sie ein paar Seiten später als Plätzchen zu bezeichnen. Abgesehen davon, dass niemand im April Weihnachtskekse backt, sagt in Österreich wirklich niemand Plätzchen. Diese Inkonsistenz zog sich über das ganze Buch, sodass ich teilweise das Gefühl hatte, man würde die Sprache nur verwenden, wenn man gerade Lust hat und sich einen Teil der Kultur ausborgen, ohne sich damit befasst zu haben.
- Generell empfand ich aber die gesamte Darstellung Wiens und der Wiener „High Society“ als fragwürdig. Ja, Bücher sind Fiktion und dass das Ganze nicht wie in echt werden würde, war mir von vornherein klar. Aber trotzdem gab es für mich so viele Stellen, an denen ich einfach nur den Kopf geschüttelt habe! Wien selbst spielt de facto keine Rolle. Man hätte die Handlung überall spielen lassen können, und die Geschichte wäre die gleiche. Dafür, dass die Stadt sogar im Titel steht, habe ich mir da einfach mehr erwartet. Auch bspw. Dass Gemeindebauwohnungen nur mit österreichischem Pass beantragt werden können, der Ausdruck „Fräulein“, der degradierend und abgeschafft ist, aber auch die Modeschau. Ein Debütantenball im April? Die Ballsaison ist in der Faschingszeit. Die Liste geht noch weiter. Was für mich den Vogel abgeschossen hat, war die Szene, in der Nicolas sagt: „In den Randbezirken Meidling und Leopoldstadt geht es so richtig ab“. Well, das stimmt halt einfach nicht. Die 23 Bezirke Wiens sind schneckenhausartig angeordnet und der 2. Bezirk - Leopoldstadt - ist kein Randbezirk. Geschweige denn, dass dort „die Scheiße so richtig abgeht“. Da gibt es sehr viel schlimmere andere Bezirke, von Meidling ganz zu schweigen. Und sowas stört mich einfach, denn herauszufinden, dass Favoriten, der 10. Bezirk, einer der schwierigsten Bezirke Wiens ist, dauert wirklich keine 3 Minuten googlen. Alle paar Seiten wurde ein mystisch-kryptisches „Wien verzeiht nicht!“ eingestreut, was ich als unpassend und seltsam empfand.
- Livias Benehmen war für mich im gesamten Buch eine einzige toxische red Flag. Sie schlägt verbal um sich, verletzt Menschen, um sich selbst zu „schützen“, und das auf eine wirklich heftige Art. Wie sie sich gegenüber Nick und Tanja benimmt, fand ich schrecklich, wie ich schon sagte. Doch auch gegenüber ihren vermeintlichen Freunden verhält sie sich sonderbar und verurteilt Victoria dafür, dass sie sich erwachsen verhält.
- Abgesehen davon fand ich die Szene mit „Marianne und Ferdinand“ einfach nur schrecklich. Keine Ahnung, wo die daheim sein sollen. Die ganze Szene war so unglaublich absurd, als wären sie Josef und Maria, die im Stall übernachten. Auch dass sie aus dem „Nichts“ in eine rasende Gewitterfront fliegen, c’mon? Ehrlich?
- Der inflationäre, unreflektierte Gebrauch und Nutzen von Drogen und Alkohol ist ebenso ein Punkt, den ich stark kritisieren will. Ja, ich weiß, dass es wohl zu diesem High-Society-Image dazugehört, aber an irgendeine Stelle hätte eine Aufklärung dazu gehört. Und wenn es das Nachwort ist. Aber in diesem Buch trinken sie gefühlt auf jeder 5. Seite und nehmen MDMA, Koks, Crystal und andere harte Drogen.
- Dass Livias Verhalten sowohl in Bezug auf ihre Art, als auch ihr Handeln mit einer psychischen Krankheit korreliert, fällt meiner Meinung nach recht früh auf. Doch es dauert satte 400 Seiten, bis das in irgendeiner Form zur Sprache gebracht wird, und mehr als ein „Ich weiß, dass ich Hilfe brauche“ kommt leider auch nicht wirklich. An dieser Stelle fehlt für mich einfach die Aufklärung zu psychischer Gesundheit und Entstigmatisierung des Hilfe-Nehmens.
- Ein großer Punkt ist auch diese Beziehung zwischen Nicolas und Livia. In diesem Buch wurde mir die Absurdität des Tropes irgendwie nochmal bewusst, sodass ich beim Lesen leider Probleme hatte, damit klarzukommen, weil es sich für mich sehr nach Inzest anfühlte. Nick hatte meiner Ansicht nach überhaupt eine extrem blasse Rolle. Hier und da hatte er einen Auftritt und durfte große Augen haben, als Livia beschloss, ihn als vergebenen Mann zu verführen und sich als „Milkapraline“ darzustellen. Die spicy Szenen fand ich leider unpassend. Alles in allem empfand ich Nicks gesamten Charakter einfach sehr blass und als nicht besonders relevant, und das, obwohl er ein Protagonist war.
All das lässt mich mit sehr gemischten Gefühlen zurück, weil ich einfach niemandem mit dieser Kritik wehtun will, meine Meinung aber trotzdem nach außen tragen möchte. Ich glaube, dass mir viele dieser Punkte auch aufgefallen wären, wenn das Buch nicht in Wien gespielt hätte. Doch diese Irregularitäten haben das Lesen für mich leider einfach sehr degradiert, sodass ich keinen wirklichen Spaß mehr am Ende hatte. Was stark begonnen hatte, ließ für mich stark nach. Für den Schreibstil und das Gesamte möchte ich trotzdem 1,5 Sterne vergeben. Ich würde dem Verlag und der Autorin aber ans Herz legen, sich vor Release von Band 2 mit Wien als Stadt nochmal genau auseinanderzusetzen.